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10.9.12

Hannover ist ein bösartiger anonymer Sumpf

Quelle: Das Internet.
Quelle: Hannover.
Quelle: Irgendwelche Leute.

Anders als der Qualitätsjournalismus ist "das Internet" der anonyme Sumpf, der aktuell beispielsweise Schuld am Unwohlsein von Bettina Wulff ist.

Wie Herr Exner in der von mir aus irgendeinem Grund immer noch abonnierten Regionalzeitung schreibt:
Kaum ein Stammtisch, kaum ein Friseurladen, kaum eine Redaktion, in dem die Spekulationen nicht herzlich willkommen geheißen wurden. Das Publizieren dieser heißen Geschichte überließ man allerdings dem Internet.
Das Internet hat viel zu tun.

In den letzten fünfzehn Monaten habe ich von mir namentlich bekannten Personen aus Hannover sowohl gehört, dass Frau Wulff ihren Mann bei der Ausübung eines Berufes kennen gelernt habe, der einen schlechten Leumund hat und als Gerücht zu hohen Absatzzahlen ihren Buches beitragen dürfte. Als auch, dass die frühere Bischöfin der Stadt mit einem früheren Freund lupenreiner Demokraten zusammen sei. Als auch, dass diese beiden letzteren tatsächlich und verbrieft in einem Auto gesessen haben, das dereinst von der Polizei angehalten worden war. Diese Person kennt übrigens alle die Personen persönlich, von denen sie berichtete, sagt sie. Interessant, oder?

Wäre ich Qualitätsjournalist, würde ich jetzt wahrscheinlich die oben als Überschrift dieses Artikels formulierte Aussage treffen. Da ich aber mindestens drei Leute aus Hannover persönlich kenne, die diese Gerüchte nicht verbreiten, lasse ich das.

***

Am Wochenende diskutierte und fragte ich, ob Frau Wulff (und der sie offenbar möglicherweise beratende Herr Spreng) nun besonders doof oder besonders clever ist. Im Kern also, ob es geniale Buch-PR auf Kosten ihrer eigenen Gefühle ist, oder ob sie wirklich glaubt, das Gerücht damit eindämmen zu können. Lustigerweise wollten die Menschen, mit denen ich sprach, beides für möglich halten. Was wiederum ja recht erschreckend ist. Und - aber das nur am Rande - ein echtes Reputationsproblem, das Frau Wulff da hat.

Dabei kann ich es gut verstehen, dass sie sich gegen Gerüchte wehrt, wenn sie nicht stimmen (was ich weder beurteilen kann noch für mich oder meine Meinung über sie und ihren Mann interessant oder relevant finde). Und ich finde es ekelig, wenn Menschen solche Gerüchte erfinden oder weitersagen. Zumal meine Reaktion (inhaltlich) ohnehin ein Schulterzucken war, als ich davon hörte.

Wie wenig der Weg hilft, den Frau Wulff gewählt hat, zeigt in Bezug auf "das Internet" der Kollege Henne in seinem Blog. Und wer am Sonnabend die Seite 1 der bei uns in der Stadt verfügbaren "Bild"-Zeitung sah oder heute die Seite 1 der sich seriös gebenden oben verlinkten Regionalzeitung, konnte sich schon da fragen, was sie eigentlich genau bezweckt. Dass die Bild sie auf der Titelseite als Hure bezeichnet, kann ja an sich nicht ihr Ziel gewesen sein, nehme ich an.

[Update]
Wobei alles in noch interessanterem Licht erstrahlt, da Frau Wulff auch noch eine PR-Agentur gründet. Böse Zungen bringen ja diesen Beruf mit dem aus den Gerüchten in Engführung, was ich aber nicht nachvollziehen kann als jemand, der lange in einer PR-Agentur arbeitete und nun in einer Kommunikationsagentur. Aber die Frage, ob ihr - äh - dum originelles Vorgehen gegen Gerüchte (oder ihr Limonademachen) eine Referenz sei, wage ich doch mit 'nein' zu beantworten.

***

Fun Fact: Ich habe  - ja, nur privatempirisch, nicht repräsentativ - eine Umfrage gemacht. Vor Sonnabend wusste nur eine Person in meiner Umgebung außer mir von den Gerüchten um einen möglichen anderen früheren Beruf der Frau Wulff als in ihrem Lebenslauf steht. Und auch diejenigen, die den ganzen Tag online sind, intensiv facebooken und alle ihre Infos aus "dem Internet" klauen ziehen, hörten davon erstmals aus Radio und Zeitung. Sogar Menschen mit überdurchschnittlichem politischen Engagement und scharfe Kritiker des Ex-Bundeshorsts Wulff. Einige von denen kennen sogar Menschen in Hannover, u know, diesem bösartigen Sumpf.

17.2.12

Mutti muss ran

Update 20.2.
Ok, ich hatte (selbstverständlich) nicht Recht. Hust.
/Update


Als Horst Köhler ein paar Monate im Amt war, dachte ich ja schon, dass es keinen schlechteren Präsidenten geben kann. Es gab frömmelndere (Rau), dümmere (Lübke*), bigottere (Herzog), hölzernere (Carstens) und so weiter. Aber keinen vorher, der so ungeeignet war. Und dann kam Wulff. Von dem bereits bekannt war, dass er zu rund 100% den Durchschnitt der Bevölkerung repräsentiert: Gierig, ehebrecherisch, schlitzohrig, bieder. Ich war darum gegen den Rücktritt. Weil er eben einfach zu diesem Land passt (und um das zu sagen, muss man ja nicht mal Antideutscher sein).

Jetzt muss es Merkel selbst machen. Denn sie wird es nicht über sich bringen, die Käßmann zu bitten und zu unterstützen, dafür ist die zu fest in links-kirchlichen Strukturen drin. Und Gauck? Erst Recht nicht, denn das wäre das Eingeständnis völligen Scheiterns. Für Mekel spricht alles. Denn damit können alle leben. Sie selbst auch. Außer vielleicht Schäuble...

1. Merkel kann es.
Ihre Kanzlerschaft ist vom Stimmungssurfen geprägt und ohnehin sehr präsidal vom Stil. Ihre pastorale Art passt zu dem Amt besser als zu jedem anderen. Sie hat - so wenig ich sie persönlich mag - einen funktionierenden Wertekompass und den Hauch einer Biografie.

2. Es ist Merkels große Chance
Die nächste Bundestagswahl kann sie als Kanzlerin ohnehin nicht überleben. Kein Partner mehr da, eine strukturelle Mehrheit links von der CDU, eine erodierende Partei. Wenn sie nun Bundesmutti wird, muss sie nicht in einen aussichtslosen Wahlkampf ziehen.

3. von der Leyen will sie loswerden
Seit vielen Jahren arbeitet Ursula von der Leyen zielstrebig auf die Kanzlerinnenschaft hin. Jede ihre Äußerungen und Schwenks ist damit erklärbar. Leute, die ich kenne, die sich in der CDU sehr gut auskennen, reden seit Jahren davon, wie kalt und stringent sie auf dieses Ziel hinarbeitet. Sie wird alles dafür tun, dass Merkel Bundespräsidentin wird, denn dann ist der Weg für sie offen. Und selbst eine Wahlniederlage wäre kein Schreck für sie: Sie wäre schließlich nicht wirklich schuld.

4. Die Opposition, vor allem die SPD, wäre damit gut eingebunden
Denn Merkel ist die mit Abstand stärkste Waffe der CDU für den bevorstehenden Bundestagswahlkampf. Das zeigen ja auch die Überlegungen der SPD, Merkel nicht direkt anzugreifen. Wenn sie Bundespräsidentin wäre, wäre die SPD ein Problem los: Dass Merkel weit populärer ist als ihre Partei. Und: Sie haben ja gut zusammen regiert, Merkel wäre genau die überparteiliche Kandidatin.

Ihr seht also: An Merkel als Bundesmutti führt kein Weg vorbei. Und es wäre auch halbwegs originell und würde zu ihr passen.

Update 20.2.
* Und weil der eine oder die andere hier und auf anderen Kanälen vor allem dieses kritisierte: Nein, ich meine nicht den kranken Lübke und mache mich nicht darüber lustig. Wer ein bisschen über meinen familiären Hintergrund weiß, wird nachvollziehen können, dass Demenz nicht mein bevorzugtes Spaßthema ist. Dass Lübke auch vorher keine Leuchte war, ist eher das Thema hier. Und ja, ich habe mich mit Lübke intensiver beschäftigt. In der Zeit, als ich mich mit Architektur und der Gruppe Speer intensiv auseinandersetzt habe. Und ja, ich habe die Einschätzung von Leuten, die ihn kannten, bevor er öffentlich krank war.
/Update

2.6.08

Es ist gut, dass jemand gegen Horst Köhler antritt

Ich gehöre zu der verschwindenden Minderheit, die Horst Köhler, den Bundeshorst, für einen richtig schlechten Präsidenten hält. Vor drei Jahren und sieben Tagen habe ich dazu im damaligen Wahlblog was geschrieben - und mich erschreckt fast, dass es noch gilt:
[...] Zumal es zu jeder seiner hervorstechenden Eigenschaften einen Präsidenten gab, bei dem sie stärker ausgeprägt waren:
* In aller intellektuellen Schlichtheit kann er doch Heinrich Lübke in dieser Disziplin nicht das Wasser reichen.
* Selbst in der offenkundigen Parteilichkeit wäre ich mir nicht sicher, ob er nicht in Gustav Heinemann seinen Meister findet.
* In einer latent bigotten bodenständig-evangelischen Frömmigkeit kann ohnehin niemand Karl Carstens das Wasser reichen. Ironisch nur, dass ihm nun von SPD-Seite vorgeworfen wird, dass er nicht wie dieser die Verfassung biegen will.
* Ob er in der markigen und nur bedingt demokratieverträglichen Ruckempfänglichkeit an Roman Herzog wird anknüpfen können, muss sich erst noch erweisen.

Komödiantischer Dünnbrettbohrer in der Schönen Aussicht? [Wahlblog]
Insofern bin ich bei aller Skepsis ob des strategischen Eiertanzes der SPD doch froh, dass sie schlussendlich aus der verlogenen Bundeshorst-Wiederwahl-Besoffenheit erwacht ist und sich anders entschieden hat. Denn der Mann ist und bleibt da, wo er gerade ist, an der falschen Stelle, finde ich.