8.6.12

Kein Gott im Netz

Endlich darf ich Sascha Lobo mal widersprechen. Und zwar seiner aktuellen Kolumne bei SpOn, in der er Feuilletonisten widerspricht, die dem Umgang einiger mit dem Internet religiöse Züge vorwerfen.

Schon an dieser Formulierung ist mein Widerspruch festzumachen. Denn im Prinzip stimme ich Sascha zu. In der Tat, es ist "kein Gott im Netz". In der Tat, das Internet ist eine Aufklärungsmaschine. Und tatsächlich, dem Internet selbst ist alles Metaphysische fremd. Das aber ist aus meiner Sicht nicht der Punkt. Die Kritik, die sich hinter dem Religionsvergleich verbirgt, ist keine Kritik am Internet als Technologie oder Lebens- und Gedankenraum. Sondern sie ist eine Kritik am Umgang einer Gruppe von Menschen mit dem Internet, die ich als Technikpositivistinnen bezeichnen möchte. Und sie ist verwandt mit der Kritik, die ich an der Naivität von Piratinnen und anderen in ethischen Dingen geübt habe, als ich ihnen neulich naturalistische Fehlschlüsse vorwarf.
Vielleicht vorweg ein ganz kleines bisschen ausgeholt, sorry, dass ich einmal den Theologen raushängen lasse. Religion ist von Glaube und von Theologie zu trennen und werde ich immer auch mit einer ideologiekritischen Brille betrachten. Religion ist auch für mich als Christen, der zu einer eher orthodoxen Glaubensrichtung gehört, kein an sich positiver Begriff. Als religiös bezeichne ich eine Haltung, die heteronom ist, also mindestens eine wesentliche Komponente der Sinnstiftung oder des Sinnzusammenhangs als uns Menschen entzogen versteht. Sei es einem Gott, sei es dem Weltgeist, sei es den Naturgesetzen, sei es dem Internet.
Am Schluss seiner Kolumne kommt Sascha ja auch tatsächlich auf genau diesen Punkt - dass es nicht um das Göttliche im Netz geht (was für eine absurde Vorstellung wäre das auch) sondern um die Vergötzung des Netzes. So wie Luther den Papismus (also den Katholizismus) als Götzendienst brandmarkte, um den Bogen zu Matussek zu spannen.

Wo aber genau diese Vergötzung einsetzt, bekommt der Umgang mit dem Netz religiöse Züge. Das sehe ich überall da, wo "das Internet" als gegeben, als "so ist es", angesehen wird. Wo eben genau das, was Sascha den Feuilletonisten entgegenruft, von den Jüngerinnen des Götzen Internet nicht beachtet wird: Dass es komplett menschengemacht ist - und damit eben gerade nicht unser Handeln heteronom bestimmt. Selbst wenn die Einzelne sich ihm ausgeliefert fühlt und sich - individuell - als eben nicht autonom gegenüber diesem Netz empfindet.

Der Umgang vieler auch intelligenter und erwachsener Menschen mit dem Internet ist da tatsächlich wie vor der Aufklärung. Bevor mehr und mehr Menschen sich aus ihrer (selbst oder nicht selbst verschuldeten) Unmündigkeit befreit, sich gegenüber einer Macht autonom verhalten haben. Jede Argumentation mit "Sachzwängen" ist im Kern religiös. Jedes Argument, das  - etwas verkürzt - "das Internet" und seiner Funktionsweise als Begründung heranzieht, ist im Kern religiös, weil heteronom.

Ich nehme an, dass Sascha und ich uns einig sind, wenn wir das doof finden. So verstehe ich seine Gegenrede. Aber deshalb ist doch der religiöse Eifer bei allzu vielen allzu verbreitet. Und in der Vereinfachung des Feuilletonboulevards müssen für diese "vielen" die Piratinnen als Chiffre herhalten.

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