Posts mit dem Label rant werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label rant werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

18.5.14

Typisch für Doitschland. Oder auch: mimimimi

Dies ist ein Rant oder soll einer werden. Das vielleicht vorne weg, damit es niemand übersieht, weil es nur in den Stichworten steht. Und ich werde keinen der vielen Artikel und Posts verlinken, über und gegen die ich hier rante, denn ich bin zu faul und zu deutsch, um sie jetzt wieder rauszusuchen. So Leute wie Christian Jakubetz oder Henning Groß oder Martin Weigert werden es auch so merken oder auch nicht, ist mir eigentlich auch egal. Denn bei einem Rant geht es, wie ihr wisst, um mich. Und nicht um euch. Ha. Und für die, die lieber was nettes und positives lesen wollen, setze ich unten noch mal ein paar Links auf positive Posts. :)
Stolz und Vorurteil, 31. Kapitel
Manchmal denke ich ja, dass es kein Zufall ist, dass Stolz und Vorurteil aus England stammt und Effi Briest aus Deutschland. Dass der Unterschied zwischen Austen und Fontane über mehr etwas aussagt als nur über literarische Qualität. Naja.

Jedenfalls musste ich das gesamte Wochenende, wenn ich nicht gerade auf der Rennbahn, genauer: an der Ovalbahn stand und meinen Kindern beim Sport zuguckte und mich um ihre Pferde kümmerte, an jene wunderbare Passage im 31. Kapitel von Stolz und Vorurteil denken, kurz bevor der Scheitelpunkt der Geschichte naht. Und überhaupt, dachte ich mal wieder, rede ich nicht gerne mit Leuten, die noch nie was von Austen gelesen haben. Wenigstens dieses größtartigste Buch von ihr. Naja.

Und dann fragte ich mich mal wieder, wieso eigentlich so viele Leute aus meiner Ecke des Internets so enorm in ihrer nationalen Filterblase gefangen sind (plus, das muss ich zugeben, dem winzigen Teil der internationalen Szene, die da, in dieser Blase, reflektiert wird). So dass in mir der Beschluss reifte, einfach mal gegen Gassner's Law (googelt das, hab ich keine Lust, zu erklären. Wer es nicht versteht, ach auch egal) zu verstoßen und wild hinauszurufen, was mich so ankotzt an diesem Mimimi der Leute rund um Leute, die was gründen oder einen Gruenderus interruptus vorbereiten. Naja.

Gestern dachte ich noch daran, dass ich seit Jahren keinen Vortrag eines Amerikaners oder einer Amerikanerin mehr gehört habe, in dem nicht bei den Beispielen oder Kronzeuginnen mindestens die Hälfte Frauen waren. Aktuell am Donnerstag wieder der von Rei Inamoto auf dem ADC-Kongress. Ganz selbstverständlich übrigens und ohne dass es einer Rede wert wäre. Dass ich es hier aufschreibe, ist eigentlich schon wieder so ein Ding mit Doitschland. Naja.

Ich finde es so sauschade, dass es sich Gründerinnen und Gründer in Doitschland so schwer machen, dass sie es so schwer haben. Und ganz un-rant-ig sehe ich dafür auch Gründe. Drei. Mit denen sich unsere Szene wirklich unterscheidet von allem, was ich in zivilisierten Ländern, also ohne Frankreich, erlebt habe. Zum einen, dass sie so erstaunlich wenig marktorientiert ist. Zum anderen, dass sie so dumpf national vor sich hin dümpelt und abgekoppelt ist von den weltweiten oder anderswo stattfindenden Diskursen. Und zum dritten, dass sie geschlagen ist mit einem so trist-traurigen Fanboytum, dass es einen schüttelt. 

Aber erstmal weiter ranten. Ich mein, wenn ein Don Alphonso in seiner besten Zeit, die nun auch schon mehr als acht Jahre zurück liegt, selbst damals also nur ein trist-trauriger Abklatsch eines Loren Feldman war. Wenn es hier allen Ernstes Leute gibt, die Kritik, wie sie hier geübt wird, nicht etwa darum für im internationalen Vergleich doof finden, weil sie so zahm und konstruktiv ist, sondern die offenbar nicht mal wissen, wie krass beispielsweise in den USA solche Diskussionen laufen. Wenn ich die Leute mit der Lupe suchen muss, die sich an das so genannte Kathy Sierra Incident erinnern und wissen, wie radikal das damals die Szene der Webpublizisten und der Techblogs verändert hat. Naja. 

Das macht echt keinen Spaß. Denn ich bin mir sicher, dass die struntzdumme Fanboycrowd der wichtigste Grund ist, warum sich die Achtsamkeitskultur in der Web- und Gründungsszene in Doitschland so weit vom internationalen Standard abgekoppelt hat, dass es schmerzt. Und in den letzten fünf, sechs Jahren hat es sich bewährt, eine kurze Frage nach dem Kathy Sierra Incident als Lakmustest für die Satisfaktionsfähigkeit eines Diskursgegenübers zu nehmen. 

Ich kenne selbst auch nur Skandinavien und die USA genauer. Aber dass da mit viel Pomp ein Projekt aus der Taufe gehoben würde, das fast ausschließlich aus Leuten besteht, die sich bereits kennen. Und dass das dann von deren Freundinnen per Akklamation der Diskussion entzogen würde. Das ist schlicht undenkbar und ein super trauriger doitscher Sonderweg. Der, da bin ich sicher, sehr viel mit dem großartigen, stilbildenden, weltweiten Erfolg deutscher  Startups zu tun hat. Naja.

Sich mit Menschen zu umgeben, die einem widersprechen, ist nicht so typisch in Doitschland. Und das ist - um es einmal sehr zurückhaltend zu formulieren - echt kakke. Und führt eben zu dem gleichen Phänomen, dessentwillen auch Petzen und Denunziantentum so typisch doitsch ist. Denn in allen zivilisierten Ländern sind die, die hier so beschimpft werden, Heldinnen. Die Angst vor Kritik, die geradezu religiöse Verehrung der Vorturnerinnen Vorturner der eigenen Filterdings, die Beschimpfung derer, die Fragen stellen - all das ist ein doitscher Irrweg. Und der wird nur noch getoppt von der Weigerung seiner Protagonistinnen, die normalen und gesunden Diskurskulturen in gründungsfreundlichen Ländern zu sehen und anzuerkennen. Die viel mit Kritik, mit sehr früher Kritik vor allem zu tun haben - und über die Jahre dazu führten, dass eben nicht nur gleiche vom gleichen sich zusammen tun, nicht nur Sebastians oder Stefans Freunde, sondern Fremde. Spannende Menschen, die einander über zwei Ecken kennen. Und sich als allererstes einmal sehr genau das Marktpotenzial angucken. Und wen sie gewinnen wollen. Und darum ansprechen. Auch übers Team, auch über den Namen, auch über die Kultur.

Und hier alle nur so Mimimi.






Update 20.5.
Und weil mich erschreckt, wie Claudia Klinger das Netz wahrnimmt, hier noch fünf Links auf Posts, in denen ich positiv auf das Leben und das Netz und so zugehe:

Richtiges Leben
Hausgeburten und Krankenhäuser
Kontinuität und Widerstand
Geht alles doch
Demut

10.4.13

Kopf hoch, tanzen

Jetzt hört mal auf zu Jammern. Maybe oder YOLO oder was weiß ich. Legt mal diese alberne Neon-Pose ab. Ihr seid ja schlimmer als die Generation meiner Eltern, die auch nicht erwachsen werden wollte und zig Berufsjugendliche hervorgebracht hat.

Ich hab ja oft über diese Generation geschimpft, die sich Y oder YOLO oder Millennials nennt. Was mich aber am allermeisten stört: Das weinerliche, jammernde Ausschauen nach einem Schlaraffenland (googlet das, wenn euch das nichts mehr sagt). Dafür gibt es keinen Grund, also für das Jammern jetzt. Für die Scheu, sich zu entscheiden.

Aus einem nun schon etwas längeren Leben kann ich euch berichten: Das Leben ist toll oder kann es sein. Und keine Entscheidung, kein Job, kein Haus ist für die Ewigkeit. Nicht mal ein Studium oder eine Ausbildung. Was habe ich allein schon alles gemacht an Berufen. Und was haben alle die Leute in meinem Alter, die ich kenne, alles schon gemacht. Na und? Mein abseitiges Studium würde ich immer wieder machen, und sei es nur für mich. Aber ich dachte danach auch nicht, ich sei jetzt fertig und könnte irgendwas außer studieren.

Ich weiß nicht, was es ist, das die von euch, die da rumjammern, von den anderen, die da richtig ranklotzen oder ausruhen oder Feierabend machen oder Kinder bekommen oder Bücher schreiben oder eine Firma gründen oder so, unterscheidet. Mein Verdacht ist: Ihr erwartet zu viel Kribbeln. Und zu viele gebratene Tauben.
Mich macht das wahrscheinlich auch deshalb so emotional, weil die ersten meiner Kinder gerade an der Schwelle sind, die erste echt wichtige Weiche selbst zu stellen. In gut zwei, drei Jahren sind sie aus der Schule raus. Und müssen einen ersten Weg einschlagen. Selbst wenn der nicht für ewig oder nur für lange ist.
Ich finde es super, wenn jemand klare Erwartungen und Ansprüche ans Leben und Arbeiten hat. Und ich finde es auch ganz klar, dass "wir Unternehmen", "wir Chefs" darauf hören. Von euch lernen, was euch wichtig ist. Und das auch machen, also das Hören, ohne gleich zu denken, dass ihr doof seid (jaja, ich weiß, manchmal tue ich so, als ob ich euch doof fände, aber pssst, das stimmt eigentlich nicht, auch wenn ich mich manchmal über euch ärgere). Und uns auch, denn es gibt irgendwie nicht so viele von euch, auf euch einstellen, vieles ändern an dem, wie wir arbeiten, wenn es sein muss.

Nur: Wenn ihr jammert, wie dieser Volontär bei Springer in diesem von so vielen von euch verlinkten Artikel in der "Welt", dann verstehe ich euch nicht. Optionen und Auswahl ist doch irre. Dann macht was. Und wenn wir euch nicht gefallen, geht ihr wieder. Wenn ihr so toll seid, wie ihr glaubt, dann habt ihr doch die Option zu gehen. Wenn wir euch aus eurer Komfortzone zu treiben versuchen (um mal dieses Modebuzzwortdings zu verwenden) und euch das zu anstrengend oder doof ist, dann geht halt. Erlebe ich auch immer wieder. Ist auch ok, warum nicht. Macht eure Erfahrungen. Aber jammert nicht rum.

Um noch einmal auf meine lange Erfahrung mit diesem Leben, das ihr nur einmal leben wollt, zurückzukommen: Es kann toll sein - aber nicht immer. Es gibt auch mal Durststrecken. Auch im Job. Es gibt auch mal Chefs, die etwas von mir wollen, was ich doof finde. Und es gibt immer wieder die Erfahrung zu machen, dass das nicht automatisch tatsächlich doof ist, nur weil ich das dachte. Manchmal ist es selbst auf dem Ponyhof anstrengend, fragt mal meinen Sohn, der verbringt da viele Stunden in der Woche. Und verzeiht mir, dass ich so klinge wie euer Vater. Vielleicht ist der allerdings auch nicht so doof.

Mein Eindruck, wenn ich mit anderen Chefs in meinem Alter spreche, ist manchmal, dass einige von uns es sich und euch zu leicht machen. Und dass einiges von eurer Unzufriedenheit (wenn die denn das Problem sein sollte) daher kommen könnte, dass wir euch nicht genug fordern. Euch nicht genug antreiben. Euch nicht genug quälen mit dem, was wir von euch und mit euch wollen. Lustigerweise höre ich das auch immer wieder von Leuten in meinem Alter: dass sie euch irgendwie mal schütteln wollen würden, damit ihr euch etwas schneller bewegt. Oder euch mal ausdenkt, wo ihr hinwollt oder was ihr wollen könntet. Egal, ob das dann sofort was wird. Oder euch bewusst macht, was ihr noch lernen könntet, wenn ihr wolltet. Sogar von uns.

Kurz nachdem ich vor zwanzig Jahren geheiratet hatte, gingen viele Beziehungen in unserem Bekanntenkreis in die Brüche. Und ganz oft hörten wir als Grund, es habe nicht mehr gekribbelt. Es ist also keineswegs so neu, was ihr fühlt und erlebt. Da sind wir alle durch. Wir waren mehr als ihr und haben, auch die gut ausgebildeten und intelligenten Akademikerinnen, mehr darum kämpfen müssen, die ersten Chancen im Beruf zu bekommen. Aber das ist auch der einzige Unterschied.

Und darum nehmt mal den Kopf hoch. Oder, wie es Kurt Marti sagte: "Wo kämen wir denn hin, wenn alle nur sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um nachzusehen, wohin man denn käme, wenn man denn ginge".

15.3.13

Überschätzte Millennials

Eigentlich ist es verrückt. Denn ich bin nur rund 15 Jahre älter als sie. Das ist gerade mal die Zeit, die Secundus auf der Welt ist. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass Welten zwischen uns liegen. Den in Medien und Literatur so genannten Generationen X und Y.

Schaut euch nur mal den Zeit-Artikel aus der letzten Woche an, der sicher nicht nur in meiner Branche (Beratungsdings) viel ventiliert wurde. Von vielen Millennials las ich Dinge wie: "Guckt mal, so sind wird" oder "Liebe Unternehmen, wenn ihr was über uns wissen wollt". Alles gut. Und ja, ich habe auch sehr darüber geschmunzelt, diese Generation die "Generation Pippi Langstrumpf" zu nennen (was leicht unfair ist, denn die war auch eine Heldin aus unserer Kindheit).

Vielleicht passt es auch sogar besser als beabsichtigt. Denn Pippi macht sich die Welt nicht nur, wie sie ihr gefällt (was im Übrigen nur der Titelsong der Fernsehfilme ist und so inhaltlich in den Büchern gar nicht vorkommt - ich lese die seit über zehn Jahren dauerhaft meinen vielen Kindern nacheinander vor). Sondern verachtet auch Plutimikation. Denn warum sollte sie eine Frage beantworten, die das Frollein ja auch sich selbst beantworten kann. Erinnert ihr euch, oder?

***

Bis heute ist mir eine Schlüsselgeschichte ins Gedächtnis eingebrannt. Vor mehreren Jahren. Wir trafen uns. Eine Branchenkollegin, große, renommierte Agentur, die dafür zuständig war, mehrere Juniorinnenstellen zu besetzen. Sie ließ sich auf den Sessel plumpsen und war endgenervt: "Wo sind denn bitte die gut ausgebildeten, neugierigen Akademiker mit halbwegs akzeptablen Manieren, die uns alle versprochen haben?" Nach fünfzehn Gesprächen, zu denen die eingeladen worden waren, die die am wenigsten schlechten Bewerbungen schickten. Nicht eine Kandidatin dabei, die in Frage kam.

***

Beinahe ebenso endgenervt schrieb ich selbst eine andere Schlüsselgeschichte schon vor rund zwei Jahren in dieses Blog rein. Über Menschen, die besoffen sind ob ihrer eigenen gefühlten Relevanz. Deren Selbstwahrnehmung ("Ich, Pippi, mache mir die Welt wie sie mir gefällt") und Fremdwahrnehmung ("Du, Pippi, vielleicht solltest du doch mal Plutimikation lernen") auf eine Art und Weise auseinander fällt, die mich immer noch ratlos macht.

***

Vielleicht ist es so und die Demografie spielt den Pippis in die Hände. Und vielleicht ruhen sich einige auch auf solchen feiernden Artikeln wie in der "Zeit" aus. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht arbeiten wir  X-erinnen einfach weiter, bis wir achtzig sind, bevor wir uns damit abärgern, Leuten Plutimikation beizubringen (oder auch nur zu erklären, warum es hin und wieder gut sein könnte, zu wissen, was das ist), die glauben, schon alles zu wissen. Vielleicht ist es auch so, dass die Millennials, wie viele in der Babyboomer-Generation, zwischen zwei leistungsbereiten Generationen zerrieben werden. Glücklich, ja. Aber verloren.

***

Schon vor über zehn Jahren hatte ich einen Kollegen, der seine Stunden reduzierte. Er hatte es durchgerechnet. 20% weniger Gehalt (brutto) war ihm der eine freie Tag in der Woche wert. Und dann lernte er in der Zeit Segelfliegen. Der war ein Guter. Und ist es bis heute.

***

Es muss sich etwas ändern in der Organisation von Arbeit. Und das tut es auch. Das treiben aber gar nicht diese Millennials, die sich gerade für Trendsetter halten - sondern die Menschen, die Kinder bekommen und trotzdem weiter arbeiten (wollen und werden). Die leistungsbereit und leistungsfähig sind und organisiert und erwachsen. Die wissen, was sie können - und einen ungefähre Vorstellung haben von dem, was sie nicht können. Und davon, wie andere einschätzen, was sie können. All das gibt es auch unter Millennials. Ich kenne da auch viele, habe solche auch schon eingestellt. Und vielleicht ist es unfair, diesen Punkt so stark zu betonen. Aber mich stört es massivst, wenn in der Diskussion um die Generation Y, die Pippis, die Millennials immer so getan wird, als wären die (alle) gut ausgebildet oder gar gebildet (im Herzen und im Hirn) - und nur die böse Arbeit mache sie kaputt.

Im Gegenteil: Arbeiten ist gesund. Ich kenne niemanden, die Stress mit der Menge von Arbeit engführen würde. Wenn junge Leute, wie im Zeit-Artikel beschrieben und wie ich es teilweise auch beobachte, häufiger den Job wechseln als andere - dann kann das daran liegen, dass die Firma doof ist. Dann kann das aber auch daran liegen, dass sie selbst doof sind (oder überfordert oder sich für weiter hielten, als sie sind, etc). Das werfe ich ihnen nicht mal vor - denn ihre Ausbildung ist einfach oft ein Witz, wie sollen sie damit etwas können. Vor allem, wenn sie von der Hochschule kommen. Da können sie auch nichts für, denn die Hochschulen haben andere für sie zerstört.

***

Als älterer Mensch lerne ich viel von jungen Leuten. Von ihrem Blick auf die Welt, von ihrem Selbstbewusstsein, von dem, was sie sich erträumen. Darum frage ich sie, was sie wollen, wo sie hinwollen. Und ich bilde mir ein, dass - zumindest im beruflichen Kontext - einige junge Leute auch von mir lernen können. Das biete ich ihnen an.

Führung ist vielleicht komplizierter geworden, weil die alten Anreizsysteme out sind und teilweise ja auch wirklich nicht mehr funktionieren. Auch bei mir nicht. Und arbeiten ist an einer Stelle anstrengender geworden - weil es ein hohes Maß an intrinsischer Motivation erfordert. Das war immer schon so, wenn ich glücklich werden wollte bei der Arbeit. Aber heute ist es in den Fokus gerückt.

Darum stelle ich die überschätzten Millennials (und vor allem die, die sich selbst überschätzen) in der Regel vor eine ganz einfache Auswahl: Entweder ihr haltet euch für fertig. Dann seid ihr da angekommen, wo ihr beruflich im Leben ankommen könnt. Wer will schon Karriere, wenn es bequem und gemütlich ist. Oder ihr wollt lernen. Dann freue ich mich, euch als ein Coach dabei zu begleiten.

So oder so:
Hört auf, zu jammern.
Und lebt.
Oder tut was.

Dass ich ganz viele Millennials kenne, die das tun, freut mich sehr.

tl;dr
Ich bin ein alter Sack und finde, die Millennials werden maßlos überschätzt. Vor allem aber überschätzen viele von ihnen sich auf fast groteske Weise.

tl;tl;dr
Ich bin alt und ihr seid doof.

28.2.13

Wer Kundenkritik scheiße findet, sollte den Job wechseln

Gestern plädierte ich dafür, dass zumindest diejenigen, die ein bisschen was von Onlinekommunikation verstehen, auf dieses böse Wort Shitstorm verzichten, das sich bei den Laien für Onlineerregungszyklen etabliert zu haben scheint. Das traf nicht nur auf Zustimmung, beispielsweise im Blog der Kolleginnen von pr://ip und davon ausgehend in der kurzen Googleplus-Diskussion bei Christoph Salzig. Anderen war ich nicht deutlich und zornig genug.

Also werde ich mal etwas deutlicher: Geht's noch?

Mir geht es nicht um das Wort. Mir geht es um darum, dass es Leute gibt, die ein ohnehin nur mäßig komplexes Problem (Leute beschweren sich online) durch eine weitere und überflüssige Komplexitätsreduktion fröhlich weglächeln oder hektisch scheineskalieren. Und das finde ich scheiße. Nicht aber Kundinnenkritik.

robidog
Symbolbild: "Scheiße" (CC BY-SA-2.0 dev null)
Ich kann verstehen, wenn jemand in einem Unternehmen bei 15 Kundinnenbeschwerden auf der Facebookseite "Shitstorm" kräht, weil sie damit sofort die Aufmerksamkeit der Marketingleiterin oder der Geschäftsführung bekommt. Geschenkt. Bin ich Kommunikationsprofi genug, das als akzeptablen Weg im Ressourcenkrieg zu sehen. Aber dann?

Anzunehmen, es ginge bei dieser Entrüstung der Kundinnen um ethische Verfehlungen des Unternehmens? Ums Prinzip? Um eine Welle? Geht's noch?

Oder darum, dass ein Mob anonym drauflos prügelt? Bei 15 Leuten? Mob? Geht's noch? Schon mal im Callcenter des Unternehmens gewesen? Oder schon mal fünf Minuten in der Fußgängerinnenzone in Plön den Leuten zugehört?

Wer Kundinnenkritik scheiße findet, sollte den Job wechseln. Denn nichts anderes als diese Haltung spricht ja aus der Vorstellung, Kritik, und sei es harte und unsachliche Kritik, sei ein Shitstorm. Sagte ich schon, dass es mir nicht um das Wort geht? Sondern um die roten Stressflecken?

Weisere Leute als ich es bin sprechen von einer Kultur des Aushaltens, die ein Unternehmen entwickeln müsse, wolle es in der heutigen Zeit online bestehen. Und nicht von einer Kultur der hektischen Überreaktion und scheineskalierenden Komplexitätsreduktion.

Um es mal klar zu sagen: Leute, die aus Akquisegründen (oder was weiß ich warum) wider besseres Wissen die Wirklichkeit verzerren, um sie so wunderbar plakativ einfach zu haben wie die Kundin sie gerne hätte, finde ich scheiße. Nicht aber Kundinnenkritik.

Wenn ein Unternehmen mit Filialen in jedem Unterzentrum sich von seiner Agentur einen TV-Spot aufschwatzen lässt, der - sagen wir es mal so, wie es ist - scheiße ist. Und wenn dann einige wenige Kundinnen sich beschweren, das Unternehmen würde damit Tierquälerei unterstützen. Und wenn dann einige wenige Aktivistinnen von Tierschutzorganisationen eine kleine und wenig erfolgreiche Onlinekampagne starten. Dann ist das vielleicht doof gelaufen. Dann ist das vielleicht auch echt unangenehm. Aber dann ist das kein Shitstorm. Und auch - zumindest von den Kundinnen - echt nicht scheiße.

Mir ist im Grunde egal, welches Wort ihr benutzt, wenn ihr massive Erregungen, die sich in kurzer Zeit online hochschaukeln, beschreiben wollt. Echt. Aber hört verdammt noch mal auf, mit diesem Wort auch all das zu belegen, was normale Kommunikation von zornigen, enttäuschten oder engagierten Menschen ist. Wer Kundinnenkritik nicht aushalten kann und in die Nähe von Scheiße bringt, hat den falschen Job. Und wer das als Beraterin nicht korrigiert, versagt. Punkt.

Und dann zum Schluss noch eine kleine Anmerkung zu einem mit dem S-Wort verwandten Thema, das immer wieder von den gleichen Leuten in diesen Diskussionen kolportiert wird: zur angeblichen Enthemmung der Menschen und ihrer Kritiktonalität durch Facebook & Co.

Geht's noch??

Wer auf die Idee kommt, dass die - zugegebenermaßen oft etwas derben und unfeinen - Formulierungen von Menschen im Rahmen ihrer online geäußerten Kritik "enthemmt" seien, hat wahrscheinlich in den letzten dreißig Jahren noch nie mit Menschen zu tun gehabt. Menschen sind so. Und reden so. Ja, du auch, wenn niemand zuhört. Siehe oben. Die Sache mit Plön (und nix gegen Plön, einige meiner besten Freunde stammen aus Plön). Fragt mal eine Lokalpolitikerin, die unterm Sonnenschirm in jener Fußgängerinnenzone steht, wie zivilisiert sie die (hier tatsächlich!! anonymen) Kommentare der Vorbeilaufenden findet.

Kinners! Das, worum es geht, ist nicht so komplex, dass ihr dafür ein untaugliches Dings braucht, um es so zusammenzufassen, dass ihr überhaupt nicht mehr sehen könnt, was da passiert und wie ihr damit umgehen könnt (Geheimtipp: hat viel mit Erfahrung, Hirn, Herz und so zu tun). Anstatt "Shitstorm" zu krähen, könnten wir ja einfach mal überlegen, ob es nicht eines von beispielsweise diesen drei Dings sein könnte, was da passiert:

  • Eine Kundin/Konsumentin beschwert sich zu recht oder unrecht. Und weil tatsächlich was schief lief, machen das mehrere.
  • Kundinnen/Konsumentinnen solidarisieren sich mit einer Kundin/Konsumentin, die sich - zu recht oder zu unrecht - beschwert.
  • Aktivistinnen fahren eine Onlinekampagne.
Merkt ihr selbst, nä?

5.4.12

Schluss mit der Umsonstkultur in Print und TV!

Es ist ein Skandal! In den letzten Jahren hat sich eine Umsonstkultur im deutschen TV und in deutschen Printmedien breit gemacht, die inzwischen sogar die Kultur und die Demokratie in diesem Land gefährdet.

Seit fast 100 Jahren schon zahlen die Leserinnen und Leser nicht mehr in ausreichender Menge für Zeitungen und Zeitschriften. Was die Menschen für eine Zeitung bezahlen, deckt schon lange nicht mehr die Kosten für die Redaktion, von der Produktion der Zeitung ganz zu schweigen. Der eigentliche Skandal ist allerdings, dass die Leserinnen und Leser die Zeitung trotzdem lesen wollen und auch noch erwarten, dass sie - also die Zeitung - Tatsachen und Berichte enthält, die sie interessant finden.

Zugleich sind die Mäzene und die reichen Männer mit einer politischen Mission weggeblieben, die bisher die Erstellung einer Zeitung finanziert und ihre Ausrichtung bestimmt haben. Die Redakteure wurden gezwungen, ihr Heil in weiteren Erlösquellen zu suchen oder gar Anzeigen zu schalten, um sich ihre Arbeit bezahlen zu lassen. So kann es nicht weitergehen mit der Umsonstkultur der Leserinnen und Leser.

Noch schrecklicher ist die Situation im deutschen Fernsehen. Während es in den meisten anderen Ländern eine Kultur gibt, in denen die Zuschauerinnen und Zuschauer für die Programme und Filme, die sie sehen, zahlen, hat sich unter der Federführung der Parteien SPD und CDU, die sich dieses auch programmatisch auf die Fahnen geschrieben haben, in Deutschland eine Kultur des kostenfreien Zugangs zu Informationen und Filmen im TV etabliert, die es den Anbietern von Bezahlmodellen im TV-Bereich unmöglich macht, ausreichend Kundinnen und Kunden zu gewinnen, um zu überleben.

Niemand darf sich wundern, wenn die Folge dieser beiden Entwicklungen Zeitungen wie das Handelsblatt und Sendungen wie "Anne Will" oder "Lanz" oder "Tatort" sind. Kultur und Information können in einem Klima, das die Umsonstkultur erzeugt, nicht überleben. Kampagnenjournalismus, ungeprüfte Behauptungen und unterste Niveaus in Geschichten, Drehbüchern und Gästen sind die unvermeidliche Folge - wie wir seit Jahren oder gar Jahrzehnten erleben.

Auch die Einführung einer Kulturflatrate ("GEZ-Abgabe") konnte diesen Prozess nicht verlangsamen. Darum fordern wir:
  • Die Umsonstkultur in TV und Print muss ein Ende haben.
  • Gute Inhalte kosten Geld - und jeder und jede muss diese Kosten tragen, wenn er oder sie weiterhin gute Inhalte bekommen will.
  • Wer dreimal dabei erwischt wird, dass sie oder er eine ausgelesene Zeitung in der U-Bahn an sich bringt, ohne zu zahlen, wird mit einer Augenbinde für eine festgelegte Zeit versehen.
  • In kostenfrei über das Netz (Satellit, Antenne oder Kabel) aufrufbaren TV-Sendern dürfen keine Inhalte oder Bilder gezeigt werden, für die es auch Angebote im Bezahl-TV gibt.
  • Die Elektronikmärkte sollen verpflichtet werden, jede Kundin und jeden Kunden zu melden, der oder die ein TV-Gerät ohne Set-Top-Box kauft bzw. nicht nachweisen kann, dass er für TV-Programme bezahlt.

23.3.12

Der Ekel vor dem s

Jede hat ihren blinden Fleck. Etwas, das, gegen alle vermeintliche Vernunft, den Kragen platzen lässt und wo, wie meine Frau es formulieren würde, Toleranz eben mit z endet. Bei mir sind es drei Kleinigkeiten, über die ich schwer bis nicht hinwegsehen kann: falsche Kommata, der falsche Gebrauch von Fremdwörtern - und das Lispeln.

Es ist nicht so, dass ich froh darüber bin, denn es ist schmerzhaft, weil es dir überall begegnet. Aber mich ekelt Lispeln, es löst bei mir tatsächlich körperliche Schmerzen aus. Vielleicht, weil ich mein Leben lang gesungen habe und eine Sprechausbildung genießen durfte, vielleicht, weil ich mit Dagmar Ponto eine wirklich sehr, sehr gute Sprechtrainerin hatte (deren größter beruflicher Erfolg wohl diese eine bauernschlaue lispelnde Ikone der 90er ist, die sie bildschirmtauglich gemacht hat). Vielleicht, weil meine Frau Sprachheilpädagogin ist und ich schon früh wusste, dass kaum ein Sprechfehler so einfach und erfolgreich therapierbar ist wie eben das Lispeln. Ich kann schon Ulrich Wickert nicht zuhören, bei dem viele andere noch nicht mal hören, dass er lispelt.

Meine These ist, dass es eine Zumutung ist, jemanden mit diesem mit etwas persönlicher Anstrengung so gut behebbaren Sprechfehler ins Fernsehen zu lassen. Dass selbst eine mögliche thematische oder gar intellektuelle Brillanz nicht rechtfertigt, jemanden Lispelndes auf ein Podium zu holen oder einen Vortrag halten zu lassen. Sollen die schreiben oder eben eine Sprechtherapie oder Sprechausbildung machen, wenn sie unbedingt öffentlich reden wollen.

Ein weiteres Problem ist entstanden mit Tonabspielgeräten mittlerer Qualität, bei denen s-Laute, die noch nicht gelispelt sind aber unsauber und mit mehr Zischen als üblich versehen, zu einem Lispeln werden in den Ohren der Zuhörerin. Das werde ich wohl ertragen müssen, auch wenn es mich quält.

Heute morgen begann ich voller Vorfreude das Audiomagazin der aktuellen Ausgabe der "Zeit" - unter anderem, weil die "Zeit", ganz anders als die "brand eins" in der Audioversion, die grausame Pausen in den Sprechfluss geschnitten hat, normalerweise wirklich gut gesprochen und gut produziert ist. Und dann wird schon das Inhaltsverzeichnis von einer neuen, recht jungen Stimme gesprochen, die unerträglich lispelt. Der Schock war körperlich. Und das hektische Wechseln der Kopfhörer und der Einstellungen des im iPhone eingebauten Equalizers (jaja, ich weiß) halfen nichts.

Und selbst bei Kindern ist lispeln nicht niedlich. Übrigens.

12.8.11

Haltet den Dieb

Vor einigen Jahren, die FDP war gerade in einem Trendaufwind, rief bei mir ein Callcenter an. Ein Wahlkampf stand kurz bevor. Umfrage war die Tarnung. "Guten Tag, wir wollen gerne wissen, ob Sie finden, dass Sie zu viele Steuern bezahlen". - "Nein", sagte ich, "finde ich nicht, ich finde, dass ich genau richtig Steuern bezahle, denn ich verdiene gut und zahle gerne Steuern." - Schweigen, nur noch das Gemurmel im Hintergrund war zu hören von den anderen Telefonplätzen oder so. - "Äh, ja, äh, Sie meinen doch sicher, dass Sie zu viele Steuern zahlen?", war die hilflose Frage. Ich hatte sein Script durcheinander gebracht. Die Folgefragen wollten nicht mehr passen.

Selbstverständlich finde ich es doof, dass wir immer durch alle Raster fallen. Den Höchstsatz im Kindergarten zahlen, gerade nicht mehr dies oder selbstverständlich nicht mehr das bekommen. Dass Steuerminimierer um uns herum von ihren Immobilien erzählen und Selbstständige von diesem und jenem.

Selbstverständlich habe ich für viele Dinge, für die meine Steuern ausgegeben werden, andere Ideen, finde manches überflüssig und anderes falsch. Würde massiv - nicht zuletzt dank der vier Kinder - von Steuermodellideen wie denen von Kirchhof profitieren.

Wenn aber nicht diejenigen als Räuber dargestellt werden, die mit einfachen Parolen Steuern weiter senken wollen, um Geld weiter von unten nach oben umzuverteilen, sondern die, die ernsthaft diskutieren, wer welchen Teil schultern soll, um das, was politisch als notwendig beschlossen wurde, zu finanzieren, dann sind die moralischen Koordinaten der Eliten aus den Fugen geraten.

***

Ich gehöre nicht zu denen, die jeden Aufstand, jedes Randalieren gleich mit "den Zuständen" entschuldigen. Die jeden Kriminellen gleich für ein Opfer der Gesellschaft halten. Die die Aufstände von London als eine selbstverständliche Folge von was auch immer interpretieren. Aber ich gehöre zu denen, die einfachen Lösungen misstrauen. Und zu denen, die empfindlich sind, wenn jemand von anderen etwas verlangt, was er oder sie selbst nicht zu tun bereit ist.

Von meinen Kindern zu verlangen, dass sie ihre Jacken aufhängen, aber selbst meine nach dem Reinkommen in die Ecke zu werfen? Keine gute Idee. Von meinen Schülerinnen zu verlangen, ihre Hausaufgaben zu machen, aber selbst Arbeiten erst nach drei Wochen zurück zugeben? Auch keine gute Idee. Und einen privaten 8000-Pfund-Fernseher als Ausgabe beim Parlament einzureichen, aber einen vergleichbaren Diebstahl wortreich anzuprangern, wenn er in Tottenham passiert?

Der Chefkommentator des Telegraph, Peter Osborne, schreibt in seinem Stück The moral decay of our society is as bad at the top as the bottom unter anderem:
...take the Salford MP Hazel Blears, who has been loudly calling for draconian action against the looters. I find it very hard to make any kind of ethical distinction between Blears’s expense cheating and tax avoidance, and the straight robbery carried out by the looters.

The Prime Minister showed no sign that he understood that something stank about yesterday’s Commons debate. He spoke of morality, but only as something which applies to the very poor
Bert Brecht fragte in der Dreigroschenoper: "Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" In jedem Fall aber hängt vieles mit vielem zusammen. Und wer publizistisch und politisch immer wieder die Selbstbedienungsmentalität beschwört (ob nun positiv oder negativ), ist immerhin konsequent, wenn er die, die sie fälschlicherweise auf sich beziehen, außerhalb der Gesellschaft sieht.

Also genau da, wo er bereits steht.

19.4.11

Verachtung von politischem Streit ist reaktionär

Eine der (modernen damals) Errungenschaften Luthers war die (gedankliche und praktische) Trennung von Sünde und Sünder. Das war inspiriert von der Aufklärung, errungen auch in der derben und harten und polemischen Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam, die die großartigste theologische Schrift aller Zeiten hervorgebracht hat (De Servo Arbitrio), und zusammengefasst in jenem Satz, den er an Melanchthon schrieb, der es einfach nicht begreifen wollte: "pecca fortiter sed fortius crede". Oder, wie Karl Barth (wiewohl Calvinist) es genau 400 Jahre später witzigerweise so brillant formulierte (exakten Wortlaut muss ich nachgucken, sorry): "Die einzig mögliche Antwort auf Unzulänglichkeit allen menschlichen Wirkens ist, sich frisch an die Arbeit zu machen".

Daran musste ich denken, als ich bei Robert Basic las, den ich seit ewigen Zeiten, so von vor dem Krieg und so, sehr schätze:
Man wird nicht mit einem Schreihals zu tun haben, man bekommt die ganze Horde ins Haus. Ich kann die Daniel Cohn-Bendits, Franz Josef Strausses und Joschka Fischers im Netz gar nicht mehr zählen. Als ob man in feindliche statt freundlich gesinnte Gefilde eintaucht, sobald man sich politisch im Netz umschaut und gar zu Wort meldet. Das ist keine Einladung zum Gespräch und Gedankenaustausch, sondern eine Schießbefehl-Party, was wir im Netz beobachten können. warum ich die digitalen Politik-Quatschköppe nicht mag
Besonders apart finde ich dabei den Namen der URL, also die Adresse, unter der Roberts Rant auffindbar ist: "politische Nervnasen". Ich denke: Damit schlägt er in die gleiche Kerbe, in die jene schlagen, die politisches Engagement verächtlich machen. Indem sie diffamierende Worte wie "Wutbürger" oder "Gutmenschen" erfinden. Robert ist kein Reaktionär, das weiß ich, dafür kenne ich ihn lange genug. Aber umso ärgerlicher finde ich, dass er sich eines Argumentationsmodells bedient, dass meiner Meinung nach faktisch reaktionär ist.

Warum reaktionär? Reaktionär ist eine Position, die einen Zustand von früher wieder herstellen, also eine (geschichtliche, politische) Entwicklung wieder zurück drehen will. Die Verächtlichmachung von Streit und Diskussionen um den richtigen Weg, auch wenn sie hart und teilweise derbe daherkommt, führte dazu, wenn sie sich durchsetzte, dass die Entwicklung, dass sich Menschen in die Politik einmischen und über Petitionen, Bürgerinitiativen, Volksbegehren etc Einfluss zu nehmen suchen, zurück gedreht würde. Denn, davon bin ich überzeugt, nur durch die harte und unsachliche Auseinandersetzung werden sich mehrheitsfähige Positionen rausschälen (wobei man da sicher auch anderer Meinung sein kann, meine Erfahrung spricht nur dafür). Klassischerweise haben vor allem diejenigen ein Interesse daran, dass engagierte Menschen verächtlich gemacht werden, die alles genau so richtig finden, wie es ist. Es ist also eine explizit politische Aussage - nämlich eine mindestens konservative, oft auch reaktionäre.

Darum habe ich drüben bei Robert kommentiert, was ich hier in meinem Blog leicht abgewandelt noch einmal reinschreibe:

Ich bin, wie Robert, ein Freund des Hinlangens. Schade finde ich nur, wenn jemand im gleichen Atemzug behauptet, er fände dieses Hinlangen doof, in dem er massiv hinlangt. Genau das aber macht Robert in seinem Rant. Aber ok, das ist die Kunstfigur des Rants. Dass dafür in den ersten Kommentaren (später wurde es dann ja differenzierter) vor allem Applaus von Leuten kommt, die sich in der Opferrolle offenbar gefallen oder an anderen Stellen im Netz teilweise (jaja, nicht alle von denen) Leute mit einer Meinung als “Wutbürger” diffamieren oder gar fein rechtsaußen als “Gutmenschen” beschimpfen, macht mich nachdenklich.

Das Problem, das ich sehe, ich dies: Ohne apodiktische Äußerungen, die die Unterschiede überspitzen, können sich Positionen, die dann abgeschliffen irgendwann zur Wahl gestellt werden können, nicht rausbilden. Das war ja auch mal historisch die Funktion von “Flügeln” in Parteien beispielsweise: dass sich Positionen miteinander (auch hart) diskutierend auf ihre Tragfähigkeit abklopfen lassen. Ohne diese Art wäre die Reformation nicht passiert und wären die Grünen nicht da, wo sie heute sind (und ich bin überzeugt, dass die SPD heute nicht solche Probleme hätte, wenn sie dies nicht unter Schröder massiv verlernt hätte).

Politik muss niemandem Spaß machen. Was ich aber wirklich (und das meine ich so hart) bedenklich und gefährlich finde, ist, diejenigen, die stellvertretend, weil sie beispielsweise Spaß an dieser Form von Meinungsbildung haben (und nichts anderes sind diese von Robert und anderen so verachteten Diskussionen – ich bin noch nie aus einer Diskussion, in die ich mit einer massiven Meinung reingegangen bin, rausgekommen, ohne dass meine Meinung/Haltung sich nicht mindestens leicht geändert hätte), den Streit um den richtigen Weg in Sach- oder Grundsatzfragen führen, pauschal als Nervnasen zu beschimpfen.

Ich selbst bin politisch lange nicht so aktiv wie ich Lust hätte, weil meine Prioritäten (Familie, Job) zurzeit etwas anders liegen. Aber ich bin saufroh um die, die es mit mehr Zeit und Herzblut gerade tun, und verfolge die Themen, die mich bewegen.

Gut leben kann ich damit, dass Robert (und nicht nur er sicherlich) diese Leute und sicher auch mich für einen bekloppten Nerver hält. Nicht so gut leben kann ich damit, wenn er die Arbeit, die diese für diese Gesellschaft leisten, verächtlich macht.

(Und dass es immer und überall pathologische Fälle gibt, ist klar und ändert nichts an meiner Kritik. Nervnasen und Bekloppte allüberall, ja. Aber nicht so pauschal, doo)

31.8.10

Feuern Sie Ihren Social Media Berater / Fire Your Social Media Consultant

Heute halte ich einen neuen Vortrag, der allerdings thematisch nicht so neu ist. Wer in der letzten Zeit den einen oder anderen Text von mir gesehen hat, weiß, dass ich dazu neige, mit der eigenen Zunft kritisch umzugehen. Oder mich abzusetzen. Wie man es nennen will. Jedenfalls spreche ich beim Social Media Summit 2010 über das Thema "Feuern Sie Ihren Social Media Berater". Meine zehn Thesen dazu (denen ich als nullte noch voranstelle, dass jeder gefeuert werden sollte, der Top-10-Check-Dingens-Listen schreibt) sind diese:
(Unten auch die Folien dazu. Und falls ich mich an mein grobes Manuskript halten sollte, stelle ich das nachher auch noch hier rein. Update: Manuskript unten)
  1. Feuern Sie ihn, wenn er die gleiche Geschichte als seine erzählt, die Sie schon kennen.

    Fire him, if he tells all the old stories as if they were his own.
  2. Feuern Sie ihn, wenn er Sie nicht als erstes nach Ihrer Kommunikationsstrategie fragt.

    Fire him, if your communications strategy is not the first thing he wants to know.
  3. Feuern Sie ihn, wenn er meint, Sie müssten Ihr Business neu denken.

    Fire him, if he says you have to rethink your entire business.
  4. Feuern Sie ihn, wenn er sagt, Sie müssen auf jeden Fall auf Facebook sein.

    Fire him, if he says you must be on Facebook.
  5. Feuern Sie ihn, wenn er erst 2005 oder noch später angefangen hat zu bloggen.

    Fire him, if he started his blog in 2005 or later.
  6. Feuern Sie ihn, wenn er von Digital Natives redet.

    Fire him, if he talks about Digital Natives.
  7. Feuern Sie ihn, wenn er Ihnen mit Kryptonite oder Jack Wolfskin Angst machen will.

    Fire him, if he tries to frighten you with Kryptonite or Jack Wolfskin.
  8. Feuern Sie ihn, wenn er Jugend für ein Qualitätsmerkmal hält.

    Fire him, if he thinks youth is a quality.
  9. Feuern Sie ihn, wenn er bei Ihnen im Kapuzenpulli auftaucht.

    Fire him, if he shows up in a hoodie.
  10. Feuern Sie jeden, der sich Social Media Berater nennt.

    Fire every guy who calls himself a Social Media consultant.





Der kanadische Kollege Alex Blom hat übrigens gerade einen ähnlichen Post geschrieben, den ich empfehle...

Update 21.2.2011
Das Video, das auf der Konferenz angefertigt wurde, kann ich nun auch einbinden, einfach mal der Vollständigkeit wegen, auch wenn es schon lange her ist. ok?

3.2.10

Ich verstoße jetzt mal gegen Gassner's Law

Jaja, ich weiß: die größten Kritiker der Elche und so weiter. Und ja, ich weiß: Wer etwas für "typisch deutsch" erklärt, hat per se unrecht (das in etwa ist ja Gassner's Law). Trotzdem frage ich mich, warum es (1) quasi keine guten deutschen Rants gibt und (2) die Rantversuche solche Irritationen auslösen oder Menschen böse machen.

Ob es wirklich nur daran liegt, was Sebastian Keil, der es immerhin hin und wieder mit handzahmen Rants versucht, vermutet?


Mal ehrlich: Wenn man ein abgewogenes, zahmes Lüftchen wie das neulich von Nico Lumma über den Unsinn der ewig gleichen Diskussionen mit den ewig gleichen Diskutanten auf den ewig gleichen Klassentreffen als weit vorlehnen bezeichnet, was soll ich dann an Streitkultur erwarten?

Mit Sicherheit gibt es auch in diesem Land und in dieser Sprache Leute, gegen die ich ranten kann und trotzdem mit ihnen befreundet bleiben. Mark Pohlmann ist so einer, mit dem es geht, das böse Streiten verbunden mit gegenseitigem Respekt und Zuneigung. Aber wenn ich ansonsten immer Angst haben müsste, nicht mehr zum Captain's Dinner eingeladen zu werden, ein zerschnittenes Tischtuch zu hinterlassen oder einen Besen zu brauchen - dann macht Ranten einfach auch nicht mehr so viel Spaß. Denn wir sind ja alle die Guten. Und lieb. Das ist echt zum gegen Gassner's Law verstoßen.

Ja, Mimosen gibt es überall, auch in anderen Kulturen. Die haben eventuell Pech. Oder ich muss damit leben, dass sie mimotisch reagieren. Aber trotzdem würde ich mir manchmal - sagte ich ja schon öfter - ein lautes, beleidigendes, spaßiges, übertriebenes, karikierendes Ranten im Stil eines Loren Feldman wünschen. Und nicht immer nur diese Piep-piep-piep, was sind wir alle lieb Konsenskakke.

29.10.09

Was die Welt nicht braucht

Ich bin nicht gut im Ranting. Denn ich bin nett. Also im Prinzip und meistens. Obwohl... naja. Egal. Deshalb weiß ich auch nicht, ob das hier wirklich ein Rant wird. Dabei würde ich so gerne ranten, wenn ich mir angucke, wofür Leute GELD bezahlen: Eine Tweet Academy (hihi)

Bitte? Geht's noch? Oder, wie mein Freund Loren Feldman sagen würde (vielmehr: sagte angesichts einer nicht 100% aber doch prinzipisch vergleichbaren Geldschneiderei im Sommer drüben):
What kind of fucking moron do you have to be not to understand twitter?
Mal im Ernst: Wer braucht so was? Was soll so was? Wer kann da ernsthaft etwas lernen, was du nicht lernen könntest, wenn du einfach mal twitterst und rumfragst und liest und zuhörst und ausprobierst?

Kinners, Twitter ist ein Tool, ein Dingens. Keine Wissenschaft. Es gibt kein richtig oder falsch, selbst wenn es immer wieder so genannte (und meistens selbst ernannte) Experten gibt, die mit irgendwelchen schwachsinnigen merkwürdigen Listen hausieren oder die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben vorgeben, die sie dann auskotzen absondern. Allein, dass sich jemand für einen Experten hält oder gar ein Buch (!) über Twitter (!!!!) schreibt, wäre schon ein Grund, den oder die niemals (in Worten: Niemals) mit irgendwas zu beauftragen. Man kann kein Experte für Twitter sein. Man kann twittern, man kann mit Twitter seine (Kommunikations-) Ziele erreichen oder auch nicht, man kann dank Twitter in Probleme kommen oder auch nicht. Aber man kann Twittern nicht lehren oder unterrichten oder konferenzen.

Eine Tweetacademy nutzt genau einer Gruppe von Teilnehmern: denen, die von den Eintrittsgeldern etwas abbekommen. (Und ich hoffe nur, dass die Refernten wenigstens so schlau sind, richtig gute Honorare zu nehmen, das wäre der einzige Grund, nicht über sie zu lachen.)

Ach, es ist langweilig, ich glaub, ich schreibe doch keinen Rant über so einen Kram wie ein Seminar über Twitter. Ich weise lieber auf ein Video von Loren hin, das er fünf Minuten, bevor wir zusammen essen gegangen sind, aufgenommen hat. Ihr könnt euch vorstellen, wie lustig das Essen danach war. Selbst ohne viele Guinness ;)