28.3.11

Japan ist schuld, Jehova, Jehova

Wie zynisch muss man sein, um diesen Satz zu sagen oder auch nur zu denken? Wohl nur noch übertroffen von der Bemerkung der Bundesgeschäftsführerin der Linken gestern Abend, ihre Partei habe nicht von der Katastrophe in Japan profitiert.

Schuld ist nicht Japan oder die Katastrophe, sondern schuld sind die Positionen zu Atomkraft und Demokratie - und beides ist durch Japan und Stuttgart 21 und den EnBW-Kauf wieder in den Fokus gerückt, wo es hingehört. Gewonnen hat die Partei, die die glaubwürdigste Position zu Energiepolitik und Demokratie hatte und hat - und im Übrigen die einzige, deren Position sich in diesen beiden Schlüsselthemen nicht signifikant geändert hat in letzter Zeit. Grün bricht aus der Erde.

Krokus (Crocus)
(Foto von Maja Dumat auf flickr)

Japan ist nur an einem "Schuld", wenn man unbedingt in dieser zynischen Kategorie reden will: Daran, dass den Menschen diese Themen auf einmal wichtiger wurden als viele andere. Nur: Die CDU und die FDP (und auch die SPD übrigens) haben nicht verloren, weil in Japan ein Atomkraftwerk havariert ist - sondern weil sie seit Jahren keine glaubwürdige (und nach Meinung der Menschen offenbar richtige) Position zu dem Thema Energieversorgung haben. Japan war, wenn überhaupt, nur der Katalysator.

Ansonsten ist das eingetreten, was ich im Oktober bereits prognostiziert habe: CDU und Grüne sind die profiliertesten Antagonisten geworden. Die schwimmenden Parteien SPD und FDP verschwinden zwischen ihnen in der Wahrnehmung. Darum hat die SPD eine krachende Niederlage eingefahren. Und darum hatten wir Grünen im Februar in Hamburg eine krachende Niederlage eingefahren.

Glaubt irgendwer ernsthaft, dass es irgendeinem Grünen Spaß gemacht hat, in den letzten Wochen so oft Recht gehabt zu haben? Hallo? Dass das eingetreten ist, weshalb auch ich seit 30 Jahren (sorry, erst seit dreißig Jahren, bevor ich 11 war, würde ich es nicht als meine eigene Haltung bezeichnen) gegen Atomkraft war beispielsweise?

Der Zynismus des Wahlkampfgags der Regierung mit dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg wurde gestern nur durch zwei Dinge übertroffen: Durch die Idee, Japan könnte am Wahlausgang schuld sein - und durch die Ungeniertheit, mit der die gleichen Leute erst fordern, Japan nicht für den Wahlkampf zu missbrauchen, die dann Japan als Erklärung ihrer Niederlage missbrauchen.

Das finde ich ungefähr so eklig wie die Auftritte von Christian Lindner gestern abend.

15.3.11

Was ich nicht verstehe, Herr Röttgen

Muttis Klügster, Röttgen, gewinnt an Statur. Gestern in der "was nun" Sendung gefiel er mir als Person nach all dem Gestotter die letzten Tage gut. Er wich überwiegend nicht einmal aus.

Aber was ich nicht verstehe und mich wirklich und ganz unzynisch frage: Wie kommt er darauf, wie kommt die Regierung und wie kommen die Apologeten des Atomstaates darauf, dass durch die grauenvollen Ereignisse in Japan eine "neue Situation" eingetreten sei, dass etwas passiert sei, das "vorher praktisch ausgeschlossen" gewesen sei? Das, was hier passiert, ist exakt das, was die Kritiker von Atomkraft als Energiequelle für die Stromversorgung immer als "worst case" beschrieben haben. Eine Verkettung von so unwahrscheinlichen Ereignissen, dass die redundanten Sicherheitssysteme nicht mehr standhalten. Und dass die eigentlichen Prozesse der Energiegewinnung eben nicht kontrolliert werden können.

Hier ist exakt gar nichts anders als vorher.

Röttgens Argumentation geht ja in etwa so:
Jeder weiß, dass es "praktisch ausgeschlossen" ist, dass ich den Jackpot im Lotto knacke. Darum spiele ich nicht Lotto. Nun hat mein Nachbar aber gewonnen. Also ist eine völlig neue Situation eingetreten. Also spiele ich ab sofort Lotto.
Merkt ihr was? Hält uns die Regierung wirklich für so doof - oder: sind die Menschen in diesem Land wirklich so doof -, dass wir auf dieses Spiel reinfallen?

Es geht nicht um eine neue Atomdebatte. Es geht um die alte, jahrelange Debatte, ob das minimale "Restrisiko" (was für ein perverses Wort) eingegangen werden soll oder nicht. Mal abgesehen von der Müllfrage.

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Ansonsten Hut ab vor "Zeit Online", die gestern Nacht auf Twitter einen sehr guten Liveticker geboten haben und eng mit anderen, auch Amateuren zusammenarbeiteten. Und hier der Livestream des englischen Programms von NHK, in dem auch alle Pressekonferenzen vor Ort stattfinden:






14.3.11

Ruhe, Trauer - und ein Riesenprojekt

Meine ersten Gedanken zum (neuen) Streit um Atomkraft habe ich schon gestern formuliert. Und ebenfalls gestern war ich sehr genervt von den nicht enden wollenden "Experten", die den GAU prognostizierten und - so schien es mir - geradezu herbei sehnten. Ich habe auch jenen Text von Josef Oehmen gelesen, der rumgereicht wurde, und der, wie ich finde: sehr lesenswert, zusammenfasst, warum alles unter Kontrolle sei. Ich habe mit sehr vielen Menschen gesprochen, online und - vor allem - im richtigen Leben.

Worin sich alle, mit denen ich zu tun hatte, einig waren: Das, was da in Japan passiert, ist schlimm. Nicht unsertwegen, sondern der Japaner wegen. Es ist extrem schlimm. Jetzt schon. Und ich wünsche mir mehr, als ich sagen kann, dass die Optimisten recht behalten und der GAU ausbleibt, die Kernschmelze so abläuft, wie Oehmen schreibt, also keine weiteren Folgen für die Menschen und die Natur eintreten. Ich brauche keinen GAU, um aus der Havarie die Schlüsse zu ziehen, die ich schon gestern zog: Es ist der (erneute) Beweis, dass Atomkraft nicht beherrschbar ist. Punkt. Und mir ist das Risiko zu hoch.

Sehr dankbar bin ich darum Johnny Haeusler für seinen Blogbeitrag eben gerade. Neben vielen Quellen, die sich lohnen, spricht Johnny mir zu ungefähr 150% aus der Seele. Genau so ist es:
Sollten die Unglücke in den japanischen AKW tatsächlich beherrschbarer sein als in Tschernobyl, würde mich das nicht zum Befürworter der Atomenergie machen. Es wäre aber zumindest erwähnenswert in Tagen, in denen man mal wieder den Eindruck bekommt, dass die Sensation wichtiger ist als Aufklärung und Anteilnahme. Denn auch als Atomkraft-Gegner ist mir die Hoffnung darauf, dass Allerschlimmstes verhindert werden kann, lieber, als ein „Siehste!“ auf der Basis von Menschenleben.

Ich hoffe daher wirklich, dass sich die Lage in Japan möglichst schnell entspannt, weitere Opfer vermieden werden können und die Gefahren durch die Reaktoren in den Griff zu bekommen sind. Ich brauche keine Massenverseuchung, um weiterhin gegen Atomenergie zu sein.
Und dann noch ein weiteres Wort, auch das geliehen von einem Mann, den ich sehr schätze, Cem Basman. Cem ruft zu einem Riesenprojekt auf. Und bringt es auf den Punkt: Wenn wir wollen und ein Ziel haben, dann können wir es. Jetzt. Seine Erinnerung an Kennedys Mond-Rede ist genau richtig. Denn so groß ist es, so sehr kann es uns in Europa zusammenführen.

13.3.11

Kurze Anmerkungen zur deutschen Atomdebatte

Vorweg: Ich finde den Fokus der gestrigen Brennpunkt-Sendung auf die Frage, ob durch den Atomunfall in Japan auch Deutschland gefährdet sei, pervers. Verdammt: Die Japaner sind gefährdet und richtig schlimm dran. Denen gelten meine Gebete und die meiner Kinder - lasst die Phantomdebatte um Folgen für Deutschland und Europa, bitte. Darum geht es nicht, auch nicht in der neu-alten Atomdebatte hier. Es ist grauenvoll, was in Japan passiert ist und passiert. Punkt.

Was mich erschreckt hat an der neu entfachten Debatte um Atomkraft (obwohl, neu entfacht? In meiner Wahrnehmung war sie nie abgeflaut, seit die Regierung den Atomkompromisskonsens einseitig aufgekündigt hat), ist die Schlichtheit einiger Argumente, die ich nicht nur auf Twitter von der Proatomfraktion gehört habe. Ich denke, dass es gute Argumente für Atomkraft geben kann. Persönlich halte ich die Risiken für zu groß als dass die Pro-Argumente ziehen, aber das kann man anders sehen.

Nur: Das neue mantraartige Standardargument der letzten zwei Tage war: Deutschland und Japan seien nicht vergleichbar, hier gebe es nicht das gleiche Erdbebenrisiko.

Leute, das bestreitet doch niemand - nur darum geht es gar nicht.

Was gerade passiert ist, ist, dass für viele Jüngere erstmals oder Vergessliche wieder bewiesen wurde, dass die Atomfraktion lügt, wenn sie behauptet, Atomkraft sei beherrschbar. Wenn innerhalb von gut 30 Jahren drei große, nicht beherrschbare und nicht beherrschte Unfälle passieren, dann sollten auch die Befürworter der Atomkraft als Energiequelle nicht mehr behauptet, dass das Risiko überschaubar und die Konsequenzen von Unfällen beherrschbar seien. Man kann dann immer noch für Atomkraft sein - aber dann bitte so, dass wir uns als Land, Bevölkerung, Kontinent bewusst für dieses Risiko entscheiden. Und nicht so, dass uns vorgegaukelt wird, es bestehe praktisch nicht.

USA, Sowjetunion und Japan - die Havarien und Kernschmelzen sind ja nun nicht in der Dritten Welt passiert. Mindestens Japan ist auch technologisch und von der Sicherheitskultur mit Mitteleuropa und mit Deutschland vergleichbar.

Es geht nicht um Erdbeben. Es geht um den Ausfall von zentralen Sicherheitssystemen. Hier: Um Stromausfall und die Unmöglichkeit, Batterien und passende Anschlusskabel rechtzeitig an den Standort zu bekommen. Und das, bei aller Liebe, ist vergleichbar.



Kaum jemand mit Verstand wird den Atombefürwortern vorwerfen, dass sie nicht alles daran setzen, die Werke so sicher wie irgend möglich zu machen. Was die drei Unfälle der letzten gut 30 Jahre aber zeigen, ist, dass es immer wieder zu Situationen kommt und kommen wird, die nicht planbar sind - und in denen die Technologie außer Kontrolle gerät.

Lasst uns darüber streiten, ob Atomkraft zur Stromerzeugung eingesetzt werden soll. Gerne. Aber hört auf, uns für dümmer zu verkaufen als wir sind. Und zu allem anderen hat Martin Oetting heute morgen alles nötige gesagt.

5.3.11

Digital Day Präsentation

Ich finde ja die Wiesbaden-Tagungen sehr schön, durfte diese Woche auf den Horizont Digital Days reden. Und weil Ralf Schwartz einen dazu irgendwie passenden Dilbert ausgegraben hat, sei der noch vorangestellt. Die Pflichtapp für alle Social Media Berater.

Dilbert.com

Jedenfalls sind dieses hier die Folien, die ich gezeigt habe - was denkt ihr dazu?

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