12.8.11

Haltet den Dieb

Vor einigen Jahren, die FDP war gerade in einem Trendaufwind, rief bei mir ein Callcenter an. Ein Wahlkampf stand kurz bevor. Umfrage war die Tarnung. "Guten Tag, wir wollen gerne wissen, ob Sie finden, dass Sie zu viele Steuern bezahlen". - "Nein", sagte ich, "finde ich nicht, ich finde, dass ich genau richtig Steuern bezahle, denn ich verdiene gut und zahle gerne Steuern." - Schweigen, nur noch das Gemurmel im Hintergrund war zu hören von den anderen Telefonplätzen oder so. - "Äh, ja, äh, Sie meinen doch sicher, dass Sie zu viele Steuern zahlen?", war die hilflose Frage. Ich hatte sein Script durcheinander gebracht. Die Folgefragen wollten nicht mehr passen.

Selbstverständlich finde ich es doof, dass wir immer durch alle Raster fallen. Den Höchstsatz im Kindergarten zahlen, gerade nicht mehr dies oder selbstverständlich nicht mehr das bekommen. Dass Steuerminimierer um uns herum von ihren Immobilien erzählen und Selbstständige von diesem und jenem.

Selbstverständlich habe ich für viele Dinge, für die meine Steuern ausgegeben werden, andere Ideen, finde manches überflüssig und anderes falsch. Würde massiv - nicht zuletzt dank der vier Kinder - von Steuermodellideen wie denen von Kirchhof profitieren.

Wenn aber nicht diejenigen als Räuber dargestellt werden, die mit einfachen Parolen Steuern weiter senken wollen, um Geld weiter von unten nach oben umzuverteilen, sondern die, die ernsthaft diskutieren, wer welchen Teil schultern soll, um das, was politisch als notwendig beschlossen wurde, zu finanzieren, dann sind die moralischen Koordinaten der Eliten aus den Fugen geraten.

***

Ich gehöre nicht zu denen, die jeden Aufstand, jedes Randalieren gleich mit "den Zuständen" entschuldigen. Die jeden Kriminellen gleich für ein Opfer der Gesellschaft halten. Die die Aufstände von London als eine selbstverständliche Folge von was auch immer interpretieren. Aber ich gehöre zu denen, die einfachen Lösungen misstrauen. Und zu denen, die empfindlich sind, wenn jemand von anderen etwas verlangt, was er oder sie selbst nicht zu tun bereit ist.

Von meinen Kindern zu verlangen, dass sie ihre Jacken aufhängen, aber selbst meine nach dem Reinkommen in die Ecke zu werfen? Keine gute Idee. Von meinen Schülerinnen zu verlangen, ihre Hausaufgaben zu machen, aber selbst Arbeiten erst nach drei Wochen zurück zugeben? Auch keine gute Idee. Und einen privaten 8000-Pfund-Fernseher als Ausgabe beim Parlament einzureichen, aber einen vergleichbaren Diebstahl wortreich anzuprangern, wenn er in Tottenham passiert?

Der Chefkommentator des Telegraph, Peter Osborne, schreibt in seinem Stück The moral decay of our society is as bad at the top as the bottom unter anderem:
...take the Salford MP Hazel Blears, who has been loudly calling for draconian action against the looters. I find it very hard to make any kind of ethical distinction between Blears’s expense cheating and tax avoidance, and the straight robbery carried out by the looters.

The Prime Minister showed no sign that he understood that something stank about yesterday’s Commons debate. He spoke of morality, but only as something which applies to the very poor
Bert Brecht fragte in der Dreigroschenoper: "Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" In jedem Fall aber hängt vieles mit vielem zusammen. Und wer publizistisch und politisch immer wieder die Selbstbedienungsmentalität beschwört (ob nun positiv oder negativ), ist immerhin konsequent, wenn er die, die sie fälschlicherweise auf sich beziehen, außerhalb der Gesellschaft sieht.

Also genau da, wo er bereits steht.

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