6.8.11

Ein bewundertes Vorbild ist tot: Alfred Schulz

Vor zwei Jahren rief er mich an. Und obwohl ich ihn da schon rund zehn Jahre nicht mehr gesehen hatte, habe ich seine Stimme gleich erkannt. Auch wenn sie alt und brüchig geworden war. Er rief an, weil er gehört hatte, dass rund ein Jahr vorher meine Mutter gestorben war. Die beiden kannten sich aus der gemeinsamen ehrenamtlichen Arbeit im Kirchenkreis. So hatte ich ihn auch kennen gelernt: Wir waren gemeinsam in der Nordelbischen Synode und in der Kirchenkreissynode Stormarn.

Alfred Schulz war damals schon alt. Äußerlich. Seine Haltung und sein Geist habe ich immer als sehr jung empfunden. Er hat mich - so habe ich es dankbar erlebt - ein bisschen unter seine Fittiche genommen, als ich, gerade aus der Schule raus, als Jüngster (und Linkester) in das Landesparlament unserer Kirche einzog. Er war einer der wenigen, die nicht gelacht haben, wenn ich die ersten Jahre in diesem Parlament ganz konsequent (und meistens als einer von zwei oder drei) den Haushalt komplett abgelehnt habe, was ich (bestimmt gibt es das noch als Wortprotokoll, muss ich mal suchen) immer ausführlich begründet habe - und immer mit der grundsätzlichen kapitalistischen Ausrichtung der Finanzen (vor allem Kredite und Zinsen).

Sehr gerne hätte ich Alfred damals zu den Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten geholt, deren Bundessprecher ich war. Er war auch ein paar Mal da, mit uns in vielem einig, aber wollte nicht mehr ein weiteres Feld bestellen. Seine intensive Arbeit mit und für Sinti (oder Roma?) hat ihn neben all den anderen Dingen sehr ausgefüllt.

Ich selbst war gerade aus unserer gemeinsamen Partei, über die wir so viel sprachen und an der wir so sehr litten, ausgetreten, weil unser Schleswig-Holsteiner Bundesvorsitzende Engholm in der Flüchtlingsfrage umgekippt war. Jedenfalls sprachen wir über Linke und die SPD. Alfred sagte, dass er als gerade erst ehemaliger Spitzenfunktionär (er war Vizepräseident des Landtages gewesen, bis er 1992 nicht mehr angetreten war) nicht austreten könne und wolle. Und dass er erst ginge, wenn ein USPD-Projekt mit wirklicher Aussicht auf Erfolg möglich sei. Das hat mich beeindruckt und überzeugt - ich war später noch einmal in der SPD, bevor mich mein Weg zu den Grünen führte. Er blieb auch in der SPD, als es eine USPD gab. So wie ich ihn erlebt habe, wird er mit den Genossen, die im Westen die Linke gegründet haben, nicht viel angefangen können haben.

Es gibt nur wenige Menschen, die mich politisch so geprägt haben wie Alfred und dabei menschlich so beeindruckt. Dorothee Sölle, Reinhard Gaede und vielleicht noch ein oder zwei weitere. Er aber wird immer einen Platz in meiner Erinnerung haben. Denn ich bin ihm dankbar, was er für mich getan hat, wie er mich auch als sehr jungen Menschen immer ernst genommen hat - und wie er sich immer wieder an mich erinnerte.

Schade, dass ich erst die heute im Abendblatt veröffentlichten Traueranzeigen sah, ich wäre gerne auf seinem letzten Weg dabei gewesen.

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