Guttenberg hat also offenbar bei seiner Doktorarbeit betrogen*. Er wurde promoviert, obwohl er die Arbeit, nach allem, was bis heute an nicht belegten Zitaten aufgetaucht ist, nicht der Promotionsordnung entsprechend angefertigt hat, also nicht hätte promoviert werden dürfen.
Ob das ein Rücktrittsgrund ist, ist mir im Grunde egal, auch wenn ich persönlich, aufgrund meiner persönlichen Vorlieben, dieses für schwerwiegender halte als beispielsweise ein Empfehlungsschreiben auf Ministerpapier, also als den Rücktrittsgrund von Möllemann damals.
Was mir ganz und gar nicht egal ist sondern mich - auf deutsch gesagt - tatsächlich und massiv ankotzt, ist der Versuch mancher seiner Verteidiger oder so genannter "Neutraler", sein akadamisch
Ich finde es ein Unding, dass hier alle oder zumindest viele Akademiker in Sippenhaft genommen werden sollen für ein individuelles Fehlverhalten. Dafür, dass ein offenbar schwacher Mensch so schludrig eine "wissenschaftliche" Arbeit anfertigt, dass er ganze Passagen - und hey, dabei handelt es sich nicht um marginale Einzelsätze, das kann einem nachlässigen und flusigen Menschen sicher mal passieren - abschreibt, vor allem solche, die er als seine Meinung und Schlussfolgerung verkauft, dafür also gibt es keine akademisch vertretbare Entschuldigung. Das ist einfach nur frech oder schlecht oder Betrug. Egal welche dieser drei Möglichkeiten am dichtesten an der Realität ist: Es ist nicht das akademische System an sich. Es ist das Fehlverhalten eines möglicherweise Überehrgeizigen.
Guttenberg allein beschädigt das wissenschaftliche System nicht damit. So was kommt vor, die Arbeit wird zurück gezogen werden, der Titel wird als nicht gegeben gelten, Ende. Aber weil er der einzige ist, der Frau von der Leyen als künftige Führungsfigur der Union verhindern kann, springen ihm - ich hoffe wider besseres Wissen - nun viele bei, die damit, dass sie ihn verteidigen, dass sie sein Vergehen vielleicht sogar als (aus akademischer Sicht, und nur um die geht es hier) nicht so schlimm oder gar üblich beschreiben (werden), den Wert akademischer Arbeit an sich verächtlich machen.
Was ich daran besonders pervers finde (und was mich wirklich zornig macht): Wer immer jetzt die Nicht-So-Schlimm- oder Das-Machen-Doch-Alle-Karte spielt, bedient die populistischen Vorurteile, alle Akademiker seien faul. Wissenschaft sei Humbug, Forschung und Forschungsarbeit (die beispielsweise mit Promotionen belohnt wird) eigentlich dämlich oder irrelevant. Und die Akademiker kupferten doch eh alle nur voneinander ab.
In der ganzen Plagiatsdingens gibt es nur einen Sieger: Guttenberg, der populärer sein wird als vorher. Und zwei Verliererinnen: Bildung und Wissenschaft. Und damit schadet Guttenberg mit seiner Leugnung und schaden seine Verteidiger und die, die seine Verfehlung kleinreden, unserem Land, das Bildung und Wissenschaft braucht.
Ich glaub, ich kotz noch ne Runde.
* Ja, ich bleibe bei meiner Formulierung, denn ich halte es für einen wissenschaftlichen Betrug, in einer wissenschaftlichen Arbeit (die hier der Promotion zugrunde liegen soll) Zitate nicht als solche sichtbar zu machen. Außerdem verstößt dieser Betrug gegen die guten Sitten und führt dazu, dass unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein (materieller, gesellschaftlicher) Vorteil erlangt wird, den eine Promotion in diesem Land immer noch darstellt.