21.6.11

Das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen

Aus dem gleichen Film (den ich sehr liebe und der eigentlich nur einen der größtartigsten Romane aller Zeiten nacherzählt, der dann sogar auch vorkommt im Film) stammt auch der Satz (der ein geflügeltes Wort bei uns zu Hause geworden ist), dass Menschen im Urlaub die merkwürdigsten Dinge tun - "Sie kaufen Lederjacken zu weit überhöhten preisen, aber die verlieben sich nicht in faschistische Diktatoren". Aber darum geht es ja gar nicht. Sondern um das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Oder das Ende des Internetz, wie Groß-Mäxchen es sich vorgestellt hat: Das Ende der Anonymität.

Im sehr guten Stück Upending Anonymity, These Days the Web Unmasks Everyone schreibt Brian Stelter gestern:
Not too long ago, theorists fretted that the Internet was a place where anonymity thrived. Now, it seems, it is the place where anonymity dies. ... This erosion of anonymity is a product of pervasive social media services, cheap cellphone cameras, free photo and video Web hosts, and perhaps most important of all, a change in people’s views about what ought to be public and what ought to be private. Experts say that Web sites like Facebook, which require real identities and encourage the sharing of photographs and videos, have hastened this change.
Denn es ist ja wirklich faszinierend, wie oft uns im Alltag (und beileibe nicht nur von denen, die ich Offliner nennen würde, also Leuten, die weniger als vier Stunden täglich das Internetz nutzen) immer noch die Vorstellung begegnet, im Internet würden anonyme Trolle anonym Blödsinn erzählen. Ja, gibt es, aber das ist eine winzig kleine Gruppe inzwischen, verglichen mit dem richtigen Leben. Witzigerweise ist es gerade Facebook mit all seinen grotesken Pirouetten und Problemen rund um Privatsphäre und Tracking, das hier auch kulturell einen weiteren Bruch bedeutet. Oder warum, glaubt ihr, nutzen immer mehr Medien und Marken Facebook oder auch externe Facebook-Kommentare? Unter anderem, weil es ein sehr guter Trollfilter ist. Übrig bleiben die pathologischen Trolle. Die Gelegenheitstrolle aber wollen ja nicht ihr Getrolle mit ihrem Namen verbunden haben.

Ich bin beileibe keiner von diesen Post-Privacy-Dingens, die ich eher für Clowns halte übrigens als für Spacken, aber das nur mal am Rande. Aber dass Leute, die sich in der Öffentlichkeit wie ein Arschloch aufführen, schnell geoutet werden. Oder dass ich bei Leuten, die einen bedenkenswerten Kommentar abgeben, schnell mehr finde. Oder dass ich Menschen schnell wieder finde. All das finde ich toll und faszinierend.

Und auch der "erzieherische" Aspekt ist gut: Es gibt - da stimme ich der Spackeria sogar beinahe zu - kein Recht auf Privatheit, sondern nur die Möglichkeit, mir sie zu nehmen. Meine Kinder beispielsweise wachsen ganz selbstverständlich damit auf, dass die Standardeinstellung öffentlich ist. Und sie ändern die (meistens). In anderen Generation ändern das viele nicht - weil sie am alten Recht hängen, es voraussetzen. Ich finde es besser, dass ich es selbst bestimme. Und ich persönlich beispielsweise nutze es ja zur Markenbildung und Markenführung der Marke luebue, sehr bewusst die Einstellungen vorzunehmen.

Es lohnt sich, einmal Dialogen von Jugendlichen auf Ausflügen oder Klassenfahren zuzuhören. 60% oder so drehen sich um Privasphäre: "Dieses Bild stellst du nicht auf Facebook" und so weiter. Und die reißerische Schwachsinnsüberschrift der Bitkom im Januar zur Datenschutzstudie bei Jugendlichen ("jeder vierte schützt sich nicht") verzerrt ja ohnehin das Bild. Denn die Studie hat das Gegenteil dessen rausgefunden, was die Überschrift suggerieren will: Rund 75% schützen ihre Daten und stellen ihre Dingens ein.

Ist das nicht irre ermutigend?

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