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24.5.16

Väter! Ihr seid gefragt!

Mir gehen die Versteherinnen und Versteher der Leute, die überall auf der Welt autoritäre Bewegungen unterstützen, ohnehin auf die Nerven. Ob wir die – der Einfachheit wegen – Nazis nennen oder Idioten oder eben Autoritäre, das ist mir fast egal. Nicht egal ist mir, dass sie den Handlungsspielraum massiv einschränken, den eine Demokratie hat, weil es auf einmal keinen Wettstreit der Ideen unter nicht-autoritären Politikansätzen mehr gibt. Aber, an dem Rumreiten auf dem Wort "Autoritäre" merkt ihr es, diese Beschreibung dessen, was politisch nicht nur bei uns sondern eben auch in fast allen anderen Ländern mit ehemals bürgerlichen Demokratien passiert, leuchtet mir ein.

Die Idee, das, was politisch gerade passiert, über eine autoritäre Haltung zu beschreiben, begegnete mir erstmals im Januar in einem sehr spannenden Artikel über Trump und den amerikanischen Wahlkampf. Dieser Link lohnt sich sehr, auch weil er sehr einfach beschreibt, wie ein autoritäres Weltbild, eine autoritäre Haltung erforscht und festgestellt werden kann. Das Spannende ist, dass in diesem Fall über vier Fragen, die alle mit Erziehung der eigenen Kinder zu tun haben, zwischen autoritär und weniger autoritär unterschieden wird. Dazu gleich mehr, weil ich denke, dass das richtig ist, so lange wir die Verantwortung für die Entwicklungen nicht komplett privatisieren.

Diese Woche dann zwei weitere sehr lesenswerte Texte
Anlass war jeweils Österreich, wo ja spannenderweise das Konzept auch von SPD und CDU, mit der autoritären Herausforderung umzugehen, so krachend gescheitert ist.
Wer weiß, ob Olaf Scholz, den ich ja ohnehin für sehr problematisch halte, heute seinen meiner Meinung nach gefährlichen Text zum Umgang mit den deutschen Autoritären (naja, ist er ja selbst auch einer, also Autoritärer, darum wahrscheinlich auch dieses Problem) noch immer schreiben würde.

Zum einen der erste Text, den ich in deutschen Medien wahrgenommen habe, der die Erfolge der rechten Bewegungen über das Thema der Autoritären beschreibt, Bernd Ulrich in der Zeit. Zum anderen ein interessantes Interview auf jetzt.de über das, was nun der Anlass für diesen Text hier bei mir im Blog ist – dass es so einen auffälligen Unterschied im Wahlverhalten von (jungen) Frauen und Männern gibt.
Auch hier eine Anmerkung im Kleingedruckten: Den letzten Absatz, die letzte Antwort im Interview, sehe ich sehr anders. Denn die Hoffnung, dass sich autoritär-faschistische Parteien, einmal an der Macht, zivilisieren würden, halte ich für historisch widerlegt. Das war auch die Hoffnung des autoritären Bürgertums in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Was hat das mit uns zu tun?
Alles. Denn ob unsere Jungs auf ihre Verunsicherung mit einer autoritären Haltung reagieren oder nicht, darauf haben wir die ersten zwanzig Jahre Einfluss. Und zwar ganz besonders wir Väter.
Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Vorstellung, wie Leben und Zusammenleben sein soll, die in Schule und Kindergarten, in einem großen Teil der Medien, in der Rechtsprechung und Gesetzgebung transportiert wird, von der gesellschaftlichen Realität sehr stark abweicht. Interessanterweise sind wir in diesem Land in der Theorie ja sehr viel weiter auf dem Weg in eine gerechte und nicht-patriarchale Gesellschaft als in der Praxis. Und das gilt noch mehr in den Ländern, in denen die autoritären Bewegungen schon länger als bei uns sehr wirkmächtig sind und massive Zustimmung bei Wahlen erfahren, beispielsweise in Skandinavien, den Niederlanden und den USA.

Mir leuchtet das Erklärungsmuster sehr ein, dass die autoritären Bewegungen ein gewaltsames Aufbäumen der Verlierer dieser Entwicklung sind. Derer, die sich (wenn sie älter als sagen wir mal 35 Jahre sind) nicht auf die Veränderungen einlassen wollen. Und derer, die – sicher auch zu einem guten Teil berechtigterweise – davon ausgehen, dass sie sich ändern müssten, wenn sie bestehen wollen, das aber nicht wollen. Möglicherweise befinden wir uns im letzten Abwehrkampf des gewalttätigen misogynen Mackertums.

Auf Dauer ist es nicht denkbar, wahrscheinlich nicht einmal möglich, dass die autoritären Macker diesen Kampf gewinnen. Aber er wird noch ein oder zwei Generationen andauern. Und unsere Söhne werden die sein, auf deren Rücken dieser Kampf aufgetragen wird. Sie sind es teilweise schon.

Wenn es tatsächlich so ist, dass die Frage, ob jemand eher autoritär "tickt", einen großen Einfluss darauf hat, ob sie sich gesellschaftlich und politisch bei autoritären Bewegungen verortet oder sogar engagiert, müssen wir, finde ich, unser Augenmerk sehr auf die Jungs, unser Söhne und Schüler, legen. Und ihnen helfen, vor allem durch unser Beispiel helfen, den Verlust einer autoritären Perspektive nicht als schlimm zu empfinden.

Eine autoritäre Haltung identifiziert Matthew MacWilliams im oben schon erwähnten Text auf politico anhand der Antworten auf vier Fragen zur Erziehung von Kindern:
Ist Ihnen bei Ihrem Kind wichtiger, dass es Respekt hat oder dass es unabhängig ist? Ist Ihnen wichtiger, dass es gehorcht oder dass es selbstständig ist? Wichtiger, dass es sich gut benimmt oder dass es rücksichtsvoll ist?  Dass es gute Manieren hat oder dass es neugierig ist?
Ich finde diese Fragen so interessant und überzeugend, weil die Alternativen ja keine reinen Alternativen sind – aber tatsächlich, wenn ich mich jeweils entscheiden muss ("wichtiger"), eine aussagekräftige Haltung erkennbar ist.

Als Vater von Söhnen muss ich Feminist sein
Sage ich vielleicht auch, weil mir das wichtig ist, ja. Aber selbst wenn es mir persönlich egal wäre – schon aus Fürsorge meinen Söhnen gegenüber müsste ich es werden. Damit ich ihnen helfen kann, nicht zu den Verlierern dieses Kampfes zu werden, mit dem die Autoritären versuchen, eine mir lebenswert erscheinende Gesellschaft zugrunde zu richten. Daran werden sie scheitern, langfristig. Aber unsere Söhne werden dann am Ende zu den Opfern dieses Kampfes gehören (nach den Menschen, die von der Norm abweichen, die die Autoritären für sich definiert haben, die jetzt schon Opfer dieses Kampfes sind, so dass sich die Autoritären erstmal als Sieger fühlen), wenn sie es nicht schaffen, sich von den billigen Verlockungen eines autoritären Weltbildes, einer autoritären Haltung zu lösen.

Es ist fast ironisch
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die in den letzten 20 Jahren so verlachten Antiautoritären einmal die sind, von denen wir das Überleben dieser Gesellschaft in Freiheit lernen können. Wer hätte gedacht, dass der anti-antiautoritäre, anti-68er Impetus der neoliberalen Revolution der 90er uns einmal in diesen Kampf um unsere Gesellschaft führen würde. Dass das historische Versagen von New Labour und Schröder nicht einfach das Zerschlagen der Sozialdemokratie ist – sondern die Tatsache, dass sie den Grundstein für die autoritären Bewegungen heute gelegt haben, indem sie das dahinterstehende Weltbild zurück in die Mitte der Gesellschaft bugsierten.

Was mir Mut macht, ist, dass wir etwas tun können, jede von uns. Was mich verzagen lässt, ist, dass ich so viele Väter darin versagen sehe, ihren Söhnen die Grundlagen von Zivilisation vorzuleben. Väter, ihr seid echt gefragt gerade.

****
Update (24.5.)
Ich hatte den Text von Robert Franken, einem der wenigen sichtbaren Feministen in meinem Teil von Beruf und Internet, zum gleichen Thema noch nicht gelesen, als ich dieses schrieb. Er denkt über das gleiche nach, mit etwas anderem Schwerpunkt, stellt aber auch die Frage:
Sind Männer das prekäre Geschlecht?
Noch interessanter aber sein Hinweis beispielsweise auf ostdeutsche Männerüberschüsse etc. Lesen, da.

8.2.16

Vater sein dagegen sehr

Ich reibe mir verwundert die Augen. Dinge, über die ich nicht mal reden würde, sind auf einmal "feministische Vaterschaft" (unbedingt die Kommentare ansehen, das ist sehr, sehr traurig). Witzigerweise habe ich mir tatsächlich noch nie Gedanken über so etwas wie feministische Vaterschaft gemacht. Und auch noch nie über die Dinge, die in dem verlinkten Artikel beschrieben werden. Darum war ich zuerst auch so perplex und habe den Text angesichts der Überschrift als "blöd" bezeichnet.
Das ist aber eigentlich ja unfair. Denn der Text ist, wenn man es genau betrachtet, nicht blöd, er hat nur die falsche Überschrift. Was Jochen König beschreibt, sind Selbstverständlichkeiten, die offenbar nicht selbstverständlich sind. So wie es auch immer noch die Arschlöcher unter den Vätern gibt, die sich als "neue Väter" feiern, weil sie die zwei Monate Elternzeit für eine Weltreise mit Frau und Kleinkind nutzen oder weil sie hin und wieder ihr Kind vom Kindergarten abholen, wenn die böse Mutter sie lässt (alles fein, aber "neue Väter"? Haaalllloooo?). Ich übertreibe unfair, ja, aber ihr glaubt gar nicht, was man so alles erlebt, wenn man mit Leuten zusammen trifft, die sich "neue Väter" nennen oder welche sein wollen oder so. Aber hin und wieder liest man ja auch mal gutes zu dem Thema und nicht nur so einen Blödsinn wie neulich in diesem Spiegeldingens.

Feministische Vaterschaft?
Was sollte das eigentlich sein? Und: worauf sollte Mann da stolz sein? Ich selbst habe auch erst in der allerletzten Zeit angefangen, mich als Feministen zu bezeichnen. Das kam mir vorher immer eher albern vor. Mein eigenes Aufwachsen, das ich teilweise immer mal wieder hier im Blog beschrieb, war so selbstverständlich feministisch geprägt, dass ich auch wirklich erst auf die Idee kam, ich sei Feminist, als ich die feministische Subkultur verließ, in der ich aufwuchs. Das war ein Schock.

Lustigerweise kam er zeitlich ungefähr zu der Zeit, als ich das erste Mal Vater wurde (eigentlich sogar noch später, aber im Erleben dessen, wie ich Vater war, und dem, wie andere Vater waren, entstanden die ersten Risse). Ich habe beispielsweise nie ein Gewese um das gemacht, wie wir als Paar Eltern waren und wie wir gemeinsam anfingen, eine Familie zu sein, darum findet sich auch in meinen Texten und meinem Blog so wenig darüber. Erst später lernte ich, das Erstaunen (und bei den Freundinnen der Frau die Begeisterung) anderer einzuschätzen, wenn wir über unser Leben und unsere Familienarbeit sprachen.

Dies hat übrigens nichts, aber auch gar nichts mit der Frage zu tun, wer wie viel der Familienarbeit verrichtet. Das mag einige überraschen - aber auch die Beispiele, die Jochen König anführt, haben nichts zu tun mit der Aufteilung der Arbeiten zwischen den Eltern (also der Verteilung von Erwerbsarbeit und Familienarbeit). Jochen schreibt - und nennt dies Fragen auf dem Weg zu einer feministischen Vaterschaft:
Wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist? Wer wird vom Kindergarten angerufen, wenn es dem Kind nicht gut geht? Wer hat im Blick, wann die nächste Impfung oder Vorsorgeuntersuchung bei der Kinderärztin ansteht und ob sich noch genügend passende Klamotten im Kinderkleiderschrank befinden? Wer geht mit dem Kind neue Schuhe (auch Hausschuhe für die Kita) kaufen? Wer besorgt das Geburtstagsgeschenk für den Kindergeburtstag? Und wer fordert immer wieder Gespräche darüber ein, wie das Ganze aufzuteilen ist?
Ich könnte alle diese Fragen für mich beantworten, wahrscheinlich überwiegend so, dass der Eindruck entstünde, ich kümmerte mich um die Familienarbeit - und trotzdem mache ich viel weniger konkrete Familienarbeit als die Frau, die dafür weniger Zeit mit Erwerbsarbeit zubringt als ich. Woraus ich schließe, dass dies nur sehr wenig mit Feminismus zu tun hat - sondern eher damit, kein Arschloch zu sein. Oder zumindest halbwegs achtsam. Denn was Jochen hier als "unsichtbare Arbeit" beschreibt, ist doch eigentlich "nur" eine Frage der Achtsamkeit, nicht aber der Haltung zur Machtfrage in dieser Welt (was Feminismus meiner Meinung nach immer auch ist).

Wo sich Feminismus eher zeigt
Ich denke, dass die Themen, die Jochen König anspricht, alle wichtig sind. Aber nicht feministisch. Sondern wichtige Fragen von Herzensbildung, Achtsamkeit und Gerechtigkeit. Ich weiß, dass auch in diesen Fragen bei uns in der Familie keine "Gleichverteilung" herrscht, aber dass die Richtung stimmt. Ich bin überzeugt, dass es in einer feministischen Familie nicht entscheidend ist, wer welche Arbeit macht - sondern wer das entscheidet und wieso es so ist. Wie also die Machtfrage gestellt und beantwortet wird.

Während für Feministinnen im Patriarchat so etwas wie ein Fuck Off Fund eine wichtige und gute Idee ist und darum die Frage, wie das Geldverdienen in einer Beziehung, in einer Familie geregelt wird, tatsächlich entscheidend ist, muss eine ungleiche Verteilung des Familieneinkommens nicht zwingend ein Problem sein - wenn, ja wenn die Familie ein feministisches Modell ist [zu einer weiteren wichtigen Voraussetzung, dass das bei uns klappt, zwei Absätze weiter]. Wenn wir eine feministische Gemeinschaft bilden, die - wiederum ähnlich wie das, was unsere Eltern exemplarisch in den 70ern und 80ern gemacht haben - die Utopie praktisch werden lässt.

Ich mag die Idee einer "feministischen Vaterschaft" nicht. Aber wenn, dann äußert sie sich nach meiner Überzeugung eher in einem inklusiven und feministischen Lebensmodell der Familie. In der es biologisch Mama und Papa gibt, aber keine Rollenzuschreibungen und keine Mama- oder Papa-Aufgaben. In der Männer weinen und Frauen brüllen, um es mal ganz plastisch am Familienalltag entlang auszudrücken. In der beispielsweise nicht für immer klar ist, wer zu Hause bleibt, wenn das Kind krank ist, sondern dieses jedes Mal anhand der jeweils konkreten Situation in der Erwerbsarbeit abgestimmt wird.

Dass die Frau, unsere Kinder und ich diese Utopie zu leben versuchen können, hängt allerdings mit einem Punkt zusammen, den wir nicht bei anderen voraussetzen können und den die eine oder andere wahrscheinlich auch schräg oder inakzeptabel findet. Für uns ist klar (aus verschiedenen Gründen), dass unser Familienmodell nur funktioniert, wenn es für immer ist. Wenn es kein Sicherheitsnetz, eben keinen Fuck Off Fund gibt. Wenn Scheitern keine Option ist. Vielleicht spreche ich auch deshalb von gelebter Utopie. Aber tatsächlich ist dieses Fehlen von Angst an dieser einen Stelle etwas, das uns die Machtfrage aktiv angehen lässt. Das uns ermöglicht, die ungleiche Verteilung des Einkommens nicht zu einer Machtfrage werden zu lassen - sondern die Einkommensteile aus Erwerbsarbeit zusammen zu betrachten, ebenso wie die Gesamtheit der Arbeit und der Freude und der Liebe und des Stresses.

Die feministische Familie strahlt aus
Die ersten unserer Kinder sind gerade an der Schwelle zum Erwachsensein. Und es macht mich glücklich, dass sie unser feministisches Modell von Familie teilen und leben. Da beginnt es schon auszustrahlen.

Der andere Punkt ist in der Erwerbsarbeit tatsächlich sichtbar. Und hier sehe ich den wesentlichen Unterschied zu Jochen König (vielleicht jedenfalls, er spricht ja faktisch über diesen Teil nicht in seinem kurzen Text, der nur über die Basics redet). Denn was die Frau und ich jeweils beruflich machen, wie wir uns da organisieren, welche Gespräche wir mit unseren (potenziellen) Arbeitgeberinnen führen, hängt wesentlich mit unserem Familienmodell zusammen.

Als Feminist bin ich im Beruf viel eher zu sehen als in der Familie. Weil ich voraussetze, dass ich mit den Kindern zu Lernentwicklungsgesprächen mitten am Tag in ihre Schule gehe(n darf). Weil ich auch im Büro als Vater sichtbar bin. Weil ich zeigen kann, dass ein feministischer Lebensentwurf trotzdem zu einer Karriere führen kann, die bis in die Geschäftsführung führt.

14.4.15

Ein Dienstag

Dies ist ein ganz normaler Morgen. Und wenn ich ehrlich bin,  genieße ich, wie er ist. Trubelig, chaotisch, immer. Aber da ich voll berufstätig bin, ist die "Morgenschicht" die, die ich machen kann (wenn ich nicht reise).

Die eine oder andere Mitarbeiterin wundert sich, wenn um 6 Uhr schon mal Mails kommen, aber um kurz nach sechs geht es los: Frühstück zubereiten, Kinder motivieren, überhaupt etwas zu essen (oder wenigstens Milch zu trinken), den Engpass vor dem Kinderbad managen, jetzt, wo alle da morgens freiwillig Zeit drin verbringen mögen. Pausenbrote (einmal vegetarisch, einmal nur mit Wurst), Pausenapfel für die Kinder vorbereiten, verpacken, aufdrängen.



Und dann (meistens aber nicht, weil es meistens die Frau macht, wir teilen uns die Morgenpflichten auf) einmal mit dem Hund raus, während die Kinder frühstücken und sich anpflaumen und die anderen Tiere versorgen und - wenn sie gelaufen ist - die Spülmaschine ausräumen, denn das ist bei uns Kinderarbeit. Irgendwas müssen die ja auch tun.


Heute stand dann noch die Reifenkontrolle an, denn an Tertius' Fahrrad war der Hinterreifen platt. Wie eigentlich einmal die Woche bei einem der Räder. Naja, fast. Nicht ganz. Und auch merkwürdig, wie klein dann auf einmal die Kinder werden, die sonst schon so groß und selbstständig sind, irgendwie muss ich ihnen jedes Mal wieder zeigen, wie man einen Schlauch flickt und kontrolliert und den Reifen wieder aufzieht.

Sobald die Kinder dann vor die Tür gesetzt sind und auf dem Weg in die Schule, hole ich mein Rad und fahre zur U-Bahn. Durch den Volksdorfer Wald.




Überhaupt der Volksdorfer Wald. Einer der schönsten Wälder in der Stadt mit dem höchsten Berg weit und breit. Morgens durch den stillen Wald zu fahren, ist unbezahlbar. Spätestens hier fällt der Morgenstress ab.


Und schließlich: Buch rausholen in der U-Bahn. Freizeit bis Baumwall, etwas mehr als 30 Minuten, die ich mit Lesen (oder einem Hörbuch) verbringe. Wenn ich mich nicht (ungefähr drei Mal im Jahr) in eine Twitter-Diskussion mit irgendwem verstricke...

23.9.14

Ich weinte vor Rührung und Freude. Und vor Zorn

Gestern und heute schwappte eine Geschichte durch meinen Facebook-Strom (merkwürdigerweise noch nicht in gleicher Intensität durch mein Twitter). Nicht alle verlinkten auf den gleichen Artikel und ich musste auch etwas suchen, bis ich ein Video in hoher Qualität von diesem Ereignis fand. Aber an vielen, vielen Stellen poppte diese Geschichte mit und von Emma Watson auf. Zu Recht.

Seit einiger Zeit horche ich immer auf, wenn von Frau Watson die Rede ist, weil sie sich klug und klar zu Fragen des Feminismus und der Geschlechtergerechtigkeit äußert. Das finde ich schon darum so besonders interessant und wichtig, weil meine Jungs mit ihr aufgewachsen sind, die ältesten mit ihr gemeinsam erwachsen geworden. Irgendwie gehört sie für meine Generation zur Familie, vielleicht geht es ja der einen oder anderen von euch auch so.

Ich habe mir also ihre Rede vor den Vereinten Nationen zur HeForShe-Bewegung angesehen.

Tränen der Rührung
Nun bin ich ohnehin eher nah am Wasser gebaut, was solche emotionalen Momente angeht - aber hier hat es mich wirklich gepackt. Frau Watson hat mich gepackt, gerade als männlichen Feministen.



Ihre zugleich emotionale und extrem scharfsinnige, intellektuell anspruchsvolle Rede ist großartig, finde ich. Wie sie gegen die dummerhaftigen und schrägen neuen Antifeministinnen anspricht, sich klar und deutlich positioniert als Feministin, erklärt, wie es kommt, dass sie Feministin wurde.

Ich selbst bin ja in einer feministischen Umgebung groß geworden, sozusagen in den Experimentalraum einer neuen Gemeinschaft von Männern und Frauen hinein geboren und gekommen. Seit den 80ern waren die links-evangelischen Kirchen und Gemeinden in Nordeuropa und damit auch in Norddeutschland, in denen ich aufwuchs, solche Räume, in denen es leicht und fast selbstverständlich war, als Mann Feminist zu sein. Bis heute ist es sowohl interessant als auch großartig, dass in den evangelischen Kirchen nicht-sexistische und geschlechtergerechte Sprache und Praxis üblich und verbreitet ist. Unter Frauen und Männern.

Als Vater von Söhnen und einer Tochter habe ich keine andere Wahl als Feminist zu sein. Und unterstütze ich Frau Watsons Aufruf, dass sich auch und gerade Männer ändern müssen und ihren Teil zu einer guten und gerechten Welt beitragen.

Tränen des Zorns
Und dann sah ich die Links auf die Artikel, die zwar Emma Watson zujubeln, es aber mit einem fiesen Derailing verbinden. Die behaupten, Frau Watson denke den Feminismus neu und wolle, dass Männer nicht so hart angegangen werden ("not shaming men in the process", dafür gibt es keine elegante Übersetzung irgendwie).

Diese Interpretationen machen mich wirklich sauer. Denn sie sind einfach falsch und so etwas sagte sie an keiner einzigen Stelle. Im Gegenteil fordert Frau Watson die Männer auf, sich an die Seite von Feministinnen zu stellen, selbst Feministen zu werden, und die Welt zum Besseren zu verändern. Auch, weil viele von uns Männern auch selbst krank werden und leiden unter der Ungerechtigkeit und den stereotypen Rollenzuschreibungen.

Damit hat sie aus meiner Sicht Recht. Und gerade als Vater von drei Söhnen ist mir deren feministische Erziehung ja nicht nur wichtig, damit sie zu denen gehören, die die Welt ein bisschen besser machen - sondern eben auch, weil es ihnen damit besser gehen wird. Davon bin ich überzeugt.

Wenn Emma Watson Männer mit anspricht in ihrer Rede und mit ihrem Programm, dann nicht sanft oder verständnisvoll. Sondern klar und deutlich. Und mit dem Hinweis, dass sie sich radikal ändern müssen. Dass gerade Männer diesen radikalen Weg mitgehen müssen. Was ich bewundere an ihrer Rede, ist, dass sie Männer einlädt, Teil der Bewegung für eine gerechtere Welt zu werden. Und sie auffordert, sich zu entscheiden. Denn Maskulinisten und vergleichbare Idioten sind eben dies: Idioten, für die es keine Entschuldigung gibt.

Schaut euch noch einmal ihre Rede an. Und noch einmal. Hört ihr sorgfältig zu, denkt nach. Ich bin mir sicher, dass diese Rede von Emma Watson dazu beitragen kann, den eigenen Blick auf Feminismus zu verändern. Und sich zu radikalisieren. Das hat sie jedenfalls mit mir gemacht.

23.9.13

Oh Captain My Captain

Ich habe, was sich merkwürdig anhört, nie den Werther gelesen. Und die Reifeprüfung fand ich sehr weit aus der Zeit gefallen. Für mich und für viele, mit denen in damals zu tun hatte und befreundet war, war Dead Poets Society (Der Club der toten Dichter) so etwas. Der Film zum Erwachsenwerden. Er kam in die Kinos in dem Jahr, in dem ich Abitur machte und zu studieren begann. Und er hat mich und viele andere sehr berührt und aufgewühlt. Und in einer Mischung aus Erinnerung an die Gefühlswelt damals und aus einer immer noch großartigen Geschichte und Schlussszene (die viel kürzer ist, als ich in Erinnerung hatte) wühlt mich dieser Film immer noch auf.

Es ist sicher auch kein Zufall, dass Ethan Hawke die Hauptfigur Todd spielt. Wie kaum ein anderer verkörperte er ja unsere Coupland'sche Generation X im Kino. "Meine" Figur war zwar immer mehr Overstreet, aber ich schätze, jede von uns in dieser Generation kennt alle die, die da vorkommen. Inklusive einem Cameron. Wenn ich heute den Film sehe, habe ich sie alle vor mir, mit denen ich zur Schule ging und auf den Sommerakademien war.

Überhaupt waren die der Ort, an dem diese Schule irgendwie lebendig wurde für einige von uns. Wahrscheinlich weil sie das gleiche Elitegehabe hatten. Und weil es Zeiten der Fülle und der Inspiration waren. Zeiten, in denen wir uns intellektuell angeregt wussten. Ein Ort, an dem wir, also die Unangepassten unter den Stipendiatinnen der Studienstiftung des deutschen Volkes, mit anderen Überfliegerinnen den Widerstand gegen die Spießer übten. In meinem Fall vor allem in der Sommerakademie, in der ich "In welchen Städten wollen wir leben" bei drei linken Architektur- und Städtebauprofs belegt hatte.

Auch wenn Der Club der toten Dichter in einer anderen Zeit spielte als der Gegenwart - das ist mir übrigens erst sehr viel später bewusst geworden -, war er für uns irgendwie jetzt. Die Emotionalität, das Aufgehen in der Romantik der großen Lyrik, das Ausprobieren. Es war, wie es in der späten Pubertät wahrscheinlich sein muss, eben auch eine Zeit, in der ich viel Musik schrieb (in meinem Fall moderne E-Musik, was damals was anderes hieß als heute, nämlich das, was mit klassischen Instrumenten in Konzertsälen lief. Ligeti war mein Held), Gedichte, auch ein Theaterstück. So wie die Jungs im Club der toten Dichter.

Keating verkörperte alles, was mir an Lehrerinnen wichtig war. Und auch viel von dem, wie ich bis heute Erziehen und auch Führen verstehe. Das hat mich so in seinen Bann gezogen, weil ich auf der Suche war nach eben diesem. Dem eigene Weg. Dem eigenen Denken. Dem tiefen Fühlen. Meine bis heute andauernde Liebe für Mahler und für Thomas Manns Doktor Faustus stammt aus dieser Zeit. Und meine bis heute andauernde Liebe für meine Frau.

Bis heute ist es für mich die vielleicht aufwühlendste Szene in einem Film überhaupt, wenn Todd, Ethan Hawke, auf sein Pult steigt und "Captain my Captain" sagt. Voller Angst, Zweifel, mit Tränen und trotzdem mutig.


25.7.13

Freundschaft anders erleben – wie unsere Kinder sich die Onlinewelt erobern

Für die kleine Zeitschrift "Blickpunkt Pflegekinder" habe ich einen kleinen Beitrag geschrieben über Kinder, Eltern und das Internetzdingens. Und weil er, wie ich finde, ganz gut zu meinen Themen hier passt, kommt er hier ins Blog auch rein. Das Heft handelt insgesamt vom Thema Freundschaft. Und es wird herausgegeben von PFIFF, die sich um Pflegeeltern und ihre Pflegekinder kümmern. Eine Arbeit, die ich toll finde, zumal es in meiner Familie Tradition ist, Pflegekinder aufzunehmen. Am Ende des Beitrags habe ich auch den Originalaufsatz eingebunden, er kann auch bei Scribt runtergeladen werden.

***

Ob wir es wollen oder nicht – unsere Kinder sind online, spätestens wenn sie in die Schule kommen. In vielen Fällen nutzen sie auch zu Hause Computer, die im Internet sind. Wir sollten nicht vergessen: Für unsere Kinder sind Computer, die nicht online sind, „kaputt“, sie kennen gar keine Zeit mehr, in der es eine Offline-Nutzung von Programmen und Anwendungen auf PCs gab.

Spätestens wenn sie ihr erstes Smartphone haben (was rein statistisch auf mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ab 13 Jahren zutrifft), koppelt sich ihre Onlinenutzung von der unseren ab, nutzen sie „das Internet“ anders als Erwachsene. Auch ohne Datenflatrate wird das Smartphone für immer mehr Kinder zum Tor zur Welt. Zuhause, in der Schule, bei Freundinnen und Freunden: wo immer sie Zugang zu einem WLAN haben, gehen sie mit ihren Geräten online. Und sei es zur Not mit der Spielekonsole.

Dadurch ändert sich die Mediennutzung dramatisch. Sie definiert sich für viele unserer Kinder neu und wird als Qualitätszeit empfunden. Parallel zum Fernsehen mit Freundinnen und Freunden zu chatten, ist die Norm. Gespräche, die auf dem Schulhof beginnen, werden per SMS (bei denen, die noch nicht immer online sind und also keine preiswertere Variante wie WhatsApp nutzen können) fortgesetzt und dann zu Hause als Chat in Facebook und Co intensiviert. Grob gesagt ist der Onlinezugang für Kinder und Jugendliche heute das, was für die meisten Erwachsenen der Elterngeneration das Telefon war: Der Zugang zu den anderen. Und so, wie es in den 70ern und 80ern Eltern gab, die das Telefon für ihre Kinder stark reglementiert haben, versuchen es heute auch viele Eltern mit dem Internet.

Grundsätzlich stimme ich dabei zu, dass es zu unserer Erziehungsaufgabe gehört, unsere Kinder in diesen Kommunikationsraum Internet zu begleiten und Grenzen und Leitplanken zu setzen. Ich erlebe nur leider sehr oft, dass genau dieses nicht geschieht – interessanterweise vor allem bei denen, die „dieses Internet“ eher ablehnen und mit ihm wenig bis nichts anfangen können. Das mündet oft in Verbote, die von den Kindern umgangen werden. Oder in eine fappierende Gleichgültigkeit, die ein Zeichen von Resignation ist. Ironischerweise ist der Internetzugang und die Nutzung des Internets als Raum, um mit Freundinnen und Freunden in Kontakt zu sein, in den Familien sehr viel stärker kontrolliert und reglementiert, die Facebook und YouTube offen gegenüber stehen. Wahrscheinlich, weil sie wissen, was zu tun ist – und die Kinder tatsächlich begleiten können.

Wer Kinder hat und sich nicht mit Facebook (bei den etwas älteren Kindern) und YouTube (bei allen Kindern) beschäftigt, nicht mit Minecraft oder Onlinespielen, kann sie nicht begleiten und erziehen und – um es mal sehr hart zu formulieren – versagt als Eltern in der heutigen Zeit. Wer seine Kinder damit vor der Onlinewelt beschützen will, dass sie ihnen verboten und versperrt bleibt, macht seine Kinder (bewusst oder unbewusst) zu Außenseitern. Ähnlich wie in meiner Grundschulzeit in den späten 70ern die Kinder nachmittags außen vor blieben, die noch kein Telefon hatten.

Ein Raum voller Chancen und voller Gefahren
In den Gesprächen unter Eltern dreht es sich beim Internet meistens um die Gefahren. Und diese stehen auch in den klassischen Medien im Mittelpunkt. Dass wir unsere Kinder auf diese Gefahren vorbereiten und sie zu schützen suchen, ist auch richtig und wichtig – schließlich bringen wir ihnen auch bei, nicht einfach auf die Straße zu rennen oder bei irgendwem ins Auto zu steigen. Zugleich aber erklären wir ihnen da auch die Chancen: Dass es gut ist, zur Schule zu laufen oder zu fahren, dass es richtig ist, sich den Straßenraum der Umgebung zu erobern und mit den Freundinnen und Freunden umherzustreifen – das ist unter den meisten Eltern unumstritten. Diesen Konsens auf die Onlinewelt zu übertragen, ist überfällig.

Wir wissen und haben gelernt, dass Kinder und Jugendliche, die sich sicher auf der Straße bewegen, besser vor den Gefahren des Straßenverkehrs geschützt sind. Die gleiche Erfahrung machen Eltern, die ihre Kinder die Onlinewelt erobern lassen, auch dort: Dass ihre Kinder mit den Gefahren je besser umgehen können, desto mehr sie die Chancen kennen und erleben.

Für Jugendliche ist heute Facebook (noch) einer der wichtigsten Orte, um mit ihren Freundinnen und Freunden zu sprechen, um sich selbst darzustellen, um auf Ideen zu kommen. Für Kinder und Jugendliche ist YouTube heute der wichtigste TV-Kanal mit seinen unzähligen Möglichkeiten, mir mein Programm selbst zu gestalten. Wo wir Erwachsenen zu Telefon oder zur E-Mail greifen, nutzen unsere Kinder WhatsApp und Facebook, manche auch die Chatprogramme, die zu ihrem Onlinespiel gehören. Das ist zunächst einfach einmal Fakt und weder gut noch schlecht. Schlecht wird es erst durch unsere Zuschreibung – aber wer sagt denn, dass wir auf alle Zeit Recht haben damit, dass Qualitätszeit bedeuten muss, ein Buch zu lesen? Dass es nicht auch Qualitätszeit sein kann, gemeinsam mit Freundinnen und Freunden zu blödeln (via Facebook und WhatsApp) oder komplizierte Gebäude zu errichten (in Minecraft oder League of Legend).

Nur wenn wir als Eltern die Kommunikations- und Entertainmentbedürfnisse der Kinder ernstnehmen, werden sie uns mit unseren Regeln und Grenzen ernstnehmen. Denn die müssen wir ihnen setzen.

Erlaubnisse und Grenzen
Beispielsweise erlauben wir unseren Kindern YouTube und Facebook. Aber wir setzen die Grenze bei Chatrooms wie Knuddels und Co. Wir erlauben Räume mit hoher sozialer Kontrolle – und setzen Grenzen bei Räumen, die sich der Kontrolle vollständig entziehen. Wir haben eine klare Regel für Gespräche: sie dürfen niemals den Ort verlassen, an dem sie begonnen wurden (also nicht beispielsweise auf Skype oder WhatsApp ausweichen), wenn sie die Menschen, mit denen die Kinder reden, nicht aus der Schule oder aus einem anderen Bezug kennen. Unsere Kinder wissen und lernen jeden Tag mehr darüber, dass die Profile, die sie in sozialen Netzen oder auf Skype und Co sehen, nicht echt sein müssen, dass niemand weiß, wer dahinter steckt, wenn ich die Person nicht selbst kenne.

Hier gibt es also Grenzen, ebenso wie es zeitliche Grenzen gibt. Aber diese Grenzen funktionieren nur, weil sie in ein großes Erlaubnis eingebettet sind – und weil uns interessiert, was unsere Kinder nutzen und wie sie das tun. Weil wir ihnen nicht etwas nur deshalb verbieten, weil wir es doof finden oder nicht kennen. Weil sie erlebt haben, dass wir uns stundenlang über unsere Lieblingsfilme auf YouTube unterhalten können. Wir zeigen ihnen unsere (teilweise aus unserer Kindheit), sie zeigen uns ihre. Ohne dass wir laut sagen, wie schlimm wir das finden, was sie lieben.

Nur so werden wir mitbekommen, wo sie sich ihre Räume für sich und ihre Freundinnen und Freunde suchen. Sei es (aktuell angesagt) SnapChat, sei es neuerdings Twitter, sei es, was immer jetzt kommen mag, wenn sie anfangen, Facebook langweilig zu finden. Nur eine Sache ändert sich nicht seit Generationen: Freundschaft hat mit Menschen zu tun und mit Nähe. Und wo die Onlinenutzung nicht pathologisch wird, hat Freundschaft auch immer damit zu tun, sich in der Kohlenstoffwelt (also dem, was nicht online ist) zu treffen. Alle Erfahrungen der letzten Jahre sprechen dafür, dass Kommunikation in sozialen Netzwerken nichts daran ändert, wie Freundschaft funktioniert. Ja, unsere Kinder nutzen das Wort anders als wir (offener, mehr wie in USA), aber das Phänomen, das wir Freundschaft nennen, kennen sie auch. Nur das Telefon nicht mehr. Und den Brief.

22.11.12

Warum ich Sascha Lobo dankbar bin

Es gibt Bücher, die müssen einfach geschrieben werden, damit es sie gibt. Und damit möglichst alle, die es angeht, sie lesen können. Zumal ich Bücher liebe. Und dringend mal meine Leseliste im Blog aktualisieren muss, denn die ist im letzten Frühjahr stehen geblieben.

Und dann gibt es Bücher, die endlich geschrieben werden. So dass ich sie nicht mehr schreiben muss, wozu ich mich irgendwie verpflichtet gefühlt hatte bis dahin.

Und dann - und damit sind wir bei der Überschrift - gibt es die Leute, die den Leuten, die diese Bücher schreiben können, damit ich sie nicht schreiben muss, den letzten Tritt geben, es auch zu tun. In diesem Fall war das Sascha Lobo, der von den meisten Internetzverachterinnen und interessanterweise Marketingverantwortlichen irgendwie meistunterschätzte Kerl mit der Frisur. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden muss.

Jedenfalls hat er Tanja und Johnny Haeusler ihrer eigenen Aussage auf der letzten Seite ihres Buches Netzgemüse nach eben jenen Tritt verpasst, so dass sie das Buch geschrieben haben, das ich nun ab sofort als das meine ausgeben werde. Also als dieses eine, das ich nun glücklicherweise nicht mehr schreiben muss, weil ich alle Leute, die mich bitten, ihnen das mit den Kindern und dem Internetz zu erklären und mit der Erziehung und dem, was da so kommt und beachtet werden muss und und und - also alle anderen Eltern, mit denen ich jemals über unsere Kinder spreche, einfach darauf hinweisen werde, dass sie dieses kleine Buch lesen sollen, weil da (1) alles das drinsteht, was ich ihnen sonst in endlosen Monologen erzählen würde, und es (2) so geschrieben ist, dass es (2a) Spaß macht, es zu lesen, und es (2b) sprachlich und sachlich für alle Menschen, die ich kenne, sinnentnehmend zu erlesen ist.



Ich selbst hatte das Buch am Montag Abend in der Post (disclosure: ich habe es nicht gekauft, sondern vom Verlag geschenkt bekommen, ohne dass ich versprochen hätte, darüber zu schreiben, obwohl ich nach all den Gesprächen, die ich mit Johnny über dieses Thema in den letzten Jahren geführt habe, durchaus annahm, dass ich darüber schreiben werde, weil ich davon ausging, dass es so gut sei, wie es jetzt tatsächlich ist, weshalb ich es auch bereits vorher in Elternfortbildungen empfohlen habe). Dienstag auf der Reise ins und aus dem Büro und Mittwoch auf zwei langen Flügen von und nach München habe ich es dann verschlungen. Genickt. Gelacht. Tränen des Zorns verdrückt und noch mehr der Rührung (ihr wisst ja, als Meedchenfilmfan bin ich nah am Wasser gebaut). Und habe mir eine Liste gemacht der Menschen, die von mir ungefragt diese Buch geschenkt bekommen werden. Allen voran meine Schwester (falls du dies liest: kannst dich schon drauf freuen, ehrlich!).

Zwei Abschnitte haben mich besonders beeindruckt. Zum einen das Kapitel über "Schutzräume und Schmutzträume", in denen Tanja und Johnny ganz unaufgeregt und keineswegs aus einer "Oh, ist das Netz toll und ihr Angsthasen könnt uns mal"-Position heraus, die ich immer mal wieder bei Netzaktivistinnen höre, die Diskussion um die Gefahren und anderen schlimmen Dinge des Internets erden und einordnen und in Beziehung setzen zum Rest unseres Lebens.

Dies ist übrigens der rote Faden des Buches - und wer eine Bedienungsanleitung für Eltern erwartet, wird darum enttäuscht werden: Immer wieder ist dies Buch autobiografisch und berichtet von den eigenen Erfahrungen - und vergleicht die mit den Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen. Mit Wasser. Oder Bielefeld. Oder dem Straßenverkehr. In meiner Lebensgeschichte wäre es das Fernsehen gewesen, denn das habe ich als Kind und Jugendlicher so erlebt, wie einige der Freundinnen meiner Kinder das Internet, denn meine Eltern haben mich davon extrem und mit viel Aufwand ferngehalten, teilweise sicher auch, weil sie es selbst als Kinder und junge Erwachsene nicht kannten, unser erster Farbfernseher war weit in den 80ern, aber auch das ist wieder eine andere Geschichte.

Der andere Abschnitt, der mich besonders fesselte, ist der über Spiele (Konsole oder online). Denn dieses Kapitel hätte ich nicht selbst schreiben können, hier bin ich wohl wie die normale Leserin des Buches, dies ist eine Welt, die mir fremd ist, die mir in Teilen auch immer noch Angst macht und mich verunsichert. Und in der mich zurechtzufinden mir dieses Buch auch ganz konkret geholfen hat. Habe mich mit meinen Söhnen direkt am Abend noch über Minecraft unterhalten.

Und nun?

Liebe Tanja, lieber Johnny,
danke für euer Buch. Ich liebe es, so wie ich euch liebe. Und ich schätzte euch ja schon sehr, bevor ihr dieses Buch geschrieben habt, wie ihr wisst. Und danke, dass ihr so viel von euch und euren Söhnen erzählt habt. Ist es nicht verrückt, dass wir alle, die wir uns da ein bisschen auskennen, auf Elternabenden für Freaks gehalten und misstrauisch beäugt werden - obwohl unsere Kinder, eure und meine, klarere Grenzen und Regeln und Sicherheitszäune haben in diesem Internet als die Kinder die anderen Eltern, vor allem die von denen, die besonders gegen das Internet wettern?

Liebe Eltern von Kindern zwischen sagen wir mal sechs und sechzehn,
kauft das Buch, lest das Buch, lasst euch einmal auf diese Buch und seine Geschichte und seine Menschen ein. Ihr werdet vielleicht nicht alles teilen. Vielleicht auch nicht jedes Detail verstehen oder mögen. Aber ich bin mir sicher: Ihr kommt als andere aus der Lektüre heraus als ihr hinein gegangen seid. Und das, da bin ich mir ebenso sicher, ist für euch und eure Kinder ein Gewinn.

Liebe Lehrerinnen,
bitte, bitte, bitte lest dieses Buch. Im Nachwort sind ein paar Hinweise, warum das wichtig sein könnte, vielleicht fangt ihr damit an, oder lest dieses Nachwort einmal kurz in der Buchhandlung, heimlich. Dann werdet ihr es ohnehin kaufen. Also das Buch.

Lieber Sascha,
danke, dass du gegen unsere Freundinnen körperliche Gewalt angewendet hast, auch wenn wir sicher gemeinsam der Meinung sind, dass Gewalt keine Lösung ist. Fast immer. Aber solche Tritte brauchen wir. Vielleicht auch noch mehr davon.




Sagte ich schon, dass ich dieses Buch ("Netzgemüse" von Tanja und Johnny Haeusler) nur empfehlen kann?

12.10.12

Kinderschutz im Internet

Nicht nur ich bekomme heute Alarm von anderen Eltern, denke ich. Nach der - übrigens, wie ich finde, sehr, sehr guten und gerade nicht alarmistischen - Doku im ZDF über die Verbrechen an Kindern, die von Perversen über Chatportale angebahnt werden.
Bevor ihr auf den Link klickt: Eine Warnung davor, dass das wirklich harter Stoff ist. Ich finde es richtig so, aber wer Kinder hat, wird mehr als nur einmal schlucken und Angst und Ekel empfinden. Ausdrücklich also keine Anschauempfehlung!
Im Kern geht es darum, dass gerade in so genannten "Chatrooms" und gerade in denen, die explizit für Kinder angeboten werden, tatsächlich in eher hoher Zahl Erwachsene gezielt sexuelle Kontakte zu Kindern und Jugendlichen suchen und Verbrechen begehen. Meine Kinder davor zu schützen, ist mir wichtiger als nahezu alle anderen Dinge rund um Medienerziehung und Internet.

Das erste Problem, das ich sehe, wenn ich mir anhöre, wie (andere) Eltern auf solche Dokus und auf die eine oder andere alarmistische Aufklärung reagieren, ist jedoch, dass viele in eine Art Angststarre fallen. Oder - wie auch in einem Beispiel in der Doku, das dramatisch ist - aus Verzweiflung und Unwissenheit das Kind mit dem Bad ausschütten. Und das zweite Problem ist aus meiner Sicht, dass viele Eltern - und in der Doku ein Polizist in einer Schülerinnenfortbildung - Dinge zusammen mengen, die nicht zusammen gehören.

Welche Empfehlung kann ich anderen Eltern geben - basierend unter anderem auf dem, womit ich auch selbst gute Erfahrungen gemacht habe?

1. Unterscheidet zwischen Chatprogrammen und Chatportalen
In der Panik und Diskussion wird immer wieder leichtfertig von "Chat" geredet. Oder von Sozialen Netzwerken. Aber das ist so falsch. Programme wie Windows Live (in der Doku als MSN bezeichnet) oder Skype kann ich so einstellen, dass mich dort niemand finden kann. Ich habe mit meinen Kindern die Verabredung, dass sie dort die Menschen zufügen, die sie aus der Kohlenstoffwelt kennen. Aus einem Spiel o.ä. dürfen sie nicht in diese Programme wechseln, wenn sie die Gesprächspartner nicht aus der Kohlenstoffwelt kennen. Das haben sie auch verstanden, nachdem einem meiner Jungs mal von einem Betrüger, den er auf Skype zugelassen hatte, sein Account bei einem Online-Rollenspiel leergeräumt worden war. Glücklicherweise nur ein Eigentumsdelikt und nicht mehr - so haben sie es auf die nur halb harte Tour gelernt.

Die Gefahr ist immer dann am größten, wenn von einem Kanal auf den anderen gewechselt wird - also wie in der Doku beschrieben beispielsweise von knuddels.de in Skype oder Windows Live. Nur, wenn wir Eltern uns mit all dem beschäftigen, können wir unseren Kindern helfen, dies zu verstehen und zu vermeiden. Nur, wenn wir ihnen erlaubte Wege aufzeigen, mit ihren Freundinnen aus der Kohlenstoffwelt auch online zu sprechen, werden wir hier die Spielregeln und Grenzen mitgestalten können.

Chatportale verbiete ich meinen Kindern. Punkt. Es gibt für Kinder und Jugendliche unter 14 keinen Grund, warum sie dort sein müssten. Mit den Kindern in ihren Klassen können sie andere Kanäle nutzen, in Hamburg auch ein schulinternes System. Zugleich erlaube ich ihnen, auch dem Zehnjährigen, Skype, WhatsApp und Windows Live. An ICQ haben sie kein Interesse, das ist bei uns in der Gegend out.

2. Unterscheidet zwischen (anonymen) Chatportalen und (pseudonymen) Netzwerken
Ich sehe sehr vieles sehr kritisch, wenn es um Facebook geht - aber es wie in der Doku, und das ist meine einzige kleine Kritik an ihr, in einem Atemzug mit Chatcommunitys zu nennen, ist unfair und sachlich falsch und gefährlich. Das Besondere an Facebook und vergleichbaren Netzwerken, wenn es irgendwann mal wieder welche geben sollte, ist, dass die Chatkommunikation eingebettet ist in Profile und öffentliche oder halböffentliche Kommunikation.

Ja, auch dort gibt es Perverse, auch dort gibt es Fake-Profile. Aber die soziale Kontrolle ist größer. Alle Freundinnen meiner Kinder können sehen, mit wem sie noch so befreundet sind, chatten kann mit ihnen nur, mit wem sie befreundet sind, ich kann sehen, mit wem sie befreundet sind - und ich kontrolliere das auch. Alle Handlungen auf Facebook sind mit einem Profil verknüpft. Was immer ich - auch, wenn ich pseudonym unterwegs bin - dort mache, bekommen meine Kontakte mit oder können sie mitbekommen. In Facebook gibt es, anders als die angststarren Menschen, die es nicht kennen, behaupten, keine Anonymität. Zu unterscheiden zwischen Anonymität und Pseudonymität, ist wichtig. Und wird in der Diskussion und beim Schutz unserer Kinder immer noch massiv unterschätzt.

Wichtig ist es, die Kinder bei der Anmeldung bei Facebook zu begleiten - und mit ihnen durchzugehen, wie die Einstellungen der Privatsphäre aussehen, wer einen über die Suche finden darf, wer einem Nachrichten schicken darf, wer chatten darf und so weiter. Eltern, die dieses nicht mit ihren Kindern machen, verletzen ihre Aufsichtspflicht. Punkt. Wer also sein Kind nicht aktiv bei der ersten Nutzung von Facebook unterstützt, macht sich mitschuldig an den Verbrechen und Übergriffen.

3. Seid da und ansprechbar
Nicht alle Eltern haben die Chance, so viel online zu sein wie ich. Aber wer seine Kinder schützen will und auf eine Erziehung in diesem Bereich Wert legt, kann nicht sagen, er oder sie habe keine Lust dazu. Bedingung dafür, dass meine Kinder mit 13 auf Facebook "dürfen", ist, dass sie mich als Kontakt haben. Meine Zusage ist, dass ich sie dort öffentlich in Ruhe lasse, also nicht kommentiere oder like oder so. Sie nicht "peinlich mache".

Aber so bin ich immer einen Klick von ihnen entfernt. So können sie mich jederzeit anchatten, wenn ihnen etwas komisch vorkommt - also schon bevor es so weit gegangen ist, dass sie sich in irgendwas verstrickt haben. Sowohl auf Windows Live als auch auf Facebook haben sie dieses Angebot auch schon mehrfach angenommen. Und das, obwohl unsere Beziehung oft auch sehr angespannt ist, wie es zwischen pubertierenden Jungs und ihren Vätern so ist. Ich habe auf dem Smartphone den "Facebook Messenger" installiert, bin also auch für sie da, wenn ich nicht stationär online bin. Und da ich weiß, dass sie mich nur anchatten, wenn es wirklich brennt, haben sie auch Priorität.

Nur, wenn wir Eltern uns öffnen für die Kommunikationsbedürfnisse und Unterhaltungsbedürfnisse unserer Kinder und Jugendlichen, werden wir sie unterstützen können, wenn sie in schwierige oder bedrohliche Situationen kommen. Das ist so wie in der Kohlenstoffwelt. Und Thomas Pfeiffer, der ich ohnehin sehr schätze, hat in der Doku vollkommen Recht, wenn er zu einem vernünftigen Umgang mit dem Thema aufruft. Das Beispiel Bahnfahren trifft es: So, wie ich meinen Zehnjährigen nicht alleine zu seinen Verwandten an den Niederrhein mit der Bahn fahren lasse, so lasse ich ihn auch nicht alleine ins Internet. So wie meine Großen in der Lage sind, alleine an den Niederrhein zu fahren und anzurufen, wenn sie da ankommen, mich aber bitten, ihnen bei der Reiseplanung zu helfen, so begleite ich sie in Netzwerke und Programme hinein und gebe ihnen Hilfestellung, wenn sie es wollen und brauchen - aber lasse sie allein "fahren".

Allerdings habe ich - das muss als Einschränkung dazu gesagt werden - bisher nur mit Jungs Erfahrungen gesammelt, dass dies so funktioniert. Quarta ist noch zu jung. Sie ist gar nicht online ohne physische Aufsicht. Ob es mit Mädchen, die ungleich häufiger Opfer von Attacken Perverser sind als Jungs, genau so funktioniert, kann ich nur annehmen - aber nicht aus eigener Erfahrung bestätigen.

Wie macht ihr das? Oder an die, die unsicher sind: Überzeugt euch das? Hilft es euch?

Update 19.10.
Habe ich dann auch noch mal eine Vortragspräsentation zu gebastelt. Halte ich auch mal, wenn ihr wollt.

28.9.12

Spitzers Flurschaden

Meine Weigerung, mich über Herrn Spitzer zu äußern, weiche ich jetzt auf. Dass ich mich über den massiven Flurschaden, den er unter Eltern anrichtet mit seinen TV-Auftritten (von denen ich keinen bisher in längerer als homöopathischer Dosierung online gesehen habe), entsetzt bin, ist der wesentliche Grund. Dabei geht es mir nicht um sein Buch. Das kenne ich nicht, ich habe nur die eine oder andere vernichtende Rezension darüber gelesen.

Zugleich sprach ich mit Menschen, die Herrn Spitzer als Redner auf Konferenzen zu anderen Themen erleben und ihn großartig finden. Und auch in diesem kurzen Backstage-Gespräch vor einem Doppelauftritt zweiter Professoren ist er mir sympathisch und hat er mit sehr vielem Recht.



Er mag sogar, alle Polemik einmal beiseite gelassen, mit vielen in seinem Buch Recht haben. Und - und hier beginnt dann der Übergang zum Flurschaden - er adressiert eine reale Angst meiner "Peergroup", also akademisch geprägter Eltern der oberen Mittelschicht.

Ich nehme ihm und anderen ab, dass es ihnen Ernst ist mit den Warnungen. Und anzunehmen, es wäre für die Entwicklung von Kindern (und für das Leben von Erwachsenen) nicht schädlich, wenn sie auf Sinneseindrücke wie Lesen (mit Bildern, die im Kopf entstehen und der unendlichen Langsamkeit der Geschichten, wenn ich sie lesen muss), Hören (ohne Bilder), Atmen (die Düfte der Stadt und des Landes), Laufen (Untergründe, Atemnot, Schweißgeruch), Verkriechen (Enge, Dunkelheit) verzichten, ist so grotesk wie eben ja eindeutig falsch. In all dem hat Recht, wer kritisiert, dass Kinder, Jugendliche, Erwachsene stundenlang "vor dem Computer sitzen".

Und ich verstehe sogar den volksgesundheitlichen Ansatz, eine (geringe) Mediennutzungszeit als allein gesund zu bezeichnen - jene berühmten "30 Minuten", mit denen wir Eltern immer wieder unbelegt als "gutes Maß" konfrontiert werden. Denn wenn dies hilft, dass Menschen, die ihre Kinder  - wie schon in meiner Kindheit übrigens teilweise - vor dem Fernseher parken, über ihr Verhalten nachdenken oder - und sei es durch ein schlechte Gewissen - deshalb einmal im Monat mit ihnen auf den Spielplatz gehen, ist viel erreicht. Und fast möchte ich sagen, dass der Kollateralschaden unter naiven Akademikerinnen  mir dann auch egal sein kann - wenn da nicht ihre Kinder wären, die darunter zu leiden haben. Und die durch ihre Eltern die Erfahrung eingeimpft bekommen, dass Erwachsene eben dies sind: naive Schwachköpfe, die angelogen werden wollen und zu doof sind, ihre Regeln (a) selbst zu befolgen - denn sie sind selbstverständlich immer online - oder (b) durchzusetzen oder technisch zu kontrollieren.

Ich bin der letzte, der für laissez-faire in der (Medien-) Erziehung plädiert. Aber ich bin der allerletzte, der absurde und sozial in ihrer Umgebung absonderliche Mediennutzungen gegen seine Kinder durchzusetzen versucht.

Vielleicht bin ich in einer privilegierten Situation (nein, nicht vielleicht - ganz bestimmt sogar). Denn alle meine vier Kinder und Jugendlichen haben Freundinnen, ein Fahrrad, das sie nutzen, einen (Leistungs-) Sport, ein Instrument und aktiven Zugang zu Büchern, den sie nutzen.

Aber ich lasse mir von anderen Akademikerinnen mit Kindern mit Freizeitstress doch kein schlechtes Gewissen machen, wenn meine Kinder in der Zeit, in der ihre fernsehen, ein MMORG spielen und dabei mit ihren Cousins sprechen, die es auch spielen.

Ich glaube, dass die Thesen von Spitzer und seine TV-Auftritte (Wobei ich es erschreckend finde, wie viele meiner Bekannten den im TV gesehen haben - was für absurden Medienkonsum die also haben müssen, um die Zeit jedenfalls bin ich in der Sauna und rede mit meiner Frau. Oder ich bin noch auf dem Hof nach dem Reiten. Aber das nur am Rande.) Menschen beunruhigen, die es besser wissen könnten. Die nicht gemeint sind oder sein müssten, falls das stimmt, was Spitzer da oben im Gespräch sagt.

Der Flurschaden, den er anrichtet, ist der, dass Menschen, die bisher eher mit schlechtem Gewissen wie ein Ochs vorm Berg vor der Internet- und Computernutzung ihrer (jugendlichen) Kinder standen, nun dieses schlechte Gewissen ablegen und entlastet werden. Dass der Fehler der letzten Elterngeneration mit den "Videospielen" sich wiederholt. Zumal diese Eltern, bei denen Spitzer auf offene Ohren stößt, zugleich nicht willens oder in der Lage sind, tatsächlich Maßnahmen zu ergreifen, um das durchzusetzen, von dem sie bei Stammtischen, Elternabenden und Grillfesten tönen, dass sie es richtig fänden.

Ich denke, dass ich gar nicht weit weg bin von Spitzer. Und auch nicht von den anderen Eltern in unserem Speckgürtel. Nur dass ich von der anderen Seite auf das Thema gucke, ähnlich wie auch im beruflichen Kontext.

Meine Frage ist, ob wir tatsächlich das Thema Medien- und Internetznutzung von den 2-15% pathologischen Fällen betrachten sollen - oder ob wir diese pathologischen Fälle sehr, sehr ernst nehmen müssen, ohne gleich alle zu betrafen oder allen zu unterstellen, dass sie schon halb auf dieser pathologischen Bahn seien.  Ob wir nicht lieber Koinzidenz und Begründung auseinander halten sollten.

Es gibt Studien, habe ich gehört, die zeigen, dass Menschen, die sehr aktiv auf Facebook sind, sich häufiger mit Freundinnen treffen als andere. Toll. Aber im Grunde sagt diese Studie doch nur, dass gesellige Menschen häufiger (auch) auf Facebook sind.

Es gibt mit Sicherheit Studien, dass unter Menschen mit suchtartigem Umgang mit dem Internet sozialer Abstieg und Vereinsamung und ein Nachlassen der Hirntätigkeit häufiger ist als unter anderen. Ja, Aber im Grunde sagt so eine Studie doch nur, dass Menschen mit Problemen häufiger Zuflucht in virtuellen Welten suchen. (Und ja, Spitzer hat Recht, dass dann dieses Symptom kuriert werden muss. Aber das sagt dennoch nichts - und zwar wirklich gar nichts - darüber aus, ob das eine aus dem anderen folgt. Oder gar was aus welchem.)

Ich bin nicht naiv und nicht euphorisiert. Aber ich gucke auf die Chancen und nicht (nur) auf die Risiken. Ich rede mit meinen Kindern über ihre Mediennutzung und auch über ihre Internet- und Spielgewohnheiten. Aber ich entscheide nicht allein und nicht einmal hauptsächlich, was für sie "Qualitätszeit" zu sein hat. Chillen? Lesen? Tanzen? Reiten? - Mir im Prinzip alles Recht. Solange es nicht heimlich passiert. Und sie hin und wieder schlafen, essen und sich bewegen.

***

Gestern Abend sprach ich mit meinem zehnjährigen Tertius ganz lange über Kunst und Stile. Er mochte den Kunstunterricht in der Grundschule nie, denn da sollten sie malen, was er weder mag noch kann, findet er. Aber gestern redeten wir bestimmt eine Stunde lang voller Begeisterung. Er liebt den Kunstunterricht, vor allem die aktuelle Aufgabe für die Studienzeit. Er erzählte, wie sehr ihn der "Schrei" von Munch mitnimmt, wie sehr der ihm Angst macht, je länger er ihn ansieht, wie sehr er reingezogen wird und wie die Details sich zu einem Monster verdichten. Und dann sprachen wir über Picasso. Ich erzählte ihm von meinem Erlebnis vor dem Guernica-Bild. Und er kannte es, aus dem Internet, denn er hatte zu Picasso in Büchern und online recherchiert. Am meisten beeindruckte mich, wie er mir den Kubismus erklärte, ich saß mit offenem Mund in seinem Zimmer auf dem Boden. "Das ist", sagte er, "wie ein Puzzle, wo die Puzzleteile nebeneinander gelegt werden und nicht so rund herum." Das stimmt genau, hätte ich nicht so beschrieben, aber es stimmt. Und die Frage, wie oft Picasso verheiratet war, konnte ihm keines der Bücher in der Schulbibliothek enthüllen. Er hat es aber rausgefunden.

Digitale Demenz sieht anders aus. Tertius verbringt täglich mehrere Stunden mit dem Internet. In der Schule, auf dem iPod und an seinem Computer.

22.8.12

Tätervolk

Ich kann als Deutscher nicht davon absehen, dass ich in ein Volk hineingeboren wurde, das einen singulären industriellen Massenmord organisiert hat und damit als Kollateralnutzen den "Kleinen Mann" groß machte und pamperte. Ich kann als Autofahrer nicht davon absehen, dass ich eine Waffe nutze, um von A nach B zu kommen, die andere, schwächere Verkehrsteilnehmerinnen allein durch ihre Benutzung gefährdet. Und ich kann als Mann nicht davon absehen, dass mein Geschlecht gewaltsam die Regeln gesetzt hat und weiter setzt und zugleich sehr viele Männer, wenn nicht sogar die meisten, ganz sicher auch ich immer wieder, im Alltag übergriffig sind gegenüber Frauen und Kindern.

Das heißt nicht, dass ich persönliche Schuld für den Holocaust habe, dass ich mit meinem Straßenpanzer Leute umbringe oder dass ich Frauen in Parks vergewaltige. Aber es heißt, dass ich damit leben muss, dass dies der reale Bezugsrahmen ist, in dem ich lebe und handele.

Nun gibt es Geschlechtsgenossen und sogar Frauen, die von einer "umgekehrten Diskriminierung" faseln. Aber das ist selbstverständlich Quatsch. Denn es kann nur Diskriminierung geben, nicht aber ihre Umkehrung. Und um bestehende Herrschaftsverhältnisse zu ändern, muss es ggf. eben eine Diskriminierung von zurzeit Privilegierten geben (siehe die Quotendiskussion). Sozusagen mein Pech. Womit ich leben kann. Und - siehe oben - eben auch muss, weil ich ja von der Realität nicht absehen kann. Aber das nur am Rande.

Nun bin ich selbst ja sozusagen in den Feminismus der 80er hinein aufgewachsen: meine Mutter war sehr aktiv in der feministischen evangelischen Frauenarbeit (so hieß das damals, Frauenarbeit), die zweite Welle feministischer Theologie gehörte zu meiner Lektüre und meinen Studien und meinen Gesprächen und Arbeitsgruppen an der Uni, ich habe eine Frau geheiratet, für die die Themen und Errungenschaften der 80er-Jahre-Feministinnen normal und selbstverständlich waren und sind. Vielleicht stand ich deshalb in der Vergangenheit oft so erstaunt davor, wenn junge Leute all diese Errungenschaften mit einer "hoppla, jetzt komm ich"-Attitüde einfach so über Bord werfen (wollten). Das begann (für mich sichtbar, keine Ahnung, ob es das vorher auch schon gab) mit dieser "Meedchen"-Popkultur in den 90ern (Zöpfchen, Röckchen, Weibchen etc), hat eine mich bestürzende Blüte in der jugendlichen Pornoikonografie getrieben und endet sicher nicht beim Kokettieren mit der Mischung aus Hilflosigkeit und Verführbarkeit und Prüderie (siehe Twilight, Panem etc). Muss ich nicht verstehen, betrifft mich persönlich allerdings auch eher weniger. Mit solchen Frauen (und Männern, die das toll finden oder ausnutzen) will ich zwar nichts zu tun haben, muss ich aber auch nicht, ich kenne genug andere.

Für mich als Führungskraft und als Vater (insbesondere auch als Vater jugendlicher Jungs) stellen sich aber dann doch Fragen. Und Aufgaben. Und ich denke, dass ich als Mann (bin ich nun mal) dabei den Bezugsrahmen Täter habe, wie oben angedeutet. Egal ob es mir gefällt oder nicht - ich kann nicht reden oder handeln, ohne zu bedenken, dass ich in einer historisch, körperlich oder organisatorisch privilegierten Situation bin, die ich aufbrechen oder auflösen muss. Ja, muss - wenn ich nicht der Meinung bin, dass alles super ist, wie es ist - mit all den Übergriffen.

Meine Beziehung zu Frauen, zu Kindern, zu "Untergebenen" ist - außerhalb des intimen Raumes beispielsweise meiner Ehe oder einer ähnlichen langfristig auf Vertrauen aufgebauten intimen Beziehung - immer notwendig eine asymmetrische. Also, materialistisch gesprochen, eine von Herrschaft geprägte, weil ich objektiv Teil der herrschenden Gruppe bin. Egal wie ich das persönlich sehe, ist es objektiv ein asymmetrischer Kontext, so lange wir in einer patriarchalischen Gesellschaft leben, ich erwachsen bin und Chef. Und in einer asymmetrischen Beziehung muss immer der stärkere Teil mehr Verantwortung übernehmen, mindestens auf der Beziehungsebene. Ich muss - immer mit der Gefahr, dass dieses paternalistisch wahrgenommen wird - für den anderen Teil mitdenken, mitfühlen und achtsam mit ihm sein.

Das ist, wenn es ganz praktisch wird, nicht so einfach.

Darum ist mir so wichtig, meinen Jungs zu vermitteln, dass beispielsweise in einer sexuellen Beziehung zu Mädchen nicht nur ein "nein" ein Nein ist - sondern auch das Ausbleiben eines "ja" als Nein zu interpretieren ist. Denn wir sind immer nur einen Schritt von einem Übergriff entfernt. Wenn sie das von einer Pornoikonografie geprägte Verhalten unter Jugendlichen aufbrechen wollen, müssen sie besonders achtsam, besonders explizit sein, die in so einer Kultur Schwächeren (Mädchen) stärken. Das ist aus meiner Sicht ihre Verantwortung, wenn sie keine Arschlöcher sein wollen (was ich einfach mal hoffe).

Darum finde ich beispielsweise Knotentänze von Führungskräften mit Mitarbeiterinnen auf Firmenfeiern so schlimm (und das ist die positivste Formulierung, zu der ich mich schweren Herzens durchringen kann). Wer kokettes Meedchengehabe (siehe oben) bei seinen Mitarbeiterinnen "ausnutzt", verstößt eklatant gegen jede Form von achtsamer Führung, ist sich offenbar der Asymmetrie in der Beziehung nicht bewusst (oder verstößt zumindest gegen jedes "gute Benehmen"). Vielleicht empfindet nicht jede einzelne Frau, mit der sich ein solcher Mann tanzend verknotet, dieses schon als übergriffig. Aber genug tun das. Und andere, die zuschauen, auch. Wenn ich - so ist zumindest auch mein Wunsch an meine Rolle als Führungskraft - organisationale Macht nicht als Beziehungsmacht ausleben und ausnutzen will, werde ich versuchen, die Sachebene von der Beziehungsebene zu trennen (so schwer das ist), werde ich auf der Beziehungsebene besonders achtsam sein müssen. Werde ich also jede Form von Macht auf dieser Ebene nicht nur vermeiden sondern aktiv verändern. Und angesichts der immer noch notwendig asymmetrischen Beziehung für uns beide dafür Verantwortung übernehmen. Weil ich kein Arschloch sein will.

Als Deutscher bin ich besonders - und auch weit mehr als der eine oder die andere angenehm findet - achtsam gegenüber nationaler Aufwallung und Chauvinismus. Als Autofahrer bin ich über das vom Gesetz für alle Verkehrsteilnehmerinnen vorgesehene Maß achtsam gegenüber anderen. Und als Mann versuche ich, die strukturell asymmetrische Beziehung zu Frauen und Kindern aktiv zu verändern - auch wenn ich dazu über das einigen erträgliche Maß hinaus zurückstecken muss, was mir längst nicht immer gelingt.

Und dass ich trotzdem oder vielleicht auch deswegen das Leben genieße, in diesem Land, mit diesen Menschen um mich herum, gerne Auto fahre (sorry to say), viel lache, trinke, tanze - das könnt ihr mir gerne glauben, selbst wenn euch das schwer fallen sollte.

Update 25.1.2013
Endlich kommt durch die Brüderle-Geschichte die Diskussion über dieses Themas breiter in Gang. Dazu habe ich auch was gebloggt und auch vier konkrete Punkte formuliert, was wir als Männer tun können. Hier lang bitte.

15.8.12

Noch mal zur Kackscheiße*

Immer wieder schleicht sich (auch) bei mir eine merkwürdige Form von Resignation ein, die dazu führt, dass ich weder mit den Augen rolle, wenn beispielsweise eine Lehrerin von sich als Lehrer spricht, noch selbst konsequent, beispielsweise in beruflichen E-Mails, weibliche und männliche Formen nutze, wenn Frauen und Männer gemeint sind. Obwohl ich weiß, dass das nötig wäre.

Wenn dann junge Frauen wie BMin Schröder aus mangelnder (historischer) Bildung oder warum auch immer ihre "danke, das betrifft mich nicht"-Sätze faseln, werde ich zwar noch mal wütend. Aber oft stehe ich etwas fassungs- und ratlos davor. Und nicht nur angesichts sexistischer Kackscheiße*. Sondern beispielsweise auch angesichts von Alltagsrassismus aus der "male white middleclass" Perspektive, in die auch ich immer wieder rutsche.

Da kam ein Artikel im Sprachlog von Anatol Stefanowitsch gerade Recht, der mit dem Hinweis auf wirkmächtige so genannte "Alltagstheorien" darauf hinweist, warum es so schwierig bis unmöglich ist, mit Menschen zu diskutieren, die "das betrifft mich nicht" sagen oder es "nicht böse" meinen oder etwas "einfach nur witzig" finden. Vier unbewusste und tief verwurzelte Punkte beschreibt er: dass ein Schaden immer "direkt und unmittelbar" sein müsse, schädliches Verhalten psychologische Ursachen habe, immer und nur durch "absichtsvolles Handeln" entstehe und immer einzelnen Individuen zugeordnet werden könne. Und er zeigt, dass diese Theorien nicht nur doof sind sondern auch falsch.
Bei unseren Diskussionen von Alltagsdiskriminierung sollten wir deshalb darauf achten, diese Alltagstheorien explizit einzubeziehen und deutlich zu machen, dass eine rosa Barbie-Elfe in pornographischer Posen allein [...] kein Mädchen in die Magersucht treiben und keine Frau dazu bringen wird, sich selbst nur an ihrem Potenzial als Sexobjekt zu messen oder auf eine anspruchsvolle Karriere zu verzichten. [...]
Dass diese Dinge aber im Zusammenspiel mit hunderten ähnlicher Erfahrungen daran mitwirken, dass sexistische, rassistische und andere diskriminierende Strukturen aufgebaut und fixiert werden. Und zwar unabhängig davon, ob das beabsichtigt oder auch nur fahrlässig in Kauf genommen wird, und unabhängig davon, ob der Schaden, den diese Strukturen anrichten, in jedem Fall sofort erkennbar ist.
Ringen um Verständnis | Sprachlog
Und dann rüttelt mich etwas wieder auf. So wie diese Woche der großartige, kleine, resignierte, ermutigende Artikel von Antje Schrupp, der so endet, wie ich hier auch ende. Bevor ich mir fest vornehme, wieder mehr auf Sprache zu achten. Und die mit ihrer Kackscheiße* nicht zu ignorieren sondern durch anders Reden (und hoffentlich Denken und Handeln) zu überwinden.
NEIN, ES GEHT NICHT UM MICH. Mir persönlich, danke schön, geht es gut. Ich habe persönlich überhaupt kein Problem mit männlicher Sprache und nicht mal mit sexistischer Kackscheiße wie rosa Lego oder Mädchen-Überraschungseiern. Das geht mir vollkommen hinten vorbei.
In meiner Welt gibt es genug interessante Dinge, interessante Menschen, mit denen ich sehr gut beschäftigt bin. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, Leute, die bis heute nicht die minimalsten Grundkenntnisse davon haben, was feministische Reflektion in den vergangenen vierzig Jahren an Erkenntnisfortschritten gebracht hat, einfach zu ignorieren. Ich halte sie schlicht für ein bisschen dumm und gehe ihnen aus dem Weg.
Aber es geht eben nicht um mich. Es geht darum, in welcher Welt wir leben wollen.
Kein Bock mehr | Aus Liebe zur Freiheit


________
* "Kackscheiße", "sexistische Kackscheiße" oder auch "rassistische Kackscheiße" sind als Kampfworte sehr umstritten und ich bin mir auch nicht so sicher, ob ich sie wirklich mag. Aber sie sind so herrlich unkorrekt und machen das eigentliche Problem, das ja auch Anatol mit den Alltagstheorien anspricht, wunderbar deutlich: Wer hier reflexhaft aufjault, wer hier zumacht (außer aus sprachästhetischen Gründen, das ist sicher noch mal was anderes), ist im Zweifelsfall auch nicht Adressat dieses Artikels - weil ich keinen Bock mehr habe, zu argumentieren. Seit mehr als 15 Jahren sind alle Argumente ausgetauscht. Hin und wieder kommen noch mal kleine gute Aspekte aus der nächsten Generation dazu, wie aktuell "Fleischmarkt" von Laurie Penny, das ich zurzeit lese. 
Aber: Ich bin einfach müde. Und bin da ganz bei Antje. Ich halte Leute, die heute noch mit Unverständnis auf den Alltagssexismus und Alltagsrassismus reagieren, "schlicht für ein bisschen dumm und gehe ihnen aus dem Weg" - zwar nicht real, denn das geht nicht als Mensch mit Kindern und einem Beruf, aber doch in Diskussionen. Sozusagen *plonk*.

7.9.11

Voll die Vollchecker, ey

Ich bin Vater, das wisst ihr ja. Und meine Jungs ärgern sich oft über mich, weil ich in der Lage bin, an ihrer Medienerziehung mitzuwirken, wenn man es so nennen will. Aber sie freuen sich auch, dass ich mit ihnen durch die Anmeldevorgänge bei Facebook et al. gehen und sie bei der Entscheidung beraten kann, was sie wie öffentlich machen wollen und was nicht. Und ich freue mich, dass sie so erwachsen mit dem Internetzdingens umgehen, wie sie es tun, weit erwachsener übrigens als viele Alte, die ich zu meinen Facebookkontakten zähle.

Oder auch so: Wer um die Mittagszeit einmal in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, wird feststellen, wie viele Gespräche sich unter Jugendlichen um Privatsphäre und so weiter drehen. "Dies Bild stellst du aber nicht auf Facebook", ist einer der meist gehörten Sätze. So wie sie selbst jeweils das meistfotografierte Motiv sind.

Oder auch so: Ich sprach vor zwei Wochen mit einer guten Freundin, die heute als Recruiterin in einem Großunternehmen arbeitet. Und die dankbar für Facebook ist. "Weißt du," sagte sie, "wir gucken schon genau auch die Partyfotos an, denn wer als Schüler oder Student keine solchen Fotos hat, ist oft nicht reif für den Job oder passt nicht zu uns." Denn sie wollen Menschen, die "normal" sind, was immer das heißen mag. Es gibt auch andere Unternehmen, ja. Aber wer will in einem Laden arbeiten, in dem der Chef ein Problem damit hat, was ich in meiner Freizeit mache, so lange es legal und im Rahmen der in meinem Umfeld bei großzügiger Auslegung guten Sitten ist?

Das einzige, was ich noch nie von Jugendlichen, Personalern oder Erwachsenen mit einer über Vorurteile hinausgehenden Erfahrung mit dem Internet gehört habe, ist dieses hier:



Und darum sei eine Warnung ausgesprochen. Nicht vor Partyfotos oder "Online-Posts". Sondern vor den Leuten, die für diesen Spot verantwortlich sind, vor diesen Vollcheckern:
Der Spot entstand auf Initiative von Thomas Fuchs, Direktor MA HSH [Anm.: = Medienanstalt Hamburg-Schleswig-Holstein], und Florian Weischer, Geschäftsführer Weischer.Mediengruppe, die dann Lukas Lindemann Rosinski als Kreativagentur pro bono gewinnen konnten. Realisiert werden konnte er dank der Unterstützung von element e (Produktion) und der Programmzeitschrift TV Movie, die die Produktion zusammen mit der MA HSH finanziell gefördert hat. (Medienkompetenz: Netzdurchblick.de)
Medienkompetenz an sich ist ein beklopptes Wort. Aber mir ist schon klar, worum es gehen soll. Aber wer glaubt, dass DIESES das Problem ist, vor dem Jugendliche stehen, hat doch den Schuss nicht gehört. So stellen sich alte, verbitterte Leute Jugendliche vor, ja. Aber die Fragen von Identitätsklau (ein echtes Problem), Isolation (immer schon ein Problem), Burnout (zunehmend durch Schwierigkeiten, die Rollen unter einen Hut zu bekommen), Privatsphäre (also den Einstellungen auf den Plattformen) - also all die Fragen, mit denen ich als Vater und mit denen meine Jugendlichen jeden Tag konfrontiert werden, sind andere. Von denen haben die alten Männer, die diesen Film lustig finden (nehme ich an, soll keinen beleidigen, erbitte schonmal vorsorglich eine Entschuldigung), offenbar entweder keine Ahnung oder noch nicht gehört.

Dieser Film hat nur eine Zielgruppe: Vorurteilsbehaftete Erwachsene ohne eigene Erfahrung. Diese Gruppe nimmt ab und geht wohl auch kaum in die Kinovorstellungen, in denen dieser Film jetzt läuft. Und YouTube kennen die wohl auch nicht, vielleicht sollte er lieber auf YouPorn laufen.

Schlecht wird mir, wenn ich bedenke, dass die Initiatoren dieses sinnfreien, schädlichen Blödfugs auch die sind, die in Hamburg für die Veranstaltungen an Schulen zuständig sind, die unter dem irreführenden Thema Medienkompetenz abgehalten werden. Und die ohnehin - zumindest die, die ich erlebt habe - schräg, sachlich uninformiert und teilweise falsch sind.

Ein wichtiges Thema, eines, das zumindest mir wichtig ist, und bei dem ich nun wirklich nicht zu den kritiklosen Euphorikern gehöre, wird mit diesem Film und diesem Ansatz kaputt gemacht und der Lächerlichkeit anheim gegeben. Und das finde ich - um es mal ganz deutlich zu sagen - zum Kotzen.

9.6.11

Grüß mal

In der Generation meiner Eltern gab es die Gattung der "Berufsjugendlichen". Vorzugsweise Sozialpädagogen (ja, meistens männlich), die auf Bauspielplätzen und in der offenen Jugendarbeit der Kirchen arbeiteten. Vorzugsweise solche mit Vollbärten, starken Oberarmen oder einer handwerklichen Begabung, frisch weg mit dem allgegenwärtigen "Du". Vorzugsweise mit einem Hang dazu, nicht das zu werden, was die anderen in der Generation dann "erwachsen" nennen.

Neulich saß ich mit zwei anderen dicken Männern in meinem Alter zusammen. Genauso kuhle Säcke wie ich, erfolgreich im Web und in Social Media, kreativ, politisch. Gute Leute, die beiden. Freunde? Weiß nicht, aber bestimmt friends. Und damit sind wir beim Kern dieser Geschichte.

Zum Erwachsenwerden gehört schon immer, dass sich Fremd- und Eigenwahrnehmung annähern. Ich hab Kinder in der Pubertät, ich weiß, wovon ich rede. Dieser Prozess ist schwer und manchmal schmerzhaft. Aber je älter ich werde, desto mehr bin ich überzeugt, dass er notwendig ist. Im Grunde, so kommt es mir vor, ist es der zweite wichtige Schritt nach der Entwicklung des Abstraktionsvermögens (bei den meisten Kindern kommt das im Verlaufe der Vorpubertät, so zwischen acht und zehn). Denn erst aus der Kombination aus Abstraktionsvermögen und einer realistischen Einschätzung, wie andere mich sehen, erwächst die sympathischste Eigenschaft souveräner Erwachsener: Dass sie über sich selbst lachen können. Und damit sind wir nun wirklich beim Kern dieser Geschichte.

"Grüß mal", sagte der Mensch, als ich erzählte, dass ich diese beiden dicken alten Männer (siehe oben) sehen werde, das seien Freunde. Machte ich. Und sie fragten: "Wer?" Ich erläuterte es. "Kenne ich nicht", sagten sie und kippten Zucker in ihren Grande White Moccha. Dabei folgen sie dem Menschen auf Twitter. Und lesen auch hin und wieder das Blog. Waren bestimmt schon mal zur gleichen Zeit auf einer Twittnite.

Ich habe ja viel mit jungen Leuten zu tun. Teilweise solchen, die irgendwer irgendwann mal als Hipster bezeichnet hat vielleicht, teilweise mit gefühlten Stars der Szene. Und ich habe immer mehr den Eindruck, dass einigen die gefühlte eigene Bedeutsamkeit in Onlinedingens eine reale Bekannt- oder Bedeutsamkeit vorgaukelt, die sich empirisch nicht bestätigen lässt. Kann es sein, dass eine frühe "große" Onlinereichweite bei einigen faktisch dazu führt, dass sich der Schritt zu einer Annäherung ihrer Eigen- mit der Fremdwahrnehmung verzögert?

Wenn das keine Einzelfälle sind (und das nehme ich an), dann stellt das uns Alte vor eine enorme Herausforderung. Vor allem in der Organisation von Arbeitsprozessen.

5.11.10

Mit Verlaub, Herr Minister, Sie sind ein Arschloch

Politisch bin ich kein Freund von Herrn Schäuble. Aber ich hatte immer etwas übrig für seinen scharfen Verstand, für seine Haltung zu vielem (ja, ich weiß, ihr könnt das nicht verstehen), für seinen Versuch, seinen Glauben in der Politik nicht zu verstecken.

Gestern habe ich jeden Respekt (auch wenn ich das Wort nicht mag) vor ihm verloren.

Ja, er hat eine gesundheitlich extrem schwere Zeit hinter sich oder ist noch drin. Ich finde es fahrlässig, wie sie Kanzlerin ihn immer noch zwingt, im Amt zu bleiben (wenn es so ist) oder er nicht loslassen kann (falls das so sein sollte). Und jeder kann einen schlechten Tag haben. Und sein Sprecher Offer hat einen Fehler gemacht und macht auch wirklich keine gute Figur in diesem Filmausschnitt.

Aber einem Mann von Format und Erfahrung und Haltung eines Schäuble darf das trotzdem nicht passieren. Das ist nur noch arschlochig. Das "macht man nicht" - schon gar nicht, wenn man eigentlich ja so etwas wie eine Kinderstube genossen hat, was ich bei Schäubles Herkunft und Alter unterstelle. Da würde ich bei einigen jüngeren Proleten nicht den gleichen Maßstab anlegen.

Schäubles Verhalten und - fast mehr noch - das anbiedernd beifällige Gemurmel der Journalisten im Hintergrund sind eine Grenzüberschreitung, die nicht sein darf. Die einen grotesken und sehr gefährlichen Mangel an Haltung offenbart. Die zeigt, dass da einer ganzen Reihe von Leuten der Kompass abhanden gekommen ist.

Ich denke, man darf mit harten Bandagen streiten. Mache ich auch. Und wenn man dazu neigt, Menschen, die langsamer sind oder langsamer denken als man selbst, schwer ertragen zu können (und das geht mir auch oft so), wird es immer mal wieder vorkommen, dass man sich arrogant im Ton vergreift. Doof, aber das passiert.

Aber Mitarbeiter vor anderen zur Schnecke zu machen, ist selbst für etablierte Arschlöcher ein Schritt zu viel. Jemand, der so etwas macht, verliert meinen Respekt für immer (kleine Reminiszenz an Mr Darcy). So geht es mir nicht nur bei Schäuble jetzt gerade, so ging es mir vor langer Zeit schon mit einem der in unserer Szene bekannten und beklatschten Kommunikationschefs, den ich als Gast einmal erleben "durfte", wie er eine Mitarbeiterin im All-Staff-Meeting und vor uns Gästen rund gemacht hat.

So etwas ist stil- und würdelos. Und im Fall von Schäuble kratzt es zusätzlich an seinem selbstgebastelten Teflon-Image.

Mit Verlaub, Herr Minister, Sie sind ein Arschloch.



Mit dem einen oder anderen Kollegen habe ich (auf Twitter) andiskutiert, was die Konsequenz für Herrn Offen sein müsste. Ich denke, dass ich an seiner Stelle kündigen würde. Nach allem, was man hört, sollte er einen guten alternativen Job finden können. Meine Selbstachtung würde das zumindest verlangen. Und ich hätte auch keine Lust, für ein Arschloch zu arbeiten.

Update 9.11., 10:25 Uhr
Herr Offer hat genau diese Konsequenz nun gezogen. Mein Respekt! Edit: Djure hat Recht, Respekt ist zu viel. Aber gut und richtig ist es. Und verständlich in der Form.