26.4.12

5555 Hefte text intern. Mein Essay im Jubiläumsheft.

text intern war mein allererster Zugang zu dem, was man einmal "Fachjournalismus" nannte. Es lag schon in den 80ern bei uns zu Hause rum, weil mein Vater in einem Verlag Verantwortung trug. Damals war es noch in Schreibmaschinenoptik und kurzen Artikeln, viel Insiderwissen offenbar. Es stand auch Pate für ein Insider-Newsletter-Dings-Projekt, das ich Ende der 90er für kirchliche Führungskräfte zusammen mit dem Chef des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes, Arnd Brummer, entwickelte und testete.

Mindestens am Rande habe ich text intern immer verfolgt und wahrgenommen. Dass es schon sooo alt ist, hätte ich trotzdem nicht gedacht, bevor ich um ein Essay zu Social Media gebeten wurde. Auf Seite 28 ist es erschienen. Das gesamte Heft steht übrigens als pdf zum Download über die Startseite von text intern zur Verfügung.

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Was das Social Web verändert hat

Das, was einige von uns „Social Media“ nennen, ist total Retro. Da hatte der zwischenzeitliche Chefredakteur des Spiegels sogar Recht. Und damit sind wir dann auch beim Kern dessen, was sich verändert hat im Web durch dieses Social Media: gar nichts. Jedenfalls nicht grundsätzlich. Zehn Jahre lang haben wir dieses „Mitmachweb“ der zweiten Generation jetzt etwa, das Wort „Web 2.0“ und gar das Wort „Social Media“ noch nicht ganz, aber vor gut zehn Jahren kamen die ersten modernen Blogs auf. Sozusagen aus der Konkursmasse dessen, was der eine oder die andere eine Blase nannte, die aus dem Internet kam, obwohl sie wohl eher etwas anderes war, aber das ist eine andere Geschichte.

Damals, als einige der ersten Generation der Start-Ups so spektakulär untergingen, als der große Kater 2000 oder 2001 oder so einsetzte, war ja nicht das Web zu Ende. Sondern wurden einige der Schaufenster eingeworfen. Und andere Ladenlokale wurden verlassen und ihre Ruinen gammelten vor sich hin. Aber das Web blieb. Und mit ihm seine Bewohner.

Viele von uns haben sich ein wenig zurück gezogen damals. Und sich auf das konzentriert, was sie auch vorher im Web gemacht hatten, bevor die Medien und die Unternehmen es als ihre Schaufenster entdeckten und falsch verstanden: Vernetzen, reden, austauschen, verlinken. Blogs eben. Und Retro deshalb, weil die allererste neue „Dings“, die Sir Berners-Lee in HTML schrieb, im Grunde ein Blog war: eine kommentierte Linkliste in umgekehrt chronologischer Reihenfolge.

Bis heute fällt es vielen, die damals nicht dabei waren (und dies soll nun nicht eine Opa-erzählt-vom-Krieg-Geschichte werden, aber das muss einmal kurz sein, um auszuholen), schwer zu verstehen, was damals passiert ist und was seitdem passiert. Dass für Menschen, die einen großen Teil ihrer sozialen Interaktion onlinebasiert durchführen, dieses Internet das ist, was Sascha Lobo kürzlich in seiner SpOn-Kolumne so treffend Heimat genannt hat. Nicht einfach nur ein Werkzeug, wie es vielen Medienschaffenden oder Kommunikatoren erscheint, sondern eine Art Lebensraum, ein unstofflicher Ort, den zu bewohnen sie sich entschieden haben und den sie schützen. Schwer zu verstehen – und damit sind wir in der Gegenwart – ist dabei für viele, dass es ein Heimatort ist, der nicht vom Leben in der Kohlenstoffwelt (so nennen „wir Onliner“ das, was ohne Internet stattfindet) geschieden sondern im Gegenteil eng mit ihm verwoben ist. Dass eben keine zwei Welten existieren, von denen die eine gar rechtsfrei wäre oder ganz anders.

Die Entwicklung des Internet und seiner Bewohner ist vor allem dadurch geprägt, dass sich eine leicht veränderte Kultur entwickelt hat. Nicht radikal anders, aber doch so sehr, dass sie für Menschen, die sich nicht die Mühe machen, sie mal anzusehen, unverständlich und teilweise gar bedrohlich bleibt. Weshalb es wohl auch Medienmachern und Kommunikatoren in Unternehmen so oft so unendlich schwer fällt, auf diese Kultur einzusteigen. Weshalb es kaum intelligente Antworten von Medien und Unternehmen auf diese Kultur gibt. Was aber wiederum nur die Medien und Unternehmen stört.

An zwei sehr aktuellen Beispielen lässt sich sehen, wo die Konfliktlinie verläuft – was sich so sehr verändert hat – und wo für die nächsten Jahren die großen Entwicklungen liegen:
(1) Jugendproteste und ACTA

Von „Erwachsenen“, die nicht intensiv in der Heimat Internet leben, weitgehend unbemerkt haben im Januar und Februar die Vorbereitungen für große, europaweite Proteste gegen das Abkommen „ACTA“ begonnen. Ohne ins Detail zu gehen (dazu gibt es im Internet sehr viel, Recherche lohnt), war die Sorge eine Zementierung und Kodifizierung eines Verwertungsrechts anstelle eines Schutzes von Urhebern. Medien und Unternehmen haben daraus gemacht, dass die jungen Protestler gegen das Urheberrecht und für eine Gratiskultur seien. Das erste Missverständnis.

Und sie haben die Mobilisierung nicht mitbekommen. Tausende Jugendliche wurden beispielsweise über YouTube mobilisiert. Von jungen Medienschaffenden, die auf YouTube Woche für Woche ein Millionenpublikum mit ihren Shows erreichen – und zu den Demos aufriefen. Viele Eltern hörten erstmals von dem Thema, als ihre Kinder sie Anfang Februar auf ACTA ansprachen.

(2) Privatsphäre und unsere Daten

Eine der größten Veränderungen, die das Social Web gebacht hat, ist eine neue Sensibilisierung breiter Schichten für ihre Daten und ihre Privatsphäre. Sehr zur Überraschung einiger älterer Multiplikatoren und Medienarbeiter allerdings anders als bisher. Persönliche Daten und die Privatsphäre sind durch Social Media zu einer von den Nutzern (und nicht mehr von Datenhändlern wie den Verlagen und Markenartiklern) nutzbaren Währung geworden. Wenn 80% der jungen Leute, wie eine Studie neulich herausfand, bewusst ihre Privatsphäreeinstellungen in Netzwerken wie Facebook vornimmt, dann ist das ein gutes Zeichen. Sie entscheiden selbst, was öffentlich und was privat ist. Auch wenn sie es oft anders entscheiden als die Generation davor. Privatsphäre und der Einsatz der Daten als Bezahlmittel – was sie immer schon waren – sind bewusster geworden. Und verändern sich, so wie sich Privatsphäre historisch immer geändert hat. Noch vor 300 Jahren war es normal, Sex in der Öffentlichkeit zu haben. Heute ist es normal, eine Onlinechronik öffentlich zu haben.

In dieser Umbruchzeit gibt es beides zugleich – und keines davon ist schlechter als das andere: die Idee, dass die Grundeinstellung „privat“ heißt und ich nur das, was öffentlich sein soll, laut sage. Und die Idee, dass die Grundeinstellung „öffentlich“ heißt und ich nur das, was bewusst privat sein soll, verberge.

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