6.2.12

Billig betreute Kinder sterben

Und das wird nicht bei Lara-Mia und Chantal bleiben. (Falls jemand außerhalb Hamburgs nicht mitbekommen haben sollte, worum es geht: mal wieder ist ein Kind, das in öffentlicher Obhut war, gestorben.) Selbst habe ich mit der Industrie der öffentlichen Betreuung nichts zu tun. Aber in meinem Freundeskreis arbeiten einige in dieser Industrie. Oder in verwandten Bereichen wie Schulen und Amtsgerichten. Und ohne Zynismus muss ich sagen, dass mir die Überraschung und Empörung über den aktuellen Fall ein Kopfschütteln auslöst. Darum eher anekdotisch ein paar Kleinigkeiten zu dieser Diskussion.

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Als die Betreuung von Familien und von Kindern privatisiert wurde, ging es auch ums Geldsparen. So genannte freie Träger der Jugendhilfe sind für Kinder zuständig, die aus ihren Ursprungsfamilien raus müssen. Die (kleinen) Träger, die ich gut kenne, steigen bei den entsprechenden Ausschreibungen der Jugendämtern aus, wenn jemand anders mehr als 40 zu betreuende Kinder pro Vollzeitstelle anbietet. Die Aufträge gehen, so höre ich von Trägern, dann oft an Unternehmen, die 50 und mehr Kinder von einer vollen Stelle betreuen lassen. Und entsprechende Anbieter bekommen vom Jugendamt den Zuschlag, weil sie dann - logischerweise - rund 20-25% billiger sind als andere, die diesen Betreuungsschlüssel für nicht vertretbar halten.

Dass sich da jemand wundert, falls nicht jedes dieser Kinder in seiner Pflegefamilie oder -einrichtung sinnvoll und verantwortungsvoll betreut werden kann, wundert mich.

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Ich habe in den letzten zwei Wochen von mehreren (kleinen) privaten Trägern der Jugendhilfe gehört, dass sie schon seit Jahren keine Aufträge vom Jugendamt in Hamburg-Mitte annehmen, weil da ein heilloses Chaos herrsche und eine Zusammenarbeit mit diesem Amt und diesem Bezirk einfach nicht möglich sei. In der "Szene" ist - so wirkt es auf mich - niemand überrascht über die Dinge, die jetzt rauskommen im Bezirksamt Mitte.

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Die Zusammenarbeit von Lehrerinnen mit den Jugendämtern in Hamburg gestaltet sich offenbar in sehr vielen Fällen so, wie es sich jetzt bei Chantals Pflegefamilie herausstellt: Ein Hinweis aus der Schule wird vom Jugendamt abgebügelt oder freundlich entgegengenommen und nicht weiter verfolgt. Ein Fall ist mit persönlich bekannt, in dem eine Mutter vom Jugendamt darüber informiert wurde, dass die Lehrerin ihres Kindes sich ans Jugendamt gewandt hatte, weil sie eine Kindswohlgefährdung (so heißt das im Amtsjargon) vermutete und das Amt ohnehin die Familie betreut (u.a. aus diesem Grund). Als es daraufhin zu Gewalt durch die Mutter gegen die Lehrerin kam, plädierte das Jugendamt auf "nicht zuständig".

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"Beim Jugendamt in Billstedt" - das gehört zu Hamburg-Mitte - "musst du gar nicht erst nachfragen, da haben die für so was kein Geld mehr", sei die Standardantwort von Experten, höre ich, wenn jemand überlegt, dass ein Kind, das dort vom Jugendamt betreut oder unterstützt wird, eine weitere Hilfe braucht.

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Aus Gerichten höre ich, dass es keinen anderen Bereich der Verwaltung gebe, aus dem so überforderte und untermotivierte Mitarbeiterinnen vor Gericht auftauchen wie aus Jugendämtern. Und dass hier Mitte nur unwesentlich nach unten abweiche.

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Ob Herr Schreiber (politischer Verwaltungschef in Hamburg-Mitte) zurück getreten wird oder nicht, finde ich fast egal. Das wird nichts ändern an der Situation der Kinder. So lange die Betreuung von Kindern, die ihre Ursprungsfamilie verlassen müssen, so organisiert ist, wie es zurzeit ist, wird jeder neue Bezirkschef scheitern. Und werden weiter Kinder sterben. Das ist eklig und traurig und ein Skandal. Aber solange Betreuung unter Kostengesichtspunkten optimiert wird, solange dieses Thema eine Posteriorität ist, wird sich durch den Austausch von Personen nichts ändern.

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