30.7.10

Gone Fishin'

Ok, Kinners, macht kein Scheiß hier, ich bin mal weg. Ich mach Echofon aus, die FB App ebenso, deaktiviere Email, nehme zwei Bücher mit und eine Kiste voller Spiele, alle Kinder, Frau und Hund - und ab. *winke-winke*

19.7.10

Beust hat die richtigen Gründe, das verdient Respekt

Ich bin nun wirklich kein großer Freund von Ole von Beust, noch nie gewesen, weder als er mir im Scherz einen Job anbot, noch als er mit mir flirtete, was ich aber erst merkte, als mir das jemand sagte, in solchen Sachen bin ich etwas taub, ist auch beides schon sehr, sehr lange her, er war damals Fraktionschef in der Bürgerschaft. Aber ich kann seinen Rückzug jetzt verstehen und finde die Begründung überzeugend.

Was ich weniger verstehe, sind die Kommentare in den Medien ("Das tut man nicht", "zu viel Köhler" etc) und teilweise auf Twitter & Co. Denn erstens hat jeder das Recht, aufzuhören, wann er es will. Zweitens ist es wirklich ein guter Zeitpunkt. Und drittens finde ich es mal ganz deutlich gesagt zum Kotzen, dass immer und überall niedere Motive unterstellt werden. Kann es nicht sein, dass es wirklich stimmt, was Beust gesagt hat? Dass er wirklich keine weitere hidden agenda hat? Call me naive. (Dass er nur einen so schrägen Nachfolger aufgebaut hat, ärgert mich, aber das ist ja nicht meine Partei...)

Hinterlässt er einen Scherbenhaufen, wie nun überall zu lesen ist? Ich weiß nicht. Ja, das Kernstück der Schulreform ist leider gescheitert, obwohl es glücklicherweise dennoch zu dem Modernisierungsschub kommen wird, den vor allem die Gymnasien so dringend brauchen (was eine der großen Ironien ist am Ergebnis des Volksentscheids, dass ausgerechnet bei den Schulen, an denen sich nach dem Willen der Gegner nicht ändern sollte, gerade dadurch, dass jetzt auch die Klassen fünf und sechs weiterhin dort sein werden, besonders viel, immerhin zum Besseren, ändern wird. Aber diese Art von Treppenwitzen mag die Geschichte ja gerne). Ja, Elbphilharmonie und HSH sind ein Desaster. Aber alle drei Punkte - denen eine große Anzahl positiver Entwicklungen zur Seite stehen - hängen nicht allein an Beust.

Interessant wird sein, ob und vor allem wie schwarz-grün (von dem ich schon länger ein Anhänger bin) ohne Beust sein wird. Denn das Personal der SPD - ich sag nur: Olaf Scholz - ist auch nicht überzeugender. Und die Positionen schon gar nicht. Insofern: Wieso Neuwahlen?

16.7.10

Es wird Zeit zu gehen, Maria Jepsen

Update 17:56
Meine Bischöfin ist zurückgetreten, wovor ich großen Respekt habe, wie ihr seht, wenn ihr meine Mail von heute früh an sie lest (hier unten). Hier ist ihre Rücktrittserklärung, die ich etwas schwach finde übrigens, hier die Erklärung der Kirchenleitung zu ihrem Rücktritt. Ich wünsche ihr Gottes Segen für die Zeit, die vor ihr liegt. Und ich hoffe und bete, dass alles getan wird, um diejenigen, die Verbrechen an Kindern und jungen Menschen begangen haben, dafür zur Verantwortung zu ziehen. Und dass diejenigen, die das Leid damals hätten beenden können, ihre Konsequenzen ziehen und sich zu ihrer Schuld bekennen.

Update 15.44 Uhr
dpa und mehrere andere Medien melden, Maria Jepsen werde gleich von ihrem Amt zurück treten. Das finde ich gut und es ist wichtig, dass es noch vor dem Wochenende und vor dem nächsten großen Spiegel-Artikel passiert. Ich bin dankbar, dass sie sich hat beraten lassen offenbar. Ich hoffe, sie wird stellvertretend für andere die Schuld auf sich nehmen, die nicht getilgt werden kann. Und ich hoffe noch mehr, dass ihr Beispiel anderen eine Warnung sien wird, sensibler mit Worten umzugehen - und Formulierungen wie
Zuständigkeiten oder Verhältnis in solchen Zusammenhängen zu vermeiden. Vor allem für Frau Emse und Pastor H. wird es noch lange nicht vorbei sein, das ist auch gut so. Und für die Opfer ist es auch lange noch nicht vorbei, ihre zerstörten Leben können nie ganz geheilt werden.


Liebe Maria Jepsen,

Sie waren nie unumstritten in Ihrer Amtsführung, auch nicht bei Ihrer Wahl. Ich habe Sie immer unterstützt, für Sie geworben, Sie gewählt, in meiner Zeit beim Radio Ihnen oft und gerne eine Plattform gegeben. Sie haben viel für unsere Kirche getan, auch wenn ich wirklich nicht immer Ihrer Meinung war.

Aber nun schließt sich langsam das Zeitfenster, das Ihnen erlauben würde, Ihre Würde und die des Amtes zu wahren. Denn wenn der Spiegel am Wochenende den Ahrensburger Skandal auf die nächste Stufe hebt, ist es zu spät. Sie haben einen guten Sprecher, den ich seit dem Studium sehr schätze, der wird Ihnen erklären können, was ich meine - und wieso Sie ab Montag nur noch die Getriebene sein werden.

Ihre Wortwahl im Konflikt und die Ihres Kollegen Ulrich, der vor "Vorverurteilungen" warnt, wirken auf mich wie ein kommunikativer Amoklauf.

Entweder Sie werfen dem Opfer, dessen Schwester eine eidesstattliche Erklärung abgegeben hat, nun vor zu lügen. Oder Sie müssen sich an Ihren eigenen Worten im Zickenkrieg mit der damaligen Pröpstin Emse messen lassen, was heißt, dass Sie - nicht so schlimm wie diese aber doch - versagt haben damals.

Mit den Untersuchungen gegen H. ist das Verbrechen nun auch noch in Ihrem näheren Umfeld angekommen, ich bin erschüttert und leide mit seiner Frau, die ja auch zu Ihrem engsten Kreis gehörte.

Emse und H. sind nicht mehr im Amt. Ihr Bischofskollege war damals weit weg. Zwingen Sie doch diejenigen, die nichts dafür können, nicht weiter zu diesen Verrenkungen - und übernehmen Sie für Ihr Verhalten und das Ihrer Pröpstin und Pastoren die stellvertretende Verantwortung.

Bis Sonntag, wenn der Spiegel erscheint, haben Sie noch selbst das Heft in der Hand, können die Erinnerung der Menschen an Sie mitgestalten. Ich hoffe und bete, dass Sie die Kraft finden, das Richtige zu tun. Anders als damals Frau Emse. Anders als in den letzten Tagen, als Ihre Wortwahl weitere Verletzungen angerichtet hat.

Sie stehen wie kaum eine andere für die gute Tradition unserer Kirche, Buße zu tun und Verantwortung zu übernehmen. Noch nie mussten Sie das für etwas tun, was Ihnen so nahe war wie die Menschen, die sich hier so schlimm fehlverhalten haben (Emse und H.) oder Vebrechen begangen haben (K. und möglicherweise auch H.). Ich wünsche Ihnen die Kraft dazu.



14.7.10

Die Bischöfin muss zurücktreten

Es sind in der letzten Zeit Bischöfinnen geringerer Vergehen wegen zurückgetreten. Aber jenseits der reißerischen Überschrift muss ich länger ausholen, weil ich wirklich zornig und traurig bin.

Hintergrund ist ein systematischer und - nach allem, was man zurzeit weiß - wohl jahrzehntelanger (mindestens in den 70er und 80er Jahren) Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch einen Pastor in Ahrensburg, Luftlinie 700m von meinem Haus, in meinem Kirchenkreis. Den Pastor kenne ich nicht, wohl aber seinen damaligen Kollegen im gleichen Stadtteil von Ahrensburg und die anderen Beteiligten (also seine Vorgesetzten). 1999 kam das Verbrechen zur Sprache (noch ist mir unklar, wie weit es wem damals bekannt wurde), dieses Jahr haben sich zwei der Hauptopfer dieses Verbrechers im Talar (eines davon einer seiner Stiefsöhne) an die Öffentlichkeit gewandt. 1999 wurde der Pastor aus der Gemeinde versetzt, bis 2003 war er aber wohl noch als Religionslehrer am örtlichen Gymnasium tätig.

In dieser Woche ist nun ein angesichts des Verbrechens absurder Streit entbrannt, wer wen wann worüber informiert hat. Im Mittelpunkt stehen die Kirchenverwaltung, die Bischöfin für Hamburg (Maria Jepsen) und die damalige Pröpstin, die daneben auch noch Pastorin in derselben Kirchengemeinde und Stadt wie der Kindermissbraucher* war. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass irgendwer in der Kirche angemessen reagiert hat.

Was ich meiner Bischöfin abnehme, ist, dass es sie wirklich erschüttert. Auch dass sie sich nicht sofort daran erinnern konnte, von dem Fall schon 1999 gehört zu haben, ist glaubwürdig und keine Lüge oder so was. Und ihr sehr emotionales und für sie typisches Interview mit dem Hamburger Abendblatt heute erklärt schon einiges. Vielleicht hat sie nicht an sich einen Fehler gemacht. Aber wütend - war ich übrigens schon, bevor ich das Interview las - machen mich diese Passagen am Ende, als sie sagt:
Bei dem Vorgang haben wir ganz klare Zuständigkeiten, ich kann mich als Bischöfin nicht in den Fall einmischen. ... Ja, ich bin hilflos. Aber ich lüge nicht und ich kneife nicht und ich halte auch durch. ... [D]a ist Traurigkeit und Schmerz, Unverständnis und Wut bei mir. Und zudem habe ich den Eindruck, dass die behauptete Vertuschung viel schlimmer bewertet wird als die Tat. Manchmal komme ich mir wie eine Kriminelle vor, obwohl ich in diesem Punkt ein reines Gewissen habe.
-- Maria Jepsen heute im Abendblatt, hier die Google-Suche auf das Abendblatt-Interview mit ihr (der Artikel liegt sonst hinter einer Bezahlschranke, kann so aber aufgerufen werden)
Das kann ich nicht mehr nachvollziehen. Wie kann sie ein "reines Gewissen" haben? Mindestens ein schlechtes Gewissen, damals nicht genauer hingesehen und nachgefragt zu haben, wäre doch wohl nötig. Zumal sie laut Protokollnotizen durchaus im Kirchenamt nachgefragt hat, ob der Kindermissbraucher Beziehungen zu sehr jungen Frauen habe (was, wenn nicht dies, hätte denn weitere Alarmglocken schrillen lassen müssen?). Ich habe lange mit Menschen gesprochen, die die damalige Pröpstin und die Strukturen der Kirchenverwaltung besser kennen als ich. Ich verstehe, wie es kommt, dass die Bischöfin wenig bis nichts wusste. Aber sie muss die Konsequenzen dieses Versagens der Strukturen und ihres Nicht-Nachfragens tragen. Ich denke wirklich, dass sie stellvertretend für "die Kirche" die Buße übernehmen muss und zurücktreten sollte.

Was mich aber noch mehr erschüttert: Wenn der Kindermissbraucher jahrelang Orgien mit Schülern des örtlichen Gymnasiums im Pastorat gefeiert hat, von denen sein Stiefsohn berichtet, wenn dort Alkohol in Massen floss und Kinder missbraucht wurden - wie soll das in so einer kleinen Stadt wie Ahrensburg wirklich niemand mitbekommen haben? Wie sollen die anderen Pastoren (zu denen auch die Pröpstin gehörte) das erklären?

Kann es wirklich sein, dass die Konsequenz für diesen Kindermissbraucher die gleiche war, wie sie auch für Pastoren gezogen wird, die fremdgehen und eine Beziehung mit einer erwachsenen Frau neben der Ehe haben? Mit welchem Maß wird hier gemessen?

Ja, das übliche Vorgehen ist, die Bischöfin mündlich zu informieren (auch, wenn sie das im Interview quasi anders darstellt, was aber falsch ist), den "Fall" also mündlich zu eskalieren. Aber ich kann einfach nicht glauben und finde es ungeheuerlich, dass die Kollegin und Vorgesetzte des Verbrechers entweder nicht gewusst hat, dass es um Kinder geht, die hier Opfer waren (immerhin hat damals 1999 der "Fall" einer Frau die Versetzung ausgelöst, die 16 war, als er eine "Beziehung" mit ihr begann), oder die Augen davor verschlossen hatte. Wenn es stimmt, dass sich die Pröpstin eines Amtsvergehens schuldig gemacht hätte, hätte sie so reagiert, wie die Bischöfin es sich heute im Interview im Zuge des Schuld nach unten Weiterleitens gewünscht hätte (nämlich den Kindermissbraucher damals anzuzeigen), dann stimmt etwas nicht am System.

Wie auch immer: Die damalige Pröpstin und die Bischöfin haben damals versagt und führen heute einen absurden Zickenkrieg über die Medien. Beides macht mich wütend und verzweifelt. Beide Frauen schätze ich sehr, beide habe ich in ihre Ämter mitgewählt und unterstützt und für sie argumentiert, als sie zur Wahl standen. Mit beiden verbindet mich eine Geschichte. Beide haben mich sehr, sehr enttäuscht.

* Ich schreibe dieses sperrige und auf mich erstmal etwas euphemistisch klingende Wort nun doch, weil ich mich habe überzeugen lassen, dass das an sich drastischere Wort Kinderficker zu kurz greift: es geht nicht nur um die Vergewaltigung von Kindern, sondern auch um anderen Missbrauch.

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