14.2.12

Wider die Vulgarisierung der Diskussion um Urheberrechte durch die Piraten und den Boulevard

Friedrich Küppersbusch bringt es gestern in der taz auf den Punkt. Am ersten Werktag nach den ACTA-Demos und dem ersten Tag, nachdem der versammelte Boulevard von Focus über Spiegel bis Tagesschau (ok, die etwas weniger vulgär) das Thema ebenso verfehlt hat wie die meisten Piraten. Es geht nicht gegen das Urheberrecht. Es geht gegen das (industrielle) Verwertungsrecht.
[Frage:] Das Urheberrechtsabkommen ACTA treibt Menschen auf die Straße. Am Samstag wurde europaweit gegen das Abkommen demonstriert. Haben Sie verstanden, warum?
[F.K.:] Weil es kein Urheber-, sondern ein Verwertungsrechtsabkommen ist. Ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung druckte Interviews und Texte über Produktionen meiner Firma. Wir stellten es - stolz, na klar - auf unsere Homepage. Eine Anwaltskanzlei mahnt uns ab, und wir zahlen der Süddeutschen jedes Mal 500 Euro für Content, der auf unserer Urheberei beruht. Anderes Beispiel: Der Westdeutsche Rundfunk hat im großen Verlegerbeschwichtigen der WAZ-Gruppe seine Archive geöffnet. Ergebnis : Wenn ich einen alten Beitrag von mir herzeigte, kann mich sowohl die Westdeutsche Allgemeine Zeitung wie auch der WDR verklagen; der Einzige, der definitiv keine Rechte an seinem Werk hat, bin ich - der Urheber. ACTA verstärkt die Macht der Vermarkter gegen Verbraucher und Urheber entscheidend weiter; es ist ein Selbstmordversuch für ideengetriebene Volkswirtschaften. Der Furor vieler Piraten, bei der Gelegenheit das Urheberrecht gleich mit abzuräumen, macht es schwer mitzudemonstrieren.
Küppersbusch in der taz
Es ist extrem schwer, einer sinnvollen Position zurzeit Gehör zu verschaffen, weil abstrus überzogene Positionen einerseits und aggressiv kurz gedachte Engführungen von Urheber- und Verwertungsrechten andererseits aufeinander einprügeln. Besonders betrübt es mich dabei, wenn Verbände von Kreativen wie der Deutsche Komponistenverband (gemeinsam mit dem Deutschen Textdichter-Verband*) Formulierungen wählen wie, es würden "Existenzgrundlagen der Kreativen und Kulturschaffenden geopfert und angegriffen, und zwar zugunsten eines Konsumenten–Schlaraffenlands, das sich dem Götzen einer „innovativen“ Netz-Gratis-Mentalität anbiedert und nicht gewahr wird, dass mit den Daten der Konsumenten der eigentliche Profit an anderer Stelle in einem unverhältnismäßig großem Ausmaß gemacht wird"** - so in seiner verschwurbelten Stellungnahme zum langen Parteitagsbeschluss der Grünen zu dem Thema (Link geht auf das pdf), der nun wirklich nicht radikal oder weitgehend ist.

Jan Philipp Albrecht, Abgeordneter im Europaparlament, hat das am Sonnabend in Hamburg ebenso wie Küppersbusch gut zusammengefasst:



Erst wenn es gelingt, die vulgäre Interpretation des Themas durch viele Piraten und den Boulevard, die sich absurderweise ja gleichen wie ein Ei dem anderen, hinter uns zu lassen, werden wir es schaffen, den kulturellen Bruch zu kitten. Den Bruch, der dadurch entsteht, dass Menschen, die sehr viel und sehr "natürlich" das Internet nutzen, merken, dass die von der Verwertungsindustrie versuchte Kriminalisierung aller Begeisterung für kreative Erzeugnisse mit ihrer Welt kollidiert - obwohl sie weiterhin auch Musik und Filme und Bücher kaufen, in Konzerte und ins Kino gehen und so weiter. Keiner einzigen Kreativen und keinem einzigen Werk ist damit gedient, dass sich die Verwertungsindustrie immer weiter von der Lebenswirklichkeit von rund 110% der unter 30-jährigen und rund 75% der 30- bis 50-jährigen abkoppelt.

Solange Kreative auf die vulgäre Propaganda der Verwerter hereinfallen und Konsumentinnen auf die ebenso vulgäre der Piraten - so lange werden wir nicht weiter kommen, denke ich. Mut macht mir dabei, dass ich keine Jugendliche kenne (und ja, ich kenne viele, wenn auch nur einen kleinen Ausschnitt von überwiegend Vorortjugendlichen aus Bildungsschichten), die eine der beiden vulgären Positionen überzeugend findet.

* Der Deppenbindestrich steht im Schreiben des DKV, in dem er erklärt, auch für die Dichterinnen zu sprechen. Für den kann ich also nix.
** Ob die Stellungnahme online vorliegt, weiß ich nicht, ich habe sie als pdf geschickt bekommen und daraus hier zitiert. Sie ist ohne Datum versehen und es steht Jörg Evers drunter. Die Echtheit habe ich nicht hart verifiziert.

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