23.12.12

Da sagt die Schröder einmal was richtiges...

und schon ist das Geschrei von allen Seiten groß. Nach dem Interview, das sie der "Zeit" gab zu Gott und der Welt und dem Vorlesen.

Ich bin ja nun wirklich unverdächtig, Kristina Schröder gut zu finden. Aber die Kritik an ihr in diesem Fall reicht von scheinlinken Onlinerinnen bis hin zu reaktionären Unionistinnen. Und das finde ich in beiden Fällen grotesk.

Mal ehrlich: Ich kennen niemanden, die halbwegs regelmäßig Kindern vorliest, die nicht immer wieder Worte abändert - sei es, weil sie nicht verständlich sind heutzutage, sei es, dass man das, was da bezeichnet wird, heute einfach anders bezeichnet. Ich mache das andauernd. ich mache das sogar bei Christine Nöstlinger, die ja nun eher keine rassistischen oder sexistischen Texte schrieb - weil die österreichischen Worte für meine Kinder nicht verständlich sind.

Kann es sein, dass hier ein reiner Beißreflex vorliegt? Oder ein realitätsfreier Pseudopuritanismus in Bezug auf in unseren Familien lebendigen und eben nicht literarisierten Texten? Ich persönlich finde Frau Schröder unmöglich und schwer bis nicht erträglich, ich halte sie für eine krasse Fehlbesetzung in ihrem Amt - aber wenn eine so reaktionäre junge Frau so selbstverständlich mit Texten und mit Gott umgeht und auch so beiläufig darüber redet, dann finde ich das größtartigst.

Denn das heißt, dass die letzten dreißig Jahre Diskussion in der Theologie, in den Kirchen (in Bezug auf Gott) und in feministischen und pädagogischen Diskursen (in Bezug auf beknackte Worte) nicht umsonst waren. Dass sich wirklich etwas geändert hat in diesem Land und bei seinen Menschen. und zwar mehr, als den alten Männern und den intelligenzfernen Postgenderdödeln bewusst oder recht wäre.

Und darum spricht Frau Schröder in dem Interview einfach nur das aus, was viele Menschen nicht nur in meiner Umgebung jeden Tag tun und denken. Sie ist eine ganz normale Frau und eine ganz normale Mutter in dieser Zeit. Verkopft - das ist ja einer der Vorwürfe aus ihrer Partei an sie - sind eher die, die sie jetzt kritisieren. Oder es sind eben Leute, die noch nie Kindern vorgelesen haben oder mit Kindern über Gott sprachen. Ich jedenfalls kann ihr zustimmen.

Zumal in fast allen (evangelischen) Gemeinden, die ich kenne, dauernd von "Gott, der uns Vater und Mutter ist" die Rede ist. Und mehr als eine Pastorin und sehr viele Pastoren sprechen beim Segen:
Gott segne dich und behüte dich, sie lasse das Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig, er erhebe das Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

21.12.12

Mein Weihnachtsgeschenk für euch

Nachdem heute wie versprochen kein Ausblick auf 2013 von mir erschienen ist sondern was anderes drüben bei LEAD digital, trage ich noch den Teil nach, den ich aus dem Text wieder rausgekürzt hatte, weil er da irgendwie nicht reingehörte. Nämlich dies:

Immer wieder habe ich in den letzten Jahren recht unspezifisch vor den Scharlatanen der Social-Media-Beratungs-Branche gewarnt und dabei gehofft, dass klar ist, wer gut ist im Gegensatz dazu. Trotzdem werde ich immer wieder gefragt, wen ich denn empfehlen könne. Da zierte ich mich. Denn zum einen ist das unfair den guten Leuten gegenüber, die ich nicht kenne oder nicht erwähne – und zum anderen wird dadurch ja noch deutlicher, von wem ich eher nicht so viel halte. Und ich will – das stimmt tatsächlich – niemandem von letzteren schaden.

Teilweise bewundere ich sogar den einen oder die andere für das Geschick, aus den Ängsten potenzieller Kundinnen Kapital zu schlagen und sich selbst ins Gespräch zu bringen und zu vermarkten. Nicht so schön ist, wenn wir anderen dann hinter ihnen aufräumen müssen, aber das ist eine andere Geschichte.

Aber weil Weihnachten naht und alle milde gestimmt sind, will ich endlich ein paar alte und langjährige Weggefährten und eine solche Weggefährtin erwähnen, die ich mehr als nur schätze. Fachlich, menschlich und in manch anderer Weise. Ich erbitte die Verzeihung derer, die aus Versehen nicht genannt sind – und die Nachsicht derer, die bewusst nicht genannt sind.

Da ist zum einen die alte Hamburger Gang von 2004. +KP Frahm+Mark Pohlmann+Björn Ognibeni seien genannt. Wir waren der harte Kern einer Gruppe, die damals kommunikativ mit dem, was wir „Web 2.0“ nannten, arbeitete und es heute noch tut. Und ein paar Leute aus Berlin und München wie +Michael Domsalla+Klaus Eck, die Kaltmamsell oder +Sascha Lobo waren auch damals schon schlau und seriös beim Thema.

Dann war da 2006 unser legendärer Mörfelder Kreis, aus dem +Kai Hattendorf  und Markus Pfeiffer besonders zu nennen sind.

Und in der zweiten Generation haben ein paar von den guten Leuten Agenturen gegründet. +Christoph Bornschein+Tapio Liller+Christian Henne+Lars Brücher.






(Nein, ich weiß auch nicht, warum das bis auf die Kaltmamsell alles Männer sind.)

20.12.12

Zeit für ein Zwischenfazit zum generischen Femininum und sprachlicher Geschlechtergerechtigkeit

Dieses Jahr habe ich mich konsequenter als vorher um meine Sprache gekümmert. Konkreter Anlass war ein Blogpost von Anatol Stefanowitsch im Dezember 2011, der witzigerweise heute früh von zwei geschätzten Leuten in meiner Umgebung unabhängig von einander wieder erwähnt wurde. Und so quasi als Selbstverpflichtung schrieb ich Anfang Januar:
Solange es in meiner Umgebung Leute gibt, die das Märchen vom generischen Maskulinum aufrecht erhalten und weiter erzählen, werde ich wie in den letzten Jahren schon auch weiterhin im Blog und in Aufsätzen und Artikeln ein generisches Femininum verwenden. Punkt.
Zeit für ein Zwischenfazit. Denn immerhin ist es - ich bin ja angestellt in einer alles andere als feministisch geprägten Arbeitsumgebung - ein Experiment.

Vorweg: Die beiden wichtigsten Punkte am Experiment empfinde ich als gelungen. Ich denke bei Tweets beispielsweise fast immer nach, wie ich Oberbegriffe formuliere. Und ich ertappe mich dabei, dass es mehr und mehr in meinen "natürlichen" (also unbewussten) Sprachduktus übergeht, entweder beide grammatischen Geschlechter zu verwenden oder nur das Femininum, mündlich aber wirklich eher beide.

In längeren Texten, beispielsweise in Blogposts, habe ich weniger Schwierigkeiten gesehen, meine Linie  durchzuhalten. Entweder ich verwende Worte, die ohnehin unverfänglich sind, oder das Femininum. Ich setze sogar das grammatische Maskulinum bewusst ein, beispielsweise habe ich immer von "Piraten" geredet und nie von Piratinnen - sozusagen als Insiderinnenwitz. Und ich bin beim Label "idioten" geblieben, aber das ist eine andere Geschichte.

Eine Erfahrung jedenfalls finde ich faszinierend. Ich bin nicht ein einziger Mal von irgendwem auf meinen Umgang mit dem Thema und meine Sprache hierbei angesprochen worden. Weder positiv noch negativ oder zynisch oder irritiert. Ich hatte den Eindruck, dass es entweder von mir erwartet wurde (und hey, die Menschen, mit denen ich zu tun habe, lesen nun wirklich nicht alle mein Blog) - oder es für Menschen in meinem (beruflichen und privaten) Umfeld inzwischen doch schon normal genug ist, eine inklusive Sprache zu hören. Es kann auch sein, dass der Effekt dadurch unterstützt wird, dass ich tendenziell in anderen sensiblen Bereichen nicht so sehr auf diskriminierungsfreie Sprache achte, also insgesamt mich sprachlich nicht so extrem weit vom Alltagsdeutsch meines Umfeldes entfernt habe. Eine "Szene" in der ich mich bewege, ist übrigens auffällig weiter als alle anderen, die ich kenne - und erschreckenderweise um Lichtjahre dem Umgang mit Sprache in meiner Partei (den Grünen) voraus: die evangelische Kirchenszene. Ernsthaft.

Insgesamt habe ich dieses Jahr damit gespielt, wie weit welche Akzeptanz geht. Und mich durchaus auch gestritten und darauf hingewiesen, wenn mir ein angebliches generisches Maskulinum nicht gepasst  hat. Seltener als ich vorher gedacht hätte, wurden mir inklusive Formulierungen aus Texten herausredigiert. Selbst in Präsentationen haben Kolleginnen sie überwiegend stehen lassen.

Lustig fand ich eine Erfahrung, die auch andere machten (beispielsweise der Berliner Abgeordnete Christopher Lauer Oliver Höftinghoff, der in einer Diskussion über Anatol Stefanowitschs Sprach-Vortrag auf einem Piraten-Camp [edit: danke an tant@ sospirati für den Link in den Kommentaren] davon erzählte [edit: bei 1h09m etwa in dem eben verlinkten Video], das Video habe ich gerade nicht wieder gefunden, war aber sehr spannend). Mir wurde mehr als einmal ein generisches Femininum in einem Aufsatz in ein Binnen-I umgewandelt, obwohl ich dieses ganz bewusst und entschieden nicht nutze. Ich habe es schon damals nicht gemocht als es in den 80ern aufkam und in "meinen Szenen" als normal galt. Dass ein generisch gebrauchtes grammatisches Femininum noch immer so verstört, dass es von Redakteurinnen in das (grammatisch eindeutig falsche) Binnen-Majuskel umgewandelt wird, finde ich faszinierend.  Und es zeigt mir, wie weit der Weg ist - denn die gleiche Redakteurin hätte ein generisch gebrauchtes grammatisches Maskulinum ja nicht in eine inklusive Form mit Binnen-Majuskel umgewandelt.

Der einzige Bereich, für den ich noch keine mich befriedigende Lösung gefunden habe, sind Auftragstexte für Kundinnen. Als Dienstleister habe ich meine eigenen Sprachbedürfnisse dort zurück zu stellen - so verstehe ich Dienstleistung zumindest. Hier agiere ich inkonsequent und inkonsistent, vielleicht geht es auch nicht anders.

4.12.12

Der Schoß ist fruchtbar noch

Ich hielt die Bundeszentrale für politische Bildung für eine seriöse Institution, zumindest war sie das in den 80er Jahren nach meiner Erinnerung. Und aus irgendeinem Grund bin ich erst heute über eine kurze, empörte Twitternachricht auf diesen Fall aufmerksam geworden. Da ich mich dann empörte und viele Leute in meinem Umfeld das Video auch noch nicht kannten, sei es hier noch einmal aufgerollt. Denn ich bin so wütend. Aber so was von.

Um es vorweg zu sagen: Ich denke, dass wir es hier mit einem ganz selbstverständlichen Auswuchs des absurden Extremismusbegriffs der Bundesregierung und ganz besonders der Kristina Schröder zu tun haben - etwas, das bei einer so brandgefährlichen reaktionären Politikerin nun mal rauskommt und bei denen, die ihr zu lange zuhören (will ich jetzt mal als Ehrenrettung für die Leute vermuten, die für dieses eklige, dumme und gefährliche Video verantwortlich sind).

Es geht um das Video hier unten, das die Bundeszentrale für "politische" "Bildung" inzwischen wieder zurück gezogen hat, sich aber gegenüber der taz weinerlich über den scharfen Tonfall der Kritik beschwerte und sich mit dem Hinweis auf eine "lernende Organisation" herausredete (wie armselig ist das denn bitte?). Mein Dank gilt ausdrücklich dem epd, der das Thema offenbar in etliche Zeitungen brachte.

Grob zusammengefasst, sagt die bpb in diesem Video: Wenn Nazis Einwanderer umbringen, machen die das nur, weil sie dagegen protestieren, dass "Linke", die aussehen wie einer meiner Söhne, Autos abfackeln. Und darum führen die Nazis einen Privatkrieg gegen meinen Sohn & Co, indem sie in ganz Deutschland Einwanderer erschießen. Man kann gar nicht "bildungs- und politikfern" (O-Ton bpb laut epd-Meldung) genug sein, um das misszuverstehen.



Ja, der Sprecher der bpb hat Recht, wenn er gegenüber epd einräumt, einige Formulierungen seien "unglücklich gewählt". Und ich bin ja PR-Profi genug, um zu wissen, was die Formulierung "unglücklich gewählt" heißt: Schiet, wir haben uns erwischen lassen. Denn die gesamte Reaktion der bpb, jedenfalls so weit ich sie sehen kann, trieft so komplett vor Unverständnis gegenüber der Kritik, dass es sehr schwer fällt, den Leuten, die das Video fabriziert haben, nicht Bosheit und Absicht und einen derart kruden Extremismusbegriff zu unterstellen, dass sie eigentlich ein Fall für den Verfassungsschutz wären.

Überhaupt die Ästhetik und Sprachwahl des Videos (mal abgesehen von den komplett verdrehten Fakten und den Unworten, die sie verwenden). Ein guter Freund, der sich mit der Ästhetik von Propagandafilmen gut auskennt und selber auch Filmer ist, kommentierte heute Abend dazu:
"Es herrscht Bombenstimmung in Deutschland. Und wie sehen Extremisten aus? Die Linken riechen ein bisschen besser." Ehrlich gesagt: Das klingt (und sieht auch so aus, und ist wirklich ähnlich gemacht) wie das Zeug der Nationalsozialisten aus den 40er Jahren. Das kann mit einer lernenden Institution so nichts zu tun haben. Das hatten wir schon. Da gibt es nichts mehr zu lernen.
Über die krude Benutzung der Worte "rechts" für Nazis und "links" für  - ja, was eigentlich? - will ich an dieser Stelle kein Wort weiter verlieren, dass sich diese Worte gerade im Sprachgebrauch ändern, ist bedauerlich aber wohl Fakt. Aber so komplett Verdummung zu betreiben, ist selbst, wenn Pro Sieben wirklich Ko-Produzent des Videos ist, krass.

Nur eines ist gut an diesem Video: Es zeigt sehr deutlich, dass der ideologische Extremismusbegriff der Bundesregierung und von Frau Schröder, der ja ohnehin von nahezu niemandem geteilt wird, der oder die mit Nazis oder mit linksradikalen Menschen arbeitet, genau das ist, was er ist: eine reaktionäre Propagandaschöpfung, die keine Verbindung zur Realität hat.

Und was meinen Sohn freuen wird: Ich bin ob seiner Provokation mit seinem Haar"schnitt" nicht mehr so - äh - provoziert. Und dank bpb weiß ich nun, dass ich sehr aufpassen muss, wenn ich ihn oder meinen Neffen in unserem SUV rumkutschiere. Nicht, dass die noch ihrer normalen Tätigkeit nachgehen und es abfackeln, damit die Nazis endlich wieder Einwanderer umbringen dürfen. Oder so.



Sagte ich schon, wie wütend ich bin?

22.11.12

Warum ich Sascha Lobo dankbar bin

Es gibt Bücher, die müssen einfach geschrieben werden, damit es sie gibt. Und damit möglichst alle, die es angeht, sie lesen können. Zumal ich Bücher liebe. Und dringend mal meine Leseliste im Blog aktualisieren muss, denn die ist im letzten Frühjahr stehen geblieben.

Und dann gibt es Bücher, die endlich geschrieben werden. So dass ich sie nicht mehr schreiben muss, wozu ich mich irgendwie verpflichtet gefühlt hatte bis dahin.

Und dann - und damit sind wir bei der Überschrift - gibt es die Leute, die den Leuten, die diese Bücher schreiben können, damit ich sie nicht schreiben muss, den letzten Tritt geben, es auch zu tun. In diesem Fall war das Sascha Lobo, der von den meisten Internetzverachterinnen und interessanterweise Marketingverantwortlichen irgendwie meistunterschätzte Kerl mit der Frisur. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden muss.

Jedenfalls hat er Tanja und Johnny Haeusler ihrer eigenen Aussage auf der letzten Seite ihres Buches Netzgemüse nach eben jenen Tritt verpasst, so dass sie das Buch geschrieben haben, das ich nun ab sofort als das meine ausgeben werde. Also als dieses eine, das ich nun glücklicherweise nicht mehr schreiben muss, weil ich alle Leute, die mich bitten, ihnen das mit den Kindern und dem Internetz zu erklären und mit der Erziehung und dem, was da so kommt und beachtet werden muss und und und - also alle anderen Eltern, mit denen ich jemals über unsere Kinder spreche, einfach darauf hinweisen werde, dass sie dieses kleine Buch lesen sollen, weil da (1) alles das drinsteht, was ich ihnen sonst in endlosen Monologen erzählen würde, und es (2) so geschrieben ist, dass es (2a) Spaß macht, es zu lesen, und es (2b) sprachlich und sachlich für alle Menschen, die ich kenne, sinnentnehmend zu erlesen ist.



Ich selbst hatte das Buch am Montag Abend in der Post (disclosure: ich habe es nicht gekauft, sondern vom Verlag geschenkt bekommen, ohne dass ich versprochen hätte, darüber zu schreiben, obwohl ich nach all den Gesprächen, die ich mit Johnny über dieses Thema in den letzten Jahren geführt habe, durchaus annahm, dass ich darüber schreiben werde, weil ich davon ausging, dass es so gut sei, wie es jetzt tatsächlich ist, weshalb ich es auch bereits vorher in Elternfortbildungen empfohlen habe). Dienstag auf der Reise ins und aus dem Büro und Mittwoch auf zwei langen Flügen von und nach München habe ich es dann verschlungen. Genickt. Gelacht. Tränen des Zorns verdrückt und noch mehr der Rührung (ihr wisst ja, als Meedchenfilmfan bin ich nah am Wasser gebaut). Und habe mir eine Liste gemacht der Menschen, die von mir ungefragt diese Buch geschenkt bekommen werden. Allen voran meine Schwester (falls du dies liest: kannst dich schon drauf freuen, ehrlich!).

Zwei Abschnitte haben mich besonders beeindruckt. Zum einen das Kapitel über "Schutzräume und Schmutzträume", in denen Tanja und Johnny ganz unaufgeregt und keineswegs aus einer "Oh, ist das Netz toll und ihr Angsthasen könnt uns mal"-Position heraus, die ich immer mal wieder bei Netzaktivistinnen höre, die Diskussion um die Gefahren und anderen schlimmen Dinge des Internets erden und einordnen und in Beziehung setzen zum Rest unseres Lebens.

Dies ist übrigens der rote Faden des Buches - und wer eine Bedienungsanleitung für Eltern erwartet, wird darum enttäuscht werden: Immer wieder ist dies Buch autobiografisch und berichtet von den eigenen Erfahrungen - und vergleicht die mit den Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen. Mit Wasser. Oder Bielefeld. Oder dem Straßenverkehr. In meiner Lebensgeschichte wäre es das Fernsehen gewesen, denn das habe ich als Kind und Jugendlicher so erlebt, wie einige der Freundinnen meiner Kinder das Internet, denn meine Eltern haben mich davon extrem und mit viel Aufwand ferngehalten, teilweise sicher auch, weil sie es selbst als Kinder und junge Erwachsene nicht kannten, unser erster Farbfernseher war weit in den 80ern, aber auch das ist wieder eine andere Geschichte.

Der andere Abschnitt, der mich besonders fesselte, ist der über Spiele (Konsole oder online). Denn dieses Kapitel hätte ich nicht selbst schreiben können, hier bin ich wohl wie die normale Leserin des Buches, dies ist eine Welt, die mir fremd ist, die mir in Teilen auch immer noch Angst macht und mich verunsichert. Und in der mich zurechtzufinden mir dieses Buch auch ganz konkret geholfen hat. Habe mich mit meinen Söhnen direkt am Abend noch über Minecraft unterhalten.

Und nun?

Liebe Tanja, lieber Johnny,
danke für euer Buch. Ich liebe es, so wie ich euch liebe. Und ich schätzte euch ja schon sehr, bevor ihr dieses Buch geschrieben habt, wie ihr wisst. Und danke, dass ihr so viel von euch und euren Söhnen erzählt habt. Ist es nicht verrückt, dass wir alle, die wir uns da ein bisschen auskennen, auf Elternabenden für Freaks gehalten und misstrauisch beäugt werden - obwohl unsere Kinder, eure und meine, klarere Grenzen und Regeln und Sicherheitszäune haben in diesem Internet als die Kinder die anderen Eltern, vor allem die von denen, die besonders gegen das Internet wettern?

Liebe Eltern von Kindern zwischen sagen wir mal sechs und sechzehn,
kauft das Buch, lest das Buch, lasst euch einmal auf diese Buch und seine Geschichte und seine Menschen ein. Ihr werdet vielleicht nicht alles teilen. Vielleicht auch nicht jedes Detail verstehen oder mögen. Aber ich bin mir sicher: Ihr kommt als andere aus der Lektüre heraus als ihr hinein gegangen seid. Und das, da bin ich mir ebenso sicher, ist für euch und eure Kinder ein Gewinn.

Liebe Lehrerinnen,
bitte, bitte, bitte lest dieses Buch. Im Nachwort sind ein paar Hinweise, warum das wichtig sein könnte, vielleicht fangt ihr damit an, oder lest dieses Nachwort einmal kurz in der Buchhandlung, heimlich. Dann werdet ihr es ohnehin kaufen. Also das Buch.

Lieber Sascha,
danke, dass du gegen unsere Freundinnen körperliche Gewalt angewendet hast, auch wenn wir sicher gemeinsam der Meinung sind, dass Gewalt keine Lösung ist. Fast immer. Aber solche Tritte brauchen wir. Vielleicht auch noch mehr davon.




Sagte ich schon, dass ich dieses Buch ("Netzgemüse" von Tanja und Johnny Haeusler) nur empfehlen kann?

16.11.12

Von Pubertät und Podien

Ich hatte es zunächst nicht verfolgt, weil November und Dezember in einer Agentur schlechte Monate nicht nur für Konferenzen sondern für alles sind, was nicht direkt mit Kundinnen zu tun hat - denn es ist die Zeit, in der am meisten Konzepte, Projekte, Etats und Neuprojekte kommen. So auch hier, danke, das ist an sich schön.

Und ich war aus mehreren Gründen nicht interessiert an den Social Media Economy Days 2012 vor einiger Zeit in Hamburg. Vor allem, weil mir die Referenten ganz überwiegend nicht zusagten. Von einigen Ausnahmen abgesehen weder von den Themen noch von der Erfahrung/Kompetenz her. Macht ja auch nichts, es spricht ja zunächst weder für noch gegen eine Veranstaltung, dass sie mich nicht lockt.

Auch den Ausruf von Agnieszka von den #DMW dazu, dass es keine Frauen auf den Podien gab, habe ich nur aus dem Augenwinkel gesehen, von den Kolleginnen in meinem Team ein bisschen was dazu gehört, aber nicht weiter verfolgt. Hätte ich aber vielleicht, wenn ich mir nun manche Affendiskussion rund um dieses Thema ansehe, die ich in den letzten Tagen dann doch noch mitbekam.

Der eine oder die andere wird wissen, wie meine Haltung zu diesem Thema sozusagen ganz grundsätzlich ist. Ich habe zu Herrschaftsstrukturen und zu Quoten (da eher im politischen Kontext) und zu Sprache ja immer wieder was gesagt.
Falls jemand mit mir diesen kurzen Artikel hier diskutieren will, bitte ich darum, diese Texte einmal mindestens querzulesen, ok? Würde vielleicht das eine oder andere erleichtern.

Um es klar zu sagen: Ich halte es für eine Veranstaltung für schädlich, wenn sie an einem Format festhält (also vor allem Vorträge, Vorträge, Vorträge, dieses pubertäre Format), das systemimmanent nicht nur überwiegend uninteressant ist sondern auch viele Frauen, die ich kenne und für gute Lehrerinnen und Erzählerinnen halte, ausschließt.

An solchen Tagungen, die zusätzlich auch noch mich selbst langweilen, werde ich nicht mehr teilnehmen. Weder als Sprecher noch als Teilnehmer. Und das, obwohl ich mich sehr gerne reden höre.

Dass es anders geht, zeigen Tage wie die Foren von Kongressmedia (mit all ihren anderen Problemen, ja) oder die Fachtagung Social Media Relations jetzt gerade, die ich kurzfristig absagen musste, weil ein Kind krank war und ich zu Hause gebraucht wurde - was aber nicht soo viel machte, weil meine großartige Kollegin Jette den Workshop auch allein hinbekam. Was niemanden überraschen wird.

Was gar nicht geht, ist das mangelnde Problembewusstsein, das ich aus manchen "Diskussionen" rund um den offenen Brief heraus hörte. Ich bin fest davon überzeugt, dass der diesjährige Höhepunkt an misogyner Konferenzgestaltung wesentlich durch eine Mischung aus antiaufklärerischer Postgender-Haltung ("Frauen haben doch genau die gleichen Chancen, warum melden sie sich nicht mit guten Themen?") und einem veralteten und unattraktiven Tagungsformat (eben Vorträge von Rampensäuen) passieren konnte.

Damit sich etwas ändert, müssen Männer, die immer wieder angefragt werden für die Rampe - und in der zweiten oder dritten Reihe gehöre ich ja auch dazu, dies richtet sich also auch an mich, nicht nur an andere -, meines Erachtens eine Zeit lang etwas von dieser Rampe zurück treten. Nur durch den eigenen Verzicht wird sich etwas ändern. Wer nicht auch verzichtet, kann nicht behaupten, dass alles gut sei - sondern zementiert den status quo ante. So lange es eine faktische Ungleichheit gibt (und bevor ihr über diese Tatsache diskutieren wollt: das haben wir in den 80ern und 90ern ausführlich getan, wer das anders sieht, muss imho unter einem Stein gelebt haben oder bösartig oder intellektuell beschränkt sein, sorry), müssen die bisher durch die Asymmetrie Bevorzugten freiwillig oder unfreiwillig zurück treten, muss es eine Ungleichbehandlung geben.

Ich werde 2013 darum meine Teilnahme an Konferenzen und Tagungen (vor allem und in erster Linie als Beitragender) von diesen drei Punkten abhängig machen und ich fordere Männer, die viel auf Podien stehen, auf, es mir gleich oder ähnlich zu tun:
  1. Wie ist der Anteil der Frauen, die Programmpunkte leiten/gestalten? Ist der kleiner als 35%, werde ich nicht teilnehmen.
  2. Welche partizipativen und erwachsenenpädagogisch zeitgemäßen Formate hat die Tagung, die Konferenz? Keine? Nur Vorträge? Ohne mich.
  3. Ist die (in der Regel ja obligatorische) Diskussionsrunde mit mindestens 40% Frauen besetzt? Dann komme ich gerne.

15.11.12

Nur östlich der Alster

Wenn ihr die Karte von Hamburg anguckt, gibt es oben rechts einen Zipfel. Wisst ihr, oder? Da ist der Duvenstedter Brook. Da bin ich als Jugendlicher immer hingefahren. Mit dem Rad an der U1 lang, wunderschöne Strecke, immer geradeaus bis Ohlstedt (in meinen besten Zeiten war das von der U-Bahn in Volksdorf rund 10 Minuten, ich kam quasi mit der U-Bahn gemeinsam an, ging aber nur in der Woche, wenn weniger Fußgängerinnen unterwegs waren). Im Unterstand Hirsche beobachten und knutschen. Denn ich bin in Volksdorfs armer Schwester aufgewachsen, weshalb ich alles so erlebt hab wie Tina Uebel, aber das sagte ich ja schon. In Meiendorf, nicht wirklich in den Walddörfern, aber gefühlt schon (und viel eher Walddörfer als Rahlstedt). Der Stadtteil, in dem wir heute wieder leben zur Kinderaufzucht, bis wir in zehn Jahren oder so richtig aufs Land gehen, nach Angeln oder Ostholstein oder so, Pferde am Haus, Badesee auch, wisst ihr Bescheid, wenn ihr was kennt und so.

Als Hamburgerin ziehst du nicht über die Elbe (logo, du willst ja nicht weg aus Hamburg) und nicht über die Alster (auch logo, denn der Westen ist irgendwie komisch). Und als Walddörferin gehst du da schon gar nicht weg. Nur einmal haben wir formal westlich der Alster gewohnt, aber das zählte nicht, denn Duvenstedt, das Dorf mit dem Brook, siehe oben, liegt zwar westlich der Alster, aber das stimmt nicht, denn gefühlt liegt es östlich. Und kulturell sowieso.

Überhaupt Duvenstedt, wo wir damals unser erstes eigenes Haus gebaut haben. Hamburgs fast kinderreichster Stadtteil (nach Jenfeld glaube ich). Damals schon mit einem Durschschnittsfamiliennettoeinkommen von rund 100k Euro, habe ich mal recherchiert als ich da im Kirchenvorstand war. Mit einem Freibad, zu dem wir einen Schlüssel hatten, wie alle im Dorf, weil wir gemeinsam in einem Verein das Bad betrieben. Wo eine der Familien, die damals da hinzogen, die tolle Eisdiele auf dem Hügel (heute am Kreisel) aufmachte, wo es diese tolle Schlemmertüte und eine Sorte namens Scrock gibt. Und wo wir mindestens einmal im Monat hinfahren, um Eis zu essen. Eine Kollegin, Julia, lachte mich aus, weil sie in Eimsbüttel wohnte. So weit draußen? Ist da was los? Und dann stellte sich raus, dass wir doppelt so viele nette Restaurants und Kneipen in Fußentfernung hatten wie sie, querab von der Osterstraße. Und heute ist da, kurz hinter Duvenstedt, auch noch der Laden, in dem Hamburgs zurzeit interessantester Koch kocht. Matthias Gfrörer in der Gutsküche in Wulksfelde, dem Biogut, wo ich damals, als ich fast ein Startup gegründet hätte, schon Räume am anmieten war.

Und dann wieder Meiendorf. Und es war ähnlich wie in Duvenstedt, wo mich am allermeisten wohl doch immer fasziniert hat, wer da alles mit wem verwandt war und zur Kinderaufzucht nach Hause zurück kam. In Meiendorf trafen wir dann auch viele Leute wieder, mit denen wir schon zur Schule gegangen waren. Inzwischen war ich auch alt genug, mich genau davor nicht mehr zu fürchten. Über Meiendorf hat ja mein sozusagen Nachbar Sven schon geschrieben, an dessen Wohnung ich jeden Tag vorbei fahre mit dem Rad, wenn ich zur U-Bahn rase, und über Rahlstedt meine sozusagen Nachbarin Frische Brise, die aber auch in Meiendorf wohnt, wenn man es genau nimmt. Meiendorf ist so ein Nichts-Stadtteil, getrennt durch ein Industriegebiet mit Metro und Globetrotterzentrale und einer insolventen Großdruckerei und einem japanischen Kugellagerhersteller. Und einer "Bezirkssporthalle". Und seit einiger Zeit einem Rasenplatz, den der größenwahnsinnige und missgemanagte örtliche Sportverein großspurig "Stadion" nennt.

Aber das allerbeste hier ist doch, dass es östlich der Alster ist, da, wo es schön ist, quasi in den Walddörfern. Direkt in Volksdorf. Nur 24 Minuten vom Hauptbahnhof. Und trotzdem mit der höchsten Lebensqualität, die sich in dieser Stadt denken lässt. Wunderbar gemischt von der Sozialstruktur - Ringstraße (eine der reichsten und vergreistesten Straßen der Stadt) und Wildschwanbrook (Großwohnsiedlung nach der Flutkatastrophe und mit einem riesigen Altersheim der Flutopferhinterbliebenenstiftung mittendrin) trennen 300m. Wohnungen der Bundeswehr, in denen während meiner Kindheit nur Soldatenfamilien lebten, direkt neben Eigentumswohnungen direkt neben einem Block, in dem fast ausschließlich Transferempfängerinnen in der dritten Generation wohnen. Und am anderen Ende eine Siedlung, der nur noch eine Schranke fehlt, um als gated community durchzugehen.

Aber außer zur U-Bahn und wenn ich nach Berne zum Fleischer fahre, bin ich eher in die andere Richtung unterwegs. Nach Stapelfeld, einmal quer durch das wunderbare Naturschutzgebiet Höltigbaum, wo die Armee ihre Deserteure erschoss, woran heute kaum noch einer denkt, zu meinen Pferden. Oder nach Volksdorf und weiter an der U-Bahn-Trasse in die Walddörfer. Und dass meine alte Freundin Isa (alt im Sinne von ewig her) nun gerade Pröpstin am Rockenhof in Volksdorf wurde, wozu ich sie schon vor zwanzig Jahren machen wollte, freut mich ja sowieso.




Sagte ich schon, wie gerne ich da wohne, am Rande der Walddörfer, am Rande der Stadt?
(Teil der vom Buddenbohm angestoßenen Serie über den Rest)

7.11.12

Was haben wir gelacht

Nein, ich verlinke das nicht. Aber in Wellen geistern immer wieder mehr oder weniger sehr peinliche, meistens mit Sprechgesang schlechterer Ausprägung, fast immer mit hölzernen selbstgemachten Texten versehene Videos durch das Internetz, in denen meist junge Menschen, die in einem Unternehmen arbeiten, zeigen, wie geil es da ist, wo sie arbeiten.

Sei es der legendäre Praktikumsrap eines Münchner Autoschraubers, seien es Trainees einer lokalen Bank in einem von vielen eh als mittelpeinlich eingeschätzten Bundesland, seien es irgendwelche Klöpsebrater.

Ja, ich gebe zu: einige dieser Videos konnte ich nicht länger als - sagen wir mal - fünfzehn Sekunden ansehen, bevor ich es nicht mehr ertrug. Und ja, über das eine oder andere habe ich (schadenfroh) gelacht. Und manche bekommen auch Preise der Onliner für besonders unterirdische Performance.

Die Fachwelt ist sich fast immer sofort einig: Das geht gar nicht, das ist schlimm, das schadet den Unternehmen. Ich bin da nicht (mehr) so sicher.

Denn was wir Onliner gerne vergessen, ist, dass wir mit diesen Videos gar nicht adressiert werden, dass es nicht um uns geht (huch, obwohl die online sind!). Sicher gibt es unter den unterirdischen Ergüssen solche, die wirklich schlecht sind - aber nicht jedes Video, das wir lächerlich finden, ist schlecht. Zumindest schlecht in dem Sinne, dass es seine Ziele verfehlt.

Eines der berühmteren Videos beispielsweise hat - obwohl verlacht und beschimpft und oberpeinlich - tatsächlich in der Zielgruppe, um die es ging, eine ganz andere Reaktion hervorgerufen: Die Anzahl der Bewerbungen junger Leute, vor allem der passenden und qualifizierten, ging in den Wochen nach dem Erscheinen des Videos deutlich nach oben. Und bei jeder Welle, die das Video seitdem wieder auslöst (denn dauernd entdecken es neue Experten), ist es das gleiche: Bewerbungen nehmen zu.

Dieses Video ist also extrem erfolgreich und - anders als wir dachten - ein "best case", allen Negativpreisen zum Trotz.

Mein Eindruck ist, dass die "Erwachsenen", die über grauenvolle Videos beispielsweise von Azubis zu Recruitingzwecken anderer Azubis lachen, eigentlich eine erstaunlich mangelnde Medienkompetenz an den Tag legen. Und das Format Video und wie es bei der nächsten Generation funktioniert, tatsächlich nicht verstehen. YouTube vielleicht sogar vor allem für eine Plattform halten, auf der man als Unternehmen oder Marke Videos einstellen kann. Und nicht für einen Videokommunikationsraum einer anderen Generation, für die lineare Fernsehen zu einem Nebenbeimedium geworden ist. Die Acta-Mobilisierung lässt grüßen.

Was ich mir manchmal wünsche (und - das muss ich fairerweise sagen - vornehme), ist etwas mehr Demut in der Aburteilung von Kommunikation, die uns alten Leuten nicht gefällt und absurd vorkommt. Und etwas mehr Staunen vor dem, was unsere Kinder machen, wie sie reden, was sie lustig finden - und wie ihre Aufmerksamkeit funktioniert, wie sie ihre Sympathien verteilen und was sie dazu bringt, aktiv zu werden. Und sei es, sich für ein Praktikum zu bewerben.

12.10.12

Kinderschutz im Internet

Nicht nur ich bekomme heute Alarm von anderen Eltern, denke ich. Nach der - übrigens, wie ich finde, sehr, sehr guten und gerade nicht alarmistischen - Doku im ZDF über die Verbrechen an Kindern, die von Perversen über Chatportale angebahnt werden.
Bevor ihr auf den Link klickt: Eine Warnung davor, dass das wirklich harter Stoff ist. Ich finde es richtig so, aber wer Kinder hat, wird mehr als nur einmal schlucken und Angst und Ekel empfinden. Ausdrücklich also keine Anschauempfehlung!
Im Kern geht es darum, dass gerade in so genannten "Chatrooms" und gerade in denen, die explizit für Kinder angeboten werden, tatsächlich in eher hoher Zahl Erwachsene gezielt sexuelle Kontakte zu Kindern und Jugendlichen suchen und Verbrechen begehen. Meine Kinder davor zu schützen, ist mir wichtiger als nahezu alle anderen Dinge rund um Medienerziehung und Internet.

Das erste Problem, das ich sehe, wenn ich mir anhöre, wie (andere) Eltern auf solche Dokus und auf die eine oder andere alarmistische Aufklärung reagieren, ist jedoch, dass viele in eine Art Angststarre fallen. Oder - wie auch in einem Beispiel in der Doku, das dramatisch ist - aus Verzweiflung und Unwissenheit das Kind mit dem Bad ausschütten. Und das zweite Problem ist aus meiner Sicht, dass viele Eltern - und in der Doku ein Polizist in einer Schülerinnenfortbildung - Dinge zusammen mengen, die nicht zusammen gehören.

Welche Empfehlung kann ich anderen Eltern geben - basierend unter anderem auf dem, womit ich auch selbst gute Erfahrungen gemacht habe?

1. Unterscheidet zwischen Chatprogrammen und Chatportalen
In der Panik und Diskussion wird immer wieder leichtfertig von "Chat" geredet. Oder von Sozialen Netzwerken. Aber das ist so falsch. Programme wie Windows Live (in der Doku als MSN bezeichnet) oder Skype kann ich so einstellen, dass mich dort niemand finden kann. Ich habe mit meinen Kindern die Verabredung, dass sie dort die Menschen zufügen, die sie aus der Kohlenstoffwelt kennen. Aus einem Spiel o.ä. dürfen sie nicht in diese Programme wechseln, wenn sie die Gesprächspartner nicht aus der Kohlenstoffwelt kennen. Das haben sie auch verstanden, nachdem einem meiner Jungs mal von einem Betrüger, den er auf Skype zugelassen hatte, sein Account bei einem Online-Rollenspiel leergeräumt worden war. Glücklicherweise nur ein Eigentumsdelikt und nicht mehr - so haben sie es auf die nur halb harte Tour gelernt.

Die Gefahr ist immer dann am größten, wenn von einem Kanal auf den anderen gewechselt wird - also wie in der Doku beschrieben beispielsweise von knuddels.de in Skype oder Windows Live. Nur, wenn wir Eltern uns mit all dem beschäftigen, können wir unseren Kindern helfen, dies zu verstehen und zu vermeiden. Nur, wenn wir ihnen erlaubte Wege aufzeigen, mit ihren Freundinnen aus der Kohlenstoffwelt auch online zu sprechen, werden wir hier die Spielregeln und Grenzen mitgestalten können.

Chatportale verbiete ich meinen Kindern. Punkt. Es gibt für Kinder und Jugendliche unter 14 keinen Grund, warum sie dort sein müssten. Mit den Kindern in ihren Klassen können sie andere Kanäle nutzen, in Hamburg auch ein schulinternes System. Zugleich erlaube ich ihnen, auch dem Zehnjährigen, Skype, WhatsApp und Windows Live. An ICQ haben sie kein Interesse, das ist bei uns in der Gegend out.

2. Unterscheidet zwischen (anonymen) Chatportalen und (pseudonymen) Netzwerken
Ich sehe sehr vieles sehr kritisch, wenn es um Facebook geht - aber es wie in der Doku, und das ist meine einzige kleine Kritik an ihr, in einem Atemzug mit Chatcommunitys zu nennen, ist unfair und sachlich falsch und gefährlich. Das Besondere an Facebook und vergleichbaren Netzwerken, wenn es irgendwann mal wieder welche geben sollte, ist, dass die Chatkommunikation eingebettet ist in Profile und öffentliche oder halböffentliche Kommunikation.

Ja, auch dort gibt es Perverse, auch dort gibt es Fake-Profile. Aber die soziale Kontrolle ist größer. Alle Freundinnen meiner Kinder können sehen, mit wem sie noch so befreundet sind, chatten kann mit ihnen nur, mit wem sie befreundet sind, ich kann sehen, mit wem sie befreundet sind - und ich kontrolliere das auch. Alle Handlungen auf Facebook sind mit einem Profil verknüpft. Was immer ich - auch, wenn ich pseudonym unterwegs bin - dort mache, bekommen meine Kontakte mit oder können sie mitbekommen. In Facebook gibt es, anders als die angststarren Menschen, die es nicht kennen, behaupten, keine Anonymität. Zu unterscheiden zwischen Anonymität und Pseudonymität, ist wichtig. Und wird in der Diskussion und beim Schutz unserer Kinder immer noch massiv unterschätzt.

Wichtig ist es, die Kinder bei der Anmeldung bei Facebook zu begleiten - und mit ihnen durchzugehen, wie die Einstellungen der Privatsphäre aussehen, wer einen über die Suche finden darf, wer einem Nachrichten schicken darf, wer chatten darf und so weiter. Eltern, die dieses nicht mit ihren Kindern machen, verletzen ihre Aufsichtspflicht. Punkt. Wer also sein Kind nicht aktiv bei der ersten Nutzung von Facebook unterstützt, macht sich mitschuldig an den Verbrechen und Übergriffen.

3. Seid da und ansprechbar
Nicht alle Eltern haben die Chance, so viel online zu sein wie ich. Aber wer seine Kinder schützen will und auf eine Erziehung in diesem Bereich Wert legt, kann nicht sagen, er oder sie habe keine Lust dazu. Bedingung dafür, dass meine Kinder mit 13 auf Facebook "dürfen", ist, dass sie mich als Kontakt haben. Meine Zusage ist, dass ich sie dort öffentlich in Ruhe lasse, also nicht kommentiere oder like oder so. Sie nicht "peinlich mache".

Aber so bin ich immer einen Klick von ihnen entfernt. So können sie mich jederzeit anchatten, wenn ihnen etwas komisch vorkommt - also schon bevor es so weit gegangen ist, dass sie sich in irgendwas verstrickt haben. Sowohl auf Windows Live als auch auf Facebook haben sie dieses Angebot auch schon mehrfach angenommen. Und das, obwohl unsere Beziehung oft auch sehr angespannt ist, wie es zwischen pubertierenden Jungs und ihren Vätern so ist. Ich habe auf dem Smartphone den "Facebook Messenger" installiert, bin also auch für sie da, wenn ich nicht stationär online bin. Und da ich weiß, dass sie mich nur anchatten, wenn es wirklich brennt, haben sie auch Priorität.

Nur, wenn wir Eltern uns öffnen für die Kommunikationsbedürfnisse und Unterhaltungsbedürfnisse unserer Kinder und Jugendlichen, werden wir sie unterstützen können, wenn sie in schwierige oder bedrohliche Situationen kommen. Das ist so wie in der Kohlenstoffwelt. Und Thomas Pfeiffer, der ich ohnehin sehr schätze, hat in der Doku vollkommen Recht, wenn er zu einem vernünftigen Umgang mit dem Thema aufruft. Das Beispiel Bahnfahren trifft es: So, wie ich meinen Zehnjährigen nicht alleine zu seinen Verwandten an den Niederrhein mit der Bahn fahren lasse, so lasse ich ihn auch nicht alleine ins Internet. So wie meine Großen in der Lage sind, alleine an den Niederrhein zu fahren und anzurufen, wenn sie da ankommen, mich aber bitten, ihnen bei der Reiseplanung zu helfen, so begleite ich sie in Netzwerke und Programme hinein und gebe ihnen Hilfestellung, wenn sie es wollen und brauchen - aber lasse sie allein "fahren".

Allerdings habe ich - das muss als Einschränkung dazu gesagt werden - bisher nur mit Jungs Erfahrungen gesammelt, dass dies so funktioniert. Quarta ist noch zu jung. Sie ist gar nicht online ohne physische Aufsicht. Ob es mit Mädchen, die ungleich häufiger Opfer von Attacken Perverser sind als Jungs, genau so funktioniert, kann ich nur annehmen - aber nicht aus eigener Erfahrung bestätigen.

Wie macht ihr das? Oder an die, die unsicher sind: Überzeugt euch das? Hilft es euch?

Update 19.10.
Habe ich dann auch noch mal eine Vortragspräsentation zu gebastelt. Halte ich auch mal, wenn ihr wollt.

8.10.12

Persönliche Erklärung: Warum ich Petition 35009 nicht mitzeichne

Ich bin gegen das Leistungsschutzrecht, das die Bundesregierung durch den Bundestag bringen will. Darum spreche ich mit Abgeordneten, mit Menschen in Parteien, in Verbänden und teilweise sogar (so masochistisch bin ich veranlagt) mit Menschen aus Verlagen. Darum (ok, nicht nur darum) bin ich politisch aktiv. Darum bin ich froh über die Lobbyarbeit vieler Wirtschaftsverbände und einiger Internetaktivistinnen zu diesem Thema.

Aber ich zeichne die entsprechende Onlinepetition an den Bundestag nicht mit. Lange Zeit war ich hin- und hergerissen, das gebe ich zu. Denn ich teile das Anliegen und stimme dem eigentlichen Petitionstext zu. Ich halte es auch nicht für absurd, die Petition mitzuzeichnen. Aber dieses spricht für mich allzu sehr dagegen:

  1. Der Beginn der Begründung ist hahnebüchen. Darauf wies beispielsweise in einem krude formulierten Artikel bei politik-digital auch schon Matthias Spielkamp hin: Ja, dass hier eine Verfassungswidrigkeit angenommen wird, legt nahe, dass es wohl um Grundgesetzartikel gehen wird - aber die leuchten mir nicht ein. Zumal ich diese Verfassungswidrigkeit nicht so eindeutig sehe, dass ich sie als wichtigste Begründung sähe. Im Gegenteil: Diese Begründung entpolitisiert die Petition auf eine Weise, die ich schlimm finde.
  2. Dass es den Petentinnen nicht um eine politische Auseinandersetzung geht und nicht darum, die Abgeordneten zu überzeugen - was mein Verständnis von Petitionen ist: dass wir Bürgerinnen die Abgeordneten auf Themen und Argumente aufmerksam machen, die ihnen aus unserer Sicht offenbar aus dem Blick geraten sind; denn darum senden wir ja Petitionen und nicht Klagen oder Wahlvorschläge -, wird deutlich, wenn es um die Nutznießer der Gesetzesänderung geht: die (Groß-) Verlage. Die Hälfte der Begründung der Petition beschäftigt sich mit dem Beschimpfen der Verlage. Das hat seine Berechtigung - aber hier nichts zu suchen aus meiner Sicht.
  3. Auch aus Punkt zwei folgt für mich, dass diese Petition der Sache schadet, für die auch ich bin. Der Sache, diese Gesetzesänderung zu verhindern. Auch unter Abgeordneten, die im Prinzip auf "unserer" Seite stehen, wächst in meiner Wahrnehmung die Bereitschaft, der Bundesregierung hier zu folgen - auch und wegen der Formulierungen der Petition. Weil sie keine Argumente bringt sondern nur Parolen. Weil sie sie Gewichte falsch setzt - die Punkte, die Menschen nachdenken lassen, die sich nur am Rande mit dem Thema beschäftigt haben, kommen erst ab etwa der Mitte der Begründung und werden immer wieder durch Allgemeinplätze und halbrichtige Beschimpfungen unterbrochen.
  4. Angesichts der teilweise (aus meiner Sicht) absurden und apokalyptisch überzogenen Formulierungen der Begründung dieser Petition war schnell klar, dass sie nicht eine Schwelle für echte Aufmerksamkeit überspringen wird. Deshalb ist neben allen anderen Punkten diese Petition auch unpolitisch und strategisch dumm. Denn durch ihren Dilettantismus gibt sie den Anhängerinnen dieser Gesetzesänderung leichtfertig das Argument an die Hand, dass es nur sehr wenige seien, die hier ein Problem sehen - und dann auch noch überwiegend Spinner. Das stimmt nicht, wenn wir uns angucken, wie sich beispielsweise Verbände positioniert haben. Aber diesen Eindruck erwecken die Petentinnen. Und das ärgert mich beinahe mehr als ich ertragen kann.
  5. Die armselige Verzweiflung der Tweets einiger Petentinnen in den letzten eineinhalb Wochen zu dem Thema hat schließlich die Waagschale in die Richtung bewegt, in der sie für mich jetzt zum Stillstand gekommen ist. Auch wenn ich einige von euch persönlich und einige sogar intellektuell schätze: Hier kann ich euch nicht folgen.
Das Instrument der Petition hat sich schneller abgenutzt, als einige dachten. Und eine Petition als Guerillaaktion kann auch nur einmal wirklich funktionieren. Das war bei Zensursula der Fall, da war es schlau, politisch überraschend - und erfolgreich. Die grenzenlose Naivität, anzunehmen, dass so etwas auf so schlechte und unausgegorene und lieblose und wenig sorgfältige Weise einfach mal eben wiederholt werden kann, finde ich mehr als nur verblüffend.

Der Missbrauch - und so empfinde ich das hier - des Instruments Petition an den Bundestag für einen politischen Kampf, in dem andere Mittel zur Verfügung stehen (denn in vier der Fraktionen im Bundestag gibt es eine erkleckliche Anzahl von Abgeordneten, die gegen den Gesetzentwurf sind - was die Situation von Zensursula unterscheidet), ärgert mich. Er ist ein Symptom für das Unernsthafte, für das Verspielte an diesem Politikansatz, so wie auch die halbausgegorene Begründung der Petition. 

Nennt mich spießig. Aber mir ist das Thema Leistungsschutzrecht und Weiterentwicklung von Urheberinnen- und Verwertungsrechten von von Schutz- und Nutzungsrechten immaterieller Güter einfach zu wichtig als dass ich mich auf solchen zornigen Kinderkram einlassen mag. Dabei geht es mir, wie die fünf Punkte vielleicht in Ansätzen zeigen, nicht um formale Gründe - sondern um Inhalte und um politische Strategie. 

Meine Befürchtung und mein Vorwurf ist: Durch diese stümperhafte Petition 35009 ist es wahrscheinlicher geworden, dass das Gesetz ohne Schwierigkeiten den Bundestag passiert. Zumindest die Schwierigkeiten hätte es vorher gegeben. 

(Zynismus on)
Aber vielleicht habt ihr ja Recht und ich nicht - und dann ist es ohnehin egal (was ein weiterer Grund sein könnte, nicht mitzuzeichnen). Denn wenn es so eindeutig verfassungswidrig ist dieses Gesetz, wird es ja eh von Karlsruhe kassiert werden.
(Zynismus off)