28.5.10

Ich bin heute bedroht worden. Oder: Wer Geistes Kind die Contras der Schulreform sind

Ich finde es zunehmend interessant und beängstigend. Entweder die Gegner der Schulreform in Hamburg sind verzweifelt - oder sie sind wirklich sehr aggressiv. Damals im Herbst bin ich ja schon einmal von zwei Unterschriftensammlerinnen auf dem Isemarkt körperlich bedroht worden. Und nur durch Flucht konnte ich verhindern, dass sie mich verprügeln. Und jetzt schickt eine der treibenden Kräfte im Elternrat einer der Schulen, auf die meine Kinder gehen, aus Versehen die E-Mail an mich, die sie ihrem Mitstreiter schreiben wollte:
Hallo M.,

Herr Haltungsturner hat geantwortet.
Ich habe dem Herrn lediglich freundlich zurück geschrieben, dass ich die Mail erhalten habe und dass ich sie weiterleiten werde. Ich glaube, der hat da was gründlich missverstanden. Daher werden wir ihm sicherlich antworten müssen.
Aber der ist ideologisch so verbohrt, dass ihm nicht zu helfen ist. Aber eigentlich auch nicht schlecht, da ist sein Gemüt etwas beruhigter und wir können richtig in die Vollen gehen. Der wird sich noch wundern. Alles sehr interessant.
Schönen Abend noch
LG A.
Ich habe die Namen rausgenommen, werde sie erst öffentlich machen, falls sie ihren Drohungen Taten folgen lassen sollte.

Vorausgegangen war ein Schreiben des Elternrates einer der Schulen, die am meisten von der Reform profitieren (weil sie dadurch gerettet wird), indem die Eltern vehement auffordern, gegen die Schulreform zu stimmen. Dabei, übrigens über die Klassenlehrerinnen an alle Eltern verteilt, das Propagandapapier von WWL ("Wir wollen lernen"), von dem der Elternrat schreibt, er habe mal zusammengestellt, wie die Eltern von der Behörde und den Unterstützern der Schulreform desinformiert würden.

Dagegen hatte ich protestiert, zugleich aber angeboten, dass ich für eine Diskussion in der Schule über die Schulreform zur Verfügung stehe. Die Reaktion ist sehr interessant, oder? Erinnert sehr an die "fiesen" Mitschnitte von Panorama damals, als sich wild gewordene Nienstedtener Mütter um Kopf und Kragen redeten. Meine eigene Position ist, dass Elternräte sich neutral verhalten sollten. Ich habe in "meinem" genau dafür plädiert, obwohl ich die Schulreform unterstütze. Interessanterweise hat übrigens die aggresssive Art, in der wir von M. aufgefordert wurden, uns der Ablehnung anzuschließen, dazu geführt, dass unser Elternrat neutral wurde, sogar die Schulreformgegner fanden das offenbar nicht wirklich gut. Naja.

Ich finde es schade, dass sich Eltern in den Schulkrieg reinziehen lassen, anstatt sich sachlich und inhaltlich zu beteiligen. Die scheinbare Sachlichkeit, die aus dem Tonfall des ursprünglichen Briefes sprach, wird durch die nicht für mich gedachte Mail ja sehr gut entlarvt.

Ich bin gespannt. Das, was die Frau B. in der Mail an Herrn V. (den ich kenne und sehr mag) schreibt, ist - so empfinde ich es - eine handfeste Drohung. Und ich mache sie hier öffentlich, vor allem, um mich und meine Familie zu schützen. Denn in den letzten Monaten ist es allzu oft passiert, dass Unterstützer der Schulreform massiv bedroht und eingeschüchtert wurden. Meine Süße und meine vier Kinder dieser Gefahr auszusetzen, hatte ich nicht gedacht - und auch nicht damit gerechnet, weil ich dachte, dass auch andere und nicht nur V. in diesem Elternrat zivilisiert sind.

Ich habe aus dem Elternrat heraus durchaus inzwischen gehört, dass einige dort ein sehr - hmm - anstrengendes Sozialverhalten haben, das hat mich erschreckt. Und ich hoffe, dass mich das Veröffentlichen dieser Drohnung schützt.

18.5.10

Vom Unsinn der profetischen Haltung, der Berg möge sich bitte bewegen

Grundsätzlich habe ich für Profeten* etwas übrig. Kassandra von Christa Wolf ist und bleibt eines meiner Lieblingsbücher. Profeten haben ihren Sinn, auch historisch, in Krisensituationen. Sie sind vielleicht so etwas wie das alarmistische Gegenstück zum Hofnarr. Und damit sind wir beim Problem.

Profeten rufen zur Umkehr. Profeten sehen die Bedrohung. Profeten scheitern fast immer am System. Lest mal die Bibel, sehr interessant das.

Was Profeten nicht sind (und damit ähnlich den Hofnarren), sind Ratgeber. Sie haben einfach eine andere Funktion. Mal platt gesagt können Profeten auch keine Ratgeber sein, denn Ratgeber helfen den Herrschenden, Möglichkeiten in Handlungsoptionen zu übersetzen - und wenn sie Implementierer sind, dann Operationalisieren sie diese Optionen auch und handeln. Profeten sehen keine Handlungsmöglichkeiten jenseits des Umsturzes.

Beides hat seinen Sinn und seine Zeit. Etwas holzschnittartig ist es die Frage nach Revolution oder Evolution. Und während Ratgeber fragen, wie die Herrschenden unter sich verändernden Rahmenbedingungen mit möglichst überschaubaren Änderungen ihre Ziele weiterhin erreichen können (Hallo ROI), weisen Profeten darauf hin, dass eben diese Herrschenden nicht überleben werden, da die Veränderungen so radikal sind, dass ihre Zeit vorbei ist. Profeten sprechen grundsätzlich, ihnen ist das System weitgehend egal. Ratgeber analysieren das System und suchen nach Wegen.

Oder konkret: Mirko Lange schrieb heute früh (und auch, wenn 140 Zeichen etwas sehr zum Verkürzen neigen, zeigt es doch, was ich meine)
Ich plädiere für die grundsätzliche Kommentierbarkeit von allem (!) Content im Web. Das ist einer der Unterschiede von 1.0 und 2.0. (Lange auf Twitter)
Mich stört zunehmend die Grundsätzlichkeit. Jetzt nicht allein in diesem Fall oder festgemacht an diesem Autor. Sondern grundsätzlich (haha). Denn während so ein Satz wie da oben prinzipisch richtig ist, hat er doch mit der Beratungswirklichkeit nichts zu tun.

Es ist Quark, denke ich, dass alles und jedes im Web kommentierbar sein muss, abgsehen davon, dass ich hier in meinem Blog alles und jedes kommentieren kann und damit prinzipisch alles und jedes mittelbar kommentierbar ist. Tja.

Aber wieso bitteschön soll "grundsätzlich" aller (!) Content kommentierbar sein? Was soll der Sinn dahinter sein? Dass ich deutlich zeige, wie unwichtig ich bin, weil nie jemand kommentiert (beispielsweise bei Newsrooms)? Oder dass ich meinen Gegnern eine Plattform gebe, den Ort vollzuspammen, an dem ich einmal in Ruhe und ohne die Hektik einer Diskussion meine Position ausbreiten will (beispielsweise bei politischen Kampagnenseiten)?

Diskussionen und Kommentare sind wichtig. Und oft plädiere ich beispielsweise auch dafür, einen Ort im eigenen "Grundbesitz" zu schaffen, an dem kommentiert werden kann, weil es nach allen Erfahrungen Kritik zivilisiert und wertvoll ist, das auf einer eigenen Plattform zu haben. Aber deshalb müssen noch lange nicht ALLE Orte Kommentare zulassen oder ermöglichen. Ein strategisches und nicht einfach nur profetisches Herangehen an das Thema wird immer fragen, welche Funktion innerhalb des Gesamtziels und der Gesamtstrategie ein Ort hat. Und, Wunder über Wunder, es gibt Funktionen, die nicht das Gespräch sind.

Zugespitzt ist die Aussage oben eben gerade die eines Profeten. Nicht falsch, wahrscheinlich sogar wahr, aber unbrauchbar. Ein Ratgeber wird einen Weg suchen, wie in einer Arena, in der jeder seine Meinung hörbar machen kann, so zu agieren ist, dass die Ziele, die ich habe, erreicht werden können. Denn sonst...
(aber das habe ich ja neulich unter dem Stichwort Hybris schon mal beschrieben, auch wenn es schrecklich selbstreferenziell ist, mich selbst zu verlinken.)


Und Bernhard, ich lasse die Kommentare offen - denn, qed, prinzipisch und grundsätzlich stimmt es ja. Oder so.

* Dass ich Profeten mit f schreibe, ist eine lebenslängliche Hommage an den großen Alttestamentler Klaus Koch, der der Meinung ist, dass ein einzelner Buchstabe im griechischen und hebräischen nicht mit zwei Buchstaben im deutschen transkribiert werden sollte. Als er emeritiert wurde, titelte unsere Fachschaftszeitung: "Er wird eine schwer zu phüllende Lücke hinterlassen"...

6.5.10

Ich bin mir nicht sicher

Ganz ehrlich: Mein erster Reflex war auch, dass das ja nicht sein dürfe, dass ein Berufsverbot aufgrund des Musikgeschmacks verboten gehört. Dass die Empörung, die leise durch mein Onlineumfeld grollt, berechtigt ist. Es wird immer dieser Beitrag der "Welt" verlinkt und kommentiert:
Zu viel Gewalt & Porno: Death-Metal-Sänger darf nicht mehr unterrichten
Thomas Gurrath war Referendar im Schuldienst des Landes Baden-Württemberg. Weil er mit seiner Death-Metal-Band Debauchery über Gewalt singt und pornografische Videos dreht, darf er nicht mehr unterrichten.
Und so weiter, lest es euch selbst durch. Ich kann mir zum konkreten Fall kein wirkliches Bild machen. Aber es bringt mich zum Nachdenken. Denn neben dem "liberalen" Reflex, dass den Staat als Arbeitgeber genau dieses nichts angehe, war sofort die Frage da, ob ich will, dass "so einer" meine Kinder unterrichtet. Nicht falsch verstehen: Meine Kinder haben genug schlechte Lehrer, die voll und genau dem bevorzugten Schema entsprechen, wie Lehrerinnen sein sollen in diesem Land. Und einer der drei wirklich guten Lehrer, die ich in der Schule hatte, war einer, der einen anderen Beruf gelernt hatte und ein abstruses Hobby pflegte. Mir geht es auch nicht um die (wie ich finde: in ihrere Revoluzzerattitüde sehr, sehr spießige) Musik. Oder die Texte. Und schon gar nicht um den im Welt-Artikel geschilderten auslösenden Vorfall, wenn er denn stimmt (Diskussion um Videospiele als Massenmordauslöser - da klingt es im Artikel so, als ob Gurrath sich so verhalten hat, wie ich es mir wünschen würde: offen und die Kinder zu Diskussionen ermutigend).

Aber bei Pornografie und bei Gewalt (auch in der spießigen Kunst) hört für mich der Spaß auf. Oder wie meine Süße sagen würde: Toleranz endet mit z. Ja, ich kenne aus dem Familienumfeld die Spießer, die sich für Punker halten, die Metaler, die das alles für einen Spaß halten, und so weiter. Und ja, manche davon sind liebe, nette, große Kerle, die vielleicht die Schule vernachlässigen, aber gute Krankenpfleger oder Gastronomen werden. Es sind also nicht die Vorurteile, die mir im Weg stehen, hier vom "Schweinestaat" zu murmeln, der Geschmack über berufliche Zukunft entscheiden lasse.

Es gibt eine Grenze. Das fängt imho bei Hasch an (und jeder, der sich auch nur ein winziges Bisschen mit dem Thema beschäftigt, weiß, dass das Problem nicht die Illegalität ist oder das Thema Drogen, sondern dass sich der Wirkstoff im Fett einlagert und in Stresssituationen freigesetzt wird, so dass in eben diesen Situationen auch ein Rausch entsteht, wenn jemand seit Jahren nichts mehr geraucht hat, anders als bei Alkohol, der abtransportiert wird), und endet sicher nicht bei Pornografie. Insofern kommt mir die im Artikel beschriebene Lösung gar nicht so absurd vor: Es wird offenbar ja gerade keine "nieundnimmer"-Position aufgebaut, sondern schon gesehen, dass sich Menschen ändern können.

Schulen sind in diesem Land weltanschauungsneutral, aber nicht werteneutral. Die Werte kann ich in Frage stellen. Ich kann mein Kind ja auch beispielsweise in eine Waldorfschule stecken, die ganz andere Werte hat als die Gesellschaft.

Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich glaube, ich finde es gut, dass er nicht Lehrer wird erstmal.

20.4.10

Mal jenseits des Fanboys-Jubelns: Warum Jeff Jarvis die richtigen Fragen stellt

Ich bin keiner der Fanboys, die Jeff Jarvis allein deshalb zujubeln, weil er so entertaining ist. Denn ich hab lange genug mit Amerikanern gearbeitet und auch selbst Vorträge gehalten, um zu lernen, dass Zuhörer nun mal ein Recht drauf haben, unterhalten zu werden, wenn sie mir ihre Zeit schenken - und dass etwas nicht allein deshalb falsch ist, weil es unterhaltsam vorgetragen wurde (wie es oft in Deutschland gesehen zu werden scheint). Ich hab also durchaus noch meinen Verstand und sehe manche Vergleiche kritisch, die Jarvis anstellt. Aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie in den letzten Tagen über ihn berichtet wurde, nur weil die Berichtenden seinen Sauna-Vergleich nicht verstanden haben (weder die Jubler noch die Zweifler, hab ich den Eindruck).

Denn ich denke, Jarvis stellt genau die richtige Fragen:
  • Was halten wir (als Eltern, als Menschen, als Gesellschaft) für privat und was nicht - und wo soll oder darf ich entscheiden, etwas, das andere für privat halten, von mir selbst öffentlich zu machen?
  • Was sind die Opportunitätskosten der einen oder der anderen Entscheidung?
  • Warum soll es ok sein, dass andere mich kritisieren, wenn ich etwas von mir öffentlich machen, was sie von sich nicht öffentlich machen (wollen/ würden)?
  • Was gewinne ich und was verliere ich?
  • Ist die "default privat" Haltung, die bei Menschen über 35 in diesem Land mehrheitlich vorzuherrschen scheint, wirklich besser als die "default public" Haltung, die ein großer Teil der Jüngeren hat und die in anderen Kulturen schon länger gilt?
  • Und ist die kulturelle Kontingenz von Privatheit in der gesellschaftlichen Übereinkunft, die unbestreitbar ist (siehe nur Schweden, Deutschland, USA und ihre jeweiligen Konzepte dazu), ein unbedingt zu erhaltender Zustand?
  • Oder wird sich das Thema in dieser Form absehbar biologisch erledigen?
  • Ein unaufgeregtes Interview von dctp mit Jeff Jarvis über Privatsphäre im Internet-Zeitalter: Wenn der Penis schrumpft:



    Von mir noch zweieinhalb Ergänzungen aus der Erfahrung von siebeneinviertel Jahren Selbstentblößungdarstellung im Internetz:
  • Es ist definitiv ein Unterschied, ob ich entscheide, was ich von mir preisgebe, oder jemand anders das für mich tut, sei es der Staat oder Menschen, denen ich privat etwas erzählt habe. Wenn ich aber entscheide, etwas preiszugeben, dann werde ich auch damit leben (müssen), dass es preisgegeben ist - dass es also auffindbar ist. Den Punkt spricht Jarvis ja auch an im Interview.
  • Bevor ich die Entscheidung anderer über ihre Haltung zu Privatheit oder Öffentlichkeit kritisiere oder gar verdammt, sollte ich ihnen zuhören und sie fragen, ob sie wissen, was sie tun. (Denn ja, Menschen, vor allem junge und sehr junge Menschen, müssen davor geschützt werden, unwissentlich in die Öffentlichkeitsfalle zu tappen - aber sicher nciht, indem ich sie an Öffentlichkeit hindere, wie es zurzeit viele wollen, sondern eher, indem ich ihnen helfe, die Entscheidung für oder wider Öffentlichkeit bewusst zu treffen.)
  • Und als halben Punkt und quasi als ceterum censeo: Es gibt im Internetz immer noch keinen Lesezwang. Wenn mich also mein Neffe kritisiert, weil er nicht wissen will, wann ich in die Sauna gehe, dann ist seine Schlussfolgerung, ich soll nicht via Twitter sagen, dass ich in die Sauna gehe, absurd - denn er müsste ja nicht zuhören.
  • Ich bin mir sicher, dass wir zurzeit in einer Umbruchzeit leben, nicht nur, was die Kulturtechniken von Publizieren und Rezipieren, sondern auch, was die "default"-Einstellungen im Bereich privat/öffentlich angeht. Und entweder wir verabschieden uns aus dieser Diskussion, indem wir unsere eigenen Ideen für alle verbindlich machen wollen (die anderen aber mit den Füßen abstimmen und eben zu Facebook gehen, mal beispielsweise) - oder wir nehmen an ihr teil und versuchen, die neuen gesellschaftlichen Regeln mitauszuhandeln. Eine Mauer zu bauen, um noch einmal ein Bild von Jarvis aus dem Interview aufzunehmen, wird jedenfalls auf Dauer nicht helfen.

    18.4.10

    Nun ist er groß

    Erste Konfirmation in da house. Irgendwie war ich am Ende gar nicht so aufgeregt, wie ich dachte. Früher sagte man ja, dann ist das Kind erwachsen, irgendwie stimmt das auch, wenn man sich die Bilder anguckt:



    Es war entspannt, erste Feier im neuen Haus, bei gutem Wetter, mit Grillen und Lasagne (was tut man nicht alles, um Wünsche zu erfüllen), mit der engsten Verwandtschaft und den Paten mit ihren Familien. Als wir das Abendmahl gestürmt haben, war es voll...

    Im Grunde ändert sich ja nichts so direkt durch dieses Fest. Aber trotzdem ist es ein Abschnitt und ein mir irgendwie wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, das mit Glück nicht ganz noch mal 14 Jahre dauern wird. Und für uns das erste Mal, übernächstes Jahr geht es weiter.

    Primus, du bist so groß. Und manchmal schon so erwachsen. Glücklicherweise nicht immer. Aber - auch wenn ich dich latent peinlich mache, wenn ich das jetzt sage - ein richtig guter Kerl auf dem Weg.

    11.4.10

    Eine Ära geht zu Ende

    Meine erste brand eins war die Finnland-Ausgabe, wisst ihr noch? Die hellblaue mit dem Rollerfahrer auf dem Cover. Seitdem habe ich sie abonniert. Und diese Woche habe ich das Abo beendet.




    Foto unter cc-Lizenz von Max Braun


    Das fiel mir schwer, denn ich mag die Zeitschrift weiterhin. Und ich hänge an ihr. Damals, als ich auch an ein Freiexemplar kommen konnte, habe ich sie bewusst für Geld bestellt, weil ich es so toll fand, was das Team um Gabriele Fischer gemacht hat. Und die zahlreichen Gespräche, die ich mit ihr führen konnte, gehörten immer zu den inspirierenden Momenten.

    Aber seit dem Sommer habe ich, das musste ich irgendwann zugeben, keine Ausgabe mehr gelesen - oder wenn, dann nur einige wenige Artikel. Und darum habe ich anlässlich des Umzugs und des Großreinemachens die überfällige Konsequenz gezogen. Die brand eins ist wichtig gewesen in meinem Leben. Und ich höre hin und wieder weiterhin den Schwerpunkt als Audiomagazin.

    Am Anfang war sie faszinierend, weil sie das Thema Wirtschaft anders anging. Gabriele war immer sauer, wenn ich meinte, ihr Baby sei so etwas wie die taz unter den Wirtschaftsmagazinen - was ich verstehen kann angesichts der wirtschaftlichen Implikationen, was ich weniger verstehen konnte angesichts des Stils und der Stilbrüche, die für mich die brand eins ausmachten.

    Dann hat die brand eins das Cluetrain Manifest entdeckt und diese große Strecke mit den Bildausschnitten nackter Menschen gemacht, auf die einzelne Thesen tätowiert waren. Diese Ausgabe hat - nicht nur bei mir - sehr viel in Gang gesetzt und vieles verändert. Ohne diese Ausgabe und ohne brand eins wäre ich heute nicht da, wo ich bin, und würde ich heute nicht das beruflich machen, was ich mache.

    Die Zeitschrift gründete eine E-Mail-Diskussionsliste rund um das Cluetrain Manifest, aus diese Liste sind viele Freundschaften entstanden, einige der wirklich guten Blogs dieses Landes und eigentlich alle Berater hervorgegangen, die heute gut und mit Erfahrung rund um Kommunikation in den Social Media unterwegs sind.

    Dafür bin ich bis heute dankbar. Und auch, wenn mich viele Schwerpunktintros von Wolf Lotter geärgert haben, auch, wenn mir zwischenzeitlich (es war eine Phase in der ersten Hälfter der 2000er) die bigotte rechtslastige Verachtung gestunken hat, die er hin und wieder an den Tag legte (manifestiert in seiner Nähe zu den Kapsern von der "Achse des Guten"), war das, was in der brand eins stand auch in dieser Phase für mich wichtig.

    Nun werde ich nun noch sporadisch lesen und hören, so wie schon die letzten Monate. Ich werde die brand eins weiter verfolgen. Aber sie kommt nicht mehr jeden Monat zu mir nach Haus.

    8.4.10

    Wenn die Müdigkeit einsetzt

    Gibt es eigentlich diese legendäre Frühjahrsmüdigkeit wirklich? Frag ich mich gerade, wenn ich die Timeline bei Twitter ansehe, die ich verfolge - "tired" scheint eines der beliebtesten Worte zu sein. Dass ich müde bin, überrascht ja nicht, jetzt, wo langsam alles im neuen Haus an seinem Platz zu sein beginnt und das Tempo privat ein bisschen zurück gefahren werden kann (so weit das geht mit vier Kindern). Aber überall, wo ich hinsehe: Müdigkeit, Erschöpfung, frühes Insbettgehenwollen.

    Dabei kommen doch jetzt die langen Tage, auf die wir uns so gefreut haben. Ein bisschen Sonne. Die leichte Jacke. Das Rad.

    Oder liegt es an den vielen kurzen Wochen? Dass diese Zeit sich so zwischen Alltag und Freizeit anfühlt, der Körper und Geist nicht recht weiß, was Sache ist?

    ich glaub, ich muss mal wieder früher ins Bett. Denn ausschlafen ist nicht mit Kindern und einem jungen Hund. Obwohl das Morgenrot toll ist diese Tage und für das eine oder andere versöhnt...

    1.4.10

    Der Blick von weit weg und ganz nah

    Letzte Woche hat eines der wundervollsten Blogs in Deutschland aufgehört. Ich hab lange überlegt, ob und was ich dazu sagen soll, denn ich kannte die Frau Antonmann ja gar nicht wirklich. Also nicht so, wie man früher "kennen" definiert hätte. Aber über die Jahre ist sie ein fester Bestandteil meines Lebens geworden, auch wenn das ein bisschen zu pathetisch klingt (und ich sollte auch nicht verschweigen, dass ich mit Kunden auch einmal mit ihr zusammen etwas gemacht habe, so als disclosure).

    Liebe Frau Antonmann,

    wir kennen uns nicht. Nicht wirklich zumindest. Aber irgendwie habe ich mich Ihnen immer nah gefühlt. Ich hatte den Eindruck, ich weiß über Sie und Ihre Familie mehr als über manche Freunde - und vielleicht ist das auch einer der Gründe dafür, dass Sie nun aufgehört haben zu bloggen (also jetzt hoffentlich nicht ich persönlich, aber diese Transparenz). Ich werde Ihr Blog vermissen. Nicht nur, weil Sie für mich immer so etwas wie der Mittelpunkt der (nicht wirklich existierenden) Szene der Familien, die bloggen, waren. Sondern vor allem, weil Sie mich haben teilhaben lassen an Ihrem Alltag.

    Denn den Alltag, also so den echten Alltag, bekommen wir bei anderen Familien ja oft gar nicht mit. Wenn wir Freunde besuchen, rüschen die ihr Haus auf und kämmen ihren Kindern die Haare. Unsere Kinder verziehen sich gemeinsam in eines der Zimmer und zerlegen das Haus oder den Garten. Der Stress am Frühstückstisch, der Streit unter den Geschwistern, all das, was den Alltag so anstrengend und erfüllt zugleich macht, wird für die Sondersituation "wir treffen uns mit Freunden" ein bisschen ausgeblendet.

    Durch Ihr Blog habe ich gesehen, dass es auch in anderen Familie so ist wie bei uns (nicht genau so, aber doch genau so wild und schön und doof und interessant und so). Dass Familien mit ähnlicher Altersstruktur und ähnlichen Berufstätigkeiten auch ähnlich ihr Leben meistern. Dass es auf und ab geht, aber immer weiter. Dass Sie auch in einer schweren Krise wieder Mut schöpfen.

    Ihr Blog, liebe Frau Antonmann, werde ich vermissen, auch wenn ich nicht täglich dort war und nur hin und wieder kommentiert habe. Und dass Sie Ihr Leben weiter leben, ohne dass ich dabei zusehen kann, ist ein ulkiges Gefühl, an das ich mich noch gewöhnen muss.

    Alles das, was ich an Blogs mag und was ich - da ich ja mit diesem Thema auch beruflich zu tun habe - anderen Menschen nahezubringen versuche, habe ich in Ihrem Blog gefunden. Und wenn ich da mal kommentiert habe oder Sie mich mal verlinkt haben (einmal glaub ich, damals, als ich auf Ihren Eintrag "mit dem dritten sieht man besser" mit meinem Plädoyer für die vier Kinder geantwortet habe), hat es viele, viele Menschen in dieses Blog gespült - weit mehr als jedes vermeintliche A-Blog je.

    Ihnen alles Gute. Ihren Kindern und dbEva ebenso. Auch von meiner Frau, die ja eine Kollegin von Ihnen ist. Und sagen Sie Bescheid, wenn Sie mal wieder loslegen sollten? Wo Sie mich finden, wissen Sie, kommen Sie gerne mal vorbei. Virtuell oder in der Kohlenstoffwelt.

    Ihr Haltungsturner

    31.3.10

    Da werden Sie geholfen

    Wer hätte das gedacht. OK, ich hatte es gehofft, als ich den Blogpost schrieb, in welcher Sackgasse ich bei der Deutschen Telekom gelandet war. Aber nicht wirklich damit gerechnet.

    Doch dann: Nur wenige Stunden nach dem Eintrag sah die Welt hoffnungsvoller aus, drei Werktage später scheint mein Problem gelöst. Der schale Nachgeschmack bleibt, was wohl wäre, wenn ich nicht in meinem Blog und via Twitter laut geworden wäre - aber die Mitarbeiterinnen und der Mitarbeiter der Telekom, mit denen ich seit Freitag zu tun hatte, haben mich positiv überrascht (und das ist, werden alle Marketer wissen, ein Schlüssel, um mich als Kunden emotional zurück zu gewinnen).
    Nach allem, was ich weiß, ist die Telekom dabei, den Kundenservice auf den Bereich Social Media (also vor allem wohl Blogs und Twitter) auszudehnen - und mein Blogpost und meine Tweets sind da bereits in eine Testphase reingerutscht. Es klingt so, als ob da übrigens noch mehr zu erwarten ist in nächster Zeit, was ich auch beruflich sehr spannend finde.
    So aber meldete sich eine sehr nette und ihre Nervosität zügig ablegende Frau T. (den Namen weiß ich, aber ich weiß nicht, ob es ihr Recht ist, dass ich ihn schreibe) bei mir, die mich den späten Freitag und den gesamten Sonnabend, teilweise offenbar sogar von außerhalb des Büros, begleitet hat. Mein Interimsinternet hab ich mir dann selbst abgeholt im AEZ, wo ich am Sonnabend ohnehin hin musste. Und im Laufe des Montag hat sie organisiert, dass am Dienstag, also gestern, tatsächlich ein Techniker raus zu und fährt, der die Leitung schaltet und auch das DSL aktiviert. Wer schon mal auf einen solchen Techniker gewartet hat, ahnt mit mir gemeinsam, was für eine Welle sie da intern wohl gemacht haben muss.

    Meine vorübergehende T-Online-Kennung konnte ich dann mit meiner existierenden Hardware (DSL-Modem und WLAN-Router) zum Laufen bringen.

    Ich bin gespannt, wie es mit den Kosten sein wird, die sich aus dem Interimsnetz und allem Ärger ergeben haben - eine unbürokratische Lösung ist mir versprochen. Und ich habe zurzeit keinen Anlass, das zu bezweifeln.

    Und weiter? Mal sehen, was mit dem kryptischen Brief gemeint sein mag, den ich parallel bekommen habe, dass mein Auftrag (welcher noch mal??) voraussichtlich im März 2011 ausgeführt werden könne. Mal sehen, ob und was die Telekom mit Social Media, Blogs, Twitter und Co noch vorhat. Ein bisschen ärgere ich mich, dass ich so lange gewartet habe, bis ich laut gab - andererseits hatte ich so schon eine echte Leidensgeschichte. Habe also nicht einfach nur gequakt und gemeckert.

    Die nächsten Tage werden zeigen, wie nachhaltig die Kommunikation mit mir aus deren Sicht war. Aber Frau T. hat es geschafft, mich als Kunden wieder einzufangen, der schon ernsthaft zweifelte, ob es eine gute Entscheidung war, vom Regen in die Traufe zu wechseln. Immerhin war ich als "Family CIO" ja auch von zu Hause unter massivem Druck, denn es war meine Entscheidung, von Alice wegzugehen und der Telekom eine neue Chance zu geben. Und zwei Wochen maulende Jugendliche, eine verzweifelnde und nicht arbeitsfähige Frau und ein irritiertes Au Pair zu Hause sitzen zu haben, die Tag für Tag vertröstet werden müssen, weil weder Internetz noch Festnetztelefonie absehbar sind, ist kein Spaß.

    26.3.10

    Ohne Verbindung

    Ein Brief an René Obermann, den Vorstandschef der Deutschen Telekom, den ich heute per E-Mail geschickt habe. Ich bin inzwischen ernsthaft verzweifelt.

    Sehr geehrter Herr Obermann,

    bitte entschuldigen Sie, dass ich mich direkt an Sie wende, aber nach eine mehrwöchigen Odyssee durch die Serviceabteilungen Ihres Unternehmens, die immer schwieriger wurde, weiß ich mir nicht mehr anders zu helfen.

    Ich wollte von Alice zur Telekom wechseln, als ich mein neues Haus gebaut und bezogen habe. Dass der Anschluss nicht wie zugesagt am 15.3. geschaltet werden konnte, kann ich verstehen, da durch das Wetter die Bauarbeiten an der Leitung zu spät fertig wurden. Leider wurde die Adresskorrektur (die Hausnummer wurde ursprünglich vom Bauherrenservice richtig aufgenommen und dann fehlerhaft korrigiert), die ich im T-Punkt und an der Hotline mehrfach vorgenommen hatte, nicht bei Ihnen ins System übernommen, so dass am Tag, der vorgesehen war, der Anschluss wieder nicht geschaltet werden konnte.

    Diesen Fehler wollte Ihr Team korrigieren, indem ich vorübergehend eine WLAN-Box, die mit einer UMTS-Karte betrieben wird (so genanntes Mifi) zur Verfügung gestellt bekomme. Zugleich wurde mir von einem stellvertretenden Teamleiter verbindlich zugesagt, dass ich gestern (Donnerstag) zurück gerufen werde, um einen verbindlichen Termin zu erfahren, zu dem die Leitung geschaltet werde.

    Leider war heute eine UMTS-Karte in der Post, aber kein Gerät, aus dem Anschreiben ist auch nicht ersichtlich, ob das Gerät, das nach Aktivierung kommen soll, das richtige ist. Zumal es also auch noch weitere mehrere Tage dauern wird, bis wir Internet haben.

    Der Rückruf erfolgte nicht.

    Als ich mich gestern und heute jeweils an die Hotline gewandt habe, wurde zweimal vom Berater aus mit den Worten "das Gespräch ist beendet" aufgelegt, als ich nach dem Namen des Beraters fragte, da er mich nicht mit seinem Vorgesetzten verbinden wollte.

    Vor allem, dass dieses nun zweimal passiert ist, lässt mich nicht mehr glauben, dass das ein Zufall ist. Ich finde es als Kunde unerträglich, dass ich so abgefertigt werde. Heute hat die Beraterin mir erklärt, dass "im Laufe der nächsten Woche" damit zu rechnen sei, dass ich etwas von der Telekom höre über meine Leitung. Als ich das nach der Vorgeschichte nicht akzeptieren wollte, bat ich darum, ihren Supervisor zu sprechen. Der könne mir auch nichts anderes sagen, hieß es - was mir aber Rcht wäre, ich wollte es nur von einem Vorgesetzten hören. Die Beraterin weigerte sich, mich zu verbinden, mir ihren Namen zu nennen - und legte auf.

    Können Sie sich dieses Verhalten erklären?
    Ich arbeite selbst im Dienstleistungsbereich und bin gerade mit Technologieunternehmen gut vernetzt - aber so etwas ist in meinem Umfeld noch nicht passiert.

    Bitte nehmen Sie sich dieses Falles an.
    (Meine Kundennummer habe ich mitgeschickt)

    UPDATE 29.3., mittags
    Ohne den Tag vor dem Abend loben zu wollen, doch ein kurzer Zwischenstand:
  • Ich bin inzwischen in Händen, denen ich zutraue, mein Problem zu lösen, und habe eine Terminzusage.
  • Mir wurde kurz nach der Mail und dem Blogpost endlich weiter geholfen, eine Interimslösung für Internetzugang ließ sich am Wochenende schaffen.
  • Das Büro von Herrn Obermann hat sich bei mir gemeldet und sich schlau gemacht und sich entschuldigt.
  • Wenn es vorbei ist, werde ich darüber noch einmal schreiben.