20.4.10

Mal jenseits des Fanboys-Jubelns: Warum Jeff Jarvis die richtigen Fragen stellt

Ich bin keiner der Fanboys, die Jeff Jarvis allein deshalb zujubeln, weil er so entertaining ist. Denn ich hab lange genug mit Amerikanern gearbeitet und auch selbst Vorträge gehalten, um zu lernen, dass Zuhörer nun mal ein Recht drauf haben, unterhalten zu werden, wenn sie mir ihre Zeit schenken - und dass etwas nicht allein deshalb falsch ist, weil es unterhaltsam vorgetragen wurde (wie es oft in Deutschland gesehen zu werden scheint). Ich hab also durchaus noch meinen Verstand und sehe manche Vergleiche kritisch, die Jarvis anstellt. Aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie in den letzten Tagen über ihn berichtet wurde, nur weil die Berichtenden seinen Sauna-Vergleich nicht verstanden haben (weder die Jubler noch die Zweifler, hab ich den Eindruck).

Denn ich denke, Jarvis stellt genau die richtige Fragen:
  • Was halten wir (als Eltern, als Menschen, als Gesellschaft) für privat und was nicht - und wo soll oder darf ich entscheiden, etwas, das andere für privat halten, von mir selbst öffentlich zu machen?
  • Was sind die Opportunitätskosten der einen oder der anderen Entscheidung?
  • Warum soll es ok sein, dass andere mich kritisieren, wenn ich etwas von mir öffentlich machen, was sie von sich nicht öffentlich machen (wollen/ würden)?
  • Was gewinne ich und was verliere ich?
  • Ist die "default privat" Haltung, die bei Menschen über 35 in diesem Land mehrheitlich vorzuherrschen scheint, wirklich besser als die "default public" Haltung, die ein großer Teil der Jüngeren hat und die in anderen Kulturen schon länger gilt?
  • Und ist die kulturelle Kontingenz von Privatheit in der gesellschaftlichen Übereinkunft, die unbestreitbar ist (siehe nur Schweden, Deutschland, USA und ihre jeweiligen Konzepte dazu), ein unbedingt zu erhaltender Zustand?
  • Oder wird sich das Thema in dieser Form absehbar biologisch erledigen?
  • Ein unaufgeregtes Interview von dctp mit Jeff Jarvis über Privatsphäre im Internet-Zeitalter: Wenn der Penis schrumpft:



    Von mir noch zweieinhalb Ergänzungen aus der Erfahrung von siebeneinviertel Jahren Selbstentblößungdarstellung im Internetz:
  • Es ist definitiv ein Unterschied, ob ich entscheide, was ich von mir preisgebe, oder jemand anders das für mich tut, sei es der Staat oder Menschen, denen ich privat etwas erzählt habe. Wenn ich aber entscheide, etwas preiszugeben, dann werde ich auch damit leben (müssen), dass es preisgegeben ist - dass es also auffindbar ist. Den Punkt spricht Jarvis ja auch an im Interview.
  • Bevor ich die Entscheidung anderer über ihre Haltung zu Privatheit oder Öffentlichkeit kritisiere oder gar verdammt, sollte ich ihnen zuhören und sie fragen, ob sie wissen, was sie tun. (Denn ja, Menschen, vor allem junge und sehr junge Menschen, müssen davor geschützt werden, unwissentlich in die Öffentlichkeitsfalle zu tappen - aber sicher nciht, indem ich sie an Öffentlichkeit hindere, wie es zurzeit viele wollen, sondern eher, indem ich ihnen helfe, die Entscheidung für oder wider Öffentlichkeit bewusst zu treffen.)
  • Und als halben Punkt und quasi als ceterum censeo: Es gibt im Internetz immer noch keinen Lesezwang. Wenn mich also mein Neffe kritisiert, weil er nicht wissen will, wann ich in die Sauna gehe, dann ist seine Schlussfolgerung, ich soll nicht via Twitter sagen, dass ich in die Sauna gehe, absurd - denn er müsste ja nicht zuhören.
  • Ich bin mir sicher, dass wir zurzeit in einer Umbruchzeit leben, nicht nur, was die Kulturtechniken von Publizieren und Rezipieren, sondern auch, was die "default"-Einstellungen im Bereich privat/öffentlich angeht. Und entweder wir verabschieden uns aus dieser Diskussion, indem wir unsere eigenen Ideen für alle verbindlich machen wollen (die anderen aber mit den Füßen abstimmen und eben zu Facebook gehen, mal beispielsweise) - oder wir nehmen an ihr teil und versuchen, die neuen gesellschaftlichen Regeln mitauszuhandeln. Eine Mauer zu bauen, um noch einmal ein Bild von Jarvis aus dem Interview aufzunehmen, wird jedenfalls auf Dauer nicht helfen.

    18.4.10

    Nun ist er groß

    Erste Konfirmation in da house. Irgendwie war ich am Ende gar nicht so aufgeregt, wie ich dachte. Früher sagte man ja, dann ist das Kind erwachsen, irgendwie stimmt das auch, wenn man sich die Bilder anguckt:



    Es war entspannt, erste Feier im neuen Haus, bei gutem Wetter, mit Grillen und Lasagne (was tut man nicht alles, um Wünsche zu erfüllen), mit der engsten Verwandtschaft und den Paten mit ihren Familien. Als wir das Abendmahl gestürmt haben, war es voll...

    Im Grunde ändert sich ja nichts so direkt durch dieses Fest. Aber trotzdem ist es ein Abschnitt und ein mir irgendwie wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, das mit Glück nicht ganz noch mal 14 Jahre dauern wird. Und für uns das erste Mal, übernächstes Jahr geht es weiter.

    Primus, du bist so groß. Und manchmal schon so erwachsen. Glücklicherweise nicht immer. Aber - auch wenn ich dich latent peinlich mache, wenn ich das jetzt sage - ein richtig guter Kerl auf dem Weg.

    11.4.10

    Eine Ära geht zu Ende

    Meine erste brand eins war die Finnland-Ausgabe, wisst ihr noch? Die hellblaue mit dem Rollerfahrer auf dem Cover. Seitdem habe ich sie abonniert. Und diese Woche habe ich das Abo beendet.




    Foto unter cc-Lizenz von Max Braun


    Das fiel mir schwer, denn ich mag die Zeitschrift weiterhin. Und ich hänge an ihr. Damals, als ich auch an ein Freiexemplar kommen konnte, habe ich sie bewusst für Geld bestellt, weil ich es so toll fand, was das Team um Gabriele Fischer gemacht hat. Und die zahlreichen Gespräche, die ich mit ihr führen konnte, gehörten immer zu den inspirierenden Momenten.

    Aber seit dem Sommer habe ich, das musste ich irgendwann zugeben, keine Ausgabe mehr gelesen - oder wenn, dann nur einige wenige Artikel. Und darum habe ich anlässlich des Umzugs und des Großreinemachens die überfällige Konsequenz gezogen. Die brand eins ist wichtig gewesen in meinem Leben. Und ich höre hin und wieder weiterhin den Schwerpunkt als Audiomagazin.

    Am Anfang war sie faszinierend, weil sie das Thema Wirtschaft anders anging. Gabriele war immer sauer, wenn ich meinte, ihr Baby sei so etwas wie die taz unter den Wirtschaftsmagazinen - was ich verstehen kann angesichts der wirtschaftlichen Implikationen, was ich weniger verstehen konnte angesichts des Stils und der Stilbrüche, die für mich die brand eins ausmachten.

    Dann hat die brand eins das Cluetrain Manifest entdeckt und diese große Strecke mit den Bildausschnitten nackter Menschen gemacht, auf die einzelne Thesen tätowiert waren. Diese Ausgabe hat - nicht nur bei mir - sehr viel in Gang gesetzt und vieles verändert. Ohne diese Ausgabe und ohne brand eins wäre ich heute nicht da, wo ich bin, und würde ich heute nicht das beruflich machen, was ich mache.

    Die Zeitschrift gründete eine E-Mail-Diskussionsliste rund um das Cluetrain Manifest, aus diese Liste sind viele Freundschaften entstanden, einige der wirklich guten Blogs dieses Landes und eigentlich alle Berater hervorgegangen, die heute gut und mit Erfahrung rund um Kommunikation in den Social Media unterwegs sind.

    Dafür bin ich bis heute dankbar. Und auch, wenn mich viele Schwerpunktintros von Wolf Lotter geärgert haben, auch, wenn mir zwischenzeitlich (es war eine Phase in der ersten Hälfter der 2000er) die bigotte rechtslastige Verachtung gestunken hat, die er hin und wieder an den Tag legte (manifestiert in seiner Nähe zu den Kapsern von der "Achse des Guten"), war das, was in der brand eins stand auch in dieser Phase für mich wichtig.

    Nun werde ich nun noch sporadisch lesen und hören, so wie schon die letzten Monate. Ich werde die brand eins weiter verfolgen. Aber sie kommt nicht mehr jeden Monat zu mir nach Haus.

    8.4.10

    Wenn die Müdigkeit einsetzt

    Gibt es eigentlich diese legendäre Frühjahrsmüdigkeit wirklich? Frag ich mich gerade, wenn ich die Timeline bei Twitter ansehe, die ich verfolge - "tired" scheint eines der beliebtesten Worte zu sein. Dass ich müde bin, überrascht ja nicht, jetzt, wo langsam alles im neuen Haus an seinem Platz zu sein beginnt und das Tempo privat ein bisschen zurück gefahren werden kann (so weit das geht mit vier Kindern). Aber überall, wo ich hinsehe: Müdigkeit, Erschöpfung, frühes Insbettgehenwollen.

    Dabei kommen doch jetzt die langen Tage, auf die wir uns so gefreut haben. Ein bisschen Sonne. Die leichte Jacke. Das Rad.

    Oder liegt es an den vielen kurzen Wochen? Dass diese Zeit sich so zwischen Alltag und Freizeit anfühlt, der Körper und Geist nicht recht weiß, was Sache ist?

    ich glaub, ich muss mal wieder früher ins Bett. Denn ausschlafen ist nicht mit Kindern und einem jungen Hund. Obwohl das Morgenrot toll ist diese Tage und für das eine oder andere versöhnt...

    1.4.10

    Der Blick von weit weg und ganz nah

    Letzte Woche hat eines der wundervollsten Blogs in Deutschland aufgehört. Ich hab lange überlegt, ob und was ich dazu sagen soll, denn ich kannte die Frau Antonmann ja gar nicht wirklich. Also nicht so, wie man früher "kennen" definiert hätte. Aber über die Jahre ist sie ein fester Bestandteil meines Lebens geworden, auch wenn das ein bisschen zu pathetisch klingt (und ich sollte auch nicht verschweigen, dass ich mit Kunden auch einmal mit ihr zusammen etwas gemacht habe, so als disclosure).

    Liebe Frau Antonmann,

    wir kennen uns nicht. Nicht wirklich zumindest. Aber irgendwie habe ich mich Ihnen immer nah gefühlt. Ich hatte den Eindruck, ich weiß über Sie und Ihre Familie mehr als über manche Freunde - und vielleicht ist das auch einer der Gründe dafür, dass Sie nun aufgehört haben zu bloggen (also jetzt hoffentlich nicht ich persönlich, aber diese Transparenz). Ich werde Ihr Blog vermissen. Nicht nur, weil Sie für mich immer so etwas wie der Mittelpunkt der (nicht wirklich existierenden) Szene der Familien, die bloggen, waren. Sondern vor allem, weil Sie mich haben teilhaben lassen an Ihrem Alltag.

    Denn den Alltag, also so den echten Alltag, bekommen wir bei anderen Familien ja oft gar nicht mit. Wenn wir Freunde besuchen, rüschen die ihr Haus auf und kämmen ihren Kindern die Haare. Unsere Kinder verziehen sich gemeinsam in eines der Zimmer und zerlegen das Haus oder den Garten. Der Stress am Frühstückstisch, der Streit unter den Geschwistern, all das, was den Alltag so anstrengend und erfüllt zugleich macht, wird für die Sondersituation "wir treffen uns mit Freunden" ein bisschen ausgeblendet.

    Durch Ihr Blog habe ich gesehen, dass es auch in anderen Familie so ist wie bei uns (nicht genau so, aber doch genau so wild und schön und doof und interessant und so). Dass Familien mit ähnlicher Altersstruktur und ähnlichen Berufstätigkeiten auch ähnlich ihr Leben meistern. Dass es auf und ab geht, aber immer weiter. Dass Sie auch in einer schweren Krise wieder Mut schöpfen.

    Ihr Blog, liebe Frau Antonmann, werde ich vermissen, auch wenn ich nicht täglich dort war und nur hin und wieder kommentiert habe. Und dass Sie Ihr Leben weiter leben, ohne dass ich dabei zusehen kann, ist ein ulkiges Gefühl, an das ich mich noch gewöhnen muss.

    Alles das, was ich an Blogs mag und was ich - da ich ja mit diesem Thema auch beruflich zu tun habe - anderen Menschen nahezubringen versuche, habe ich in Ihrem Blog gefunden. Und wenn ich da mal kommentiert habe oder Sie mich mal verlinkt haben (einmal glaub ich, damals, als ich auf Ihren Eintrag "mit dem dritten sieht man besser" mit meinem Plädoyer für die vier Kinder geantwortet habe), hat es viele, viele Menschen in dieses Blog gespült - weit mehr als jedes vermeintliche A-Blog je.

    Ihnen alles Gute. Ihren Kindern und dbEva ebenso. Auch von meiner Frau, die ja eine Kollegin von Ihnen ist. Und sagen Sie Bescheid, wenn Sie mal wieder loslegen sollten? Wo Sie mich finden, wissen Sie, kommen Sie gerne mal vorbei. Virtuell oder in der Kohlenstoffwelt.

    Ihr Haltungsturner

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