Dies erschüttert mich in der Causa Spahn besonders als Vater, Großvater und vor allem als Kommunikator, der darauf spezialisiert ist, Strategie in Emotion zu verwandeln: wie er da unmittelbar vor Beginn der Sommerpause reinstolpert.
Zumindest gehe ich nicht davon aus, dass dies alles einem großen Plan folgt, auch wenn das mein allererster Impuls war.
Es gibt ja zwei Gelegenheiten, zu denen ich alles über Korruption, Vermeidung von Korruption und Vermeidung des Anscheins von Korruption gelernt habe. Ob es noch andere gibt, weiß ich nicht. Aber beides sind Dinge, die (denke ich, zumindest für die, die nicht an sich Böse sind) künftige Korruption und vor allem die Grauzonen wie so genannte Vetternwirtschaft (gibt es dafür eigentlich ein modernes, für jüngere Menschen verständliches Wort?) relativ zuverlässig verhindern. Und wenn ich beide Gelegenheiten nicht hatte, ist das vor allem in den Naivität geschuldeten Fällen wahrscheinlich ein echtes Problem.
Das eine ist die Arbeit in einem internationalen Unternehmen, das seine Ethik-Standards aus den USA bezieht. Denn während viele Menschen, die sich gerne unwidersprochen widerlich benehmen wollen, oft sagen, Deutschland sei ja so schlimm und korrekt und so was, ist das nichts – in Worten: nichts – im Vergleich zu Kulturen, die von Achtsamkeit oder von hohen Strafen für widerliches Verhalten geprägt sind. In jedem US-Unternehmen, in dem ich war, sind ausführliche, jährliche Ethiktrainings und Antikorruptionstrainings Pflicht für alle Mitarbeiter*innen. Und vor allem in den Antikorruptionstrainings lernen Deutsche dann, dass vieles, was wir als völlig normales Verhalten empfinden, eigentlich schon mindestens auf halbem Weg in die Korruption ist. So wie auch nur befreundet zu sein oder mal zusammen Handball gespielt zu haben, angezeigt werden muss, wenn ich mit jemandem als Lieferant*in oder so was zusammenarbeiten will. Sonst ist das Korruption. Lernten wir alle in den Trainings dieser Unternehmen.
Das andere ist Kommunalpolitik. Weil direkt und unmittelbar vor Ort jede jeden kennt irgendwie, achten alle gemeinsam sehr darauf, dass niemand über irgendwas bestimmt, das dann zu eng an ihnen dran ist. Verwandt (was ja auch sehr oft der Fall ist auf dem Land) geht gar nicht. Bei sehr vielen Entscheidungen in kommunalpolitischen Gremien, Ausschüssen etc. ist immer irgendjemand befangen und geht raus und diskutiert nicht mit. Auch kommunalpolitisches Engagement ist also eine gute Schule dafür, nicht einfach durch Nicht-Nachdenken und Freundlichkeit auf abschüssige Pfade zu kommen.
Wenn ich beide Gelegenheiten nicht hatte, muss ich wahrscheinlich irgendwie anders an so Trainings kommen. Denn der "normale" (jaja, geht gar nicht das Wort) "gesunde" (auch das geht gar nicht, ich weiß) Menschenverstand reicht in unserer traditionell von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten geprägten Kultur eben gerade nicht aus, um hier die richtigen Leitplanken für das eigene Verhalten zu finden. Finde ich interessant.
Aber zum Schluss noch was Schönes. Islandpferdeparadies sozusagen.
Bei Angela Merkel sind es oft die kleinen, beiläufigen Dinge, die wirken. Das war bei ihrem vielleicht berühmtesten Nebensatz vom Wir und vom Schaffen so. Und das war so, als sie die eigentliche Dimension des Dammbruchs benannte, den CDU und FDP in Thüringen ausgelöst haben: dass es unverzeihlich ist.
Unverzeihlich. Das ist ein hartes Wort, das so gar nicht zu pragmatischer Politik zu passen scheint. Unverzeihlich heißt, dass selbst dann, wenn jemand um Entschuldigung bittet und einräumt, dass es ein Fehler gewesen sei – dass selbst dann keine Vergebung erfolgen kann. Weil es nicht verziehen werden darf. Weil es unverzeihlich ist.
Was Merkel hier macht, ist größer noch als die schnellen, klaren und unmissverständlichen Worte von Söder und Ziemiak unmittelbar nach der Tat. Worte, für die ich dankbar war und die mir großen Respekt eingeflößt haben. Und zu deren Klarheit sich bis heute beispielsweise Lindner nicht durchringen konnte. Merkel geht einen Schritt weiter. Und das wird kein Zufall sein.
Machen wir es konkret am Beispiel eines Regierungsmitglieds, das viele (auch viele nicht-konservative) Menschen in meinem beruflichen und privaten Umfeld gut finden: Dorothee Bär, mit der ihr euch so gerne fotografiert und die ihr ob ihrer Digital- und Social-Media-Kompetenz bewundert. Sie gratulierte (spontan) freudig zum Dammbruch. Legte auf Nachfrage (nicht mehr so spontan) explizit nach. Löschte das später. Und nannte es einen Fehler. Fehler passieren. Meine Leute wissen, dass ich ihnen bei Fehlern nicht den Kopf abreiße, wenn sie aktiv mit ihren Fehlern umgehen. Es ist gut, um Entschuldigung zu bitten.
Es gibt aber Fehler, die sind unverzeihlich. Und Angela Merkel hat meines Erachtens Recht, wenn sie den Dammbruch so qualifiziert. Denn es ist unverzeihlich, dieses nicht sofort zu sehen. Es ist eben nicht nur unüberlegt – sondern niemand, die einen funktionierenden Kompass hat, die einen antifaschistischen Autopilot hat, würde selbst unter Fieber oder Drogen feiern, wenn sich jemand von Nazis in ein Amt wählen lässt. Das kann nur passieren, wenn es keine innere Brandmauer gegen Faschisten gibt. Oder wenn jemand Faschisten nicht für Faschisten hält (wie die Funktionärinnen meines Berufsverbandes, die nicht verstehen wollten, wieso ich die Einladung eines Faschisten als Festredner nicht so super finde).
Unverzeihlich heißt, dass einer Bitte um Entschuldigung nicht entsprochen wird. Punkt. Oder, wie es in einem meiner Lieblingsfilme heißt: Im Urlaub kauft man Lederjacken zu weit überhöhten Preisen. Aber man verliebt sich nicht in faschistische Diktatoren.
Ich habe mich sehr über Thomas Armbrüsters Gastbeitrag im Pressesprecher geärgert, in dem er gegen Authentizität in der Führung wettert. Er ist ja fast genau mein Alter und ebenfalls Norddeutscher, also in einer ähnlichen ideologischen Großwetterlage aufgewachsen wie ich (allerdings legt sein Lebensweg nahe, dass er am exakt anderen Ende des Spektrums akzeptabler eigener Interpretationen dieser Wetterlage lag als ich), was deshalb wichtig ist, weil ich prinzipisch nachvollziehen kann, wogegen er wettert, weil ich ungefähr die gleichen Trends und Deformationen miterlebte und sah.
Das vorweg geschickt also.
Was es nicht besser macht.
Armbrüster konstatiert gleich zu Anfang:
Überall hört man den Ruf nach Authentizität. ... Er ist ein Irrweg der Personal- und Führungskräfteentwicklung und kann zu einem Mangel an Professionalität und Integrität führen.
Und das ist im Kern das, was er dann länglich ausführt. Und das halte ich für totalen Unsinn.
Im Grunde könnte ich auf meinen Blogpost vom Februar 2009 verweisen, in dem das meiste zum Missverständnis rund um Authentizität bereits gesagt ist. Kernsatz damals war - und stimmt meines Erachtens bis heute:
Ich denke, dass oft Authentizität mit Unmittelbarkeit verwechselt wird.
Was Armbrüster im Verlauf seines komplett polemischen Textes fast glossenartig ausführt, beruht auf einer mich bei ihm wirklich sehr überraschenden Fehleinschätzung, was denn authentisch, was denn Authentizität sei.
Ich teile seine Polemik gegen die Scharlatane der Beratungsbranche,
die mit eben derselben Verwechslung sehr viel Schaden bei unbedarften Menschen anrichten, die führen wollen/sollen/müssen und ihre Hilfe suchen. Nur: "sei authentisch" heißt eben nicht "sag immer direkt, was du denkst". Es heißt nicht einmal "sei ganz du selbst" oder referenzierte gar auf einen (ja, da hat Armbrüster Recht, absurden) "inneren Wesenskern". Das ist Vulgärbiologismus, ja.
Ich kann es nur noch einmal betonen: Authentizität hat sehr viel mit Kultur und sehr wenig mit Natur zu tun. So wie Professionalität und Integrität. Wikipedia ist sicher in einer kulturphilosophischen Debatte nicht die seligmachende Quelle, aber dennoch lohnt ein Blick auf den Artikel zur Authentizität, um deutlich zu machen, wie sehr und wie ideologisch Armbrüster den Begriff für seine Bedürfnisse verbiegt und manipuliert.
Ich halte das, was und wie Armbrüster argumentiert, für unredlich, wirklich - und darum ärgert es mich so. Er zeichnet ein Zerrbild von Authentizität, das, wäre es richtig, ja auch tatsächlich grauenvoll wäre. Und begründet damit, warum es aus dem Vokabular von Führung getilgt gehörte. Dabei gehörte nur das Zerrbild, nur die Scharlatanie getilgt, denke ich.
Vielleicht bin ich deshalb so emotional in dieser Frage, weil ich in den letzten Jahren eher die angelsächsische Diskussion verfolgt und mitgestaltet habe. Als wir Edelman Digital aufbauten, nannten wir unser Blog Authenticities (gibt es nicht mehr). Bei Cohn & Wolfe, deren Geschäft ich in Deutschland führe, haben wir eine groß angelegte Untersuchung und Position zu Authentic Brands. Interessanterweise habe ich wenige der Verzerrungen, die Armbrüster einerseits kritisiert und andererseits fortschreibt, in der englischen Diskussion gesehen bisher.
Mir ist Authentizität gerade in der Führung wichtig.
Wiederum ebenso wie Professionalität und Integrität - ich kann da, wenn Authentizität richtig verstanden wird und nicht mit Unmittelbarkeit verwechselt, keinen Widerspruch sehen. Sicher - ich kenne auch authentische Führungskräfte, die nicht professionell sind (oh ja) oder/und nicht integer. Allerdings sind selbst die besser zu ertragen, wenn sie wenigstens authentisch sind.
Im Bereich Führung - anders vielleicht als im Bereich Marketing/Kommunikation - scheint mir Authentizität einer der Schlüssel für Berechenbarkeit zu sein und dafür, dass ich als Führungskraft von denen, die ich führe, "gelesen" werden kann. Was beispielsweise nicht geht, wenn ich unmittelbar bin, weil das oft - logischerweise - erratisch ist. Wenn bei einer Führungskraft eine Linie zu erkennen ist, hängt das nach meiner Erfahrung sehr oft damit zusammen, dass sie authentisch handelt.
Authentisch kann nur sein, wer ein Werte- und Haltungssystem für sich entwickelt hat, wer eine Linie gefunden hat. Siehe im oben verlinkten Blogpost meine These, dass Kinder nicht authentisch sind sondern eben nur unmittelbar. Authentisch sein, heißt nicht, alles rauszulassen, was mir in den Kopf kommt oder auf der Leber liegt, sondern ein konsistentes Bild von mir zu schaffen, das mit meinen Werten und meiner Haltung zu tun hat. Darum können auch Arschlöcher authentisch sein. Auch, wenn das dann nicht professionell ist. Und darum gehört zu professionellem Führungsverhalten immer auch Authentizität. Im Gegensatz zu Armbrüster formuliere ich also (und in Anlehnung an seine Polemik auch etwas polemisch) -
Wer glaubt, ohne Authentizität und ohne Arbeit an authentischem Handeln
professionell führen zu können, irrt.
Und scheitert als Führungskraft.
Total.
(Allerdings ich bin ja auch nur Praktiker und nicht Theoretiker oder Berater in diesen Fragen...)
Stalking, Aufforderung zur Lynchjustiz, Mobbing durch Identitätsklau, illegales Kopieren von Filmen und Musik – die Digitalisierung unserer Lebenswelten hat bei weitem nicht nur positive Auswirkungen. Immer wieder begegnet mir daher bei Eltern und Menschen, die sich mit ethischen Fragen beschäftigen, eine große Unsicherheit: Wie sollen wir damit umgehen? Mit all den völlig neuen Fragestellungen, die uns überrollen?
Als jemand, der aktiv die Digitalisierung seiner Lebens- und Kommunikationsumgebung vorantreibt und gestaltet, habe ich zunächst ebenfalls vermutet, dass die Veränderungen so radikal sind, dass auch neue ethische Fragen entstehen (müssen). Und war dann überrascht, dass das nicht der Fall ist.
Sowenig das Internet ein „rechtsfreier Raum“ ist, so wenig sind Prozesse, die sich durch die Digitalisierung verändert haben und verändern, „ethikfrei“. Bei den meisten Themen helfen die Fragen und sogar die Antworten, die die (evangelische) Ethik sich erarbeitet hat, weiter. Sinnfällig wird das schon daran, dass die großen Fragen rund um die Digitalisierung exakt die gleichen sind, die immer die großen Fragen der Ethik waren: die vom Verhältnis von Freiheit und Verantwortung; von Recht und Rücksicht; von Eigentum und Verpflichtung; von Egoismus und Altruismus. Um nur einige zu nennen.
Wie bei jeder Technologie, die Wissen − was auch Daten meint − und Kommunikation besser verfügbar macht, ergeben sich auf einmal für mehr Menschen Fragen, die vorher eine Minderheit oder Elite berührten. So wie die Digitalisierung „Skalierungseffekte“ in fast allen Bereichen bringt, bringt sie auch „Skalierungseffekte“ in der Ethik – also die Herausforderung, dass mehr ethische Fragestellungen in kürzerem Abstand für immer mehr Menschen aktuell und relevant werden.
Es ist auffällig, dass Platons Polemik gegen das Schreiben und Erasmus’ Polemik gegen das Drucken fast wörtlich die Vorbehalte gegen die Veröffentlichungen im Internet wiedergeben. Und zugleich beide das, was sie kritisierten, sehr fleißig und erfolgreich für sich selbst nutzten. Sie hatten einfach große Probleme mit der Vorstellung, dass weniger Gebildete als sie dies auch tun könnten. Auch ihre Anfragen an Wahrheit, Nachvollziehbarkeit, Wahrhaftigkeit, Medienkompetenz – alles ethische Fragestellungen – sind faszinierenderweise fast wörtlich die gleichen, die sich heute, bei der dritten großen Medienrevolution, stellen. Vor allem die Frage, welcher Information, welchen Daten wir trauen können, ist heute ähnlich wie damals hochaktuell.
Was neu ist, auch in den ethischen Fragestellungen, ist der Personenkreis, der für sich diese Fragen beantworten muss. Medienethik ist nicht mehr ausschließlich Thema professioneller Medienschaffender. Umgang mit Persönlichkeitsrechten betrifft jede Person, die ein Smartphone, also einen Fotoapparat mit Internetanschluss, besitzt. Ethische Fragen rund um die Vervielfältigung von Inhalten sind für alle relevant geworden. Und so geht es weiter.
Haben sich durch die Erfindung und die Etablierung des Buchdrucks neue ethische Fragen ergeben? Nur wer das mit Ja beantworten kann, wird auch gute Argumente auf seiner Seite haben für die These, dass die Digitalisierung neue ethische Fragen aufwirft. Und nicht „nur“ ein neues Nachdenken über die Antworten erfordert.
**** Diesen Text habe ich zuerst für das Lesebuch zur diesjährigen Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland geschrieben, das die Synodalen (Abgeordneten) auf das Schwerpunkttheme vorbereiten soll: Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft. Dieses Thema inhaltlich mit vorzubereiten und auch den Entwurf der Kundgebung der Synode mitzuverfassen, hatte ich ja in diesem Jahr auf Einladung der Präses der Synode die Freude. Übrigens merke ich, dass ich mit dieser Mitarbeit sehr viel mehr am gesellschaftlichen Diskurs bewegen kann als mit fast allen netzpolitischen Aktivitäten, die denkbar wären. Allein, dass der Begriff "geistiges Eigentum" im Kundgebungsentwurf nicht vorkommt, ist ein wunderbares Zeichen...
In der letzten Zeit las und hörte ich wieder häufiger euphorisierte Beiträge, dass sich alles ändere. Wahlweise durch das Internet oder durch die Digitalisierung. Und ich gehöre zu den letzten, die kleinreden wollen oder werden, dass wir uns in einer großen Umbruchzeit befinden. Aber dennoch wünsche ich mir manchmal, dass das aufgeregte Geschnatter etwas erwachsener wäre. Und dass die Diskussion um den Wandel etwas stärker auch eine historische Perspektive hat.
Über die historische Perspektive, in der ich die Digitalisierung sehe (und nicht etwa das Internet, das halte ich tatsächlich für nur eine, vielleicht sogar nicht einmal die wichtigste Folge der Digitalisierung), habe ich ja immer wieder gesprochen und geschrieben. Ich bin je länger desto mehr davon überzeugt, dass eine genaue Betrachtung des Wandels, den der Druck mit beweglichen Lettern nach sich zog, helfen kann, zu verstehen, was gerade passiert. In aller Ambivalenz.
Denn die Frage, ob die Digitalisierung ein größerer Bruch sei als die beweglichen Letter, finde ich müßig. Das werden wir ohnehin erst in ein- bis zweihundert Jahren wissen. Können wir uns einigen, dass es ein vergleichbar großer (Kultur) Bruch ist?
Am letzten Wochenende war ich zur ersten Sitzung des Vorbereitungsausschusses der EKD-Synode eingeladen, in dem ich mitwirken darf. Und war fasziniert, einmal ernsthaft und mit Erwachsenen erwachsen (edit) über Themen zu sprechen, an denen ich arbeite (Schwerpunkt der Synodaltagung wird ja "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft"). Auf einem Reflexionsniveau, das beachtlich war. Und - trotz all der unterschiedlichen Vorkenntnisse und Meinungen zum Thema "digitale Gesellschaft" - aus einer gemeinsamen Haltung heraus, auf die sich alle am Tisch einigen konnten: der des mehr freudigen als ängstlichen Akzeptierens der Veränderungen samt einem Blick auf die Chancen.
Leben kam in die Bude, als ich meiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass durch den digitalen Wandel recht eigentlich keine neuen ethischen Fragestellungen entstanden seien. Dass zwar vieles heute schneller und weiter gehe, aber gegenüber dem Buch- und Flugblattdruck eigentlich keine real neuen Fragen entstanden seien. Aber dazu werde ich im Laufe des Jahres noch einmal ausführlicher schreiben und arbeiten.
Ohnehin ist der eigentliche Wandel, der unsere (digitale) Gesellschaft bestimmt, ja doch ein anderer. Und ein sehr kohlenstofflicher. Und hier mache ich mir sehr viel mehr Sorgen um unser Land als bei der Behauptung, es würde den digitalen Wandel verschlafen (was ja ohnehin nicht stimmt, aber das ist noch einmal eine andere Geschichte).
Ich habe lange, wirklich lange überlegt, ob ich doch noch etwas schreibe oder nicht über Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede vom 2. März. Interessanterweise habe auch ich erst von dieser Rede erfahren, als ich über die Kritik an ihr etwas hörte. Vielleicht hatte ich dabei Glück, denn es war in "Kultur heute" im Deutschlandfunk - und offenbar eine der wenigen Erwähnungen der Diskussion, die nicht durch massive Zitatverkürzungen einen Skandal herbeiredete. Sondern im Gegenteil angesichts der Diskussion und des offenen Briefs der Dredner Dramaturgen Koall längere Ausschnitte aus der Rede dokumentierte. Das war am 6. März. Und ich twitterte daraufhin:
Nachdem ich die entscheidenden Passagen der Dresdner Rede von Sabine Lewitscharoff gehört habe: was soll die Aufregung? Hat doch Recht! #fb
— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) March 6, 2014
Was mir viel Kritik einbrachte, mich um die 50 Follower kostete, und dazu führe, dass ich einige wenige weitere Leute blockte. Und es brachte mich in eine recht fruchtbare, weil zwar kontrovers und hart aber kultiviert geführte Twitter-Diskussion mit dem SpOn-Redakteur Konrad Lischka.
Danach habe ich die Rede noch einige Male im Audiostream gehört, den das Staatsschauspiel auf seiner Seite anbietet. Und je häufiger ich die Rede hörte, desto mehr ärgerte ich mich über die Reaktionen darauf. Ja, ich teile auch nicht alle Punkte. Ja, ich finde es gräßlich, dass Lewitscharoff zustimmend den Rechtsdenker Peter Sloterdijk erwähnt, zumal sie nicht mal Recht damit hat, dass er "der einzige" sei, der dieses Thema bearbeitet habe. Ja, ich finde den rechtspopulistischen Duktus des Man-wird-ja-wohl-noch-mal-sagen-Dürfen in ihrer Selbstverteidigung gegenüber der FAZ eklig, um in ihren Worten zu bleiben. Wer Sloterdijk gut findet und solchen Fuß-Aufstampf-Kram sagt, verortet sich selbst so weit rechts außen im politischen Spektrum, dass sie eigentlich beschwiegen werden müsste.
Eigentlich, wäre da nicht die Dresdner Rede. Die zu 2/3 aus der Ich-Perspektive und äußerst subjektiv - aber nicht minder spannend und dicht und nachdenklich-machend - über Leiden und die Grenzen des Lebens redet. Und zu knapp 1/3 dann auf den Beginn des Lebens zu sprechen kommt. Lewitscharoff spricht Themen an, mit denen ich mich theologisch, praktisch und ethisch seit fast fünfundzwanzig (in Worten: 25) Jahren beschäftige. Denen der Medizinethik und der ethischen und theologischen, anthropologischen Fragen der Pränatalmedizin. Inhaltlich stimme ich ihr zu etwa 90% oder etwas mehr zu. Was es vielleicht auch leichter macht, nicht bewusst zu versuchen, sie misszuverstehen. Und was, das merkte ich in den Diskussionen auf Twitter und in der Kohlenstoffwelt, eine Position ist, die zurzeit unpopulär ist.
Extrem interessant finde ich, dass ich bei denen, die Lewitscharoff (inhaltlich) kritisierten und denen, die in Ansätzen mit mir diskutierten, den Eindruck habe, dass sie die Rede nicht gehört oder gelesen haben. Denn beispielsweise wendet sie sich (und wende ich mich) nicht gegen die, die als Paar einen (insbesondere und auch mit medizinischer Indikation) unerfüllten Kinderwunsch haben und zu Methoden der künstlichen Befruchtung greifen. Finde ich für mich keine Option (brauchte ich aber auch nicht), finde ich aber ethisch und anthropologisch vertretbar. Ebenso argumentiert, mit etwas anderen Worten, auch Lewitscharoff. Aber genau diese Menschen und ihr Leid wurden als Kronzeugen gegen sie angeführt - was nicht nur falsch ist sondern auch mehr als nur unfair. Es ist üble Nachrede.
Die Fragen des Beginns und des Endes des Lebens, über die diese Rede spricht, sind alles andere als einfach und eindeutig. Ich denke, dass es absolut angemessen ist (obwohl ihr auch das ja vorgeworfen wurde), hier zunächst sehr personal zu argumentieren, sehr auf Empfindungen und Gefühle zu hören und sie zu beschreiben, Dankbarkeit und Ekel zu benennen. So lange ich nicht den Fehler mache, aus dieser personalen Sicht Regeln für alle zu machen. Was - anders als die Kritik an ihr suggeriert - Lewitscharoff mit nicht einem Wort tut.
Und so oder so - dieser ganz kurze theologische Exkurs sei mir gestattet - ist die reformatorische Unterscheidung von "Sünde" und "Sünder" hier ja sehr relevant. Aus christlich-lutherischer Sicht ist es nie angemessen, Menschen zu verurteilen, die etwas tun, was ich für falsch halte. So wenig übrigens, wie es angemessen wäre, ihr Verhalten in diesem Fall kritiklos zu akzeptieren. Dies macht es aus christlicher Sicht auch etwas einfacher, die Diskussion über den Beginn und das Ende des Lebens zu führen. Denn auch diejenigen, die hier anderer Meinung sind als man selbst oder als das, worauf sich "die Kirche" geeinigt hat (mal etwas verkürzt ausgedrückt), werde ich nicht verurteilen oder ihnen den guten Willen absprechen, selbst wenn ich ihre Position oder Handlung scharf kritisiere.
Halbwesen
Die eigentliche Aufregung aber hat sich ja aus der - ja - etwas kruden Wortwahl ergeben, die Lewitscharoff gewählt hat. Und bei der ihr die eine oder andere auch gleich unterstellte, es ginge ihr nur um ihr Buch und die Promotion. Als ob da nicht der Büchnerpreis schon ganz gut geholfen hätte. Naja.
Das eine oder andere, was sie sagt, finde ich auch nicht richtig. Aber auch die fiesesten Worte hat sie schon bevor sie fielen, eingebettet. Sie spricht direkt vorher davon, dass sie jetzt übertreibt, weil sie so besonders wütend ist und sich so besonders ekelt. Und sie nimmt das Wort "Halbwesen" schon im nächsten Halbsatz wieder zurück, indem sie darauf hinweist, wie unfair und falsch es sei. Wer noch einmal nur diese Passage hören will - ab Minute 42 beginnt sie, ich habe die Rede hier unten eingebettet (direkt von der Staatsschauspiel-Seite her).
Die Dresdner rede von Sibylle Lewitscharoff ist sperrig und eigenwillig und in der Art, wie sie "ich" sagt, auch nicht allgemeingültig oder im klassischen Sinne philosophisch. Wohl aber im Buber'schen Sinne dialogisch, scheint mir. Aber das ist eine andere Geschichte. Es lohnt sich, über diese Themen zu streiten. Und wenn ich der Rednerin etwas vorwerfen will, dann dies: Dass sie es den Denkfaulen und denen, die explizit und begründet anderer Meinung sind als sie (und ich), allzu leicht macht, indem sie ihnen einen Brocken hinwirft, auf den sie sich reflexhaft stürzen. Und so die Diskussion vermeiden über Leid und Wohl am Lebensanfang und am Lebensende. Über die ethischen und anthropologischen Grenzen und Chancen der "frankenstein'schen Medizin".
So oder so lohnt es sich, die Rede noch einmal am Stück zu hören. Darum hier direkt das Audio.
Es gibt zwei Arten von Arschlöchern. Die, die arrogante Einzelgängerinnen sind. Und die, die sich als mainstreaminges Mobbing-Arschloch gefallen. Gegen letztere wettert Thomas Gigold.
Arschloch sein hat in meinen Augen nichts damit zu tun, kaltherzig auf Menschen herum zu trampeln. Ihr beiden macht aber gerade genau diesen Eindruck. Prima, wirklich. (Ihr Arschlöcher)
Er richtet sich (und um das gleich zu sagen: ich stimme ihm aber so was von zu) gegen zwei Leute, die ich in ihrer rotzfrechen und arroganten Art eigentlich sehr schätze. Und die ich ja nun auch schon seit rund zehn Jahren online und offline kenne. Und auch als Typen tatsächlich schätze, weshalb ich Thomas' Irritation auch teile. Felix Schwenzel und Robert Basic.
Warum ich Thomas dankbar bin für seinen Artikel: Weil er genauer hingelesen hat als ich. Weil ihm auffiel, dass es zwar launig klang und harmlos, dass es das aber nicht ist. Und weil es eben nicht um eine raue Schale mit einem weichen Kern geht - sondern weil die beiden zwar mehr oder weniger sagen, dass sie so nicht mehr sind (so verstehe ich Felix' Kommentar in Thomas' Blog), aber eben weitgehend unkritisch davon berichten, dass sie als junge Leute echt arme Säue waren mit sehr wenig Selbstwertgefühl.
Denn zum Mobbing wird Arschlochsein ja erst, wenn sich die Arschlöcher in der Gruppe verstecken. Wenn sie nicht arrogant-einsam sind sondern armselig-angepasst. Und genau da setzt das ein, was meine Großmutter "Herzensbildung" nennt. Was nach meiner Erfahrung aber weniger mit Bildung als mit Charakter zu tun hat. Und sich schon früh ausbildet. Zumal ein arme-Sau-Sein keine Entschuldigung ist für irgendwas.
Ich weiß, dass es ein schmaler Grat ist. Sozusagen auch aus eigener Erfahrung. Vielleicht hat mich vor der arme-Sau-Variante des Arschlochs nur geschützt, dass ich immer Außenseiter war, wer weiß. Vielleicht aber auch, dass ich meine Arschlochanfälle eher auf die Mainstreamanführerinnen gerichtet habe. Und richte.
Kritik, auch harte Kritik, auch unsachliche Kritik, auch Kritik, die persönlich wird, ist das eine. Ein lapidares mehr oder weniger unbeteiligtes Reden darüber, dass ich jemanden von der Schule gemobbt habe, etwas anderes.
***
Wie schmal der Grat ist, habe ich selbst vor etwa zwei Jahren erlebt. Ich hatte mich längere Zeit schon mehr oder weniger offen, aber immer öffentlich und mit offenem Visier über einen Mainstreamanführer lustig gemacht, den ich für schlecht hielt in dem, was er tat. Also qualitativ und intellektuell schlecht, als Menschen konnte ich ihn nicht beurteilen. Und mich mit Lust und Freude in sinnlose Diskussionen, teilweise über Bande, geworfen.
Irgendwann hörte ich, dass er sich von mir verfolgt fühle und glaube, ich hätte mich mit zwei anderen gegen ihn verschworen. Das hat mich tatsächlich erschreckt, denn das war weder mein Ziel noch mein Wunsch. Und das macht mich auch nicht stolz, vor allem nicht, dass ich das nicht merkte. Ich denke, dies war tatsächlich hart an der Grenze zum Mobbing, vielleicht auch über die Grenze hinüber. Jedenfalls habe ich in dem Moment alle Kommunikation mit ihm eingestellt, ihn aus allen Strömen herausgenommen, auf denen er mir begegnen könnte, ihn blockiert, so dass er nichts von mir in den falschen Hals bekommen kann oder auf sich beziehen kann, was nicht auf ihn bezogen ist, und so weiter.
Das Thema beschäftigte mich weiter. Und zeigte mir, dass auch eine eigene große Reichweite (seine ist sehr viel größer als meine) nicht immunisiert.
Warum ich dies jetzt, zwei Jahre später, schreibe? Weil ich zwar empört und entsetzt bin aber nicht selbstgerecht sein will. Weil es einen Unterschied macht, ob ich aus eigener Bosheit oder Freude oder Arschlochigkeit schreibe/handele oder weil ich mich damit in einer Gruppe positioniere. Und weil ich sicher bin, dass ein Aufhören schwerer ist, wenn ich eine arme Sau bin, die ihr Selbstbewusstsein aus der Anerkennung in der Gruppe und auf Kosten anderer zieht.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen egoistischen Arschlöchern und Menschen, die ich um mich haben mag. Mal so klar gesagt. Und in meinem obere-Mittelschicht-Metropolen-Speckgürtel-Umfeld kann ich die auch ganz gut unterscheiden. Im Grunde an einer ganz einfachen Haltungsfrage.
Viele Arschlöcher sind nämlich gute Menschen. Die ganz viel spenden und mildtätig sind. Und sich damit auch gut fühlen. Und alles versuchen, um keine Steuern zu zahlen. Sondern selbst entscheiden wollen, wofür ihr vieles Geld verwendet wird. Und wofür nicht. Dass es auch wirklich denen zu gute kommt, die es brauchen. Das ist so das typische Argument.
Oft spenden diese Arschlöcher auch richtig viel Geld. Geben sehr viel ab. Tun sehr viel Gutes. Aber eben nach Gutsherrenart.
Denn am Ende ist es ja so, dass es absolut egoistisch ist, sich wie ein Gutsherr zu verhalten. Selbst zu entscheiden, was etwas wert ist und was nicht. Und den Rest ohne auch nur einen Hauch schlechten Gewissens an der Steuerkasse vorbei zu schleusen.
Wobei es nicht nur um kriminelles Verhalten geht. Mir sogar gar nicht. Sondern um die Haltung. Ich kann jede verstehen (auch wenn ich es anders sehe), die findet, dass die Steuern zu hoch seien. Was ich aber nicht verstehen kann und für eine Arschlochhaltung halte, ist, wenn jemand nicht gerne Steuern zahlt. Sondern, sagte ich das schon?, lieber selbst entscheiden will, was mit dem Geld, das sie abgibt, passiert.
Solidarität heißt, dass Starke Lasten für alle schultern. Und das unterscheidet Solidarität von Mildtätigkeit. Denn bei Mildtätigkeit schultere ich nichts. Sondern verteile gutsherrlich Brotkrumen (oder von mir aus auch ganze Brotlaibe). Spenden und Mildtätigkeit sind wichtig. Und finde ich gut. Aber sie ersetzen keine Solidarität.
Und darum ein kleines Wort zu Hoeneß, das sich aber nicht nur auf ihn bezieht sondern auf viele:
Das, was seine Verteidiger immer wieder anführen, ist die andere Seite der Arschloch-Medaille. Und nicht etwa etwas, das jetzt zerstört wird. Es ist sogar vollkommen konsequent, dass er sehr, sehr viel Geld spendet, Leute großzügig unterstützt, den FC St. Pauli rettet und so weiter. Es ist eben genau die gleiche Gutsherrenart, wie Geld zur Seite zu schaffen. Es ist die Hybris, wie ein Gott entscheiden zu wollen und zu meinen, über den Verabredungen einer soldarischen Gesellschaft zu stehen. Und wer enttäuscht ist von ihm, wer seine Mildtätigkeit für ein Zeichen hielt, dass er ein Guter sei, war, so scheint mir, eher blind für die Haltung, die aus beiden Seiten dieser Medaille spricht und sprach.
Irgendwann ist dann ja auch spätestens mal genug. Und ich werde hier jetzt nicht über die dreihundert verschiedenen Toleranzbegriffe diskutieren, ich definiere Toleranz in dem Sinne, dass etwas nicht nur hingenommen sondern auch akzeptiert wird.
Auch wenn Toleranz keine christliche Tugend ist, hat sie ja durchaus ihren Sinn. Aber sie endet mit z. Das ist mir bei drei mehr oder weniger kleinen Dingen diese Tage wieder bewusst geworden.
Aus dem weiteren Familienkreis (also nicht so nah, und nein, nicht eines meiner Kinder) - Wenn der Sohn sich auf einmal einen neuen besten Freund sucht, mit dem rumhängt, Anabolika schluckt, in den Geräteschuppen geht, Schule schwänzt. Und sich herausstellt, dass der ein dorfbekannter Nazi ist.
Aus der Partei - In der Pseudodiskussion um die Spitzenkandidaturen für die Bundestagswahl kritisierten, als Katrin Göring-Eckardt mal wieder kolportiert wurde (die ich für die richtige Kandidatin hielte, aber das nur mal am Rande), die üblichen Religionsverächterinnen diese Idee mit dem Anwurf, neben einer Pastorentochter (Kanzlerin) und einem Pfarrer (Bundeshorst) hätten sie keinen Bock und keinen Bedarf auf eine weitere "Kirchenmaus".
Aus dem Stadtteil - Sylvia Hellwege, Peter Jacobsen und Karin Syring aus Hamburg-Sasel wollen dagegen klagen, dass in ihrer Straße (oder Nachbarstraße) eine familienartige Wohngemeinschaft einzieht, die Kinder mitbringt, deren ursprüngliche Familien sie beispielsweise misshandelt haben oder ihre Geschwister verhungern ließen oder vergleichbare Dinge.
Drei ganz verschiedene Fälle. Kleine und große Dinge. Alle ekelhaft (ok, der letzte Fall ganz besonders ekelhaft). Und alle hinter dem z.
Ich denke, dass es sich immer wieder lohnt, die eigene und auch die gesellschaftliche Grenze zu finden, bis zu der Toleranz (verstanden wie oben angedeutet) gilt. Und auch klar zu definieren, wo sie endet.
Das heißt nicht, dass nicht jemand Nazi sein "darf" (dafür, dass jemand Nazi sein darf, würde ich sogar demonstrieren, ich bin auch gegen Verbote). Dass jemand nicht religiöse Menschen und Religionen verachten darf oder dass Sylvia Hellwege, Peter Jacobsen und Karin Syring nicht klagen dürften. Ich nehme alles das auch hin. Aber ich habe weder Verständnis dafür noch bin ich bereit, es zu tolerieren.
Sagte ich schon, dass es gut ist, dass Toleranz mit z endet?
Für jede, die sich mit Denken, Philosophie, Ethik oder Politik beschäftigt, kommt irgendwann der Schritt aus einer (nenne ich mal so, erkläre ich gleich) pubertären Phase in eine erwachsene. Spannend ist zu sehen, dass sehr viele einzelne Menschen dabei den Schritt nachvollziehen, den auch die europäische Denktradition in der Moderne vollzogen hat: von einer totalitären, simplifizierenden, positivistischen Erklärungsweise der Welt hin zu einer, die anerkennt, dass es (subjektive) ethische Prämissen gibt.
Typisches Kennzeichen vormodernen und totalitären Denkens (nicht zu verwechseln bitte im ersten Schritt mit totalitärer Politik) ist dabei der so genannte "naturalistische Fehlschluss"*. Dies meint: Ich beobachte etwas, beschreibe dieses "Sein" - und schließe daraus (das ist der Fehlschluss), dass es (deshalb) auch so sein soll. Oder postuliere, dass etwas sein soll (also: gut ist), weil es ist.
Dieses Denken ist pubertär oder sogar vorpubertär, weil mit Abschluss der Pubertät in der Regel die Fähigkeit zu transzendentem Denken einsetzt, also die Fähigkeit, vom aktuellen "Sein" abzusehen, wenn es darum geht, gut und böse zu bestimmen. Erst die im Zuge der Pubertät in der Regel einsetzende Auflehnung gegen die Realität/das "Sein", philosophisch gesprochen, ermöglicht ja die Erkenntnis, dass dieses "Sein" in gewisser Weise kontingent ist, also vor allem geändert werden kann - oder zumindest, dass ein anderer Zustand des "Seins" gedacht werden kann.
Naturalistische Fehlschlüsse sind vor allem deshalb totalitär, weil sie Objektivität postulieren, wo es keine Objektivität gibt. Sie leugnen ethische Prämissen, indem sie ihre Sollens-Behauptungen aus der Beobachtung der vorhandenen Realität ableiten. Ein Denken, das aber dieses tut, nennt man - so ist es quasi definiert - totalitär.
Die moderne Spielart totalitären Denkens ist der Technikpositivismus, wie er bis heute teilweise in trivialwissenschaftlichen Zusammenhängen vorkommt (also bereits da, wo Menschen "Naturgesetz" sagen und annehmen, dass damit objektive, ewige Gesetzmäßigkeiten gemeint seien, obwohl es weitgehend unumstritten ist, dass das Wort "Naturgesetz" eigentlich falsch und irreführend ist). Alles, was geht, ist gut? Eigentlich eine Position, die wir in Europa seit den 1970er Jahren für überwunden hielten. Das hat zwar teilweise zu so konservativen bis reaktionären Philosophien wie der von Hans Jonas geführt, aber der reine Positivismus (und mit ihm glücklicherweise der Utilitarimus) war weitgehend tot unter denkenden Menschen auf diesem Kontinent.
Was mich erschreckt, ist, wie er sich nun unter Menschen, die ich für denkende Menschen hielt, wieder Bahn bricht. Und selbst wenn ich Christoph Lauer für nicht immer in dieser Kategorie richtig angesiedelt hielte, kommt es mir so vor, als ob es symptomatisch für die totalitäre, technikpositivistische und vor allem von naturalistischen Fehlschlüssen irregeleitete Piratenpartei steht, wenn er im Spiegelinterview von den Gesetzen des Internet faselt, die "wie Naturgesetze stehen". Und aus denen seine Partei viele Forderungen ableite.
Der eine oder die andere mag das für pubertäres Gequatsche halten, was es vielleicht sogar sein mag. Aber es offenbart eben eine totalitäre Haltung, die auch aus anderen Äußerungen atmet: Eine im Denken digital geprägte Gruppe von Menschen nimmt an, dass sich das, was sein soll, objektiv feststellen lässt. Weshalb es auch logisch ist, dass die Führungsleute es ernst meinen und nicht etwa lächerlich finden, wenn sie zu Fragen, zu denen das digitale Denksystem (also das in Nullen und Einsen sortierte Denken) noch keine letztgültige Position hochgespült hat, nichts sagen können. Wo es nur richtig und falsch gibt, kann es zwar individuelle Meinungen geben, aber die Partei kann nur die objektiv richtige Position vertreten.
Das aber ist zutiefst totalitär. Und naiv. Und - das meine ich so, wie ich es sage, auch wenn ich intelligente und denkende Piratinnen kenne - gefährlich.
Es ist noch nie möglich gewesen, aus dem, was ist, abzuleiten, was sein soll. Außer du bist die katholische Kirche. Oder Lukatschenko. Oder die Piratenpartei.
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* Ob der Sein-Sollen-Fehlschluss als naturalistischer Fehlschluss oder als Humes Gesetz bezeichnet werden soll, ist umstritten, ebenso, ob das zwei verschiedene Dinge sind. In der Denktradition liberaler evangelischer Theologie, in der ich groß geworden bin (Stichworte: Rawls, Niebuhr, Tillich) wird dieser Begriff so verwendet, wie ich es hier tue. Und ich mag ihn sehr.
Mein erster Reflex war: So what. Geht mich nichts an. Soll er doch eine 16-jährige Freundin haben.
Mein zweiter Reflex war: Die CDU ist gewohnt bigott - macht erst einen Ehebrecher zum Bundespräsidenten und schmeißt dann einen raus, der eine von der Normalität abweichende Beziehung führte.
Das hab ich auch gesagt, beispielsweise auf Twitter und so. Und bei aller persönlichen Sattelfestigkeit in moralischen Fragen rund um Beziehungen und Sexualität, die ich mir selbst bescheinigen würde, wäre die Tatsache, dass Boetticher das anders sieht, kein Grund, ihn abzulehnen. Ja, mir sind Schröder und Fischer mit ihrem nicht ausschließlich serienmonogamen Frauenverschleiß mehr als suspekt (und ich bin sogar davon überzeugt, dass ein großer Teil dessen, was ich weder politisch noch inhaltlich noch menschlich an ihnen ausstehen kann, mit ihrem skurrilen moralischen Kompass zusammen hängt). Aber ich trenne das irgendwie trotzdem.
Und dann dachte ich nach und las das eine oder andere (nein, nicht in Medien, da war nur abstrus von "Affäre" die Rede, was ich immer für eine Umschreibung von Bigamie hielt). Und hörte dies und das von Leuten, die in Schläfrig-Holstein besser vernetzt sind als ich, was mich erschaudern ließ. Und dann war ich erstmal still.
Denn trotz allem geht es hier nicht um Moral. Dachte ich auch erst, stimmt aber nicht. Es geht um Reife und um Persönlichkeit und um Haltung. Leider weiß ich nicht mehr, wer es war, der mich (auf Facebook) auf den Gedanken brachte, aber er stimmt. Ich habe ihn offline ausgetestet, er stimmt. Und darum schreibe ich ihn auf:
Ich habe jugendliche Söhne. Ich kenne 16-jährige Mädchen, weil die Jungs mit solchen rumhängen. Ich bin ungefähr so alt wie von Boetticher. Und ja, es kann passieren, dass da Mädchen sind, die flirten, sogar mit mir. Die sind 16, Hallo! Es wäre sogar denkbar, dass sie denken würden, sie wären in mich verliebt (ist mir nicht passiert, so weit ich weiß, aber das wäre rein theoretisch denkbar, wenn man mal von meinem Übergewicht absieht und davon, dass ich komisch bin).
Wie verquer müsste ich sein, wenn ich darin etwas anderes vermuten würde als jugendliche Experiementierlust und Schwärmerei? Wie weit müssten mein Selbst- und mein Fremdbild auseinanderklaffen? Wie verantwortungslos müsste ich sein? Wie bekloppt sind die, die behaupten, ein Mann in meinem Alter und ein Mädchen im Alter meiner Kinder würden eine gleichberechtigte, symmetrische Beziehung führen können (denn das wäre sie, wenn es Liebe ist, Liebe geht nicht asymmetrisch)?
Meine Frage an von Boetticher ist keine moralische. Es ist eine nach seiner Reife. Und seiner Eignung zu einer Führungsaufgabe. Darum geht die Parallele mit Müntefering oder Kohl oder Seehofer oder sogar Wulff auch fehl. Ja, der eine oder andere mag viel älter sein oder moralisch viel verkommener. Aber außer Ole von Beust ist mir kein Fall bekannt (was nicht viel heißen soll), in der eine derart asymmetrische sexuelle Beziehung öffentlich wurde.
Und asymmetrisch meint hier: Der Erwachsene muss in einer Beziehung zu einem Kind oder Jugendlichen (und zwar in jeder Beziehung, ob wie hier in einer sexuellen oder unter normalen Umständen in einer lehrenden, erziehenden, arbeitenden) immer mehr Verantwortung für die Beziehung übernehmen als das Kind oder die Jugendliche. Selbst in einer auf Partnerschaftlichkeit angelegten Beziehung übernehme ich als (im Idealfall reiferer) Erwachsener ein Mehr an Verantwortung. Alles andere wäre unreif und schädlich.
Und darum bin ich nach einer knappen Woche nun doch der Meinung, dass es mehr als richtig ist, dass von Boetticher keine Führungsaufgabe mehr übernimmt. Weil sein Verhalten uns zeigt, dass er unreif ist, keine Verantwortung übernimmt, sich nicht von außen betrachten kann. Alles Eigenschaften, die mir persönlich wichtig sind bei einem, der das Amt anstrebt, das er anstrebte. Bei aller Leichtigkeit des Seins ist ein bisschen Ernsthaftigkeit nie schädlich. Und ein Kompass auch.
Sonst wird es so wie bei Schröder, Fischer oder von Beust. Das aber wäre eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden könnte...
Es gab Zeiten, in denen guter Journalismus Geschichten von echten Menschen erzählt hat, von Schicksalen beispielsweise. Nur leichte Verfremdung oder auch gar keine waren nötig, denn die Menschen, um die es ging, die Opfer von Verbrechen oder Missverständnissen wurden, waren weit weg. Nur die Zeitungsleute kannten sie und einige wenige Bekannte oder Nachbarn erkannten sie durch den Bericht hindurch.
Diese Zeit ist vorbei. Im Großen und im Kleinen. Das kann als Journalist bedauern, wer will. Was ich aber gefährlich finde, ist, wenn die journalistische Arbeit nicht von Zweifeln angekränkelt ist, ob die alten Methoden noch ausreichen, um sauber zu sein - und beispielsweise Opfer zu schützen.
Das wurde mir so deutlich, als ich vor ein paar Tagen einen Fall in mehreren Hamburger Zeitungen verfolgte, der überall groß (und bei der Mopo, aber wer wollte das anders erwarten, verblödet reißerisch entstellt "K.O.-Tropfen im Messwein", aber lassen wir das, wir wollen ja über Journalismus reden) gefahren wurde.
Es ging, grob, um einen sehr unklaren Sex-Fall in einer Kirche, denkbar ist, dass Vergewaltigung im Spiel ist. Ich formuliere es so zurückhaltend, weil nichts klar ist bisher. Die Angaben, die beispielsweise im Hamburger Abendblatt über die beiden beteiligten Erwachsenen gemacht wurden, haben dazu geführt, dass ich 20 Sekunden brauchte (Google und archive.org sei Dank), um den ersten Namen rauszubekommen und festzustellen, dass ich den Menschen kenne. Und weitere 25 Sekunden, um den anderen Menschen eindeutig zu identifizieren, den ich nicht kannte - und von dem das Abendblatt, weil es möglicherweise das Opfer war, nicht mal einen (Vor) Namen nannte. Weitere 20 Sekunden, und ich hatte Bilder und die gesamte bisherige Biografie dieses Menschen, obwohl aus Profilen bei Xing und Facebook die Bilder "gelöscht" worden waren. Die Angaben im Abendblatt waren - für mich - so wenig anonymisiert, dass ich wusste, von welchem Portal die Zeitung die wesentlichen Infos über den Menschen hatte.
Nun kann man - zynisch - argumentieren, dass dieser Mensch sich ja nicht einem Medium gegenüber hätte äußern müssen (was offenbar in einem Fall geschehen ist). Aber ich habe mich (auch angesichts der imho an sich nicht wirklich berichtenswerten Geschichte) schon gefragt, ob das Abendblatt aus diesem Vorfall wirklich eine zwei Tage lange und insgesamt fast eine ganze Zeitungsseite große Skandalgeschichte machen musste, deren Motivation am Ende doch vor allem sich daraus speist, dass Sexskandale und Sexverbrechen in Kirchen (und noch recht frisch ja in der evangelischen Kirche in Hamburg, siehe den Rücktritt der Bischöfin) gerade so gut funktionieren.
Vor zehn Jahren wäre die Zeitungsgeschichte nicht wirklich problematisch gewesen, denn ich hätte nur gewusst, um wen es geht, wenn ich jemanden kenne, der vor Ort wohnt, in der Kirche aktiv ist und mir Auskunft gibt. So habe ich nach einer knappen Minute alle Infos über die beteiligten Menschen. Nun wird jemand anders sich diese Minute Arbeit vielleicht nicht machen, der nicht ohnehin den Eindruck hätte, dass er einen der beiden Menschen kennen müsste, von früher. Aber das macht es nicht besser.
Liebe Journalisten, seid ihr euch wenigstens bewusst gewesen, als ihr diese Geschichte schriebt und ins Blatt gehoben habt, dass ich ohne jede Anstrengung sofort alles das weiß, was ihr so verantwortungsvoll nicht sagt? Wovon ihr dachtet, dass ihr es quasi anonymisiert habt? Oder glaubt ihr wirklich, dass es noch immer so ist wie früher? Dass wir mit Schauder, Empörung oder Freude euren Geschichten lauschen, von denen wir wissen, dass wir nie wissen werden, um wen es in Wirklichkeit geht?
Ich habe keine Lösung. Aber ich frage mich, ob solche Geschichten wie die, an der es mir jetzt so sehr aufgefallen ist, noch geschrieben werden sollten. Und wenn, ob sie noch so geschrieben werden sollten. Ob der Anspruch, Menschen und ihre Privatsphäre und Würde zu schützen, neue Kriterien für Geschichten braucht. Gerade im skandalisierenden Lokaljournalismus.
Ich leide. Immer noch nahc so vielen Jahren. Denn ich hänge emotional immer noch an der alten Tante. Und einige meiner besten Freunde sind (immer noch) Sozialdemokraten. Aber in der Selbstdemontage haben sie es zur Perfektion gebracht. Erst Simonis. Dann Müntefehring. Dann Beck. Dann die gesamte Partei heute in Wiesbaden.
Das hat keinen Stil. Und es wogt eine Welle des Fremdschämens durch mich. Das hat auch keine Würde. Heute in einem großen Businessmeeting mit Menschen, die nicht alle verdächtig sind, links von der Mitte beheimatet zu sein, war es ein einziges Kopfschütteln, als es durchsickerte.
Ja, Schwarz-Grün ist alles andere als toll gerade, und ich könnte brechen bei dem, was jetzt gerade aus der Schulbehörde in Hamburg kommt. Aber diese Hinterfotzigkeit, die die SPDisten unter einander an den tag legen, ist unübertreffbar. Und da lobe ich mir die Zuverlässigkeit der CDU. Und sogar der Grünen.
Ich könnte knurren und heulen - und muss doch irgendwie beinahe lachen, wenn ich mir ansehe, wie der letzte Funken Anstand aus einigen entweicht. Und wie die anderen hilflos durch die Welt stolpern.
Verdammt! Dieses Land bräuchte eine SPD. Und hat keine mehr.
OK, der eine oder die andere mag das vor allem lustig finden (und das ist es irgendwie ja auch tatsächlich). Aber das macht die 10 Gebote, die die britische Evangelische Allianz am Montag für das Bloggen vorgeschlagen hat, nicht verkehrter. Und auch für welche, die nicht der gleichen religiösen Überzeugung anhängen, sind das ja durchaus hilfreiche Regeln, finde ich. Coole Idee. Werde ich mir ausschneiden und nach Hause faxen, damit ich daran denke, wenn ich mal wieder am Sonntag vergesse, offline zu bleiben.
1. You shall not put your blog before your integrity. 2. You shall not make an idol of your blog. 3. You shall not misuse your screen name by using your anonymity to sin. 4. Remember the Sabbath day by taking one day off a week from your blog. 5. Honour your fellow-bloggers above yourselves and do not give undue significance to their mistakes. 6. You shall not murder someone else’s honour, reputation or feelings. 7. You shall not use the web to commit or permit adultery in your mind. 8. You shall not steal another person’s content. 9. You shall not give false testimony against your fellow-blogger. 10. You shall not covet your neighbour's blog ranking. Be content with your own content.
Meine Übersetzung, schneidet es euch gerne auch aus:
1. Du sollst dein Blog nicht höher schätzen als deine persönliche Integrität. 2. Du sollst dein Blog nicht zu deinem Gott machen. 3. Du sollst deinen Nickname nicht missbrauchen, um im Schutze der Anonymität zu sündigen. 4. Heilige den Feiertag, indem du dir einen Tag in der Woche eine Auszeit von deinem Blog nimmst. 5. Ehre andere Blogger mehr als dich selbst und zeige nicht auf ihre Fehler. 6. Du sollst die Ehre, den Ruf oder die Gefühle anderer nicht töten. 7. Du sollst das Internet nicht dazu nutzen, Ehebruch zu begehen oder auch nur an ihn zu denken. 8. Du sollst anderer Leute Inhalte nicht klauen. 9. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen gegenüber anderen Bloggern. 10. Du sollst nicht deines Nächsten Blogranking begehren. Sei zufrieden mit deinen eigenen Inhalten.
Dabei ist die Formulierung des sechsten Gebotes aus der entsprechenden epd-Meldung übernommen, beispielsweise von hier.
Update: Gerade gemerkt - die Mail, die ich bekam, hatte die Nachricht aus turi-2 kopiert. Hart an der Kante, gegen das achte Gebot zu verstoßen....
Es ist nicht sehr populär, Tabus in Ordnung zu finden. Tue ich aber trotzdem. Ich finde gerade nicht wieder, wo ich dazu mit Christiane vor einiger Zeit disutiert habe, ich bilde mir ein, das ist nicht lange her, naja.
Aber mir ist es immer wichtig gewesen, dass Tabus mehr als moralische Übereinkünfte oder moralische Stricke sind oder so. Tabus sind die Leitplanken, innerhalb derer ethisches Handeln auch für Nichtexperten und Nichtphilosophen verhandelbar ist, mal etwas sehr verkürzt gesagt.
Heute früh hörte ich einen beachtlichen Artikel von Susanne Gaschke aus der aktuellen Zeit (ich hab ja ab Freitags spätestens das aktuelle Zeit-Audiomagazin auf dem iPod), gerade hab ich gesehen, dass er es - zu Recht - auf Seite eins geschafft hat. Als sie auf die Funktion des Tabus zu sprechen kommt, wurde ichs ehr hellhörig, auch wenn mir der Zusammenhang und die Herleitung nicht so voll zusagt. In ihrem Beitrag über Amstetten schreibt sie:
Auf bestürzende Weise wird uns hier plötzlich klar, in welchem Maße Tabus der Kitt eines friedlichen Zusammenlebens sind, wie zentral – im Sinne des großen deutschen Soziologen Norbert Elias – die Verinnerlichung von »Fremdzwang« zu »Selbstzwang« für den Prozess der Zivilisation ist. Und wie unverzichtbar die Übereinkunft, dass »man« bestimmte Dinge niemals tut – eben Kinder zu vergewaltigen. Beim entsetzlichen Extremfall sind sich schnell alle einig. Aber sonst zeichnen sich moderne westliche Gesellschaften eher durch eine souveräne Verachtung für Tabus aus. Inzest, wenigstens zwischen Geschwistern – warum nicht, wenn beide es wollen? Der Tod als öffentliches Spektakel – warum nicht, wenn der Aktionskünstler Gregor Schneider einen willigen Todkranken für seine Installation findet? Sex immer früher, Gewalt als übliche Zutat der Unterhaltungskultur, die Absage an jeglichen Bedürfnisaufschub – warum nicht, wenn die Leute, die Kunden es so wollen? Der liberale Großtrend zur Tabuverachtung muss keineswegs zu den Untaten von Amstetten geführt haben. Solche Kausalitäten lassen sich sowieso niemals nachweisen. Die Leistung aller tapferen Tabubrecher sieht im Lichte dieser Untaten allerdings etwas weniger heilsam und fortschrittlich aus.
Es ist leicht, im Sinne einer scheinbaren Liberalität Tabus als überkommene moralischer Regeln zu diffamieren, die wer auch immer uns aufdrücken will. Viel schwerer ist es, Regeln für alle verstandesmäßig zu begründen.
Tabus sind, so denke ich, tief in der Geschichte einer Gesellschaft verwurzelt, viele haben sich - wie beispielsweise die Unberührbarkeit von Kindern, die im Mittelalter noch nicht galt - erst langsam entwickelt. Tabus existieren, das fasziniert mich, jenseits unserer Rechtsnormen, auch weitgehend jenseits religiöser Normen. Wenn sie brechen, stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Zunächst mit dem, der sie nicht kennt - aber auch mit denen, die sie aufgeben wollen.
Es muss nicht gleich das Tabu sein, Kinder oder Verwandte in die eigene Sexualität einzubeziehen. Schon das Tabu, jemanden, der am Boden liegt, weiter zu schlagen (um mal ein ganz einfacher, eigentlich "selbstverständliches" zu nehmen), wird ja von immer mehr Menschen nicht mehr gelebt.
Ich habe Angst vor einer Gesellschaft, in der es keine Tabus gibt.
Es ist viel die Rede davon, dass die Eliten verkommen seien, dass es nur die Spitze des Eisberges sei, dass dies schlimm für die (politische? wirtschaftliche?) Kultur in diesem Land sei. Und bei manchen Äußerungen glaube ich das auch fast. Aber dann ist es interessant, einen Blick von außen zu sehen. So wie mein Boss in London, David Brain, der heute über den Skandal gebloggt hat. Er bringt ein Video unserer Deutschlandchefin Cornelia Kunze - und ein paar eigene Gedanken, die von der hier meist üblichen Betrachtungsweise abweichen. Vor allem seine Prognose, dass es auf Dauer der Kultur und der Vertrauenswürdigkeit hilft, hat mich zwar erst überrascht, aber dann überzeugt (und das nicht, weil er mein Chef ist):
Long term this is good for Germany and the rest of us in Europe could probably take a leaf from their book. The ‘perp-walk’ is not uncommon in America where CEOs and board directors go to jail and face personal fines for corruption. A rare thing in Europe and one of the reasons I believe that the institution of business is less trusted here than in America. This very public spotlight on business leaders who do wrong is bad for trust in business short-term, but long-term it’s much better than the usual European slapped-wrist-behind-closed-doors approach.
Man mag über die Medieninszenierung empört sein oder über die moralischen Implikationen nachdenken - beides Sachen, die ich teile - aber dass es am Ende gut ist und den einen oder die andere auch über den eigenen Umgang mit den Steuergesetzen nachdenken lässt, finde ich einen ermutigenden Gedanken. Zusätzlich ertappe ich mich dabei, dass mir das Ganze erstaunlich egal ist. Weder Häme noch Empörung habe ich wirklich empfunden. Von Mitleid ganz zu schweigen.
Vor zehn Tagen war Human Rights Day. Ich habe dazu eine besondere Beziehung. Denn 1995, als ich mein Examen machte, haben wir an diesem Tag unsere Klausur in Systematischer Theologie geschrieben - und das Prüfungsamt und das entsprechende Institut haben in einem (seltenen) Anflug von Zeitgefühl in ihrer ganzen Weisheit ein Thema über die theologische Begründung der Menschenrechte gewählt. Was im Übrigens alles andere als trivial und eindeutig ist, aber das ist eine andere Geschichte, die mit der sehr umstrittenen Handhabung des liberalen Toleranzbegriffs zu tun hat.
six Global Voices bloggers on different continents participated in a conference call with Desmond Tutu, Mary Robinson, and Graça Machel. You can listen to an audio recording of the conversation here (thanks to Preetam Rai).
Es war spannend - und bei Solana ist auch ein Link auf den Audiomitschnitt dieses Gesprächs.
Und dann, einen Tag später, sah ich zum ersten Mal das Plakat der neuen Kampagne von Pilsner Urquell (ein Bier, das ich sehr mag btw). Und das hat mich ähnlich stark geärgert wie seinerzeit die Redefreiheit-Kampagne von Eplus. Ich bin nun wirklich nicht zart besaitet. Und ich habe für Anspielungen und Wortspiele und kulturelle Meme sehr viel übrig. Aber mit Werten, die mir so wichtig sind wie Redefreiheit und Menschenwürde - und die zugleich in so vielen Gegenden der Welt, und wirklich nicht nur weit weg, mit Füßen getreten werden - so billig zu spielen, finde ich - ganz ehrlich - schäbig.
Ich mag den Münte. Und zwar schon immer. Er verkörpert alles, was ich an der alten Tante SPD mag: Pflichtbewusstsein. Bescheidenheit. Askese. Überzeugung. Starrköpfigkeit.
Und ich finde ihn witzig. Höre ihn sogar gerne reden.
Heute hat er meinen ganz besonderen Respekt verdient. Ich hab es zuerst in Nicos Twitterstrom gelesen. (Wie so oft über twitter, ja, wirklich - es ist eine mir wichtige Nachrichtenquelle geworden, gefiltert durch Freunde bekomme ich vieles schneller mit als früher.) Dass Münte nun wirklich seine Prioritäten neu setzt und sich - so klingt es - ganz seiner kranken Frau widmen wird, finde ich toll. Und das macht seinen Verlust für die Politik nur noch schmerzlicher.
Es ist die Tragik solcher Entscheidungen, dass fast immer die falschen sie treffen (müssen). Dass die, die man weniger vermissen würde, sich genau so in so einer Situation nicht entscheiden würden.
In zwei meiner früheren Leben habe ich mit Radio zu tun gehabt: Zunächst habe ich ja damals beim Evangelischen Rundfunkdienst in Hamburg und Kiel volontiert und auch als Redakteur und Moderator gearbeitet und "Kirchenfunk" gemacht. Und später für news aktuell ein Radio-PR-Distributionsprodukt entwickelt und aufgebaut, das heute weiterentwickelt als ots.audio immer noch existiert. Ich habe beide Seiten erlebt und gelebt, die seit ein paar Tagen nach einem keinem Experten jemals als Skandal erscheinenden "Enthüllungsstück" durch den Wolf gedreht werden. Und neben meiner Verwunderung, die ich mit Uwe Mommert von Landau Media teile,
wie eine Agentur seine Kunden in Bedrängnis bringen kann, wenn sie dazu dem Report Mainz (!) ein offizielles Interview gibt und Stolz ihre Clippings zeigt (Mommert » PR ist verboten).*
Neben dieser Verwunderung habe ich auch eine klare Meinung: Ich habe immer schon fertige, so genannte "gebaute" Beiträge abgelehnt. Nicht nur, weil ich der Meinung war, dass sie bei den Radiosendern nicht funktionieren, weil sie - außer bei Marketingkooperationen - von den Moderatoren, die sich als Journalisten verstehen (und ja, ich habe auch bei Privatsendern davon eine Menge kennen gelernt), nicht gespielt werden. Sondern auch, weil ich es für über der Grenze halte, die ich persönlich für vertretbar halte.
Das Produkt, das ich damals entwickelt und in vielen Vorträgen und Roadshows propagiert habe, teilweise gegen die Überzeugung mancher so genannter Fachagenturen für Radio-PR von denen ja auch einige aktuell mit im Visier sind, sah immer ein O-Ton-Paket mit einem Manuskriptvorschlag vor - aus dem, ganz wie bei Footage im TV-Bereich, eigene Beiträge gebaut werden können oder auch nur einzelne O-Töne in einen eigenen Beitrag eingebaut.
Das wiederum halte ich für eine gute und für professionelle Medienarbeit auch unverzichtbare Praxis, die allzu viele Unternehmen unterlassen. So, wie Medienarbeit mit schriftlichen O-Tönen und Pressemitteilungen arbeitet, ist es sinnvoll und hilfreich für alle Beteiligten, auch radiotaugliche O-Töne bereit zu halten.
Die gesamte Diskussion jedoch ist und bleibt bigott. Denn wie kann ein Vertreter der Landesmedienanstalt vom hohen Ross herab argumentieren, die für die Zulassung und Aufsicht dessen zuständig ist, was in NRW über UKW verbreitet wird? Bitte??
* UPDATE 3.9.: Uwe Mommert erklärt nach einem Gespräch mit dem A&B-Chef, dass seine und meine Verwunderung keine Grundlage habe, weil es mit dem Kunden abgesprochen gewesen sei, das Interview zu geben.