25.7.14

Meinung und Kontext und Medien

Kriegsberichterstattung finde ich grauenvoll. Nicht so grauenvoll wie Krieg, aber doch grauenvoll. Meine eigene Lösung dafür ist, dass ich mich aus den aktuellen Medien ausklinke und eher langsamere Medien nutze. Was mir leicht fällt, da ich TV eh nicht nutze und in Print und Online eher Wochentitel und Hintergrundgeschichten lese. Und mir zusätzlich über meine sozialen Filter eine Auswahl anderer Berichte schicken lasse (Twitter vor allem, teilweise auch Facebook).

Selbstverständlich kann es auch keine objektive Berichterstattung geben. Darum empfinden die meisten Menschen, mit denen ich über die Berichterstattung über den Krieg gegen Israel spreche, sie als einseitig. Einige als einseitig anti-israelisch, andere als einseitig pro-israelisch. Teilweise die gleichen Berichte.

Zwei Aspekte fallen mir dabei besonders auf, die mit Online und Social Media zu tun haben - und sich seit der Unsitte der embedded journalists auch noch mal verändert haben.
Und am Ende ein Bonustrack über extreme Unterschiede, wie Medien über einen antisemitischen Vorfall in Österreich "berichten". Ganz am Ende dieses Textes...


1. Asymmetrie der Bilder

Dass ich viele Berichte als anti-israelisch empfinde und dass viele Menschen, die Berichte sehen - selbst wenn sie sie nicht als parteilich erleben - einen Zorn auf Israel entwickeln, hängt nach meiner Wahrnehmung mit der Asymmetrie der Bilder zusammen. Der Münchner Historiker Wolffsohn weist auf die Bilder-Taktik in Guerrilla-Kriegen hin. Ich stimme ihm nicht in allem zu, aber es sind schon die Bild-Details, die die Berichterstattung so grauenvoll machen.

Tatsächlich empfinde ich das Beispiel der Kinder, die am Strand spielend tödlich getroffen wurden (und hier dann nicht nur die Bilder selbst sondern auch die Geschichte), da sehr bedenkenswert: Der Reflex ist bei vielen in meinem Umfeld gewesen: "Siehste, die Israelis schrecken nicht mal davor zurück, Kinder zu ermorden". Ein Nachdenken darüber, was und wie es passiert ist, findet nicht mehr statt. Beispielsweise die Frage, wieso sie da spielten. Dass die Eltern ja wohl, wenn wir einmal nachdenken, davon ausgingen, dass sie da sicher sind. Dass sie also ein Wissen, eine Erfahrung haben, dass die israelische Armee genau so etwas nicht machen wird. Dass es ihr dennoch passierte, ist grauenvoll und falsch. Und wird untersucht (wo gibt es das sonst in einem Land, das im Krieg ist?). Diese Überlegungen machen es nicht besser, setzen aber einen emotionalen Kontext, den Bilder eher verhindern.

Und weil es quasi nur Bilder gibt, die ein einseitges Bild zeichnen (was auch in der Natur dieses Krieges liegt), nur die eine Seite eomtionalisiert durch Bilder dargestellt werden kann, ist es auch logisch, dass verantwortungsvolle Journalistinnen in den Texten und Tonspuren wiederum hier eine Relativierung versuchen - so dass bei uns, je nachdem ob wir mehr auf den Text oder das Bild achten, beim gleichen Beitrag eine eher pro- oder anti-israelische Position hängen bleibt.


2. Persönliche Sichtweisen neben den Berichten

Vor allem Twitter bietet eine Möglichkeit, neben den "offiziellen" Berichten der Journalistinnen, die vor Ort oder in der Nähe sind, auch noch mehr über ihre Haltung, über ihr Herangehen zu erfahren. Und zumindest für die, die sich intensiver mit Medien beschäftigen, stellen diese - wenn auch immer als privat/persönlich gekennzeichneten - Accounts eine wichtige zweite Quelle dar. Die vor allem mir, der ich aufgrund der Berichte der letzten Jahre bei einigen Medien (vor allem ARD, Deutschlandfunk, Spiegel, aber auch Süddeutsche und einigen anderen Zeitungen) erstmal den Grundverdacht einer latent einseitigen Berichterstattung hege, helfen, zu erkennen, wie das zustande kommt und wo sich Journalistinnen dennoch bemühen, von ihrer eigenen Meinung zu abstrahieren.

Zwei Tweets von gestern von den Korrespondenten von ZDF und ARD sind für mich da exemplarisch. Dazu sei gesagt, dass der gesamte Twitteraccount bei beiden jeweils versucht, beide Seiten zu sehen und nicht besonders gefärbt ist. Und dass 140 Zeichen zu einer Verkürzung führen, die zuspitzt. Aber da sie beide Profis sind und Kurzformate "können", ist es aus meiner Sicht legitim, auch auf problematische Narrative in Tweets hinzuweisen.
Ist das "untersucht" ein Zitat? Oder eine Distanzierung? Die eine wird es so lesen, die andere anders. Gestern hatte ich bei den Retweets und den Tweets des ZDF-Mannes Sievers den Eindruck, dass er relativ klar Position bezieht - gegen Israel. Und das, obwohl das ZDF in den Nachrichten weit ausgewogener berichtet als die ARD. Manche Tweets von Sievers haben mich erschreckt, zugleich aber auch den Respekt dafür erhöht, wie er versucht, tatsächlich zu berichten aus einer Situation, in der die Anfälligkeit für Propaganda und spektakuläre asymmetrische Bilder extrem hoch ist.

Anders ARD-Mann Schneider. Ich finde bemerkenswert, dass er bewusst keine Bilder auf Twitter postet, auch nicht weitergibt, das auch begründet. Dass er immer wieder Position bezieht, oft zu den hochemotionalisierten Themen wie toten Kindern etc.

Und dann haut er so was raus - auf deutsch und englisch und also nicht unüberlegt, gleich auch noch zu Facebook gespielt - was mir den Magen umdreht:
Auf einer Linie mit dem grauenvollen Kommentar in den Tagesthemen von Sabine Rau. Antisemitismus als taktische Dummheit. Nicht als Verbrechen.

Auch in den Tweets und Timelines dieser beiden exemplarischen Beobachter und Berichterstatter erklärt sich mir der Unterschied in der Tonalität und Linie der Berichte in ZDF und ARD. Oft nur in Nuancen.


Bonustrack

Davon unberührt hat mich gestern sprachlos gemacht, wie extrem unterschiedlich zwei (Online-) Medien über den Versuch von Antisemiten berichteten, Spieler eines israelischen Fußballklubs zu verprügeln.

Der Focus schrieb:
Plötzlich herrscht völliges Chaos, schwarz gekleidete Aktivisten stürmen während eines Fußball-Testspiels im österreichischen Bischofshofen auf den Platz und attackieren die Profis des israelischen Clubs Maccabi Haifa. Die Spieler setzen sich zur Wehr.
Während die Welt das gleiche so formulierte:
Die antisemitischen Randale haben den Fußball erreicht: Nach einem Platzsturm wurde am Mittwoch ein Testspiel zwischen dem israelischen Spitzenklub Maccabi Haifa und dem früheren französischen Meister OSC Lille abgebrochen.
Das sind nur kurze Ausschnitte aus jeweils in der Tonalität so bleibenden radikal unterschiedlichen Artikeln. Hervorhebungen von mir.

22.7.14

Antisemitismen

Achtung: Hier folgen teilweise antisemitische Inhalte, die ich eingebunden habe, um ihren Antisemitismus zu zeigen. Bitte nicht weiterlesen/-sehen, wenn dieses nicht erträglich ist. Keiner der Inhalte bleibt unkommentiert und ohne Einordnung und Kritik.
In den letzten Wochen war ich teilweise sehr überrascht, wie viele Dinge mit offensichtlichem und - vor allem - weniger offensichtlichem Antisemitismus mir in meine Nachrichtenströme auf Twitter und Facebook gespült wurde. Vor allem von Menschen, bei denen ich mir sicher bin, dass sie erschrecken, wenn sie realisieren, welchen Kontext Dinge haben, die sie teilten.

Darum vorher ein bisschen Kontext für die Dinge, die ich hier zusammentrage:
  • Ich werfe niemandem Antisemitismus vor. Mir geht es darum, den tief liegenden, auch kulturell sehr tief verwurzelten Antisemitismus sichtbar zu machen, der hinter und unter bestimmten Erzählungen und Darstellungen liegt.
  • Es wäre naiv, anzunehmen, dass rund 2000 Jahre stabiler und wirkmächtiger Antisemitismus keine Spuren hinterlassen hätten. Sehr viel Literatur und sehr viel Denken bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ist von Antisemitismus und Judenhass durchzogen. Der Versuch der endgültigen Vernichtung sowohl der jüdischen Religion als auch des jüdischen Volkes hat das auf die Spitze getrieben. Damit ist in Europa eine neue Situation entstanden, die viele Menschen sensibel gemacht hat für die jahrhundertealte Tradition. Anderswo gab es diesen Bruch nicht.
  • So wie überall gibt es auch das Phänomen des Selbsthasses. Bei den Antideutschen, traditionell bei vielen russischen Intellektuellen, unter Jüdinnen. So wenig wie eine Antideutsche als Kronzeugin herhalten kann, dass alle Deutschen scheiße seien, so wenig kann jüdischer Antisemitismus helfen, zu begründen, warum etwas nicht antisemitisch sei.
  • Antisemitismus ist eigentlich das falsche Wort. Ja, das weiß ich, ich bin Theologe, remember. Korrekt müsste ich von Antijudaismus sprechen, denn Semiten sind alle semitischen Völker, darunter viele, in denen heute ein sehr großer Teil der Bevölkerung Israel vernichten will und Jüdinnen und Juden hasst. Aber politisch hat sich der Begriff Antisemitismus eingebürgert. Darum bleibe ich hier dabei. Vor allem aus Gründen der Verständlichkeit. Und weil in Europa Judenhass, seitdem er kritisiert wird, als Antisemitismus bezeichnet wird.

1. Die brutale Rachereligion

In den letzten Tagen wurde rauf und runter, vor allem auf Facebook, ein Video von 2012 geteilt, mit dem eine amerikanische jüdische Künstlerin auf das Lied "This Land is Mine" das ewige Abschlachten in dem Landstrich, in dem heute wieder Israel liegt, darstellt.

Dieses Video ist auf so vielen Ebenen unerträglich, dass es fast schwer ist, irgendwo anzufangen. Mein Pastor Peter Fahr hat es - pikanterweise als Reaktion auf die Veröffentlichung des Videos auf der Facebookseite unserer Kirchenzeitung - aber sehr gut zusammen gefasst. Denn das Video ist sowohl historisch als auch theologisch und politisch einfach nur falsch.

Was macht es antisemitisch? Vor allem zwei Aspekte, die sofort ins Auge springen: Zum einen, dass nur (und wirklich nur) die Juden im Video das Symbol ihrer Religion als Waffe benutzen. Niemand anders tut das. Die Muslime nicht mit dem Halbmond, die Ägypter nicht mit dem Skarabäus, die Assyrer nicht mit ihren Symbolen und so fort. Allein die jüdische Religion ist gewalttätig, in allen anderen Fällen ist es die weltliche Macht. Und zum anderen diffamiert bereits der Titel des Films in Buchstaben, die an das hebräische Alphabet erinnern sollen (und die ikonografisch exakt den Titel des wirkmächtigsten Nazifilms "Der ewige Jude" nachbilden), die jüdische Religion - wenn nur gezeigt wird, dass diesem Satz Gottes diese entsetzliche Gewalt folgt. Und die anderen Herrscher - Assyrer, Ägypter, Hethiter, Sumerer, Griechen, Römer, Araber, Kreuzfahrer, Engländer etc. - singen dieses Lied fröhlich weiter, als ob der jüdische Anspruch nur einer unter vielen wäre. Der Satz ist aber ein Satz Gottes. Und es wird in der Bibel immer wieder betont: Das Land gehört Gott und ist den Juden nur geliehen. Die historisch unwahre Gleichsetzung von Judas Makkabäus mit den Eroberern des Landes fällt da im Verhältnis kaum noch ins Gewicht und ist vielleicht nur für Thoeloginnen erkennbar.

Wenn jemand vorsichtig anmerkte, wie schlimm das Video sei, wurde oft geantwortet, dass doch aber Frau Paley eine anerkannte Künstlerin und außerdem Jüdin sei. Auch das ist aber ein unhistorisches Argument, das keines ist. Im 19. Jahrhundert waren unter den härtesten Antisemiten etliche Juden. Das ist - siehe oben der Vergleich mit den Antideutschen - sozusagen Normalität. Zumal ihre Website zeigt, dass sie selbst offenbar vom Hass auf ihre Religion und auf die Thora zerfressen ist.


2. Der Landklau

Auch dieses Bild wird viel rumgereicht, um zu zeigen, dass es mehr als verständlich sei, dass die Palästinenserinnen zornig seien und sich wehrten. Wie falsch und absurd dieses Bild ist, hat Bernd Schade ausführlich mit einer Bildmeditation geschrieben. Hier sei nur auf die wichtigsten Aspekte verwiesen.

Der antisemitische Kontext ist dabei vor allem das Narrativ vom raffgierigen Juden, der sich Land unter den Nagel reißt, das ihm nicht gehört. Verbunden mit der antisemitischen Erzählung, dass die Juden nun mal selbst schuld seien an ihrer Verfolgung und daran, dass alle andere sie hassen würden.

Das sind sozusagen die hinter diesem Bild liegenden Motive, die es sofort einleuchten lassen, dass im aktuellen Krieg gegen Israel eigentlich Israel und die Juden schuld sind. "Und die Juden" ist in diesem Fall notwendig, weil die Karten ja auch bewusst jüdische Siedlung vor der Staatsgründung mit einbeziehen. Das eigentlich perfide an dem Bild ist aber, dass es bei gleicher Färbung und teilweise gleiche Beschriftung komplett unterschiedliche Dinge abbildet. Bei Bernd ist es ausführlich dargestellt - aber zusätzlich werden auch, je nachdem, was opportun ist, um die Botschaft vom jüdischen Landraub zu untermauern, entweder jüdische oder palästinensische Siedlungsgebiete und Landbesitz einfach ausgeblendet. Mal so, mal so.

Es entsteht ein konsistentes Bild der systematischen Vertreibung der eingesessenen Bevölkerung durch die raffgierigen Juden, die darum nun mal damit leben müssen, dass sie wieder ins Meer geworfen werden sollen. Dass das weder mit diesen Karten tatsächlich gezeigt wird noch in dieser Form wahr ist, spielt dann kaum noch eine Rolle. (Bei allen Fehlern, die die Besatzungsmacht England, die die UNO, die auch vorher schon die zionistischen Siedlerinnen und Siedler gemacht haben, die unbestritten sind.)


3. Der ewige Jude

In der aktuellen Eskalation auf Demonstrationen zur Solidarität mit der Hamas und den Palästinenserinnen kommen etliche tiefe antisemitische Erzählungen an die Oberfläche. Tatsächlich hoffe ich ja, dass persönliche Berichte wie der von Juna vom Wochenende die eine oder andere nachdenklich machen, in welches Fahrwasser die eigene Solidarität da gerät.

Ich werfe niemandem vor, dass sie in der Bewertung der Schuld am aktuellen Krieg gegen Israel die gleiche Position vertritt wie offen antisemitisch agierende Menschen, ich möchte ja auch nicht, dass ihr mir vorwerft, dass ich in dieser Frage mit unappetitlichen Rechtspopulistinnen einer Meinung bin. Nur bitte ich darum, einmal zu gucken, inwieweit das antisemitische Motiv des "ewigen Juden" im Hintergrund schwelt.

An zwei Stellen wird das für mich deutlich. Zum einen tatsächlich an der Fixierung auf den Israel-Krieg. Erst der Krieg um Israel mobilisiert viele Menschen, emotionalisiert sie. Der Krieg um Syrien oder die Ukraine nicht. Das ist nicht an sich schlimm, offenbart aber eine Fixierung, die ohne einen Hinweis darauf, dass Israel ein jüdischer Staat ist, kaum erklärbar wäre. Auch der ewige Verweis auf Konzentrationslager und Nazis gehört in den Kontext. Die Vorstellung, das Volk, das knapp der vollständigen Vernichtung entkommen ist, habe sich moralisch und ethisch anders zu verhalten, ist zutiefst antisemitisch in seiner Fixierung auf den ewigen Juden.

Zum anderen hat mich wirklich bestürzt, was eine Freundin mir letzte Woche erzählte. Dass sie Jüdin ist, wusste ich nicht, sie erwähnte es nebenbei, als wir über antisemitische linke Kommentare sprachen, die einige auf meiner Facebook-Seite hinterließen, bevor ich sie blockte. Und sagte, dass sie in ihrem Studium und in ihren Jobs (vollkommen akademisches Mittelschichtumfeld ohne muslimische Einwanderer) oft die Antwort bekam, sie sähe gar nicht aus wie eine Jüdin, wenn beiläufig bekannt wurde, dass sie eine ist.

Das "meint niemand böse" und wahrscheinlich ist sich auch kaum eine bewusst, dass es nicht mehr nur verdeckt sondern offen antisemitisch ist - aber das erschreckt mich doch. Es ist erklärbar, Jahrhunderte Erzählung vom "ewigen Juden", eine systematische Vermessung von Nasen etc. müssen ja nachwirken. Aber es ist weder eine Kleinigkeit noch witzig.


4. Die Kinderschänder

Ob Brunnen vergiften oder Kinder schänden - "die Juden" sind immer an allem Schuld gewesen. Ich nehme an, dass Jürgen Todenhöfer, der wieder einmal im TV seine kruden Thesen ausbreiten darf, jede verklagen würde, die ihn einen Antisemiten nennt (was übrigens auch ein typisches Motiv ist, auch in von mir beendeten und gelöschten Kommentaren auf meinem Facebook-Profil gab es Klagedrohungen bei Hinweisen auf antisemitische Muster in Argumentationen). Mit seinen Fotomontagen oder gestellten Fotos auf Facebook aktuell bedient er aber klassische Erzählungen.

Wie mit dem leuchtend staubfreien Kinderspielzeug in zerstörten Häusern. Ohne auch nur ein offen antisemitisches Wort sagen zu müssen, schreit dieses Bild: Seht her, diese Juden schänden die Kinder. Vergiften die Brunnen. Während die armen Opfer, wenn sie sich wehren, lediglich eine Sauna zerstören. Was ein weiteres Motiv bedient - denn was drückt den absurden Reichtum "der Juden" besser aus als eine Sauna (!) in einem der heißesten Flecken rund ums Mittelmeer. Der jüdische Wucherer lässt grüßen.

Dass Todenhöfers Bilder und Geschichten so einen Widerhall finden, hängt auch (nicht nur, klar) mit den tiefen, über Jahrhunderte gewachsenen Ressentiments und Vorurteilen zusammen, was und wie Juden seien. Er muss und wird (nehme ich an) keine antisemitischen Worte nutzen. Braucht er auch nicht.


5. Auge um Auge

Der historische zivilisatorische Fortschritt, aus Rache keine Eskalation zu suchen sondern nur eine Kompensation, wurde in der europäischen Geschichte des Antisemitismus immer wieder gegen die jüdische Religion gewandt. Hier die Rachereligion (siehe oben), da die andere Wange, die hingehalten wird.

Dass die Autoritäten der Palästinenserinnen statt Bunkern und Schutzzäunen und einer Raketenabwehr lieber Abschussrampen und Tunnel für den Waffenschmuggel bauen, ist fast egal, wenn das Ungleichgewicht der Kinder, die in diesem Krieg sterben, so krass ist.

Wenn radikalisierte Menschen sich als Schutzschild auf Waffenlager stellen, kann man sie dann wirklich Zivilistinnen nennen? Und dass Israel seine Bevölkerung schützt, Bunker baut, Warnungen rausgibt, einen Zaun und eine Raketenabwehr installiert, ist wertlos, wenn es nur dazu führt, dass die Schuldfrage durch das Zählen von toten Menschen moralisch eindeutig geklärt werden kann.

Dass sie nicht die andere Wange hinhalten, dass sie sich weigern, sich ausrotten zu lassen - dieses gegen Israel zu verwenden, ist anders als mit Antisemitismus kaum noch erklärbar. Vielleicht ist es eher das "ewiger Jude"-Motiv, ich weiß es nicht. Aber der Bodycount, das Aufrechnen von Toten in diesem Krieg für eine moralische Bewertung der Schuld an diesem Krieg, lässt mich fast ratlos zurück, nachdem der ohnmächtige Zorn sich gelegt hat. Denn diesem Punkt ist mit Argumenten noch weniger beizukommen als den anderen, klarer antisemitischen Motiven. Er ist einfach nur absurd und verquer.

9.7.14

Krieg gegen Israel

Krieg ist immer scheiße. Punkt. Richtig scheiße. Und unendliches Leid. Ich kenne Krieg nicht und bin froh darüber. Aber ich kenne Menschen, die seit Jahren im Krieg leben. Gegen die seit Jahren ein Krieg geführt wird, der in den meisten Medien und auch Diskussionen in Deutschland als "Nahost-Konflikt" verharmlost wird.

Für Krieg gibt es nie nur eine Schuldige. Schuld ist ohnehin eine Kategorie, die schlecht passt. Es gibt Ursachen und es gibt Motivationen. Und es gibt, immer, Profiteure.

Was beim Krieg gegen Israel oft vergessen wird, ist, dass er schon so lange geht. Und dass Israel in der Vergangenheit große Fehler gemacht hat. Ich bin nun wirklich kein Fan von Netanyahu, die meisten Menschen, die ich in Israel kenne, gehören eher zur Linken und waren lange in der Friedensbewegung. Aber mein Eindruck ist, dass der linke Künstler Yali Sobol in einem Interview mit der NZZ ganz gut die verlorenen Illusionen wiedergibt:
Ich wuchs in einem Haus auf, in dem man an den Friedensprozess und an die Zweistaatenlösung glaubt. Aber ich bin nicht sicher, ob das noch in dieser Generation möglich ist. Als Mitglied der Friedensbewegung habe ich an vielen Demonstrationen teilgenommen. Ich hielt Banner hoch mit der Aufforderung, die Golanhöhen zurückzugeben. Wenn man aber sieht, was in den letzten zwei Jahren in Syrien passierte, muss man sich fragen: Was wäre geschehen, wenn wir den Golan tatsächlich an Syrien zurückgegeben hätten?
Es ist ein bisschen zum Verzweifeln, dass Berichte und Kommentare, die aus dem Propaganda-Mainstream gegen Israel ausbrechen, fast nur in mir politisch unerträglichen Medien erscheinen, wie der Welt beispielsweise. Dass vor allem in der deutschen Linken, die doch in Anspruch nimmt, gegen Kriege zu sein und sensibel auf Machtstrukturen und Manipulationen zu achten, die Schuldfrage so eindeutig beantwortet wird (nicht von allen, aber doch von vielen).

Meines Erachten ist es an der Zeit, spätestens jetzt, wo die Offensive auf allen Ebenen läuft, Israel endgültig zu vernichten, Stellung zu beziehen, und die eigene indifferente Meinung und Haltung aufzugeben.

Zu den Fehlern der Linken in Europa und in Israel gehörte in den letzten 20 Jahren meines Erachtens, dass sie zu optimistisch auf Friedens- oder zumindest Koexistenzmöglichkeiten gesetzt hat, ohne die eine Voraussetzung zu bedenken, die die große Golda Meir schon 1957 (schon Neunzehnhundertsiebenundfünfzig!!!) gesehen hat:
Peace will come when the Arabs will love their children more than they hate us.
Es gibt meines Erachtens, ungeachtet aller Komplexität und aller Verantwortungen aller Seiten und aller Verbrechen, die alle Seiten in diesem Krieg begehen, nur einen Schlüssel, um diesen Krieg ohne einen "Siegfrieden" Israels zu beenden, was ja ebenfalls kaum möglich scheint: Wenn die, die den Krieg gegen Israel führen, es nicht mehr vernichten wollen. Oder ihre Bevölkerungen sich von ihnen abwenden. Beides ist zurzeit nicht wahrscheinlich. Zumal Europa und die UN keinerlei Impulse geben, dass sie diesen Schlüssel für relevant halten. Sondern im Gegenteil judenfreie Konferenzen befördern - wieder einmal jüngst beim Gipfeltreffen der Arfikanischen Union.

Es ist Zeit, die eigene indifferente Meinung und Haltung aufzugeben. Und Stellung zu beziehen an der Seite Israels.

In diesen Tagen lohnt sich mehr noch als sonst der tägliche, mindestens tägliche Blick auf eine linke, deutschsprachige Stimme aus Israel, die ohne Ende Quellen und Bilder und Erlebnisse und Einordnungen liefert. Selbst wer sich nicht mit mir auf die Seite Israels stellt in diesem Vernichtungskrieg gegen dieses Land, kann hier sicher einige Impulse finden, die Propaganda und Nicht-Berichterstattung deutscher Medien zu ergänzen. Lila, deren Blog ich auch in friedlicheren Zeiten immer gelesen habe. Und in dem ich auch diese kleine Liste fand, die bestimmt den einen oder die andere überraschend wird, die in den letzten Tagen nur von der Mobilmachung der israelischen Armee las. Lila zitiert aus Elder of Ziyon:
June 27: 6 rockets, 2 intercepted
June 28: 3 rockets, Sderot factory burned to ground
June 29: 4 rockets, 2 intercepted
June 30: 16 rockets
July 1: 5 rockets, several mortars, damage to vehicles and a major fire as a result, also mortars
July 2: 10 rockets, 9 mortars, 1 intercepted
July 3: 13 rockets, homes and a summer camp damaged
July 4: 25 rockets, several mortars, 3 intercepted
July 5: Over 20 rockets, including to Beersheva, several mortars, 3 intercepted, some damage and an injury
July 6: Over 25 rockets, some damage
July 7: Over 85 rockets, Hamas claimed to shoot 100 and Islamic Jihad claimed to shoot 60. 13 intercepted
July 8: At least 160 rockets, 7 intercepted, so far, some damage and injuries
In diesem Zusammenhang erschließt sich vielleicht, warum ich die Kritik am Sicherheitszaun ("Mauer" in deutsche Medienterminologie) und am Raketenabwehrsystem und unbemannten Fahrzeugen so nicht teile. Wer der Meinung ist, dass Israel nun den ersten Schritt gehen müsse, dass Israel sich zurück halten solle, dass Israel in Vorleistung auf einen Frieden zu gehen habe und verantwortlich für den Vernichtungskrieg gegen sein Land und sein Volk sei - wer diese Meinung ernsthaft vertritt, setzt Israel bewusst oder unbewusst der Vernichtung aus. Dann sagt es wenigstens auch.

Denn ansonsten ist es Zeit, die eigene indifferente Meinung und Haltung aufzugeben. Und Stellung zu beziehen an der Seite Israels.

Goya War2.jpg
Goya War2“ von Francisco de Goya Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

7.7.14

Innovation egal. Hauptsache immer mal den Job wechseln

Das ist alarmierend. Nehmen wir mal an, dass ein Top-Gehalt etwas über die Bedeutung aussagt, die jemand für eine Organisation, ein Unternehmen hat. Gerade im Vergleich zu anderen. Ja, das ist ein kleines bisschen zu holzschnittartig, aber als Denkmodell nicht völlig abwegig.

Und betrachten wir mal, dass bei der Umfrage von news aktuell zwar nicht so unendlich viele Kolleginnen mitgemacht haben, aber doch einige. Von denen rund 70% nicht zu denen mit dem Top-Gehalt gehören (wie ein Blick in die Hierarchiezusammensetzung der Teilnehmerinnen der Befragung zeigt). Dass es also zu einem großen Teil die Wahrnehmung der normalen Professionals auf die mit den Top-Gehältern ist. Denn dann ist es noch alarmierender. Und sagt unglaublich viel über die Branche der PR-Leute aus.

Denn was ich zum Aufstieg nach ganz oben und in die richtig gut bezahlte Liga brauche, ist  - so weit so normal - Erfolg, den ich mir ans Revers heften kann. Aber aus Sicht der Kolleginnen zeichnen sich die Top-Verdienerinnen ansonsten vor allem durch Netzwerken, Verhandlungsgeschick und (häufigere) Arbeitsgeberinnenwechsel aus. Während Leute, die ein Unternehmen oder eine Agentur voranbringen wollen (Loyalität) und innovativ sind (First Mover), eher schlechtere Chancen haben. Jedenfalls sind das Faktoren, die nach Meinung der Befragten kaum eine Rolle spielen, wenn es um ein Top-Gehalt geht. Besonders dramatisch: beide Zahlen sind für Agenturen noch niedriger (Loyalität 5%, First Mover 6%) als für Unternehmen - und das, obwohl Agenturen noch stärker von ihren Leuten leben und davon, ihren Kundinnen ein, zwei Schritte voraus zu sein.

Selbst Schlüsselfähigkeiten, die aus meiner Sicht einen sehr großen Teil des "Wertes" einer Mitarbeiterin in der Kommunikation ausmachen und also auch ein höheres Gehalt rechtfertigen könnten, werden von den Befragten erstaunlich gering gewichtet. Auch hier ist es bei den Agenturen skurril: Nur 15% denken, dass besondere Stärken in der Konzeption zu den wichtigsten drei Faktoren für ein hohes Gehalt gehören. Nur Ideen spielen in Agenturen eine geringfügig größere Rolle als in Unternehmen.

Infografik obs/news aktuell GmbH/Sebastian Könnicke

Ganz ehrlich? Ich finde das Ergebnis schlimm. Und es illustriert vielleicht trotzdem gerade deshalb, in welcher Krise sich die PR-Branche befindet. Was eigentlich absurd ist, weil die Methoden der PR in der Kommunikation eine immer größere Rolle spielen. Und das disziplinenübergreifend. Aber wenn es wirklich mehr darauf ankommen sollte, wie häufig ich den Job wechsele und wie gut ich vernetzt in der Branche bin, als darauf, wie ich mein Unternehmen nach vorne bringe und wie sehr ich strategisch stark und innovativ in Denken und Handeln bin. Mehr wie sehr ich mein eigenes Fortkommen in den Fokus nehme als wie ich schlaue und gute Arbeit mache. Dann irritiert mich das schon, um es mal zahm zu formulieren.

Vielleicht ist es ja nicht wirklich so dramatisch, denn trotz allem liegen die Zahlen ja dicht beieinander und ist die Grundgesamtheit - äh - überschaubar. Und immerhin scheint es Konsens zu sein, dass es um Erfolge geht. Aber Erfolge sind rückwärtsgewandt. First Mover sein, ist vorwärts gewandt. Und nicht karriererelevant nach Meinung derer, die eine Karriere zum großen Teil noch vor sich haben. Doof das.

disclosure: (1) Ich würde wohl nach Branchendings irgendwo in der Nähe von Top-Gehalt rangieren und bin in der Hierarchie schon ziemlich weit oben, habe viel Berufserfahrung. Das mag den Blickwinkel verzerren. Macht mich aber nicht optimistischer. (2) Ich war von 1999 bis 2005 bei news aktuell, die die Studie durchgeführt haben, angestellt, kenne da noch viele Leute, mag viele, bin mit einigen sogar befreundet.

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