19.4.11

Verachtung von politischem Streit ist reaktionär

Eine der (modernen damals) Errungenschaften Luthers war die (gedankliche und praktische) Trennung von Sünde und Sünder. Das war inspiriert von der Aufklärung, errungen auch in der derben und harten und polemischen Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam, die die großartigste theologische Schrift aller Zeiten hervorgebracht hat (De Servo Arbitrio), und zusammengefasst in jenem Satz, den er an Melanchthon schrieb, der es einfach nicht begreifen wollte: "pecca fortiter sed fortius crede". Oder, wie Karl Barth (wiewohl Calvinist) es genau 400 Jahre später witzigerweise so brillant formulierte (exakten Wortlaut muss ich nachgucken, sorry): "Die einzig mögliche Antwort auf Unzulänglichkeit allen menschlichen Wirkens ist, sich frisch an die Arbeit zu machen".

Daran musste ich denken, als ich bei Robert Basic las, den ich seit ewigen Zeiten, so von vor dem Krieg und so, sehr schätze:
Man wird nicht mit einem Schreihals zu tun haben, man bekommt die ganze Horde ins Haus. Ich kann die Daniel Cohn-Bendits, Franz Josef Strausses und Joschka Fischers im Netz gar nicht mehr zählen. Als ob man in feindliche statt freundlich gesinnte Gefilde eintaucht, sobald man sich politisch im Netz umschaut und gar zu Wort meldet. Das ist keine Einladung zum Gespräch und Gedankenaustausch, sondern eine Schießbefehl-Party, was wir im Netz beobachten können. warum ich die digitalen Politik-Quatschköppe nicht mag
Besonders apart finde ich dabei den Namen der URL, also die Adresse, unter der Roberts Rant auffindbar ist: "politische Nervnasen". Ich denke: Damit schlägt er in die gleiche Kerbe, in die jene schlagen, die politisches Engagement verächtlich machen. Indem sie diffamierende Worte wie "Wutbürger" oder "Gutmenschen" erfinden. Robert ist kein Reaktionär, das weiß ich, dafür kenne ich ihn lange genug. Aber umso ärgerlicher finde ich, dass er sich eines Argumentationsmodells bedient, dass meiner Meinung nach faktisch reaktionär ist.

Warum reaktionär? Reaktionär ist eine Position, die einen Zustand von früher wieder herstellen, also eine (geschichtliche, politische) Entwicklung wieder zurück drehen will. Die Verächtlichmachung von Streit und Diskussionen um den richtigen Weg, auch wenn sie hart und teilweise derbe daherkommt, führte dazu, wenn sie sich durchsetzte, dass die Entwicklung, dass sich Menschen in die Politik einmischen und über Petitionen, Bürgerinitiativen, Volksbegehren etc Einfluss zu nehmen suchen, zurück gedreht würde. Denn, davon bin ich überzeugt, nur durch die harte und unsachliche Auseinandersetzung werden sich mehrheitsfähige Positionen rausschälen (wobei man da sicher auch anderer Meinung sein kann, meine Erfahrung spricht nur dafür). Klassischerweise haben vor allem diejenigen ein Interesse daran, dass engagierte Menschen verächtlich gemacht werden, die alles genau so richtig finden, wie es ist. Es ist also eine explizit politische Aussage - nämlich eine mindestens konservative, oft auch reaktionäre.

Darum habe ich drüben bei Robert kommentiert, was ich hier in meinem Blog leicht abgewandelt noch einmal reinschreibe:

Ich bin, wie Robert, ein Freund des Hinlangens. Schade finde ich nur, wenn jemand im gleichen Atemzug behauptet, er fände dieses Hinlangen doof, in dem er massiv hinlangt. Genau das aber macht Robert in seinem Rant. Aber ok, das ist die Kunstfigur des Rants. Dass dafür in den ersten Kommentaren (später wurde es dann ja differenzierter) vor allem Applaus von Leuten kommt, die sich in der Opferrolle offenbar gefallen oder an anderen Stellen im Netz teilweise (jaja, nicht alle von denen) Leute mit einer Meinung als “Wutbürger” diffamieren oder gar fein rechtsaußen als “Gutmenschen” beschimpfen, macht mich nachdenklich.

Das Problem, das ich sehe, ich dies: Ohne apodiktische Äußerungen, die die Unterschiede überspitzen, können sich Positionen, die dann abgeschliffen irgendwann zur Wahl gestellt werden können, nicht rausbilden. Das war ja auch mal historisch die Funktion von “Flügeln” in Parteien beispielsweise: dass sich Positionen miteinander (auch hart) diskutierend auf ihre Tragfähigkeit abklopfen lassen. Ohne diese Art wäre die Reformation nicht passiert und wären die Grünen nicht da, wo sie heute sind (und ich bin überzeugt, dass die SPD heute nicht solche Probleme hätte, wenn sie dies nicht unter Schröder massiv verlernt hätte).

Politik muss niemandem Spaß machen. Was ich aber wirklich (und das meine ich so hart) bedenklich und gefährlich finde, ist, diejenigen, die stellvertretend, weil sie beispielsweise Spaß an dieser Form von Meinungsbildung haben (und nichts anderes sind diese von Robert und anderen so verachteten Diskussionen – ich bin noch nie aus einer Diskussion, in die ich mit einer massiven Meinung reingegangen bin, rausgekommen, ohne dass meine Meinung/Haltung sich nicht mindestens leicht geändert hätte), den Streit um den richtigen Weg in Sach- oder Grundsatzfragen führen, pauschal als Nervnasen zu beschimpfen.

Ich selbst bin politisch lange nicht so aktiv wie ich Lust hätte, weil meine Prioritäten (Familie, Job) zurzeit etwas anders liegen. Aber ich bin saufroh um die, die es mit mehr Zeit und Herzblut gerade tun, und verfolge die Themen, die mich bewegen.

Gut leben kann ich damit, dass Robert (und nicht nur er sicherlich) diese Leute und sicher auch mich für einen bekloppten Nerver hält. Nicht so gut leben kann ich damit, wenn er die Arbeit, die diese für diese Gesellschaft leisten, verächtlich macht.

(Und dass es immer und überall pathologische Fälle gibt, ist klar und ändert nichts an meiner Kritik. Nervnasen und Bekloppte allüberall, ja. Aber nicht so pauschal, doo)

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