31.8.06

Beste Druckerei

Früher, wenn ich von Medienleuten sprach, die das haptische Erlebnis beispielsweise bei Pressemitteilungen dem praktischen Nutzen der elektronischen Weiterverarbeitung vorziehen, nannte ich sie oft die Gutenbergfraktion. Sehr passend, dass ein Prachtexemplar dieser Medienkompetenz nun wirklich eine Druckerei ist, die am 15. August verkündete:
Das Votum ist eindeutig: Unter mehr als anderthalb Millionen Konkurrenten hat sich das Düsseldorfer Traditionsunternehmen (...) als Sieger hervorgetan - jedenfalls wenn es nach dem größten und populärsten Internet-Suchdienst Google geht. Hier nämlich wird die Druckerei, die spezialisiert ist auf hochwertige Drucksachen, bei dem Stichwort "beste Druckerei" ganz oben auf dem Ranking geführt.
Abgesehen davon, dass es schon besonders lustig ist, dieses dann auch noch als Pressemitteilung unter die Leute zu streuen, stimmt das schon länger nicht mehr. Thomas Wanhoffs Eintrag über die Mitteilung führt zurzeit die Liste an, unter anderem die Kollegen von den PRLEN sind ihm dicht auf den Fersen. Und wenn jetzt außer Nico und mir noch andere diese Überschrift wählen, verschwinden die guten Berger bald ganz von der ersten Seite.

Ein nettes, harmloses Beispiel für die vergeblichen Versuche, Suchmaschinen zu verstehen...

Ungewolltes und ungefragtes Testimonial

Von einer nicht witzigen Vermarktungsidee eines LinkedIn/ OpenBC-Klons berichtet mein Pariser Kollege Guillaume: Ziki.com hat seinen Namen als Suchwort bei Google geklautkauft. Er ist zu Recht ärgerlich darüber - denn dass ich blogge, hat ja den inzwischen auch von mir sehr geschätzen Nebeneffekt, dass ich wesentlich über meine Online Identität bestimme. Jeden Tag kommen zwischen zehn und hundert Besucher hierher, die nach meinem Namen gesucht haben. In welcher Kombination auch immer.

Ich habe sehr viel übrig für pfiffige Online Vermarktung über Suchworte und realisiere das für Kunden auch sehr gerne. Da ist für gute Ergebnisse Kreativität gefordert. Das aber, was Ziki macht, geht weit über das hinaus, was der gute Geschmack zulässt. Auch rechtlich dürfte der Fall interessant sein...

Oder wie Djure Meinen eben im IM sagte:
Verdammt! Und unsere Namen wären auch geeignet. Wohl dem der Reiner Meyer Hans Müller heißt...

30.8.06

Conservative Evangelist

OK, bei der Überschrift denkt man (außer wenn man über Heise hierherkommt) angesichts meiner Vorgeschichte als Theologe und left evangelical - nein, für diese Richtung theologisch rechter und politisch linker Christen gibt es kein deutsches Wort, denn die sitzen bei uns nun mal zwischen allen Stühlen - zunächst an etwas anderes. Aber ich habe erst sehr gelacht und dann heftig genickt, als ich Phil sich so beschreiben sah.

Phil hat vor fast genau einem Jahr bei Edelman in USA angefangen und dort eine ähnliche Aufgabenstellung vorgefunden wie ich hier bei uns. Aus der "Szene" kommend, mit PR Hintergrund, die Kollegen, die hochmotiviert an das Thema herangehen, in die Geheimnisse dieser komischen Web 2.0 Welt einzuführen; mit Kunden gemeinsam die weiteren Schritte zu gehen; und so weiter. Diese Mischung aus Begeisterung und Bremse erlebe ich genau wie er. Ich freu mich darauf, ihn im RL kennen zu lernen...

Blogmonitoring

Blogs beobachten ist ja schon länger etwas, was meine Kunden und mich umtreibt. Bei Ausschnitt habe ich eine Menge gesehen, was überzeugend war, wir bei Edelman arbeiten an einem recht spannenden Kooperationsprojekt mit Technorati. Und heute, auf Kundenbesuch in Köln, habe ich bei Nico und seinen Jungs vorbei geschaut, die mir einen Blick auf das gewährt haben, was von Blogmonitor schon funktioniert und zu sehen ist. Sieht wirklich gut aus. Bin gespannt, wann die online gehen....

29.8.06

Stille

Wenn man ein paar Jahre bloggt, dann ist die Frage, was ich über das, was ich gerade mache, erzählen kann, fast automatisch. Wenn man mit einer Gruppe zusammen sitzt, in der viele Blogger sind, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens einer oder eine quasi sofort was darüber bloggt, bei rund 100%. Wie entspannend und anders, wenn so ein Treffen ausdrücklich als non blogable deklariert wird.

Im Kopf macht sich geradezu Stille breit. Das habe ich gestern sehr genossen.

Umso größer war heute der Schock, als ich am Gänsemarkt aus dem U-Bahnhof kam (einer derjenigen, in denen so grausam klassische Musik in grottenschlechten Aufnahmen zur Vertreibung von Dauergästen missbraucht wird) und ich einen kurzen Moment den Eindruck hatte, irgendwo, quer übern Platz, würde Alle Jahre wieder gespielt. Muss am Dauerregen liegen, das ist ja genau das Wetter, das wir immer in der Adventzeit haben.

28.8.06

Epic becomes true

Gerade die Pressemitteilung gesehen (noch nicht online gefunden), dass der Angriff von Yahoo und Ebay auf Google abgeblasen wurde. Statt dessen beginnt nach dem Myspace-Deal nun wirklich 2014 Epic zu drohen:
eBay Inc. und Google Inc. haben eine mehrjährige Vereinbarung geschlossen, von der Nutzer ebenso wie Händler und Werbetreibende beider Internetunternehmen profitieren. Die Vereinbarung umfasst vor allem zwei Bestandteile: Textbasierte Anzeigen und die "Click-to-call"-Funktionalität.
Die Werbevereinbarung ist schon groß genug - aber was aus der Zusammenarbeit von Google Talk und Skype werden kann und soll ist dagegen doch weit größer und spannender. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Eric Schmidt wird in der PM schon mal so zitiert:
Durch die Zusammenarbeit zur Förderung der "Click-to-call"- Funktionalität via Google Talk und Skype, zeigen wir Werbetreibenden einen anderen innovativen Weg auf, mit Kunden in Kontakt zu treten.
Über die Funktionalität, die gewünscht und geplant ist, schreiben sie:
Die Internetnutzer können dank der "Click-to-call"-Funktion via Skype oder Google Talk einen Internetsprachanruf zu teilnehmenden eBay Händlern oder Google Werbetreibenden starten, indem sie den Link oder Icons in einer Anzeige für Produkte oder Dienstleistungen auf der Website eines der beiden Unternehmen anklicken. ... In naher Zukunft ermöglicht Skype seinen Benutzern das Herunterladen der Google Toolbar, auf der Skype einen Button einfügen wird. Die beiden Unternehmen werden zudem die Interoperabilität zwischen Skype und Google Talk prüfen, um über offene Standards Textchats und Online-Präsenz zu ermöglichen.
Letzteres hat auch Vorteile, gerade Skype zu öffnen für andere IM-Systeme würde mich sehr freuen. Aber die Massivität, die diese Kombi durch die Integration in Ebay bekommt?

(Disclaimer: Microsoft ist ein Kunde von Edelman)

26.8.06

Am Ende ziehen sie zurück

Anfang des Monats hat Agency.com eine große Diskussion ausgelöst, als sie ein Pitchvideo auch (viral?) bei YouTube einstellten. Nun haben sie sich aus dem entsprechenden Pitch zurück gezogen. Und während beispielsweise Steve glaubt, dass die falsche Aktion dabei eine Rolle spielte, freut sich David Armano, der selbst einmal bei Agency.com war, darüber, dass es dadurch eine substanzielle Diskussion in der Szene gab:
I still maintain that the industry comes out as the true winners here. We benefited by having some quality discussion and debate around a topic that was in the end much bigger than agency.com and Subway put together.
Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass die Agentur das nicht hätte machen sollen - und dass es etwas ist, was einfach nicht geht.

25.8.06

nun lasst den doch nicht so schwitzen...

Was ich an Nico so mag, ist, dass er sich nicht zu schade ist, sich aber so was von zum Affen zu machen. Geile Idee fürs Recruitment. Zwar etwas abgeguckt, aber Ballmer ist ja nicht das schlechteste Vorbild für ein aufstrebendes Unternehmen.



(Video)

Zumal es nicht das erste Mal ist, dass er seine Fans einbindet.

Rolls-Royce und Prototypen

Ich kann Udo Vetter verstehen, wenn er sich einen aktuelleren Fall erhofft, dass einer durch sein Blog seinen Job verlor. Denn ja, wir alle, die wir hin und wieder mit Kunden oder Medien konfrontiert werden, bekommen ja diese Frage gestellt.

Aber naja - zum einen kann es daran liegen, dass bloggen doch gar nicht so gefährlich ist. Und zum anderen, dass die wenigen kritischen Fälle, die es in Deutschland bisher gab, nicht so sehr an die große Glocke gehängt wurden. In Gesprächen vor allem mit großen Unternehmen höre ich zwar immer wieder, dass es den einen oder anderen Fall von Geheimnisver unbedarfter Leutseligkeit gegeben hat - aber wer redet schon wirklich davon, wenn sich das Problem lösen ließ?

Der große Richard Gaul, gestern Gast im PR Club Hamburg , hat dort endlich einmal öffentlich von so einem "Fall" berichtet:

Von einem Praktikanten (war ja wieder klar) wurde am letzten Tag seines Praktikums bekannt, dass er ein Weblog führt. Und da hatte er beispielsweise ein Bild von sich in der Tiefgarage drin - direkt vor zehn Rolls-Royce mit der Bemerkung, das sei sein neuer Fuhrpark. Ein weiteres Bild zeigte ihn mit ein paar Prototypen, die noch nicht der Öffentlichkeit vorgestellt worden waren.

Nun mag das einerseits der typische Humor sein, den ich auch in Blogs so schätze. Dumm und falsch war es trotzdem. Vor allem aber gibt es nun selbstverständlich einen Hinweis hinter seinem Datensatz, welchen Formbrief er bekäme, bewürbe er sich noch einmal bei BMW...

Gaul ist ein großer Geschichtenerzähler. Und weil er in der kommenden Woche vom Fahrersitz auf den Beifahrersitz wechselt und seinem Nachfolger, der seit April diesen Platz hatte, das Steuer übergibt, auch ein persönliches Wort:

Ich hatte die große Freude, ihn mehrmals zu treffen und zu sprechen - und habe selten einen so charmanten und unprätentiösen PR-Menschen auf dieser Hierarchieebene erlebt. Immer nahm er sich hemdsärmelig Zeit für die Gespräche und hat uns als Dienstleister und Menschen ernst genommen. Für mich ist er so etwas wie der Prototyp des Kommunikators, der Menschen liebt und für den Gespräche und Geschichten im Mittelpunkt stehen. Ein "Erotiker", wie ihn ein anderer toller alter Mann der PR nennen würde.

Und darum zum Abschied ein paar Sprüche, die er gestern abend gebracht hat:
PR-Leute sind eine gefährdete Spezies - je mehr die Entscheider die Bedeutung von PR begreifen, desto weniger glauben sie uns, dass wir es können.

Es gibt kein Herrschaftswissen mehr - es gibt das Desaster des Nichtwissens.

Ich habe ganz vielen Leuten "siehste!" sagen können...
Und nachdem er die Arbeit des PR-Profis irgendwo zwischen Herkules und Sisyphos angesiedelt hatte, zitierte er sinngemäß den für seine Generation so entscheidenden Essay von Albert Camus:
Es ist robust anzunehmen, dass Sisyphos ein glücklicher Mensch war

24.8.06

Geschäftsmodelle im Web_2.0

Zu der auf mich auch immer etwas dümmlich wirkenden Frage danach, wo denn das Geschäftsmodell hinter Web_2.0 sei, hat Anfang August Martin ausreichend was gesagt - zusammen mit den Links, die er dort zusammengetragen hat. Für mich als Kommunikationsheini ist ja ohnehin die Gesprächsform im Web_2.0 das, was wirklich spannend ist (weshalb wir bei dem Geschäftszweig, den ich aufbaue, auch nicht von Online Communications, sondern von Online Conversations sprechen, denn es geht um nicht weniger als um - haut mich ruhig - PR2.0).

Angesichts des aktuellen Vermarktertrollalarms ist es aber trotzdem gut, sich auch um Erlösmodelle für Blogs und Web_2.0-Seiten Gedanken zu machen. Kann ja nicht jeder Chief Blogging Officer werden. Nico hat endlich mal wieder eine seiner grundsätzlichen Wochen und schreibt lauter kluges Zeug dazu, weshalb ich einfach mal darauf verweise, dass es sich lohnt seine Überlegungen zum Mainstreambloggen und zur Blogvermarktung durchzulesen. Beides stimmt. Basta.

Andererseits weist Steve Rubel heute darauf hin, dass die Vermarktungen über Werbebuchungen, wie sie manche Mainstreamblogs und Web 2.0-Seiten machen, durchaus gefährlich sind:
Quietly, an entire Web 2.0 economy has blossomed. The Web sites and blogs that cover Web 2.0 ... are largely supported by ads from startups that also are hoping to capitalize in the rising interest in online advertising. This creates a vicious cycle that's unhealthy for the earning potential of bloggers who cover Web 2.0. ... If the economy hits a speed bump it will upset the apple cart enough to cause the Web 2.0 advertising economy to sink. And while it won't spell the demise of these popular blogs, it might mean these bloggers will need to return to their day jobs.
Das spricht nun gar nicht gegen die Versuche, neue Konzepte und auch neue Geschäftsmodelle mit Web_2.0 zu entwickeln und auszuprobieren. Es richtet nur den Blick aus das ewige Problem der Selbstreferenzialität innerhalb einer Szene. Und es hilft, noch einmal darüber nachzudenken, dass es vor allem spannend sein kann, gerade nicht innerhalb dieses Schwarms zu schwimmen, sondern die neuen Möglichkeiten, die das Web_2.0 bietet, zu nutzen, um mit ganz normalen Menschen ins Gespräch zu kommen. Solchen, die noch nie von Web_2.0 gehört haben. Die das nicht interessiert. Und die es einfach täglich nutzen.

Und das sind mehr, als ihr glaubt.