28.9.11

Isch kandidiere

Warum ich nun nicht mehr kandidiere, habe ich heute aufgeschrieben.
19.10.2011


Es stehen Landesvorstandswahlen an. Und ich kandidiere für den Landesvorsitz. Die Grünen sind in Hamburg und bundesweit in einem Umbruchprozess:
  • Eine Partei zwischen 15 und 25% muss sich anders weiter entwickeln als eine, die sich mit 10% der Stimmen zufrieden gibt, und braucht einen Neuanfang.
  • Eine Partei, die zwischen Euphorie, Selbstüberschätzung, enttäuschten Erwartungen und großen Erfolgen hin und her gerissen wird, braucht eine Re-Politisierung.
  • Eine Partei, die für zunehmende Wählerinnengruppen als etabliert und spießig gilt und von einer neuen, frischen und “menschlichen” Partei in Liberalismus und Politikkultur abgehängt wird, braucht eine Neuerfindung ihrer politischen Kultur.
Für alles drei stehe ich.
Für alles drei kann ich den Übergang moderieren und anführen.
Für alles drei bin ich zugleich unabhängig und erfahren genug, um die nach außen sichtbare Symbolfigur zu sein.

Warum bin ich jetzt der richtige Landesvorsitzende?
  • Ich bin politisch aktiv, seit ich 15 bin. Erst bei den Jusos (letzter linker Kreisvorstand in Wandsbek) und im Landesvorstand beim Sozialistischen Schülerinnenbund Hamburg, dann u.a. als Bundesvorsitzender des Bundes der religiösen Sozialistinnen und Sozialisten, danach in Kirchenvorständen, Kreis- und Landessynoden der Nordelbischen Kirche - und zuletzt im Elternrat.
  • Ich bin weder wirtschaftlich noch emotional von der Politik oder gar diesem Amt abhängig. Denn ich leite den Bereich “digitale Strategie” in einer der großen Kommunikationsagenturen in Hamburg - und habe eine berufstätige Frau, vier Kinder zwischen sechs und sechzehn und vier Islandpferde.
  • Ich habe mehr als zehn Jahre Führungserfahrung und auch komplexe virtuelle Teams angeführt, beispielsweise eine europaweite Digitalagentur aufgebaut und geleitet.
  • Ich habe wertegebundenen Boulevardjournalismus gemacht und bin dort zu Hause - für mehrere Jahre habe ich für den privaten Hörfunk gearbeitet und auch moderiert.
  • Ich kann Kommunikation in klassischen Medien und in der Arena, die wir Social Media nennen, denn das ist mein Beruf. Meinen ersten persönlichen Shitstorm im Internet überlebte ich 2004.
  • Ich habe einen klaren persönlichen Wertekompass, der im "richtigen Leben" erprobt und die Basis für mein Engagement bei den Grünen ist.
  • Ich habe streitbare, gelebte und formulierbare politische Haltungen. Zu Themen habe ich Meinungen und kann sie verständlich formulieren.
  • Ich bin Generalist und Kreativer. Und weil ich - wie jeder Mensch - inhaltliche Lücken habe und nicht alles weiß, brauche ich ein Team. Ich bin ein Teamplayer und stehe zu meinen Lücken und Schwächen (und sage das auch ohne Politjargon).
  • Ich war schuld, dass Henning Voscherau 1997 zurücktreten musste und so Rot-Grün unter meinem Nachbarn Ortwin Runde möglich wurde.
  • Ich habe seit Anfang 2003 ein Blog, twittere seit Anfang 2007 und sehe für mich keinen Unterschied zwischen Kommunikation, die digital stattfindet, und solcher, die wir in der Kohlenstoffwelt haben.
In den letzten Wochen haben wir in verschiedenen Zusammenhängen über die Vereinbarkeit von Politik, Beruf und Familie diskutiert. Dies hat mich ermutigt, diese Kandidatur zu wagen. Ich werde vier Stunden pro Woche für die Arbeit als Landesvorsitzender zur Verfügung stellen - und meine gesamte Erfahrung aus Beruf und Familie. Da ich ein Teamspieler und asynchron rund 18 Stunden am Tag zu Kommunikation bereit bin, können wir das gut gemeinsam schaffen. Vor allem vor dem Hintergrund, wie ich den Vorsitz gestalten möchte.

Alle Infos und meine Profile findet ihr auf meiner Website, Fragen zu mir, zu meiner Haltung, zu meiner Politik und so weiter beantworte ich gerne öffentlich auf Formspring.

Wie ich dem Landesverband vorsitzen werde

Da ich zu den Unterstützern des “Demokratie”-Antrags für die LMV gehöre, sind die dort formulierten Leitlinien und Handlungsprogramme die meinen. Meine Vorstellungen, wie sich die Grünen weiter entwickeln sollten, wenn sie dauerhaft die Größe einer Volkspartei anstreben - was ich will -, habe ich mehrfach hier in meinem Blog dargestellt, es kann hier nachgelesen werden, ebenso in meinem Papieren zum Aufarbeitungsprozess, die vorliegen.

Dennoch geht es dabei nicht um mich und meine Vorstellungen. Sondern es geht darum, die Grünen in Hamburg wieder politikfähig zu machen - und das politische Zentrum zurück in die Partei zu verlegen. Die Fraktion kann das nicht für die Gesamtpartei leisten, denn sie hat eine andere Aufgabe. Die LAGn sind vor allem in der politischen Facharbeit unterwegs.

Der Landesvorstand und vor allem der Landesvorsitzende haben die Aufgabe, den politischen Dialog und die Politikformulierung jenseits der Fachpolitik anzuleiten und zu vertreten. Da ich seit Jahren genau das beruflich mache - als Strategieentwickler und Strategieberater - biete ich euch an, uns dabei anzuführen.

Dafür wiederum gibt es klare Rahmenbedingungen, die ich will und für die ich mich einsetze. Dazu gehört ein achtsamer Umgang mit der Zeit anderer und eine so asynchrone Arbeitsweise wie möglich, weil ich beispielsweise mir sehr viel auf Bahn- und U-Bahnfahrten erarbeiten kann, andere eher auf dem Sofa, wieder andere bei Treffen. Konkret: Kein Meeting ohne Vorbereitung, kein Beschlussvorschlag ohne Dokumentation, keine Änderung ohne dass sie vorher lesbar war. So schaffen effiziente politische Gremien ohne weiteres 20 Tagesordnungspunkte in 20 Minuten - wenn alle sich vorbereiten und nur die großen Themen diskutiert werden müssen. Da gibt es hunderte von kleinen Hilfsmitteln, die alle von uns, die im Beruf stehen, täglich einsetzen.

Was ist meine Vision?

Als jemand, der aus der Eine-Welt-Bewegung (damals sagten wir noch “dritte Welt”) kommt und dem das bürgerinnenrechtliche Erbe von Bündnis 90 wirklich wichtig ist, der familiär und lebensweltlich zum kirchlich-bürgerlichen Teil der grünen Ursuppe gehört, sind die Grünen mehr als nur wichtig. Wir werden gebraucht.

Und über streitbare Positionen einerseits und eine über alles bisher gekannte hinausgehende Partizipation der Mitglieder und der Bürgerinnen andererseits werden wir in der heutigen Zeit das einlösen, was wir seit 30 Jahren tun wollen: einen alternativen Politikstil und eine bürgerinnennahe Politik zu machen. Und genau dieses - Inhalte und Partizipation - macht für mich bis heute das Grüne aus.

So wie wir damals angetreten sind, die Stimme der Bewegungen in den Parlamenten zu sein, müssen wir heute die Politik aus den Parlamenten wieder hinaus in die Stadtteile, Büros, ins Internet und auf die Plätze tragen. Das aber wird uns nur gelingen, wenn wir eine neue Mischung aus Selbstbewusstsein und Demut für uns entwickeln und zur politischen Kultur erwählen. Da ich genau dafür stehe - und auch lebensweltlich ein Grenzgänger bin zwischen dem wohlhabenden spießigen Vorstadtbürgertum und der vernetzten digitalen Kreativszene, zwischen Prozess und Inhalten und zwischen Leidenschaft für Politik und dem Aufgehen im normalen, richtigen Leben - bin ich bereit, uns auch auf diesem Weg anzuführen.

Das wird mir unter zwei Bedingungen gelingen: Zum einen, wenn viele andere mit voran gehen. Und zum anderen, wenn ihr mir den Freiraum lasst, im Beruf, in der Familie und mit meinen Tieren meinen Mann zu stehen. Denn ich werde nie ein Funktionär sein. Aber ich bin ein Anführer. Und das auch ganz und mit Leidenschaft. Auch mit der nur begrenzen Zeit, die ich dafür habe und einsetzen werde.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach
Kreisverband Wandsbek

29.9.2011
Update 1
Die Wahl ist noch genau einen Monat hin. Und ich weiß, dass die Ansage mit den vier Stunden Zeitbudget ein Stolperstein sein kann. Darum ist die Kandidatur nicht weniger ernst gemeint, aber ich diskutiere das intern bei den Hamburger Grünen selbstverständlich weiter. Grundsätzlich denke ich, dass es machbar sein muss, wenn wir nicht große Gruppen von Mitgliedern, die in ähnlichen beruflichen und privaten Situationen sind wie ich, von Ämtern ausschließen wollen. Aber - auch wenn das überraschen mag - ich bin hinreichend uneitel, um meine Kandidatur auch zurückzuziehen, wenn sich in den nächsten Wochen herausstellen sollte, dass diese Idee nicht tragfähig ist. Oder dass sie andere zu sehr belasten sollte, beispielsweise die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen der Partei oder andere Vorstandsmitglieder. Es ernsthaft zu prüfen und zu versuchen, halte ich jedoch wirklich für wichtig.

Update 2
Es geht tatsächlich hoch her in der Diskussion intern. Und bisher überwiegt die Skepsis, dass das, was ich mir vorstelle, leistbar und zumutbar ist. Es führt aber mindestens bei einigen auch zu einem Nachdenken, was wir eigentlich wollen und wie wir uns als Partei führen und anführen (lassen) wollen. Und dieses Nachdenken wird bleiben. Egal, ob meine Kandidatur bleibt oder erfolgreich ist oder ich sie abblase oder durchziehe.

10.10.
Update 3
Die Diskussion ist in innergrünen Gruppen weiter gegangen. Dabei stellen sich mehr und mehr zwei Knackpunkte heraus: Tatsächlich die Frage, ob meine "vier Stunden synchroner Zeit" machbar sind - und ob die Partei reif dafür ist, also auch andere bereit wären, sich mit zu ändern oder es im Grunde eine Überwältigung der Kultur dieser Partei wäre, zumindest noch. Und - ähnlich ein Kulturproblem - ob meine Vorstellung, wie sich grüne Politik entwickeln sollte, noch zu weit entfernt ist von denen, die auf alt-parteiliche Parlamentsarbeit ausgerichtet sind.
Was ich geschafft habe, und was mich freut: Einige der Kandidatinnen für den Landesvorstand, vor allem meine Gegenkandidatin um den Landesvorsitz, müssen sich etwas mehr anstrengen als geplant, ihre Kandidatur zu begründen und überhaupt mal bekanntzugeben (endlich) - und sie werden von Mitgliedern nach ihrem Zeitbudget für diese Aufgabe befragt.
Ich bin zunehmend unsicher, ob ich meine Kandidatur aufrecht erhalten soll. Einerseits denke ich tatsächlich, dass ich es besser machen werde als Katharina, unsere aktuelle Vorsitzende, die gegen mich kandidiert. Andererseits sehe ich schon ein, dass ich nicht nur inhaltlich noch kontroverser bin als sie sondern auch eine Form vorschlage, die noch unerprobt ist.

26.9.11

It's not just German Angst. Privacy is a real issue

For some time, especially in Germany, discussing privacy issues around Facebook or in principle was referred to as a strange typical German thingy and behavior. Silly Germans, overreacting and so on. And maybe it's quite normal that we have here in Germany the Spackeria movement and all these post-privacy clowns as the overreaction to a overreaction.

As someone who was at the same time a privacy-aware citizen and a heavy user of social media platforms that undermine my privacy (and taking the latter as the costs I have to pay to get the convenience and fun and use of - let's say - Facebook) I am really happy that privacy related topics are reaching international mainstream (or at least the blogs of some bright thinkers in the online space).

Maybe it's just like Nik Cubrilovic says-
Privacy today feels like what security did 10-15 years ago - there is an awareness of the issues steadily building and blog posts from prominent technologists is helping to steamroll public consciousness. The risks around privacy today are just as serious as security leaks were then - except that there is an order of magnitude more users online and a lot more private data being shared on the web. (Nik Cubrilovic Blog - Logging out of Facebook is not enough)
or what Dave Winer just pointed out -
People joke that privacy is over, but I don't think they imagined that the disclosures would be so proactive. They are seeking out information to report about you. That's different from showing people a picture that you posted yourself. If this were the government we'd be talking about the Fourth Amendment. (Scripting News: Facebook is scaring me)
I am not a fan of panic. And I always argue that especially young people will find their way to deal with the changing concepts of private and public. But what I really don't like is when one of the players (here: Facebook) just ignores a solid and important discussion and topic that is important for the way we will live together in the future. I hope that the stunt of German journalist Richard Gutjahr will help to rise their awareness. And I am pleased to see that my post-privacy friends will not be able anymore to tell it's a phenomenon of German Angst and silly, anti-technology minded, far behind Germans.

Post-privacy can't be the answer to rising privacy issues with well-used internet platforms. I personally prefer the "default public" concept above the "default private" - but we definitly need privat room for privat discussions. With Dave's and Nik's posts we come near the core of the topic I guess.

19.9.11

Die gehen nicht weg, die Piraten

Die Piraten, da stimme ich anderen ersten Analysen zu, werden nicht wieder verschwinden. Und wir Grünen haben zu ihrem Erstarken wesentlich beigetragen
  • durch extrem große Unsicherheit unserer medial wahrnehmbaren Vertreterinnen in allen Fragen des Internets
  • durch gute theoretische Programme, die sich in der politischen Praxis nicht glaubwürdig widerspiegeln, also nicht eingelöst werden
  • durch die relative Blindheit (kulturell und im politischen Handeln, nicht so sehr in der Programmatik) gegenüber den beiden Kernthemen der Piraten (Freiheit der Rede und Open Government)
Wir hören und lesen immer wieder, die Piraten seien ja im Grunde sozusagen eigentlich Grüne (oder müssten es sein). So wie die Grünen damals ja eigentlich Sozis gewesen sein sollen. Das Problem ist nur, dass unsere Erscheinung und unsere politische Praxis (nicht die Programmatik, denn wenn es um Programmatik ginge, würden auch die Piraten nicht gewählt) so weit von den Bedürfnissen von Piraten und Piratenwählenden entfernt sind, dass sie nicht mal eben "resozialisiert" werden können, wie Renate Künast abstrus formulierte, was ein interessant missglückter Scherzversuch sein sollte.

Rund um die Internet-Stopp-Schilder (kontraproduktives Minderheitenvotum aus der Bundestags-Fraktion), JMStV (totales Schlafen aller Regierungsfraktionen in den Ländern, vor allem HH und NRW) und Vorratsdatenspeicherung (keine über Insider hinaus wahrnehmbare Stimme oder Position) haben Grüne in den letzten Jahren Terrain verloren, ohne dass das nötig gewesen wäre. So wie ja auch die SPD. Weiterhin begegnen die "Piraten in den Grünen" vor allem kulturellen Vorbehalten - ablesbar an internen Diskussionen um Politikstil und transparente Kommunikation, bei denen grüne Piraten es nicht schaffen, mit den alten Bürgerinnenbewegten eine gemeinsame Linie zu finden.

Ohne den Piraten hinterher laufen zu wollen, ist aus meiner Sicht für Großstadtgrüne jetzt zweierlei nötig, um gerüstet zu sein, eine neu politisierte Gruppe von Menschen abzuholen, wenn sie sich von den Piraten wieder abwendet - oder ihnen auch vorher bereits ein alternatives Angebot zu machen. Dabei geht es nicht um flippige oder hippe Anmutung, sondern darum, die tiefe Enttäuschung, die uns nahestehende Gruppen empfinden, wenn sie unser Handeln und unsere Kommunikation analysieren, durch eine Veränderung zu überwinden.
  • Wir müssen Mechanismen finden, die verhindern, dass insbesondere Abgeordnete auf jeder Ebene, aber auch andere auffindbare Grüne, sich aus Unwissenheit oder Ignoranz entgegen unseren im Prinzip weitgehend akzeptablen Programmbeschlüssen äußern (passiert dauernd). Wir gelten als im Zweifelsfall unzuverlässig (oder - im Idealfall - inkompetent).
  • Wir sollten die zumindest in Hamburg (wie ist es eigentlich anderswo?) im Sande verlaufenen Ideen einer hochgradig transparenten internen Diskussion noch einmal aufgreifen und den Politikstil der Transparenz und die Debattenkultur noch einmal auf eine potenzielle Akzeptanz bei Piraten abklopfen. Und einen offensiven Kompromiss zwischen den sehr unterschiedlichen Gesprächskulturen suchen und versuchen, der mehr ist als ein kleinster gemeinsamer Nenner.
  • Ob es uns gelingt, Politik als Prozess der Partizipation zu verstehen und nicht als Volksbeglückungsprogramm, wird darüber entscheiden, ob wir mehr als ein Zwei-Generationen-Projekt einer spießigen oberen Mittelschicht sein können.
Update: An die Piraten, die hier vorbeisegeln -
lest unbedingt auch meinen letzten Blogpost über eure Generation:
Die arme Generation ;)

16.9.11

Die arme Generation

Leider ist er nicht online, wahrscheinlich, weil er eine Promo für ihr Buch war, vermute ich. Zumal es offenbar ein Auszug daraus war, was in der Audioausgabe der "Zeit" aber nicht kenntlich gemacht wurde, in der ich ihn hörte. Naja. Aber Nina Pauer beschrieb in der letzten "Zeit" vom 8.9. etwas, das ich an den jungen Leuten um mich herum auch feststelle, die rund zehn oder fünfzehn Jahre jünger sind als ich.

Grob verkürzt (und für meine These tauglich gestutzt) geht es so: Die "um die 30-jährigen" sind besonders ausgepowert (haha, Wortspiel), besondern oft ausgebrannt, besonders verunsichert. Das Erschreckende ist: Das sehe ich auch so.

Die meisten Burn-Out-Kranken, die ich erlebt habe in der letzten Zeit, gehören zu diesen jungen Leuten. Die meisten Jungs, die sich weigern, erwachsen zu werden (oder auch nur Verantwortung für eine Familie zu übernehmen), gehören zu diesen jungen Leuten. Die meisten, bei denen ich den Eindruck habe, dass Selbstbild und Fremdbild noch so krass auseinander fallen (ich schrob im Juni darüber), gehören zu diesen jungen Leuten.

Das ist keine Kritik, das ist eher die besorgte Beobachtung, sehr viel besorgter als die launigen, gefälligen Formulierungen von Nina Pauer klingen. Ich denke schon länger darüber nach, woran das liegen mag, dass die um-die-40-jährigen, die ich kenne, so anders sind, so viel ruhiger, so viel selbstsicherer, als diese nächste Generation. Und es übrigens auch schon vor 10, 15 Jahren waren. Als wir uns auf den 30sten Geburtstag noch freuten.

Es ist ja nahezu grotesk, dass sie mir in allen meinen Lebensbereichen ähnlich begegnen. Die (wenigen) Eltern um die 30, die ich erlebe. Die jungen Leute, die sich "Social Media Berater" nennen (oder gerade nicht nennen). Die High Potentials in den Großkonzernen (wann kommen die mal aus ihrer "Potential"-Phase?). Die Hyperaktiven, die Führungsaufgaben, auch Top-Führungsaufgaben übernehmen. Die ihr Studium auf eine Karriere hin optimiert haben. Die übrigens ungefähr mit dem Platzen der so genannten New Economy aus der Schule kamen, so um 2000 rum. Die so genannten Millenials. Übrigens sind erstaunlich wenige der Einwandererkinder in diesem Alter darunter (aber dazu gleich, habe ich eine These zu).

Ich weiß, ich bin in einer Akademikerblase gefangen. So wie Nina Pauer auch. Aber da bewegt sich ja ein großer Teil der so genannten Mittelschicht. Und ich habe eine Idee, woran das liegen könnte. Und die macht mich nicht beliebig mutig für meine Kinder.

Deshalb: Die arme Generation

Meine Eltern sind eigentlich zu jung für mich. Die meisten in meinem Alter haben Eltern, die um die 70 sind. Und haben eines gemeinsam: Wir sind die letzten (Westdeutschen), die eine realistische (also für viele von uns Akademikerkinder oder Akademiker erreichbare) Chance hatten, dass es ihnen wirtschaftlich besser geht als ihren Eltern. Die allermeisten Akademikerkinder oder Akadamiker um die 30 werden das wirtschaftliche Niveau ihrer Eltern maximal erreichen, viele werden auch das nicht. Für viele von ihnen ist die Erfahrung nach 2000 die eines Abstiegs. Von enttäuschten Erwartungen.

Das ist zu holzschnittartig, um tatsächlich wirklich wahr zu sein. Aber als grobe Linie könnte es stimmen, oder? Und könnte wenigstens teilweise erklären, warum das Gefühl der Überforderung und des Scheiterns an den unendlichen Möglichkeiten bei vielen so groß ist. Und warum die jungen Leute aus dem Osten und die jungen Einwandererkinder da zu einem erklecklichen Teil anders dran sind. Für diese beiden Gruppen gibt es noch echte Aufsteigerbiographien.

Ich habe den Eindruck, dass die materielle und materialistische Dimension der Entfremdung von unserem Leben ohnehin zu wenig bedacht wird. Vielleicht hilft mir meine politisch-philosophische Sozialisation dabei, diese Dimension ein bisschen deutlicher zu sehen als andere. Und mir geht es auch nicht um Klagen und Verzweiflung, zumal ich fast eine Zwischengeneration bin, da - wie gesagt - meine Eltern so jung waren und eben auch die letzten echten Aufsteiger (gegenüber ihren Eltern, wirtschaftlich).

Aber viele der armen um-die-30-jährigen, umzingelt von berufsjugendlichen, ultratoleranten Eltern, von denen sich abzugrenzen immens schwierig geworden war, die statt durch (politische) Kämpfe vom Börsencrash, 9/11 und Schröder geprägt waren, als sie sich hätten abnabeln sollen (da lob ich mir doch den Kohl meiner Generation, die Pershings und die Volkszählung), viele dieser also haben irgendwie die Orientierung oder Ziele oder das Erwachsenwerden verloren. Nicht umsonst ist Neon ihre Postille gewesen damals (so wie Tempo die unsere war).

11.9.11

Immer wieder faszinierend

Und schön. Das außerdem. Bei Primus war es, als wir in den ersten Herbstferien im Wildpark waren. Und er mit einer Seelenruhe und unendlichen Geduld alle Schilder las. Auch so schwierige wie Wildohreule oder wie immer das gewesen sein mag.

Oder bei Tertius, der sich alles einfach sofort merkt. Da merkt man das Lesen kaum. Oder bei Secundus, der trotz eines völlig verunglückten Leselernstarts (er hatte eine -sorry- bekloppte Anthrolehrerin, die diesen veralteten und unkreativen Waldorfscheiß gemacht hat) fast sofort dicke Bücher las und bis heute verschlingt.

Oder wie heute Quarta, als sie auf einmal aus Worten, die sie in den ersten vier Wochen gelernt hat, einen Satz zusammenbastelt und aufschreibt.


Es ist immer wieder toll, wenn die Kinder geschriebene Sprache für sich entdecken.

9.9.11

Social Media And The Human Voice

One of the things I love most at my job are workshops and talks. I think I learn even more from my audiences than they learn from me, because it's always important to get confronted with real peoples' concerns and findings and experiences. Even if you "live" social media like I do for about ten years now,- and even more if you often meet and talk with other social media guys, you will never get the real value and the real changes social brings to your internet experience if you are not in regular and close contact to them who some of my internet friends call "offliners".

This might be one reason why I am not an evangelist (at least anymore) and have some strong concerns regarding Facebook and privacy and data protection (or a realistic view at this as I would call it). Nevertheless I am convinced that social media has not only value for our private lifes but also for communications. OK, this is not surprising anymore. But the goal today is not anymore to - well - bring brands and companies into social media but to have a closer look at platforms and tools and their value for different communicational needs.

Saying this I tend to look at Facebook e.g. not because it's social media but although there are conversations (that are more often than not collatoral damage of a communication program involving Facebook). And at blogs (yes, still at blogs) for reputational and SEO purposes.

Taking the point of view of the average internet user (and before that: getting to know this point of view) helps to move into action. My experience is that consultants and agencies are able to realize the more digital and social projects the earlier (as in years) they stopped being evangelists. What doesn't mean having stopped educating the communications community.

Next week I'm giving a short talk at the annual IBTTA conference in Berlin called "Social Media and the Human Voice: Building Reputation Through True Engagement in a Changing Environment". And here is the "slides":

7.9.11

Voll die Vollchecker, ey

Ich bin Vater, das wisst ihr ja. Und meine Jungs ärgern sich oft über mich, weil ich in der Lage bin, an ihrer Medienerziehung mitzuwirken, wenn man es so nennen will. Aber sie freuen sich auch, dass ich mit ihnen durch die Anmeldevorgänge bei Facebook et al. gehen und sie bei der Entscheidung beraten kann, was sie wie öffentlich machen wollen und was nicht. Und ich freue mich, dass sie so erwachsen mit dem Internetzdingens umgehen, wie sie es tun, weit erwachsener übrigens als viele Alte, die ich zu meinen Facebookkontakten zähle.

Oder auch so: Wer um die Mittagszeit einmal in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, wird feststellen, wie viele Gespräche sich unter Jugendlichen um Privatsphäre und so weiter drehen. "Dies Bild stellst du aber nicht auf Facebook", ist einer der meist gehörten Sätze. So wie sie selbst jeweils das meistfotografierte Motiv sind.

Oder auch so: Ich sprach vor zwei Wochen mit einer guten Freundin, die heute als Recruiterin in einem Großunternehmen arbeitet. Und die dankbar für Facebook ist. "Weißt du," sagte sie, "wir gucken schon genau auch die Partyfotos an, denn wer als Schüler oder Student keine solchen Fotos hat, ist oft nicht reif für den Job oder passt nicht zu uns." Denn sie wollen Menschen, die "normal" sind, was immer das heißen mag. Es gibt auch andere Unternehmen, ja. Aber wer will in einem Laden arbeiten, in dem der Chef ein Problem damit hat, was ich in meiner Freizeit mache, so lange es legal und im Rahmen der in meinem Umfeld bei großzügiger Auslegung guten Sitten ist?

Das einzige, was ich noch nie von Jugendlichen, Personalern oder Erwachsenen mit einer über Vorurteile hinausgehenden Erfahrung mit dem Internet gehört habe, ist dieses hier:



Und darum sei eine Warnung ausgesprochen. Nicht vor Partyfotos oder "Online-Posts". Sondern vor den Leuten, die für diesen Spot verantwortlich sind, vor diesen Vollcheckern:
Der Spot entstand auf Initiative von Thomas Fuchs, Direktor MA HSH [Anm.: = Medienanstalt Hamburg-Schleswig-Holstein], und Florian Weischer, Geschäftsführer Weischer.Mediengruppe, die dann Lukas Lindemann Rosinski als Kreativagentur pro bono gewinnen konnten. Realisiert werden konnte er dank der Unterstützung von element e (Produktion) und der Programmzeitschrift TV Movie, die die Produktion zusammen mit der MA HSH finanziell gefördert hat. (Medienkompetenz: Netzdurchblick.de)
Medienkompetenz an sich ist ein beklopptes Wort. Aber mir ist schon klar, worum es gehen soll. Aber wer glaubt, dass DIESES das Problem ist, vor dem Jugendliche stehen, hat doch den Schuss nicht gehört. So stellen sich alte, verbitterte Leute Jugendliche vor, ja. Aber die Fragen von Identitätsklau (ein echtes Problem), Isolation (immer schon ein Problem), Burnout (zunehmend durch Schwierigkeiten, die Rollen unter einen Hut zu bekommen), Privatsphäre (also den Einstellungen auf den Plattformen) - also all die Fragen, mit denen ich als Vater und mit denen meine Jugendlichen jeden Tag konfrontiert werden, sind andere. Von denen haben die alten Männer, die diesen Film lustig finden (nehme ich an, soll keinen beleidigen, erbitte schonmal vorsorglich eine Entschuldigung), offenbar entweder keine Ahnung oder noch nicht gehört.

Dieser Film hat nur eine Zielgruppe: Vorurteilsbehaftete Erwachsene ohne eigene Erfahrung. Diese Gruppe nimmt ab und geht wohl auch kaum in die Kinovorstellungen, in denen dieser Film jetzt läuft. Und YouTube kennen die wohl auch nicht, vielleicht sollte er lieber auf YouPorn laufen.

Schlecht wird mir, wenn ich bedenke, dass die Initiatoren dieses sinnfreien, schädlichen Blödfugs auch die sind, die in Hamburg für die Veranstaltungen an Schulen zuständig sind, die unter dem irreführenden Thema Medienkompetenz abgehalten werden. Und die ohnehin - zumindest die, die ich erlebt habe - schräg, sachlich uninformiert und teilweise falsch sind.

Ein wichtiges Thema, eines, das zumindest mir wichtig ist, und bei dem ich nun wirklich nicht zu den kritiklosen Euphorikern gehöre, wird mit diesem Film und diesem Ansatz kaputt gemacht und der Lächerlichkeit anheim gegeben. Und das finde ich - um es mal ganz deutlich zu sagen - zum Kotzen.

6.9.11

Hilfe, die Welt geht schockierend unter

Denn 17% der Deutschen zwischen 16 und 74 sind noch nie in ihrem Leben online gewesen. Durch Twitter oder so rauscht es mit Worten wie "schockierend". Ich hielt diese Wortwahl erst für Ironie, aber beispielsweise Sachar Kriwoj von E-Plus meinte das, sagte er mir, durchaus ernst. Da frage ich mich dann schon, ob das an Berlin liegt oder an seinem jugendlichen Alter oder seinem Job oder ob er einfach der reißerischen und meines Erachtens latent merkbefreiten Aufmachung der FTD und anderer zu dem Thema aufgesessen ist (denn er ist ja, das schätze ich an ihm, auch wenn wir sehr oft nicht einer Meinung sind, des Denkens normalerweise sehr fähig).

Stellt euch vor, es wären alle Deutsche in diese Statistik eingeflossen. Immerhin sind rund 20% der Deutschen 2009 65 Jahre und älter gewesen. Und 13,6% 16 Jahre und jünger. Schockierend! Da wären dann bestimmt 25% insgesamt noch nie online.

Mich überrascht die Zahl auch immer wieder. Aber eher, wie online wir in diesem Land sind. Ich hab ja beruflich durchaus immer mal mit anderen Ländern zu tun, in denen es ganz anders aussieht - und in denen dann trotzdem "Facebook-Revolutionen" stattfinden. Naja.

Bei allen selbstreferenziellen Onlinegedönsgeschichten sollten wir aus meiner Sicht zwei Dinge nicht vergessen:
  • Die ARD/ZDF-Onlinestudie, die eine wichtige (konservative) Reichweitenreferenz ist, nennt online die Leute, die ich offline nennen würde (mindestens einmal monatlich online).
  • Außerhalb einer Gruppe, die ich "digitale Elite" nenne, ist Online immer nur ein Teil eines persönlichen Medienmixes. Selbst Kinder und junge Jugendliche nutzen ja andere Medien ebenfalls noch und echte Reichweiten auch in diesen Zielgruppen kann ich mit "online only" nicht aufbauen.
Oder anekdotisch, weil Sachar im oben verlinkten Tweet so schön spitz formulierte, 17% seien nicht neugierig:

Meine Großeltern sind Mitte 80. Fallen also aus dieser Studie raus. Waren noch nie online (auch wenn ich ihnen das Internet schon gezeigt habe und meine Seiten, Bilder, Blog, Twitter und so). Sie sind trotzdem sehr neugierig und sehr informiert. Durch einen Medienmix aus Boulevardzeitung, Spiegel, TV, Radio, Gespräche, hin und wieder richtige Zeitung. Und sie sind trotzdem sehr neugierig, fragen ihre Enkel und Urenkel regelmäßig, wie das mit dem Internet geht, was da so geht und so weiter. Wir waren kurz davor, ihnen ein einfaches Internetzugangsgerät wie ein iPad oder so anzuschaffen. Aber motorisch und logisch sind sie schon mit dem voll konfigurierten Telefon-only-Senioren-Handy überfordert, zu dem ich sie gezwungen habe, weil ich möchte, dass sie Hilfe holen können, wenn sie im Wald unterwegs sind.

Oder auch: Get a life.

5.9.11

Rücksicht, Vorsicht oder Rückgrat?

Es ist schon etwas her, aber es macht mich immer noch ratlos. Also schreibe ich es - ohne eine Antwort zu haben, was ja bei mir eher ungewöhnlich ist - einmal hier rein. Denn ein Erlebnis eines meiner Söhne vor einigen Wochenenden lässt mich nicht los. Sein Freund und er wurden nur durch das beherzte Eingreifen einer Lehrerin mit viel Erfahrung mit Untersch Jugendlichen mit anstrengendem Sozialverhalten davor bewahrt, von mehreren Jungs in ähnlichem Alter im Freibad verprügelt zu werden.

Sie machten, was Jungs so machen im Freibad. Rumhängen, hin und wieder ins Wasser springen - und Mädchen hinterher gucken. Kann man doof finden, ist aber so. Nur dass dann einige andere Jungs sich ihnen in den Weg stellten, als sie da entlang schlenderten. Denn die meinten, mein Sohn und sein Freund hätten die Schwester des einen dieser Kerle angeguckt. Was wahrscheinlich wahr ist. Denn die schien ganz ansehnlich zu sein.

Dass eine Frau, auch mit Erfahrung im Umgang mit solchen Jugendlichen, dazwischen ging, war ein Glück und nicht selbstverständlich. Dass sie dann einige Zeit später verhindert hat, dass die Jungs einen von ihnen auf der Toilette verprügelten, noch weniger.

Meine erste Reaktion war: Ist ja auch schön blöd, einer Türkin hinterher zu gucken. Weißt doch, was da passiert. Und meine zweite Reaktion war: Das stimmt vielleicht aus Gründen der Vorsicht, aber irgendwie kann das nicht richtig sein.

Es gehört zur Sozialisierung von Mädchen dazu, dass sie lernen, sich gegen dumme Sprüche und Blicke zu wehren. Und egal welche Haarfarbe: Mir scheint, dass das den meisten, die das wollen, auch gut gelingt. Darauf können sich meine Jungs verlassen. Und sonst bekommen sie von denen eins auf die Nase, was ich ok finde (im weitesten Sinne).

Müssen sie Rücksicht auf die Wünsche der Brüder dieser Mädchen nehmen? Oder aus Gründen der Vorsicht darauf verzichten, sie anzugucken? Oder doch das Rückgrat haben, es zu tun, auch wenn sie vielleicht verprügelt werden, falls sie nicht schnell genug laufen können? Oder Freibäder meiden, weil da - wie es ein Freund von mir neulich formulierte - "eh nur Gesocks rumläuft"?

Würde der Bademeister ihnen helfen oder darauf hinweisen, dass sie ja nun wissen könnten, dass die Jungs da etwas empfindlich sind? Wieso habe ich genau das eigentlich zuerst gedacht, als ich von dem Vorfall hörte?

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