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6.6.24

Fatique

Mein ganzes Leben (naja, mein ganzes Leben seit ich ein älterer Jugendlicher war) habe ich morgens Deutschlandfunk gehört. Es gehörte für mich einfach dazu. Halbstündliche Nachrichten, eine Presseschau, einige von den Interviews und einige Berichte, gerne auch die Kurzberichte als Zusammenfassung des Morgens, die Ausschnitte aus den Interviews und Berichten, gegen Ende der Morgensendung.

Dann merkte ich vor einiger Zeit (interessanterweise ungefähr zur gleichen Zeit zu der mein jahrelanger Heimatraum Twitter kaputt gemacht wurde), dass ich sehr schlechte Laune bekomme und – zunächst bei der Presseschau und nach und nach auch bei anderen Dingen – es immer schwerer zu ertragen war. Einerseits genoss ich, bei einigen Redakteur*innen im Studio zumindest, wie sie versuchten, bei den schlimmsten Lügen gegenzuhalten, aber ich hatte den Eindruck, dass ich eher schlechter informiert in den Tag ging.

22.8.23

Vom Fach

Groß geworden bin ich mit Fachinformationen, die, als ich sie kennenlernte, noch lose geheftete DIN A4 Blätter waren, die mit der Post geschickt wurden, für eine erheblichen Aufpreis auch per Fax, ich stand mal in einem Ferienjob an dem Faxgerät, über das einer verschickt wurde, bevor ich die Ausdrucke dann eintütete. Preis Punkt: mehrere tausend Mark im Jahr, dafür exklusive Infos, Klatsch, Meinung - und ein erheblicher Wettbewerbsvorteil, beispielsweise in einer Branche wie Rüstungsgüter. Fuchsbriefe, Täglicher Hafenbericht, Platowbriefe, Text Intern. Um nur einige zu nennen. 

Später, Mitte der 90er, hab ich selbst auch mal so ein Produkt für einen Verlag entwickelt, jede Woche sechs Seiten, davon ein langes Interview und eine lange Analyse, zu einem neuen Spezialthema und mit eine Zielgruppe von vielleicht maximal 400 Personen deutschlandweit. Flog allerdings nicht, das modische Thema war auch schnell aus der Mode.

18.2.16

¡No pasaran!

Foto von Thierry Ehrmann, cc-by-2.0    

Wir Menschen in der PR stehen ja nicht ganz zu Unrecht im Ruf einer recht großen – sagen wir mal – ethischen Flexibilität. Das ist auch ganz ok, weil es die für Beratung auch braucht. Umso wichtiger finde ich es, mich mit meinen Mitarbeiterinnen zusammen immer mal wieder der Grenzen dieser Flexibilität zu versichern. Beispielsweise würde ich nicht für Waffenhersteller oder -händler arbeiten und nicht für die Tabakindustrie. Wobei letzteres für eine Agentur, die einen großen Schwerpunkt im Bereich Gesundheit und Pharma hat, ja eh ausgeschlossen ist.

Zugleich gibt es für mich Grenzen dessen, was ich an Positionen und Meinungen akzeptabel finde. Das Leugnen des Klimawandels gehört dazu. Auf Verschwörungstheorien beruhende Impfgegnerschaft auch. Und Roland Tichy. Womit wir beim Thema wären. Nach nur zwei Absätzen.

Ich bin ab sofort nicht mehr Kolumnist für das PR Magazin –
weil Redaktion und Verlag lieber Roland Tichy als Kolumnisten behalten wollen. Das ist ok, das sagt ja auch was aus. Deswegen habe ich sie ja auch gefragt. Es sagt nicht nur, dass er ein bekannter Ex-Journalist ist und ich nur das Deutschlandgeschäft einer mittelgroßen Agentur leite. Sondern auch, dass die "Positionen", die Tichy seit seiner massiven Radikalisierung vertritt, für Redaktion und Verlag noch zum Akzeptablen gehören.

Zu Tichy und dem, was er an Propaganda und Hetze auf seinem Blog verbreitet und - noch radikaler - von anderen verbreiten lässt, kann sich jede durch Lektüre der Seite eine Meinung bilden. Selbst Journalistinnen konservativer Publikationen wie der FAZ erscheint Tichy obskur und rechts. Dabei werden die Frankfurter  von dem unbestritten Konservativen Bernd Ziesemer (den ich seit 15 Jahren sehr schätze, seit wir zusammen auf Podien saßen) gerade als allzusehr mit dem Reaktionären liebäugelnd bezeichnet. Lesenswert finde ich auch die unaufgeregte Analyse bei uebermedien.de.

Ich persönlich finde es tragisch und mehr als nur bedauerlich, wie einige frühere Konservative dem Trend der weinerlichen Selbstviktimisierung aufsitzen und ins radikale Lager abwandern. Zusammen mit der wird-man-ja-wohl-sagen-dürfen-Attitüde, die bei erfolgreichen Journalisten, die gar als Chefredakteur Blätter gemacht haben, auch doppelt lächerlich wirkt. Und zusammen mit Verschwörungstheorien, die von einer behaupteten Diktatur (Merkel-Regime) bis zu einer Instrumentalisierung des Wetters (Karneval) gehen. Alle diese Positionen finden sich bei Autorinnen in Tichys Blog reichlich, besonders feiert er selbst ja auf Twitter immer die Artikel von David Berger. (Genau, jenem Ex-Journalisten, der von seinem Verleger als Chefredakteur entlassen wurde, nachdem er nach etlicher Kritik, er sei islamophob, einen Ausschwitz relativierenden Artikel in einen Kanal des Blattes gehoben hatte.)

Auch an den Kolumnen, die Tichy für das PR Magazin schreibt, lässt sich die Entwicklung erkennen – sie begannen als "normale" konservative Wirtschafts- und Politikkommentare. Und sind inzwischen bei radikaler, mit Verschwörungstheorien gespickter Hetze angekommen, die sich raunend im Gleichsetzen von Pegida mit der DDR-Bürgerbewegung von 1989 ergeht.
Dass er bei kritischen Nachfragen und Diskussionsversuchen den Nazi-Mob unter seinen Lesern und Twitterfans auf mich hetzt, ist da nur noch eine Petitesse. Dass er das mit Falschzitaten in seinem Blog macht, schon nicht mehr ganz.

Ich bin nicht so schnell damit, Entscheidungen und Schnitte zu verlangen. Und ich liebe harte und klare Auseinandersetzungen, habe nicht mal etwas dagegen, wenn es dabei hoch her geht oder auch mal jemand verletzt wird. Oft finden sich Lösungen gerade durch diese Diskussionen. Als jemand, der selbst ein konservativer Gogarten'scher Lutheraner ist, habe ich auch immer eine gewisse intellektuelle Lust an der "konservativen Revolution" gehabt, was ich ein bisschen beschämt zugebe. Nur ist mein Anspruch dabei ein Mindestmaß eben an Intellektualität und Argumentation.

Ich kann und werde nicht auf einer Plattform schreiben, die Roland Tichy Raum als Kolumnisten gibt.
Ähnlich wie viele in meinem Umfeld ihre Premium-Mitgliedschaft bei Xing kündigen, weil sie ihn nicht finanzieren wollen. Wer sich gemein macht mit dem neurechten Geraune eines Tichy, kann das gerne tun. Ich empfinde das für mich als eine Beschädigung meiner Person und meiner Integrität. Aber ich habe ja ein Blog, es gibt LinkedIn und andere Fachzeitschriften.


Alles Gute.

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Hintergrund: 
Ich bin seit längerer Zeit schon Kolumnist für das PR Magazin. "Der Netzwelterklärer", geht, logo, um Online dadrin. Am Dienstag, den 9.2., wies das PR Magazin mit einem Tweet auf eine Kolumne von Roland Tichy hin, die auf prmagazin.de erschienen sei. Am gleichen Abend schrieb ich den Redakteurinnen eine längere Nachricht, in der unter anderem hieß:
Ich kann und werde nicht auf der gleichen Plattform wie Herr Tichy publizieren. Eine Kolumnistentätigkeit für eine Zeitschrift, die einem Mann wie Tichy ebenfalls als Raum gibt, kann ich nicht verantworten.
In der Nachricht habe ich das auch ausführlich begründet. Daran schloss sich ein längerer Dialog an. In dieser Woche hat die Redaktion mir angeboten, dass ich – statt aufzuhören – doch meine Kolumne nutzen könne, um eine Gegenposition zu schreiben. Allerdings würden sie in jedem Fall an Tichy als Autoren festhalten. Wir einigten uns dann im Gespräch, dass ich die Gründe in einem Artikel darlege, warum ich nicht auf einer Plattform als Kolumnist tätig sein werde, die an Roland Tichy festhält, nachdem der sich so radikalisiert hat. Diesen Text möchte das PR Magazin nun nicht veröffentlichen, darum steht er hier.

Das finde ich nicht problematisch. Ja, es zeigt, wie ernst gemeint das Diskursangebot war -– aber es ist ok. Mir ist nur wichtig, es hier zu erläutern, weil der Text oben, den ich auch auf LinkedIn veröffentliche, kein Nachtreten ist. Ich habe ihn für das PR Magazin geschrieben, veröffentliche ihn nun hier – und stelle mich damit der Diskussion.

26.7.13

Das Ende der Mangelmedien

Diese Woche wird uns später als die Woche in Erinnerung bleiben, in der das Ende der Medien offensichtlich wurde, deren Modell darauf beruhte, dass Raum oder Zeit knapp und ein Mangel war. Offensichtlich auch für die, die sich bisher nicht so intensiv damit beschäftigt haben.

Erst stellt Google ein USB-Stick-großes Dingens vor. Und dann verkaufte (oder präzise: versucht zu verkaufen) Axel Springer fast alle seine Print-Titel. Letzteres mit enormem Echo in meinem mediennahen Resonanzraum und initialer Schockstarre bei fast allen Journalistinnen oder Ex-Journalistinnen in meinem Umfeld. Ersteres, so scheint mir, noch fast unter dem Radar.

Warum soll dies das Ende der alten Medien sein?
Mehr noch als den Abschied Springers von Print (dazu gleich) stellt meines Erachtens das kleine, billige Gerätchen, das an den HDMI-Anschluss des großen wohnzimmerdominierenden Bildschirms gedongelt werden kann, den größten Schritt zur Veränderung der Mediennutzung dar seit der massenweisen Einführung von Kameras, die dauernd online sind (Smartphones). Denn damit wird nun endlich für viele Menschen dieser große Bildschirm von seiner Abhängigkeit vom Zeitmangel befreit.

Lineares TV (also bewegte Bilder, die an einem vom Sender definierten Zeitpunkt übermittelt werden, we called this früher "Fernsehen". Früher, als man fett noch mit o geschrieben hat*) überlebte die letzten Jahre trotz seiner eigentlich absurden Eigenschaften vor allem deshalb, weil die allermeisten Leute nicht in der Lage waren, die Inhalte auf den zentralen Bildschirm ihrer Wohnung zu bekommen, die sie wirklich interessieren. Einige von uns experimentierten mit Apple-TV, aber eigentlich ist das doof - denn es geht nur mit Apple. Und nur mit iTunes. Und iTunes ist inzwischen doof, weil es nicht mehr wirklich mit Medienservern zusammenarbeitet und so weiter. Technikgedöns. Am Ende hat bisher nur die Bequemlichkeit ein an sich kaputtes Medienkonzept gerettet. Denn logisch ist es schon lange nicht mehr.

Wenn dieses HDMI-Dongel von Google tatsächlich kann, was sie behaupten, wäre dies der Einstieg darein, dass der große Bildschirm nicht mehr von Mangel bestimmt wird (dem herausragenden Merkmal linearen TVs - limitierte Sendezeit, limitierte Sender, limitierte DVD-Sammlung) sondern von der Fülle des prinzipiell unendlich großen Speicherraumes Internet.

Für Deutschland heißt das schon in sehr naher Zukunft (also noch dieses Jahr) aus meiner Sicht, dass die ohnehin schon gigantische Reichweite der neuen Sender, die aus dem Zusammenschluss von Künstlerinnen auf YouTube entstanden sind (Ponk, Magnolia etc), weiter explodieren - und vor allem den zentralen Bildschirm der Wohnung erobern wird. Heute schon haben diese neuen Sender eine höhere Reichweite als die klassischen TV-Sender-Familien. Und das bisher noch ohne den großen Bildschirm.

Die linearen TV-Anbieter haben sich ja darauf schon lange eingestellt, indem sie sich auf die einzige Systemstärke ihres Modells zurück besonnen haben: Dass es auf elegante Weise ermöglicht, "fern" zu "sehen". Event-Fernsehen (Livesport, Liveshows etc) sehe ich als einzige echte Chance und Nische dieser Sender.

Und was ist mit Tee?
Einen Tag später dann verabschiedet sich Springer von Print. Und behält nur die Print-Titel, die sie mehr oder weniger erfolgreich zu multimedialen Marken ausgebaut haben. Der Kaufpreis, der dem zehnfachen Gewinn dieses Bereichs entspricht, legt nahe, dass Springer Print keine zehn Jahre mehr gibt.

Nun ist Print an sich nicht tot. Im Gegenteil. Aber der Teil von Print, der sein Modell auf Mangel (an Zeit, an Papier etc) aufbaute, ist irrelevant geworden. Warum eine Auswahl alter Nachrichten auf Papier? Wofür sollen wir mittelfristig noch Zeitschriften brauchen, die durch lineares TV navigieren (siehe oben)? Was soll eine veraltete Auswahl statischer Abbildungen von Entertrainment-Inhalten, die von den Stars vor mehreren Tagen selbst via Tumblr, Instagram, Facebook und Co veröffentlicht worden sind?

Man muss Springer nicht mögen, um anzuerkennen, dass sie dort nicht dumm sind. Ich bin unsicher, ob sie erfolgreich sein können mit dem, was sie da versuchen - aber sie haben erkannt, dass sie jetzt die Reißleine ziehen müssen. Und allen anderen deutlich gemacht, dass Medien in Zukunft nicht auf dem Modell "Mangel" werden basieren können.


tl;dr
Lineares TV und Print haben weitere Sargnägel verpasst bekommen. Und Springer weiß das.


* komplett ohne einen tieferen Sinn. Ich liebe diesen Spruch, den meine Schwiegermutter von ihrer Großmutter, Pfarrfrau in Hessen, hat.

22.3.13

Polarisierung

Mir scheint, dass zunehmende Polarisierungen ein Zeichen für Zeiten des Umbruchs sind. Vor allem, wenn Polarisierungen nicht mehr entlang der erwartbaren Linien verlaufen, sondern ich heute laut und stark mit welchen auf einer Seite der Linie stehe - und morgen mit anderen zusammen auf einer Seite einer anderen Linie.

Jahrelang habe ich mich geweigert, in die radikale Rhetorik vieler Beraterinnen, die Social Media für sich entdeckten, einzustimmen. Denn die ersten zehn Jahre haben neue (und eigentlich sehr alte, geradezu retroartige) Plattformen und Netzwerke keinen wirklichen Umbruch in der Kommunikation oder gar der Gesellschaft bedeutet.

Denn ich bin vollkommen beim großartigen Clay Shirky, der sagt: "Revolution doesn't happen when society adopts new tools. It happens when society adopts new behaviors". Und genau das passiert jetzt.


An zwei kleinen Geschichten wurde mir deutlich, wie sehr auch im Kommunikations- und Medienzirkus auf einmal alte Linien zerreißen und alte Reihen durcheinander gewirbelt werden. Niveas Stresstest. Und Katja Riemanns TV-Auftritt.

Beide Geschichten haben in meinem Umfeld massiv polarisiert. In beiden Fällen gab es wenige, die ruhig blieben. Und in beiden Fällen verlief die Polarisierung quer zu den üblichen Seilschaften, Freundschaften, Übereinstimmungen.

Die einen fanden den Nivea Stresstest großartig und genial und super passend für die Marke.
Die anderen peinlich und übergriffig und vollkommen unpassend für die Marke.
Und sagten das jeweils sehr laut und bestimmt.



Die einen fanden die Riemann unmöglich, peinlich und zickig.
Die anderen den Moderator überfordert, unmöglich.
Und sagten das jeweils sehr laut und bestimmt.



Und in beiden Fällen fanden sich in beiden "Lagern" Leute, die ich sehr schätze und für professionell, schlau, geschmackvoll, kreativ und so weiter halte.

Vielleicht gab es und gibt es das auch schon vorher immer wieder, vielleicht bin ich in meiner Resonanzblase gefangen - aber so extrem ist es mir lange nicht aufgefallen. Dass ich nicht vorhersagen konnte, wie geschätzte Kolleginnen etwas sehen, zu dem auch ich eine starke und polarisierende Meinung und Haltung entwickelte.

Wenn alte Lager sich auflösen und noch keine neuen entstehen, dann ist eine Zeit des Umbruchs.

13.1.11

Liebe Journalisten, wir müssen reden

Es gab Zeiten, in denen guter Journalismus Geschichten von echten Menschen erzählt hat, von Schicksalen beispielsweise. Nur leichte Verfremdung oder auch gar keine waren nötig, denn die Menschen, um die es ging, die Opfer von Verbrechen oder Missverständnissen wurden, waren weit weg. Nur die Zeitungsleute kannten sie und einige wenige Bekannte oder Nachbarn erkannten sie durch den Bericht hindurch.

Diese Zeit ist vorbei. Im Großen und im Kleinen. Das kann als Journalist bedauern, wer will. Was ich aber gefährlich finde, ist, wenn die journalistische Arbeit nicht von Zweifeln angekränkelt ist, ob die alten Methoden noch ausreichen, um sauber zu sein - und beispielsweise Opfer zu schützen.

Das wurde mir so deutlich, als ich vor ein paar Tagen einen Fall in mehreren Hamburger Zeitungen verfolgte, der überall groß (und bei der Mopo, aber wer wollte das anders erwarten, verblödet reißerisch entstellt "K.O.-Tropfen im Messwein", aber lassen wir das, wir wollen ja über Journalismus reden) gefahren wurde.

Es ging, grob, um einen sehr unklaren Sex-Fall in einer Kirche, denkbar ist, dass Vergewaltigung im Spiel ist. Ich formuliere es so zurückhaltend, weil nichts klar ist bisher. Die Angaben, die beispielsweise im Hamburger Abendblatt über die beiden beteiligten Erwachsenen gemacht wurden, haben dazu geführt, dass ich 20 Sekunden brauchte (Google und archive.org sei Dank), um den ersten Namen rauszubekommen und festzustellen, dass ich den Menschen kenne. Und weitere 25 Sekunden, um den anderen Menschen eindeutig zu identifizieren, den ich nicht kannte - und von dem das Abendblatt, weil es möglicherweise das Opfer war, nicht mal einen (Vor) Namen nannte. Weitere 20 Sekunden, und ich hatte Bilder und die gesamte bisherige Biografie dieses Menschen, obwohl aus Profilen bei Xing und Facebook die Bilder "gelöscht" worden waren. Die Angaben im Abendblatt waren - für mich - so wenig anonymisiert, dass ich wusste, von welchem Portal die Zeitung die wesentlichen Infos über den Menschen hatte.

Nun kann man - zynisch - argumentieren, dass dieser Mensch sich ja nicht einem Medium gegenüber hätte äußern müssen (was offenbar in einem Fall geschehen ist). Aber ich habe mich (auch angesichts der imho an sich nicht wirklich berichtenswerten Geschichte) schon gefragt, ob das Abendblatt aus diesem Vorfall wirklich eine zwei Tage lange und insgesamt fast eine ganze Zeitungsseite große Skandalgeschichte machen musste, deren Motivation am Ende doch vor allem sich daraus speist, dass Sexskandale und Sexverbrechen in Kirchen (und noch recht frisch ja in der evangelischen Kirche in Hamburg, siehe den Rücktritt der Bischöfin) gerade so gut funktionieren.

Vor zehn Jahren wäre die Zeitungsgeschichte nicht wirklich problematisch gewesen, denn ich hätte nur gewusst, um wen es geht, wenn ich jemanden kenne, der vor Ort wohnt, in der Kirche aktiv ist und mir Auskunft gibt. So habe ich nach einer knappen Minute alle Infos über die beteiligten Menschen. Nun wird jemand anders sich diese Minute Arbeit vielleicht nicht machen, der nicht ohnehin den Eindruck hätte, dass er einen der beiden Menschen kennen müsste, von früher. Aber das macht es nicht besser.

Liebe Journalisten, seid ihr euch wenigstens bewusst gewesen, als ihr diese Geschichte schriebt und ins Blatt gehoben habt, dass ich ohne jede Anstrengung sofort alles das weiß, was ihr so verantwortungsvoll nicht sagt? Wovon ihr dachtet, dass ihr es quasi anonymisiert habt? Oder glaubt ihr wirklich, dass es noch immer so ist wie früher? Dass wir mit Schauder, Empörung oder Freude euren Geschichten lauschen, von denen wir wissen, dass wir nie wissen werden, um wen es in Wirklichkeit geht?

Ich habe keine Lösung. Aber ich frage mich, ob solche Geschichten wie die, an der es mir jetzt so sehr aufgefallen ist, noch geschrieben werden sollten. Und wenn, ob sie noch so geschrieben werden sollten. Ob der Anspruch, Menschen und ihre Privatsphäre und Würde zu schützen, neue Kriterien für Geschichten braucht. Gerade im skandalisierenden Lokaljournalismus.

30.6.10

Geht's noch?

Stellen wir uns mal ganz dumm.
Nehmen wir mal an, wir wären die Elite des Politikjournalismus.
Stopp, nur einmal, ganz kurz, des Spaßes wegen. OK. Also.
Nehmen wir weiter an, es stünde ein politisches Großereignis bevor. Vielleicht eine Bundespräsidentenwahl, um irgendein abwegiges Szenario zu stricken.
Nehmen wir außerdem an, es hätte etwas vergleichbares schon mal so etwa ein Jahr vorher gegeben und da sei es - okok - durch ein Missverständnis oder so vorgekommen, dass einer aus der Bundesversammlung das Wahlergebnis vorzeitig über Twitter vermeldet hätte.

Was würden wir tun?

Wahrscheinlich, denn wir sind Elitejournalisten, würden wir es machen wie die FAZ:
(screenshot durch @hhebig)

Oder?

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: "Nach unbestätigten Gerüchten im Internet" Geile Quellenlage, my ass. FAZ!

Merken die noch was?

Oder die Superbloggerin Franziskript in der Rheinischen Post: "Twitter verbreitet Falschmeldungen"

Hä? Und "das Internet" ist eine Quelle oder wie?

Mal ehrlich, FAZ: Ich bin ja nun wirklich kein Journalist mehr und hab auch nur Boulevard gemacht damals in den 90ern. Aber selbst ich wäre in der Lage, ein gutes halbes Dutzend Mitglieder der Bundesversammlung zu benennen, die twittern und vertrauenswürdig sind. Selbst ich wüsste, dass es heute wahrscheinlich 729 Spaßvögel auf Twitter geben wird, die so tun, als hätten sie Ahnung und irgendwelche Gerüchte in die Welt setzen.

Und dann kommen sie wieder, die sinn- und merkbefreiten Schlagzeilen a la RP: Twitter ist Schuld. Oder das pöse Interdings. Aber bestimmt nicht schlampig arbeitende Elitejournalisten, die Humor nicht von Journalismus unterscheiden können. Ich bin so was von wütend auf euch!

Liebe FAZ-Redaktion, ihr könnt es wieder gut machen und zurück in den Journalismus kehren: Schreibt doch mal auf, wie das passiert ist, warum, wie der Druck auf das arme Würstchen so war, das diese Fehlleistung dann rausgepustet hat, warum ihr es dann schnell wieder offline nehmt und so. DAS wäre doch wirklich ein Stück Journalismus, das sich morgen, wenn sich alle wieder beruhigt haben, in der Bahn oder im Flieger oder auf dem Klo (auf jeden Fall auf Papier) zu lesen lohnt.

Naja, wir schreiben hier ja im Irrealis. Oder Irrsinnalis oder so.

Update:
Auch der Bild ist nichts blöd genug, um nicht ein Skandälchen draus zu inszenieren, das online schon lange aufgelöst war - der Twitterdings in Frage ist ein Fake. Ach nee. Kommt mal runter, menno.

Update 2:
*Seufz* Ach, FAZ. Und wieder eine Chance verpasst. Und *plonk*

30.5.08

Meinungsjournalismus

Über einen kurzen Twitter-Hinweis von Thomas Knüwer bin ich eben gerade auf einen großartigen Post Artikel gestoßen, den Klaus Jarchow in der Medienlese geschrieben hat - und in dem er sich (wieder einmal, möchte ich aufseufzen, aber in diesem Land der journalistischen Scheinobjektivität muss das einfach immer wieder sein) mit der Subjektivität im Journalismus und dem ich in Beiträgen auseinandersetzt. Ja klar, mit der Referenz auf Hunter S. Thompson, dem Paten des Gonzo. Ja klar, mit einem Hinweis darauf, dass New Journalism eben zwar wahnsinnig beliebt ist in der Theorie. Aber eben nur in der Theorie.
Den Heribert Prantl habe ich hier bloß als Beispiel herausgegriffen, irgendwer musste dran glauben. Der Befund des Subjekttods aber wäre bei anderen Alphatieren ganz ähnlich gewesen. Dabei finde ich es regelmäßig wesentlich meinungsstärker, auch würde sich der Schreiber als Person konturierter profilieren, würde er seinen Text in diesem Punkt ein ganz klein wenig ‘amerikanisieren’.
Journalismus in der ersten Person: Ich? Ich! » medienlese.com
Der eigentliche Punkt von Jarchow ist aber ein anderer - den ich so ähnlich erst- und letztmals im Mai 2005 bei einem Vortrag beim Netzwerk Recherche sehr zum Ärger von Thomas Leif vertreten habe (mit dem ich seitdem einfach nicht mehr Freund geworden bin): Es gibt diesen New Journalism, diese Subjektivität, die sich nicht hinter der Scheinobjektivität des man oder es versteckt, auch in Teutonien: vor allem in Blogs....

Lesebefehl!

30.5.07

Doch, genau so wollte ich es wissen

Heute mal ein an sich recht guter und ausgewogener Beitrag in einem Holzmedium (so, meint der Autor, würden wir Blogger Zeitungen nennen. Aber mal ehrlich: das klingt doch soooo 1999, oder? Wer sagt das hier draußen denn noch so?): Die Süddeutsche über Blogs und Journalismus und Journalisten und Blogger und bloggende Journalisten. So weit, so gut. Und der viel zu seltene Hinweis, dass mit Praschl einer der großartigsten Alt-Blogger überhaupt ja doch inzwischen ganz klassischer Chefredakteur ist, das Magazin verschweige ich aus Achtung vor ihm.

Nur am Ende, da vergaloppiert sich der Kollege Feldmer etwas, wenn er über eines der Bunte-Blogs schreibt:
Und im sogenannten Star-Blog von Ruth Moschner konnte man kürzlich lesen, dass die frühere Big Brother-Moderatorin während einer Burda-Veranstaltung Götterspeise mit Waldmeistergeschmack garniert mit Ingweräpfeln gegessen habe.

Moschner weiter: "Klingt banal, schmeckte aber göttlich und tröstete mich ein wenig darüber hinweg, dass ich nicht das Meet and Greet mit meinem Lieblingskoch Jamie Oliver gewonnen habe." So genau wollte man das alles im Grunde doch wieder nicht wissen.
Äh, doch - genau so wollte ich es wissen, wenn ich denn wüsste, wer diese Frau Moschner ist. Denn genau so was ist der Grund, warum ich mehr Blogs als Medien lese.

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