7.9.11

Voll die Vollchecker, ey

Ich bin Vater, das wisst ihr ja. Und meine Jungs ärgern sich oft über mich, weil ich in der Lage bin, an ihrer Medienerziehung mitzuwirken, wenn man es so nennen will. Aber sie freuen sich auch, dass ich mit ihnen durch die Anmeldevorgänge bei Facebook et al. gehen und sie bei der Entscheidung beraten kann, was sie wie öffentlich machen wollen und was nicht. Und ich freue mich, dass sie so erwachsen mit dem Internetzdingens umgehen, wie sie es tun, weit erwachsener übrigens als viele Alte, die ich zu meinen Facebookkontakten zähle.

Oder auch so: Wer um die Mittagszeit einmal in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, wird feststellen, wie viele Gespräche sich unter Jugendlichen um Privatsphäre und so weiter drehen. "Dies Bild stellst du aber nicht auf Facebook", ist einer der meist gehörten Sätze. So wie sie selbst jeweils das meistfotografierte Motiv sind.

Oder auch so: Ich sprach vor zwei Wochen mit einer guten Freundin, die heute als Recruiterin in einem Großunternehmen arbeitet. Und die dankbar für Facebook ist. "Weißt du," sagte sie, "wir gucken schon genau auch die Partyfotos an, denn wer als Schüler oder Student keine solchen Fotos hat, ist oft nicht reif für den Job oder passt nicht zu uns." Denn sie wollen Menschen, die "normal" sind, was immer das heißen mag. Es gibt auch andere Unternehmen, ja. Aber wer will in einem Laden arbeiten, in dem der Chef ein Problem damit hat, was ich in meiner Freizeit mache, so lange es legal und im Rahmen der in meinem Umfeld bei großzügiger Auslegung guten Sitten ist?

Das einzige, was ich noch nie von Jugendlichen, Personalern oder Erwachsenen mit einer über Vorurteile hinausgehenden Erfahrung mit dem Internet gehört habe, ist dieses hier:



Und darum sei eine Warnung ausgesprochen. Nicht vor Partyfotos oder "Online-Posts". Sondern vor den Leuten, die für diesen Spot verantwortlich sind, vor diesen Vollcheckern:
Der Spot entstand auf Initiative von Thomas Fuchs, Direktor MA HSH [Anm.: = Medienanstalt Hamburg-Schleswig-Holstein], und Florian Weischer, Geschäftsführer Weischer.Mediengruppe, die dann Lukas Lindemann Rosinski als Kreativagentur pro bono gewinnen konnten. Realisiert werden konnte er dank der Unterstützung von element e (Produktion) und der Programmzeitschrift TV Movie, die die Produktion zusammen mit der MA HSH finanziell gefördert hat. (Medienkompetenz: Netzdurchblick.de)
Medienkompetenz an sich ist ein beklopptes Wort. Aber mir ist schon klar, worum es gehen soll. Aber wer glaubt, dass DIESES das Problem ist, vor dem Jugendliche stehen, hat doch den Schuss nicht gehört. So stellen sich alte, verbitterte Leute Jugendliche vor, ja. Aber die Fragen von Identitätsklau (ein echtes Problem), Isolation (immer schon ein Problem), Burnout (zunehmend durch Schwierigkeiten, die Rollen unter einen Hut zu bekommen), Privatsphäre (also den Einstellungen auf den Plattformen) - also all die Fragen, mit denen ich als Vater und mit denen meine Jugendlichen jeden Tag konfrontiert werden, sind andere. Von denen haben die alten Männer, die diesen Film lustig finden (nehme ich an, soll keinen beleidigen, erbitte schonmal vorsorglich eine Entschuldigung), offenbar entweder keine Ahnung oder noch nicht gehört.

Dieser Film hat nur eine Zielgruppe: Vorurteilsbehaftete Erwachsene ohne eigene Erfahrung. Diese Gruppe nimmt ab und geht wohl auch kaum in die Kinovorstellungen, in denen dieser Film jetzt läuft. Und YouTube kennen die wohl auch nicht, vielleicht sollte er lieber auf YouPorn laufen.

Schlecht wird mir, wenn ich bedenke, dass die Initiatoren dieses sinnfreien, schädlichen Blödfugs auch die sind, die in Hamburg für die Veranstaltungen an Schulen zuständig sind, die unter dem irreführenden Thema Medienkompetenz abgehalten werden. Und die ohnehin - zumindest die, die ich erlebt habe - schräg, sachlich uninformiert und teilweise falsch sind.

Ein wichtiges Thema, eines, das zumindest mir wichtig ist, und bei dem ich nun wirklich nicht zu den kritiklosen Euphorikern gehöre, wird mit diesem Film und diesem Ansatz kaputt gemacht und der Lächerlichkeit anheim gegeben. Und das finde ich - um es mal ganz deutlich zu sagen - zum Kotzen.

Kommentare:

  1. Danke, Du hast recht. Aber meine persönlichen Erfahrungen über Elternabende und Diskussionen gehen schon in die Richtung der Bildzeitung: Internet und Facebook und was auch immer sind brandgefährlich. Nicht dranlassen die armen Schutzbefohlenen.

    Nur, Wolfgang, sind wir nicht Avantgarde, weil Online-Auskenner mit entsprechendem Hintergrundwissen? Das haben eben gemessen an den Nutzerzahlen in der Tiefe nur die wenigsten?

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  2. Ja und nein, Christof. Ich habe immer jede Menge dankbare Eltern, wenn ich über "Was machen unsere Kinder da im Internet" rede. Viele WOLLEN gerne mehr wissen. Und da schadet so ein Kasperkram wie dieses Video dann sehr. Darum ärgert es mich so. :(

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  3. Das stimmt. Viele sind unsicher, wissen wenig über Facebook/Internet und das wenige Wissen ist bestimmt durch das "brandgefährlich! Virus! Alarm" Image aus der Presse.

    Wenn ich mit Kollegen und Eltern spreche, erkläre und das Erklärte dann auch mal zeige, gibt es viele Aha-Momente.

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  4. Ich glaube, Du siehst das zu eng. Der Film gefällt mir ausgesprochen gut und tut doch nichts weiter als zu ein bißchen Vorsicht anzuhalten.

    Deine Kinder mögen das erwachsener sein als die meisten Erwachsenen, aber wenn ich Herrn Rau lese, dann ist es mit dem Digitalen Eingeborenensein doch häufig nicht so weit her. Und damit meine ich natürlich keineswegs, daß man keine Partyfotos einstellen sollte.

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  5. Der Duden-Verlag sieht das auch schon lockerer: man soll schon im Internet zu finden sein, und Partyfotos stören auch gar nicht - aber auf die Rechtschreibung soll man achten:

    http://bildungsklick.de/pm/80101/vorsicht-beim-schreiben-im-internet-jeder-hat-einen-ruf-zu-verlieren/

    Ich freue mich über jeden meiner Schüler, der im Internet präsent ist, berate Eltern und Schüler auch so. Angst vor Partyfotos ist übertrieben. Wichtiger: Umgang mit Bildern von anderen.

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  6. Immerhin ist es gut gespielt. Man glaubt, sein Profil war beim Dreh wirklich blau.

    Übrigends - die eigentliche Kampagnenwebseite ist auch gut: http://netzdurchblick.de/
    Plus: Southpark Charakter geklaut
    Minus: Jenseist der Wirklichkeit der Zielgruppe
    Also konsequent in der Umsetzung.

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  7. Ich bin ein bald werdender Vater und stelle mir natürlich auch die Frage, inwieweit man Kindern die Benutzung des Internets erlauben sollte oder nicht. Natürlich muß man darauf aufmerksam machen, was sie veröffentlich und was nicht, aber zum Glück gibt es viele Tools, die einem dabei behilflich sind, nicht zum Überwachen, aber zum Begrenzen. Wenn die Kids dann irgendwann mal soweit sind, das sie wissen wie man diese Tools umgeht, dann sind sie meisten auch soweit alleine im Netz unterwegs zu sein :-)

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