27.12.10

Grüne Netzpolitik in Hamburg - Vertrauen zurückgewinnen

Jetzt, wo es in Riesenschritten auf die Neuwahlen in Hamburg zuläuft und an allen Ecken und Ende am grünen Wahlprogramm geschraubt wird, habe ich mich ein bisschen engagiert und auch am Entwurfstext rund um Medien- und Netzpolitik mitgearbeitet. Quasi als Abfallprodukt sind einige Überlegungen entstanden, was grüne Netzpolitik in und für Hamburg heißen kann. Dieses Papier habe ich auch begonnen, in die innerparteiliche Diskussion zu geben. Da ich denke, dass gerade ein Thema wie Netzpolitik - ein Bereich, in dem Grüne in diesem Jahr viel richtig gemacht aber eben auch viel Vertrauen verspielt haben - öffentlich diskutiert werden sollte, schreibe ich es auch mal ins Internetz rein. Den Text habe ich auch bei slideshare öffentlich zugänglich hochgeladen, hier im Volltext.

Idee des Papiers ist, Netzpolitik für Nichtfachleute verständlich zu machen. Darum wird es manchen Fachleuten vielleicht an der einen oder anderen Stelle allzu oberflächlich oder holzschnittartig vorkommen. Aber um Netzpolitik aus der Nische zu holen, in die sie nicht gehört, müssen "wir" uns imho bemühen, die Themen und Punkte, die uns wichtig sind, so aufzubereiten, dass andere sie verstehen. Und uns wohl auch auf einige wenige Punkte beschränken.

Was denkt ihr?


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Vertrauen zurückgewinnen -
ein Zukunftsthema glaubwürdig besetzen.

Strategische und inhaltliche Überlegungen zur Netzpolitik der GAL
von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach

In den letzten zwei Jahren hat die GAL einiges an Vertrauen bei den so genannten “Netzbewohnern” und der digitalen Elite verspielt. Es ist uns nicht immer gelungen, deutlich zu machen, wo wir stehen und dass (oder ob) unser Handeln in der Netzpolitik von (Fach-) Wissen, Analyse und einer politischen Haltung geprägt ist.

Das ist umso bedauerlicher, als Hamburg das Zentrum der internetbasierten Wirtschaft in Deutschland ist. Nicht nur die wichtigsten Medienunternehmen haben ihren Sitz in Hamburg sondern auch die Deutschlandzentralen beispielsweise von Google und Facebook, die wie kaum andere zurzeit das Bild des Internet für die Menschen prägen. 2010 wurden in Hamburg zwei der wichtigsten kreativen Inkubatoren für junge Internetunternehmen gegründet. Hamburg hat sich zur Hauptstadt der nächsten Generation von Gründern entwickelt.

Hamburger Grüne waren in den Diskussionen um Daten- und Verbraucherschutz im Internet in den letzten zwei Jahren durchaus präsent und haben mit hoher und glaubwürdiger Expertise (Justiz, Datenschutz) Positionen bezogen. Es ist uns als GAL aber nicht hinreichend gelungen, diese Expertisen mit technologischer und netzpolitischer Kompetenz zu verbinden und zu einer konsistenten und glaubwürdigen Position zu kommen. Sowohl beim Daten- und Verbraucherschutz in Sozialen Netzwerken als auch beim “Lex Google” haben wir aus dem Versuch heraus, das richtige zu tun, den Blick auf die besonderen Herausforderungen des Netzes als Infrastruktur verloren.

In keiner der Debatten im Feld der Netzpolitik war die GAL in den letzten zwei Jahren erkennbar, obwohl das Thema aus der Nische in das Zentrum des Interesses gerückt ist. Als Netzpolitikerinnen müssen wir feststellen, dass wir unser Thema und unsere Expertise nicht deutlich genug in die Diskussion und den Meinungsbildungsprozess der GAL und der Bürgerschaftsfraktion eingebracht haben.

Insbesondere bei der Verhandlung des Jugendmedienstaatsvertrags (JMStV) durch den Senat und bei der Ratifizierung durch die Bürgerschaft hat unser Kompass versagt. Dass auch wir Netzpolitikerinnen dieses Thema zu spät und zu leise auf die Agenda der GAL zu setzen versucht haben, waren ein Fehler und ein Versäumnis, die uns Vertrauen gekostet haben.
Unser Ziel ist es, das Vertrauen, das die digitale Elite in uns hatte, die uns als Grünen eigentlich nahesteht, zurückzugewinnen. Dafür müssen wir klare Positionen beziehen und uns von der populistischen Placebopolitik der anderen Parteien abgrenzen. Dass die Hamburger Bundestagsabgeordneten in der Frage des Aufbaus einer Zensurinfrastruktur (Zugangserschwerungsgesetz) standhaft waren, erleichtert uns dabei sehr. Ebenso, dass der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, ein Hamburger Grüner, eine ausgewogene Position vertritt.

Netzpolitik wird mehr und mehr zu einer Querschnittsaufgabe, die neben Medienpolitik, Rechtspolitik und Datenschutz auch ordnungs- und wirtschaftspolitische Fragen (fairer Zugang, Infrastruktur) und Fragen der Demokratie (Transparenz, Open Data) berührt. Grüne Netzpolitik unterscheidet sich von monothematischen Ansätzen dadurch, dass sie alle Politikbereiche durchwebt. Dies in der Praxis einzulösen, wird das Versprechen sein, an dem die GAL sich messen lassen muss.
In den kommenden Jahren stehen einige wichtige Weichenstellungen in der Netzpolitik an, die Grüne mitgestalten können, wenn sie an der Regierung beteiligt sind.

Uns als GAL sollte dabei leiten, dass die Veränderungen, die das Internet als Publikations- und Kommunikationsinfrastruktur mit sich bringt, historisch nur mit den Veränderungen durch die Erfindung und Durchsetzung des Druckens mit beweglichen Buchstaben vergleichbar sind. Das heißt auch, dass die herkömmlichen Versuche, mit den Ordnungsinstrumenten der Medienpolitik auf das Internet zu reagieren, fehl gehen. Das Internet ist kein Raum, der der Gestaltung durch die Politik bedarf oder in dem eine solche Gestaltung auch nur möglich wäre, die über die Anwendung bestehender und zu verfeinernder Regeln für das übrige Leben hinausginge. Im Gegenteil: Jeder falsch verstandene Versuch, gestaltend einzugreifen, führt bereits heute dazu, die Gesellschaften, die diese Versuche unternehmen, von der Entwicklung und auch den emanzipatorischen Chancen abzukoppeln.

Aber fünf konkrete Felder der Netzpolitik betreffen auch das gestaltende Handeln in Hamburg:

(1) Netzneutralität
Wenn Internet eine Infrastruktur ist, woran in der Praxis kein Zweifel bestehen kann, ist es Aufgabe staatlichen Handelns, für Fairness und Regeln zu sorgen, wenn die Akteure und Netzbetreiber die Fairness verletzen. Genau dies aber kündigen europaweit und auch in Deutschland zurzeit einige Telekommunikationsunternehmen an. Grüne Netzpolitik sollte sich deshalb für eine Verankerung der Netzneutralität einsetzen, also dafür, dass die Zugangsanbieter Datenpakete von und an ihre Kunden unverändert und gleichberechtigt übertragen, unabhängig davon, woher diese stammen oder welche Anwendungen die Pakete generiert haben.

(2) Zensurinfrastruktur
In den Debatten um Kinderpornographie und andere Verbrechen hat die Politik, getrieben vom Bundeskriminalamt, versucht, Voraussetzungen zu schaffen, Inhalte sperren zu können, sie also für Nutzer aus Deutschland nicht anzeigen zu lassen. Dieses schafft de facto eine Infrastruktur, die Zensur technisch ermöglicht und auch ausüben will. Zensur aber kann und darf niemals die Antwort des Staates und seiner Exekutive auf Probleme und Verbrechen sein. Grüne Überzeugung ist, dass auch im Internet die Gesetze und Regeln gelten, die beispielsweise Kinderpornographie verbieten und Urheberrechte gewährleisten. Grüne plädieren deshalb dafür, diese Regeln und Gesetze anzuwenden, anstatt Zensurinfrastrukturen aufzubauen. Jede Maßnahme, die Zensur möglich macht, wird von Grünen abgelehnt. Das sollte kompromisslos gelten.

(3) Jugendschutz und Jugendmedienstaatsvertrag (JMStV)
Da der verhandelte JMStV gescheitert ist, weil NRW ihn nicht ratifiziert hat, wird er im kommenden Jahr neu verhandelt werden müssen. Grüne Netzpolitik sollte sich darauf vorbereiten und Grüne sollten dort, wo sie in Regierungsverantwortung sind (oder anstreben wie in Hamburg), darauf bestehen, direkt an den Verhandlungen beteiligt zu werden. Fachleute und so genannte “Netzbewohner” (also erfahrene Internetnutzer) sollten beim neuen Anlauf von Anfang an involviert werden. Die GAL sollte nur dann einen neuen JMStV mittragen, wenn er Maßnahmen des Jugendschutzes enthält, die das Internet als nicht-lineare Distributionsform von Medien ernst nimmt. Bei der nun anstehenden Neuverhandlung des Vertrags zwischen den Bundesländern sollte sich die GAL in einen Dialog mit den Hamburger Bürgern, Netzbewohnern und Medienschaffenden begeben, bevor sie eine Position einnimmt. Dabei sollte eines für grüne Netz- und Medienpolitik klar sein: Nur wenn Jugendschutz als medienpädagogische und gesellschaftliche Aufgabe definiert wird, anstatt durch Zugangsbeschränkungen die Informationsfreiheit zu gefährden, sollten Grüne einem JMStV zustimmen.

(4) Netzpädagogik
Wenn heute 100% der Jugendlichen online sind und rund 80% von ihnen soziale Netzwerke wie Facebook nutzen (ARD/ZDF Onlinestudie 2010), dann ist die Frage der kompetenten und selbstverantworteten Internetnutzung eine Schlüsselfrage für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Grüne Netzpolitik sollte anstelle objektiv untauglicher Regelungsversuche, die sich an anderen Distributionsformen von Kommunikation und Medien orientieren, in netzpädagogische Angebote investieren. Gerade intergenerationelle und mehrsprachige Angebote werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Da diese weit über den Kompetenz- und Kenntnisbereich klassischer Träger medienpädagogischer Angebote hinausgehen, sollte sich die Förderung an der grünen Tradition dezentraler, von unten wachsender und partizipativer Initiativen orientieren.

(5) Transparenz und Demokratie 2.0
Während für die Politik nur wenig Gestaltungsbedarf für das Internet besteht, schafft es andersherum weitere Möglichkeiten der demokratischen Partizipation, Transparenz und Kontrolle. Der prinzipiell unendliche und gut durchsuchbare Speicher, die permanente Präsenz von Bild- und Tonaufnahmen, die online veröffentlicht werden, und die niedrigschwellige Möglichkeit für Menschen, sich zu vernetzen und gegenseitig zu informieren, machen das Internet zur Triebfeder einer weiteren Öffnung der Verwaltung, Politik und Gesellschaft. Grüne Netzpolitik sollte diese Chancen betonen und befördern. Beteiligungsprozesse und Informationspflichten können einfacher realisiert werden.

Ein Bild für den Winter

Ich bin ja nun wirklich kein guter Fotografierer. Mein flickr-Account gibt davon beredt Auskunft. Umso glücklicher bin ich, wenn mir mal ein gutes Foto gelingt. So wie dieses hier gestern in Neustadt an der Ostsee. Aber unser Hund ist ja auch echt fotogen, oder?

Eisbär

Zumal es zurzeit wunderschön ist an der Ostsee. Wenn man denn hin und wieder zurück kommt.

Eisbuhne, Neustadt

16.12.10

1978/1979 als die Schule ausfiel

Da hat Twitter mal versagt - wahrscheinlich, weil zu wenige in meiner Twitterumgebung schon um 7:20 Uhr ihre Kinder losschicken. Ich mein, wer rechnet auch schon mit Schulausfall, wenn mal eben 20cm Schnee angesagt sind. Jetzt (um 10 Uhr) ist es durchaus etwas gewagt, sich zu mokieren, denn wer weiß, was noch kommt. Aber wer wie ich schon ein so hohes Alter erreicht hat, dass er sich tatsächlich an 1978/79 erinnern kann, wird wohl nur müde lächeln, wenn der Verkehr für 10 min zusammenzubrechen droht wie am letzten Montag. Kinners, kommt mal runter!
(sorry, für die zweimal Peter Harry im folgenden Film, trotzdem ein guter Eindruck dessen, was da passiert ist)



Ich erinnere mich noch gut an die Tage damals. Wie wir uns durch die Schneewehen, die teilweise auch bei uns in Bramfeld drei, vier Meter hoch waren, zur Schule gekämpft haben. Was wir für einen Spaß hatten (dass es für die Menschen auf dem Land nicht spaßig war, habe ich erst später erfahren, mit neun Jahren hatte ich da noch nicht so ganz den Überblick). Was habe ich mich geärgert, als dann ein paar Tage tatsächlich die Schule ausfiel.



Ich war damals in der dritten Klasse, so wie Tertius heute. Der auch seinen Spaß hat.

Aber das damals, das war wirklich eine Katastrophe. Und nicht so ein Pipifax, dessentwegen sich die Supermamis in unseren Speckgürteln gerade in die Hose machen. Echt jetzt mal.

13.12.10

Das ist echt zum aktiv werden

Ich gehöre zu den (bisher) offline nicht übermäßig aktiven Mitgliedern bei den Grünen. Online bin ich dabei, rund um die Schulreform war ich aktiv, aber Aktivitäten in der Kohlenstoffwelt waren nach Job und Familie nur auf Position drei der Prioritätenliste, also faktisch eine Posteriorität. Das geht so aber nun nicht mehr.

Ich habe mich sehr geärgert, wie für die anstehenden Neuwahlen eine Spitzenkandidatin ausgerufen wurde: Da inthronisiert die bisherige Spitzenkandidatin (Christa Götsch) mal eben nebenbei vor der TV-Kamera ihre Nachfolgerin (Anja Hajduk). Die erklärt zwar nicht ihre Kandidatur um die Spitzenkandidatur, wohl aber auf einem Mitgliederabend ihre Bereitschaft, Spitzenkandidatin zu sein. Dann lädt der Landesvorstand zu einer Mitgliederversammlung für heute Abend ein, schlägt dabei vor, eine Spitzenkandidatur zu nominieren - sagt aber nicht, ob es dafür schon Vorschläge oder Bewerbungen gibt.

Nachdem ich dann im Onlineforum der Hamburger Grünen mehrfach nachgefragt und auch kritisch angemerkt habe, dass da irgendwas merkwürdig läuft (und von anderen der hinreißende Vergleich mit Nordkorea fiel), ist mein Geduldsfaden nun gerissen. Ich habe den Antrag gestellt, heute auf der Mitgliederversammlung NICHT über die Nominierung der Spitzenkandidatur zu sprechen.

Begründung:
Es liegt bisher keine offizielle Kandidatur vor, von der die Mitglieder wüssten. Es gibt die in der Presse und (offenbar) auf dem Mitgliederabend bekundete Bereitschaft von Anja, zu kandidieren, aber mehr nicht.
Da das Wahlprogramm noch nicht steht und auch noch nicht in Ansätzen die Route festliegt, können die Mitglieder noch nicht beurteilen, ob beispielsweise Anja die dafür beste Kandidatin wäre.

Ich persönlich bezweifele ohnehin, dass es gut ist, mit einer Senatorin als Spitze in den Wahlkampf zu gehen, die für die öffentliche Wahrnehmung für das Winterchaos, die (gescheiterte) Stadtbahn und Moorburg steht. Zwar hat sie auch einiges bewegt, aber das kennen nur Insider oder Profis. Und wie sie, die eine super Finanzsenatorin wäre, glaubhaft das Konzept "Kreative Stadt", für das wir an sich immer noch stehen, nach vorne stellen sollte, sehe ich noch weniger.

Jetzt werbe ich zunächst um Unterstützung für meinen Antrag zur Tagesordnung. Und wenn ich dafür keine Mehrheit finde, muss ich mal weiter sehen. Gibt ja noch mehr Möglichkeiten, aktiv zu werden und meinen Beitrag zu leisten, dass wir einen Neustart und eine Alternative haben. :)

6.12.10

Zu WikiLeaks: Freiheit? Terror? Oder Transparenz?

Ich habe mir zu vielen Aspekten noch keine abschließende Meinung gebildet. Ich bin mir sogar sicher, dass sich meine Meinung oder Haltung zu diesem Thema weiter verändern wird. Das hier sind dann eher die ersten Pflöcke, an denen ich die Schnüre aufziehen will, die die Leitplanken bilden könnten, an denen ich das Thema weiter erkunden will. Klingt sperrig? Ja, ist es auch. Denn weder will ich Verschwörungen wittern, wo die Wirklichkeit brutal genug ist, noch liebe ich Aktionismus, der nicht auf Fakten beruht. Nun denn...
Update 7.12., 9:30 Uhr
Mit leicht anderem Fokus aber ziemlich genau den gleichen Fragen und sogar ersten Antworten hat Clay Shirky, den ich für sein klares Denken ohnehin sehr schätze, vor ein paar Stunden über Wikileaks geschrieben. Lest das!

Update 8.12., 13:00 Uhr
Sehr itneressant auch diese Analyse in der Süddeutschen, warum das, was da rund um WikiLeaks passiert mindestens naiv-romantisch, ich würde sogar sagen: reaktionär ist.
WikiLeaks ist eine gute Idee. Einen Ort zu haben (auch wenn er kein Ort ist, was übrigens Amazon doppelt merkwürdig dastehen lässt), an dem Menschen geheime Dokumente recht gefahrlos (also zumindest recht gefahrlos für sich selbst) veröffentlichen können, ist gut. Im US-Kontext gibt es die Tradition des whistleblowing, die Leute, die das machen, wenn es drauf ankommt, sind Helden - anders als hier bei uns, wo sich beispielsweise Arbeitnehmer immer noch ernsthaft strafbar machen, wenn sie das tun. Die Enron-Aufdeckung wäre hier nicht möglich gewesen, aber das nur mal am Rande.

Einerseits.

Andererseits lebt Kommunikation auch davon, dass es die Unterscheidung von öffentlich und privat gibt. Und dass nicht jemand anders entscheidet, dass eine Kommunikation, die ich leiste, öffentlich ist.

Gerade wenn Skandale weiterhin aufgedeckt werden sollen, wenn Wikileaks eine wichtige und Transparenz fördernde Einrichtung sein oder bleiben soll, darf, denke ich, die Grenze dessen, das jemand aus der privaten Kommunikation in die öffentliche bringt, nicht so überdehnt werden, wie es jetzt, so habe ich den Eindruck, geschieht.

"Transparenz" oder "Freiheit" ohne Rücksicht auf Verluste - das wäre in der Tat Terror. So wie die Inquisition und die stalinistischen Schauprozesse Terror waren. Und bevor jemand über diesen Vergleich aufheult: Die Inquisition wurde gestartet, um Seelen zu retten, also recht eigentlich aus Menschenfreundlichkeit (auch wenn das quasi sofort pervertiert wurde). Die Schauprozesse wurden gestartet, um der Wahrheit Wege zu bahnen, um ein Gegenmodell der instransparenten Geheim"justiz" zu haben (auch wenn die unmittelbar in echten Terror mündeten).

Ich habe irgendwo gelesen, dass in den Cables, um die es aktuell geht, Namen von Menschenrechtsaktivisten in Terrorländern stünden. Wenn das so ist, dann wäre es fahrlässig und nach meiner Auffassung Terror, was da passiert ist. Denn Freiheit wird immer durch die Freiheit der anderen begrenzt. Freiheit, die sich nicht um die anderen schert, ist Terror. (Und ich benutze dieses Wort, obwohl es in grotesker Weise von Regierungen genutzt wird.)

Dennoch wird gerade aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Interessant ist doch, wer bisher "zu Schaden" gekommen ist durch die Cables. Allein mit dem deutschen Beispiel wird ja doch deutlich, wie lächerlich die Kritik ist und wie sehr es die richtigen trifft.

"Wikileaks is like Pirate Bay; something that I don't like but have to defend because of the collateral damage caused by attacking it." (Simon Phipps auf Twitter)

Das trifft es recht gut. Das Argument von Amazon ist lächerlich, siehe den Link oben zu Dave Winer, wenn sie das meinen, was sie als Pressestatement sagen. Zugleich und jenseits aller Aufgeregtheit zeigt das, was gerade mit Wikileaks passiert aber auch, wie wenig die alten monolithischen Strukturen "das Web" aufhalten können.

Insofern ist alles das, was ich gerade beobachte, ermutigend. Sowohl dass die Frage diskutiert wird (und jenseits des Boulevards, ob nun der Regierungen, der Massenmedien oder der Netzaktivisten), wo die Balance zwischen verantwortlicher Freiheit und freiheitlichem Terror zu finden ist, als auch die langsam sich setzende Erkenntnis, dass "das Web" nicht einzufangen ist, machen mich froh.

Es geht nicht um die "Freiheit des Netzes", wie es manche jetzt hochstilisieren. Die Schlacht ist - zumindest für die digitale Elite, die allein sich für diese Frage interessiert - entschieden. Es geht darum, ob die Freiheit zu Demokratie oder zu Terror führt (und WikiLeaks kann zu beidem beitragen).

Wer WikiLeaks als Plattform kritisiert, hat imho gar nichts, aber wirklich gar nichts begriffen. Wer es als Instrument der Demokratie bejubelt, hat ebenso wenig begriffen. WikiLeaks ist eine geniale Idee und ein gut funktionierendes System, das in Zeiten, in denen (nicht nur in den USA) die recherchierende und freie Presse in der Krise ist und nicht mehr so funktioniert, wie sie sollte, einen anderen Ort schafft, an den sich Informanten wenden können. Der nicht zensierbar ist, der nicht abgeschaltet werden kann (weil er auf verteilten Servern, Torrents, beruht, den niemand völlig kontrollieren kann). Was sich mit diesen Informationen (und mehr ist es zunächst nicht) machen lässt, werden wir sehen. Transparenz, daran sei noch einmal erinnert, ist auch kein Wert an sich. Beispielsweise kann viel Transparenz zu einer so hohen Komplexität führen, dass sie faktisch zu einem Herrschaftsinstrument wird - weil die Beherrschten den Eindruck gewinnen, der Komplexität nicht gewachsen zu sein (übrigens eine Situation, in der wir uns imho in vielen Bereichen zurzeit befinden, und die ich als totalitär bezeichne).

Meine These (noch einmal) ist: WikiLeaks und die Informationen da sind weder gut noch böse, weder ein Instrument der Freiheit noch des Terrors. Können aber, ebenso wie Transparenz, alles dieses werden, je nachdem was jemand damit macht.

2.12.10

Lost in Bureaucracy

Ich will nur eine Verpflichtungserklärung abgeben. Eine Freundin von uns, die einmal unser Au Pair war, studiert hier, hat ein gültiges Visum und so weiter. Die Geschichte ist nicht kompliziert, gehört aber nicht hier her.

Kompliziert dagegen ist es offenbar, die Auskunft zu erhalten, wie ich diese (kostenpflichtige) Erklärung abgeben kann, dass der Staat sich gegebenenfalls bei mir Kosten zurück holen kann, die ihm durch die junge Frau, nennen wir sie A., entstehen könnten.

Zuerst hat A. in der Ausländerbehörde nachgefragt, die im Bezirk, in dem sie wohnt, zuständig ist. Die haben sie offenbar nicht zu Ende ausreden lassen, sondern ihr die (natürlich falsche) Auskunft gegeben, ich solle zum Einwohneramt kommen, das für A. zuständig ist, da eine Unterschrift leisten - und fertig.

Nach eine halben Stunde Wartezeit guckt mich der nette Herr am Schalter verwirrt an. (Die gute Nachricht, zumindest die letzten Jahre über, ist, dass die Mitarbeiter in den Hamburger Einwohnerkundenzentren echt freundlich und nett sind.) Ich müsse zu dem Kundenzentrum gehen, in dessen Bereich ich wohne. Nein, wieso das jemand anders gesagt habe, wisse er nicht. Und nein, anders als jede normale Angelegenheit wie einen Reisepass zu beantragen oder so könne ich das nur in dem für mich nahezu nicht sinnvoll zu erreichenden Amt in Rahlstedt tun.

Vorsichtshalber rufe ich im Bezirksamt Wandsbek an, das dem Kundenzentrum Rahlstedt vorgesetzt ist, ob das so stimmt. Ja, das stimme, sagt man mir, ich brauche nur drei Gehaltsbescheinigungen mitnehmen und alles ginge wunderbar und einfach. Donnerstag sei es oft sehr voll. Danke für die Anfrage.

Ich also nach Rahlstedt. Immerhin ohne Wartezeit guckt mich der nette Herr am Schalter verwirrt an. Nein, da A. schon in Deutschland sei und ein bereits bestehendes Visum habe, könne er die Verpflichtungserklärung nicht ausstellen (oder annehmen oder was weiß ich wie das heißt). Das ginge nur, wenn sie noch im Ausland sei. Keine Ahnung, warum man uns das nicht gesagt habe. Das, was ich will, bekommt man nur im Bezirksamt Wandsbek (also da, wo ich angerufen hatte), unten im Erdgeschoss, bei den Ausländerangelegenheiten, nein, so weit er wisse, vergeben die keine Termine. Ich beginne zu ahnen, wie der Hase riecht und will das Pferd endgültig vom Eis bringen. Also, ich bin ja schlau, frage ich ihn noch einmal, ob es denn stimme, dass ich nur drei Gehaltsbescheinigungen brauche und sonst nix. Kommt mir latent komisch und allzu unbürokratisch vor. Trotz der 25 EUR Gebühr. Aber ja, das sei so.

Wandsbek ist für mich ganz praktisch, da kann ich auf dem Weg zur Arbeit aussteigen. Da in der Ausländerabteilung war ich schon. Als Deutscher wird man halbwegs normal behandelt, man will ja quasi nichts von denen. Darum sind wir mit unseren Au Pairs meistens mit hin gegangen, ist besser so, dann sind die da nett zu denen.

Ich also ins Wandsbeker Schloss. Mit mittlerer Wartezeit vor dem Zimmer, in dem man seine Wartenummer beantragen und bekommen kann (ja, so ist das da). Die nicht so nette Frau am Schalter guckt mich verwirrt an, als ich sage, ich habe das Formular, nach dem sie fragt, noch nicht ausgefüllt. Und außerdem brauche ich eine detailierte Aufstellung unserer laufenden Kosten, alle mit Nachweis, und einen Mietvertrag. Ach, Eigentum, oh, kompliziert, aber blablabla. Könne sie doch nichts für, dass man mir eine falsche Auskunft gegeben habe.



Kinners, das deutsche Ausländerrecht ist an sich schon mal grotesk, menschenunwürdig und falsch auf der ganzen Linie. Aber die fünf Stunden, die ich nun damit verbracht habe, zwischen Kümmelstraße, Amtsweg und Wandsbeker Schloss zu pendeln, fände ich selbst dann absurd, wenn die Bürokratie das Ziel verfolgen würde, zu verhindern, dass eine gut integrierte angehende Studentin hier bleiben darf. Vielleicht sollte ich A. doch raten, sich schnell einen Freund zu suchen und zu heiraten. Denn ihre geschiedene Freundin, mit der sie zusammen zur Schule gegangen ist am anderen Ende der Welt, hat diesen Ärger jetzt nicht mehr. Und sie ist ja nicht mehr katholisch.

28.11.10

Ich verstehe die CDU nicht

Ich war für die schwarz-grüne Koalition. In meinem Stadtteil habe ich schon vorher eher mit den CDUlern zusammenarbeiten können als mit SPDisten, vor allem in der Schul- und Sportpolitik, die mir vor Ort am wichtigsten sind. Ich war dennoch schon länger dafür, die Koalition zu beenden, hätte bereits die unterirdische Personalie Fritzenkötter für einen Grund gehalten.

Aber heute kann ich die CDU nicht verstehen. Wie kann ein - zugegebenermaßen nur noch knapp von der örtlichen SPD an Auszehrung übertroffener - Landesverband so leichtfertig und - sorry - dilettantisch seine auch mittelfristig einzige Machtoption (über Hamburg hinaus) verspielen? Dass und wieso ich meine, dass auf längere Sicht CDU und Grüne die beiden Antipoden des heraufziehenden Politikzeitalters sind, habe ich ja neulich mal beschrieben, die Generaldebatte im Bundestag diese Woche hat das wieder gezeigt, dass wir da vielleicht sogar schon sind.

Ganz ehrlich: Wenn es bewusst so war, dass die CDU beim Haushaltsentwurf getrickst hat, ist es dumm. Wenn es aus Versehen passiert ist, ist es dümmer. So oder so ist es grotesk, dass sie den Grünen den Vorwand liefert, die Koalition zu beenden, die sie die letzten Wochen allein mangels konkretem Anlass noch nicht verlassen haben. Dumm, dumm, dumm. Ich verstehe ich es nicht.

Und Hamburg und seine Politik? CDU und SPD in gleichem absolut desolaten Zustand, ohne Personen, ohne Ideen, ohne Professionalität. Die Grünen angeschlagen ob ihrer Fehlschläge in dieser Koalition. Die Linken nicht existent außerhalb von Ex-Grünen und Ex-Regenbogen-Spezis. Die FDP - welche FDP? Scheuerl bleibt keine Zeit bis Ende Februar. Ich bin sehr ratlos, was daraus werden soll.

Die SPD hat jenseits von Scholz nichts anzubieten, hat die Jahre der Opposition (leider) nicht genutzt, sich klar zu werden, was sie sein will oder können könnte. Die CDU ist erschöpft und ohne einen einzigen Profi, ähnlich wie am Ende der Ära Echternach. Die Grünen haben durch die Wahlreform keine Fraktion mehr, in der von zwei Ausnahmen abgesehen irgendwelche politische Kompetenz steckt und nur einen Senator (Steffen, Justiz), der wirklich was erreicht hat in den letzten Jahren. Die Stadtstaatsituation mit der Bürgergesetzgebung macht das Land faktisch ohnehin unregierbar. Schwierig das.

Immerhin haben wir Grünen etwas mehr an Ideen und Personen als die anderen. Aber ob das reichen wird, um die Bürgermeisterin zu stellen?

26.11.10

Mehr als ein halbes Leben

Es ist schon merkwürdig. Vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass ich alt werde? Inzwischen gibt es Sachen, die mich schon mehr als mein halbes Leben begleiten und immer noch glücklich machen.

So wie mein Lieblingsbuch, das ich vor mehr als meinem halben Leben erstmals gelesen habe und das seit dem nicht übertroffen wurde von all den vielen Büchern, die danach kamen.
Und wenn es mich nicht als Snob outen würde, sagte ich sogar, dass es sich dabei um Doktor Faustus von Thomas Mann handelt (der damals, ich war 18, den Favoriten Malte Laurids Brigge von Rilke ablöste).

Oder so wie die Musik von Gustav Mahler, sie mich immer noch berührt wie kaum andere.

Oder die drei Sänger, die ich schon als Kind kennen lernte, deren Konzerte ich als Jugendlicher und junger Erwachsener besuchte - und die ich bis heute wunderbar finde (wunderbar ist übrigens das Lieblingswort des wunderbarsten unter diesen dreien). In dieser Woche haben meine Süße und ich nach fast genau zwanzig Jahren endlich wieder ein Konzert von Klaus Hoffmann besucht, der nach einer - so habe ich es empfunden - eher unspirierten Phase wieder voll da ist und wunderbare (sic) neue Lieber geschrieben hat. Und wundervolle alte spielt. Wie gut, dass es YouTube gibt, so dass ich einen kleinen Ausschnitt zeigen kann.



Abgesehen davon, dass seine Musik weiterhin wunderbar ist (bis auf die völlig überflüssigen Neuübersetzungen seiner Brel-Lieber, die dazu führen, dass das halbe Publikum falsch mitsingt), dass sie nicht überlaut ist, ist Klaus Hoffmann immer noch ein großer Entertainer, der spontan auf sein Publikum reagiert. Auch wenn er alt geworden ist (da fühle ich mich dann gleich jung, bin ja auch zwanzig Jahre jünger als er).

Was mich neben der wunderbaren Musik am meisten fasziniert hat an dem Abend in der Musikhalle, war aber das Publikum. Mitte dreißig bis Mitte siebzig, sehr viele graue Bärte und graue Schöpfe, die links-grün-bürgerliche Vorstadtintelligenzia der Stadt. Und genau vor uns die beiden Pole: die Glatze, Anfang vierzig, mit Ganzkörpertatoo und Piercings mit seiner Frau und seinen Eltern, Mitte siebzig. Seine Mutter streichelte ihm immer mal wieder liebevoll über die Wange, beispielsweise als er bemerkte, dass er früher Sitzkonzerte ja voll ätzend fand und heute gut, oder als er bei den alten wunderbaren Liebesliedern den Kopf mitschwang und leise mitsang wie wir anderen auch.

Wie bei dem Lied, dass neben Adieu Emile (mit doofer Neuübersetzung) und Katharina sicher zu dem gehört, was jeder, der Klaus Hoffmann kennt, mitsingen kann. Was wir dann auch alle getan haben zum Abschluss und Abschied:



Was für ein schöner Abend.

18.11.10

A Monument of The German Angst

Some weeks ago, everything seemed to be ok so far - only very few house owners, announced Google, had taken the opportunity to have their houses pixelated. Less than 3%. Sounded ok so far, given the fact that not only the government but big mainstream media as well have been running a campaign to encourage Germans to just do this for some months.

Today Streetview finally started with 20 "big" cities over here. And the result of pixelation is much worse than - I guess - even a lot of the pixelators would have thought. Some interesting collateral discussion will come, too - like why it was possible for anybody who rents (!) a flat or apartment to have the complete house pixelated (although he has no equity on it and should not have any right to do anything at all).

No, it's not exactly important. And this is not the end of civilization or something really bad or dangerous - but it's ridiculous. Especially as there are a lot of services on the web that do the same.

But in one way the pixelation is great: It's near art. A very special and national way of building a new digital monument for the way, we here in Germany deal with innovation and digital lifestyle.
Google Streetview is the digital monument of the "German Angst" for the world to see.
Please, my friends from abroad, come in and take a look. This is what we digital pioneers face in this country when we try to build something new. This is a symbol that might explain why we are (in the digital space) great in building copies of successful services from the US, but not in inventing new toys or tools or even companies.

There is some creative way of dealing with it already, a bit Schwejk-esk (although Schwejk is a Czech) - like implementing other panoramic photos into Streetview (see an example here for Berlin). And my street and my house e.g. is not covered by Streetview anyway.

But it's still sad to have this monument. And embarrassing as well. Be patient with us, not all of us are suffering from German Angst. But enough of us to make the German Angst now very visible online and to paint a picture of a former innovative country that has lost its speed some 30 or so years ago.

The good news is: tomorrow will be a new day.

16.11.10

Massenhafte Medien. Die Präsentation.

Die Seminarsaison 2010 geht zu Ende. Und darum wird es Zeit, die (sehr gekürzten) Basisfolien mal online zu stellen. Klar - da kommen noch sehr viele Beispiele und Strategieansätze und so was dazu, was sich nicht für das Internetz eignet. Aber die Grundrichtung und Grundphilosophie wollte ich doch mit euch teilen.

Massenhafte Medien statt Massenmedien

(ach witzig, die von YouTube eingebundenen Videos werden beim wiederum Einbinden der Präsentation im Blog nicht mit eingebunden. Also rüber gehen zu slideshare bitte, wenn die beiden Videos dabei sein sollen nach Folie 1 und 34 Update: hm. Jetzt werden die Videos hierhin mitgenommen, aber das tolle "A life on Facebook"-Video ist bei YouTube gesperrt worden einer Urheberrechtsverletzung wegen. Wie gut, dass ich es als mp4 lokal habe und dass es noch bei Vimeo zu sehen ist.)
Zwei Punkte will ich als Erfahrung aus diesem Jahr schon weitergeben - die werden auch andere gemacht haben, die Fortbildungen und Beratung anbieten:
  • Erstmals begann der Kenntnisstand bei Teilnehmerinnen der Seminare, Workshops und Vorträge auseinanderzufallen. Das ist auch ein Grund, warum ich mit meinem bevorzugten Seminargastgeber (den media workshops von news aktuell) für das kommende Jahr einen Fortgeschrittenenworkshop anbieten werde. Es wurde zunehmend schwieriger, die verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Bei den allermeisten Seminaren, die ich gebe (in Unternehmen direkt), ist das nicht so ein Problem, weil wir die Inhalte genauer zuschneiden können, aber bei offenen Seminaren fällt es doch auf.
  • Die Motivation von Workshopteilnehmerinnen hat sich geändert. War es die ersten fünf Jahre eher so, dass viele mal gucken wollten, dass einige schon privat den Raum erkundeten und nun nachdachten, wie sie es in ihren Beruf integrieren, werden mehr und mehr Lernende bewusst in dieses Thema geschickt - so wie es nahezu keine Kundengewinne für Agenturen mehr gibt, wenn die Agentur nicht behauptet (und hoffentlich auch wirklich nachweist), dass sie "Social Media kann", bauen mehr und mehr Unternehmen gezielt weiteres Wissen in diesem Feld intern auf. Das freut mich, denn es macht die Arbeit leichter. Und es zeigt, dass das Thema im Mainstream angekommen ist.
Ja, ich denke immer mehr, dass Social Media erwachsen geworden ist und als ein Baustein heute zu allen (!) Kommunikationsdisziplinen gehört. Fünf Jahre, nachdem die ersten Großagenturen weltweit und auch in Deutschland gezielt Social-Media-Expertise reingeholt und aufgebaut haben, kann man nicht mehr guten Gewissens von Experimentieren sprechen oder davon, dass es beispielsweise zu wenig Erfahrung gäbe, um [setze ein beliebiges Wort aus dem Kommunikationscontrollingwortschatz ein].

Ein Freund, der zu den Leuten gehört, die ich in diesem Bereich tatsächlich guten Gewissens empfehle, sagte neulich, er rechne damit, dass 2011 die "Nacht der langen Messer" komme. Was er meint (und dem schließe ich mich komplett an, das denke ich auch), ist, dass sich 2011 die Spreu vom Weizen trennen wird. Wer nicht bei jedem Projekt den konkreten ROI der Maßnahmen in Social Media wird ausweisen können, ist weg vom Fenster. Punkt. Meine Prognose. Weitere werden folgen... ;)

10.11.10

Und das mir. Zur Verteidigung von Frau Schröder (@kristinakoehler)

Erst gebe ich zu, dass ich Schäuble für vieles mochte (außer für seine Politik), dann will ich - mit Sicherheit gegen den aufgeregten Mainstream meiner Partei - auch noch die Schröder verteidigen. Was ist nur mit mir los? Aber nachdem ich das Interview der Ministerin mit dem Spiegel gelesen habe, kann ich zwar über manche boulevardeske Verkürzung den Kopf schütteln, aber nicht halb so sehr wie über die grotesken Vorwürfe, die dazu auch noch nahezu spitzfindig substanzlos sind. Eine gute Zusammenstellung dieser flachen Repliken beim Genderblog übrigens, danke Till für den Hinweis.

Ja, ich habe auch über die Diktat-Kiste den Kopf geschüttelt, wo jeder weiß, dass heute gar keine Diktate mehr geschrieben werden, wenn die Lehrerin auch nur ein winziges bisschen Ahnung von zeitgemäßer Didaktik und Pädagogik hat. Ja, ich habe auch herzlich gelacht über eine Formulierung wie "die Frauenbewegung", aber ich habe lange genug auf dem Boulevard gearbeitet, um zu wissen, wie dessen Mechanismen sind (und dass ein Ministerininterview nicht den gleichen Ansprüchen genügen muss wie eine akademische Genderforschung).

Aber: Zum einen sagt die Schröder explizit, dass sie "dem Feminismus" faktisch ihren Job verdankt (letzter Satz des Interviews), das heißt, dass all die Dolchstoß-Rhetorik ihrer Kritikerinnen wohl ein Zeichen ist, dass diese das Interview gar nicht gelesen haben. Und zum anderen hat Schröder einfach Recht in ihrer (ja, verkürzenden) Darstellung der praktischen Folgen der zweiten Feminismus-Welle.

Und die kruden Sex-Passagen? Leute, lest mal einige der radikalen US-Feministinnen der 70er und 80er Jahre, bei denen männliche Homosexualität als die Krone des Patriarchats bezeichnet wird (weil die Männer die besten Männer für sich selbst reklamieren), in denen homosexuelle Frauen, die patriarchal geprägte Rollenmuster in ihre Beziehungen übernehmen, als schwul benannt werden etc. Sicher ist es blauäugig, diese Strömung überzubewerten, aber es ist genauso absurd, sie zu leugnen. Und mehr als "Es gab in der Tat eine radikale Strömung" sagt die Schröder ja auch nicht. In den Passagen über Alice Schwarzer beispielsweise sagt sie nichts von dem, was ihr von den Kritikerinnen unterstellt wird. Ich habe es wirklich gesucht, aber nichts. Komisch.

Ich selbst habe diese radikale feministische Strömung vor allem in der theologischen Prägung studiert und erlebt, beispielsweise Mary Daly und ihr in meiner Generation immer noch extrem wirkmächtiges Standardwerk "Gyn/ecology". Was mich eher wundert, ist, dass eine so viel jüngere Frau immer noch von dieser Richtung weiß und von ihrem Einfluss. Naja. Wenn ich die Kritik an Schröder lese, frage ich mich, ob von den Kritikerinnen noch jemand diese Autorinnen kennt (und - und zwar ernsthaft, wirkliches Interesse - ob Daly & Co heute noch rezipiert werden und immer noch einen so großen Einfluss haben).

Mal mit einer Analogie versucht:
Mir kommt die Schröder so vor wie die schicke Obere-Mittelschicht-Mutter, die sich eine Gemüsekiste liefern lässt, nur Fleisch vom Demeterhof kauft, mit dem Fahrrad zum Kinderturnen fährt, drei Mal im Jahr zu McDonald's geht und auf die "Öken" schimpft - obwohl die Durschnittsdeutsche sie als reiche Ökotussi bezeichnen würde. Also so, wie nahezu jede Frau in meinem privaten Umfeld. Nahezu jede (auch linke und grüne) Frau in eben diesem meinem Umfeld hat auch ähnliche Haltungen "zur Frauenbewegung" und zu dem, was ich hin und wieder den "sozialdemokratischen Emanzipationsterror" genannt habe.

Schröder kommt zu einer anderen (politischen) Schlussfolgerung als ich in Fragen von Quote und gender pay. Aber die Beschreibung der Realität und der Ursachen ist nicht so falsch, wie ihre Kritikerinnen behaupten.

Und die Jungs. Welche Häme begegnet der Schröder zu ihren kritischen Fragen, ob Schule heute noch jungskompatibel sei. Ich kenne nicht eine Lehrerin (und ich kenne nun wirklich viele), die nicht zustimmte, dass Schule heute sehr viel mehr auf Mädchen zugeschnitten ist als auf Jungs. In den großen Doppeljahrgängen, die dieses Jahr in Hamburg Abitur gemacht haben, gab es an etlichen Schulen keinen einzigen Jungen, der es unter die ersten zehn, teilweise sogar unter die ersten fünfzehn geschafft hat. Das ist eine Tatsache. Und das hat - und hier irrt Frau Schröder - nichts mit Fußball oder Ponys zu tun, sondern damit, dass die Fähigkeiten, die in den letzten Jahren über Schulerfolg entschieden, ungleich verteilt sind. Offene Unterrichtsformen, die die Partei von Frau Schröder lange vehement bekämpft hat (in den 90ern, als diese Unterrichtsformen in Norddeutschland schon nahezu flächendeckend in den Grundschulen eingeführt wurden, hat es in Baden-Württemberg noch Verwarnungen gegeben, wenn jemand damit experimentierte), haben hier ein wenig Abhilfe geschaffen, aber zu leugnen, dass es unterschiedliche Lern- und Verhaltensweisen zwischen Jungs und Mädchen gibt, kam ja nun doch schon mit den Knöpfstiefeln aus der Mode.

Über einen Satz in Schröders Interview habe ich mich sehr gefreut, weil es meiner Wahrnehmung entspricht, der ich seit Jahren - wenn auch nicht so konsequent wie mein "role model" Mark Heising - versuche, gegen die zu kämpfen, die Leistung als "Arbeit mal Zeit" definieren und Sesselpupen für Engagement halten:
Für mich wäre der Mann ein Vorbild, der eine Führungsposition innehat und dabei den Mut besitzt zu sagen: Wir halten das Meeting um 16 statt um 19 Uhr ab, ich möchte nämlich gern meinen Sohn ins Bett bringen.
Edit:
An einem konkreten Beispiel diskutiere ich mit dem schlauen Thilo Specht, was ich an den Kritikerinnen von Frau Schröder kritisiere, nämlich das unterkomplexe Denken, das sie ihr vorwerfen ;)

9.11.10

Dekonstruktion

Das ist ein unglaublich inspirierendes Video über die faszinierende Künstlerin Kim Rugg. Gerade als jemand, der immer in oder mit Medien gearbeitet hat und Sprache und Worte liebt, sogar auf Papier, finde ich die Ergebnisse ihrer Dekonstruktion von Inhalten, ohne die Form zu verlassen, irrwitzig und - ja tatsächlich - inspirierend.
Der Nebenaspekt, den sie in einem kurzen Nebensatz auch selbst anspricht ("... which could be done in 2 seconds with photoshop, I don't use photoshop") und der für mich sehr viel an dieser Kunst ausmacht, ist, so denke ich, dass sie faktisch die alte Handwerkskunst des Setzens auf Produkte anwendet, die aus einem digitalen Satz produziert wurden. Und das auf eine ganz und gar nicht reaktionäre Art und Weise, also geradezu als Kritik an der - ich nenne es mal - "Manufaktum"-Welle.



(danke, @kosmar, für den Link und Hinweis auf Twitter)

5.11.10

Mit Verlaub, Herr Minister, Sie sind ein Arschloch

Politisch bin ich kein Freund von Herrn Schäuble. Aber ich hatte immer etwas übrig für seinen scharfen Verstand, für seine Haltung zu vielem (ja, ich weiß, ihr könnt das nicht verstehen), für seinen Versuch, seinen Glauben in der Politik nicht zu verstecken.

Gestern habe ich jeden Respekt (auch wenn ich das Wort nicht mag) vor ihm verloren.

Ja, er hat eine gesundheitlich extrem schwere Zeit hinter sich oder ist noch drin. Ich finde es fahrlässig, wie sie Kanzlerin ihn immer noch zwingt, im Amt zu bleiben (wenn es so ist) oder er nicht loslassen kann (falls das so sein sollte). Und jeder kann einen schlechten Tag haben. Und sein Sprecher Offer hat einen Fehler gemacht und macht auch wirklich keine gute Figur in diesem Filmausschnitt.

Aber einem Mann von Format und Erfahrung und Haltung eines Schäuble darf das trotzdem nicht passieren. Das ist nur noch arschlochig. Das "macht man nicht" - schon gar nicht, wenn man eigentlich ja so etwas wie eine Kinderstube genossen hat, was ich bei Schäubles Herkunft und Alter unterstelle. Da würde ich bei einigen jüngeren Proleten nicht den gleichen Maßstab anlegen.

Schäubles Verhalten und - fast mehr noch - das anbiedernd beifällige Gemurmel der Journalisten im Hintergrund sind eine Grenzüberschreitung, die nicht sein darf. Die einen grotesken und sehr gefährlichen Mangel an Haltung offenbart. Die zeigt, dass da einer ganzen Reihe von Leuten der Kompass abhanden gekommen ist.

Ich denke, man darf mit harten Bandagen streiten. Mache ich auch. Und wenn man dazu neigt, Menschen, die langsamer sind oder langsamer denken als man selbst, schwer ertragen zu können (und das geht mir auch oft so), wird es immer mal wieder vorkommen, dass man sich arrogant im Ton vergreift. Doof, aber das passiert.

Aber Mitarbeiter vor anderen zur Schnecke zu machen, ist selbst für etablierte Arschlöcher ein Schritt zu viel. Jemand, der so etwas macht, verliert meinen Respekt für immer (kleine Reminiszenz an Mr Darcy). So geht es mir nicht nur bei Schäuble jetzt gerade, so ging es mir vor langer Zeit schon mit einem der in unserer Szene bekannten und beklatschten Kommunikationschefs, den ich als Gast einmal erleben "durfte", wie er eine Mitarbeiterin im All-Staff-Meeting und vor uns Gästen rund gemacht hat.

So etwas ist stil- und würdelos. Und im Fall von Schäuble kratzt es zusätzlich an seinem selbstgebastelten Teflon-Image.

Mit Verlaub, Herr Minister, Sie sind ein Arschloch.



Mit dem einen oder anderen Kollegen habe ich (auf Twitter) andiskutiert, was die Konsequenz für Herrn Offen sein müsste. Ich denke, dass ich an seiner Stelle kündigen würde. Nach allem, was man hört, sollte er einen guten alternativen Job finden können. Meine Selbstachtung würde das zumindest verlangen. Und ich hätte auch keine Lust, für ein Arschloch zu arbeiten.

Update 9.11., 10:25 Uhr
Herr Offer hat genau diese Konsequenz nun gezogen. Mein Respekt! Edit: Djure hat Recht, Respekt ist zu viel. Aber gut und richtig ist es. Und verständlich in der Form.

3.11.10

Schlauer mitm Interweb

Endlich mal wieder ne Blogparade. Jochen Mai von der Karrierebibel ruft sie aus. Da will ich doch gerne folgen. Thema diesen Monat: Skurrile und/oder seltene Fragen, die Leserinnen in dieses Blog spülen, meistens über Google. Und die ich bisher nicht beantwortet habe. Einmal schummle ich, denn das kommt oft als Frage in den letzten Monaten. Aber sonst. Hier meine zehn Lieblinge.

Wie gewinnt man eine Frau zurück?
Lustige Frage an jemanden, der glücklicherweise für ein ganzes Leben mit der gleichen Frau verheiratet ist. Aber der Klassiker. War noch nie in der Situation. Aber ich denke, dass es mit ganz, ganz, ganz viel Nachlaufen und Liebe gehen könnte. Oder?

Haltungsturnen mit Kindern
Ach ja. Der andere Klassiker unter den Fragen, die mein Blog nicht befriedigend beantwortet. Tut mir leid. Ich kenne noch ein paar Übungen von früher, als ich Kind war und zum Haltungsturnen geschleppt wurde. Die Katze beispielsweise. Hier ist mit Haltungsturnen eher das Einüben einer Haltung gemeint.

Anschreiben für eine Pressemitteilung Elternfortbildung
Puh, da würde ich ja mal die PR-Kollegen in der Firma fragen, in der ich arbeite. Und überhaupt, was ist das für eine Frage? Aber ich hab eine Elternfortbildung im Angebot, hier sind die Folien dazu, unter einer Creative Commons Lizenz.

Sex mit Pferden
Igitt, was für ein Schweinkram, kann ich nur von abraten. Was ihr auch immer fragt, ey. Aber ich weiß, wie das kommt, dass man mich damit findet. Früher war der Titel, der da oben in der Browserdingens, ganz oben, angezeigt wurde: "Mit Männern ist das wie mit Pferden". Nur wieso das Wort Sex vorkommt, weiß ich nicht. Pferde sind toll übrigens, wir haben ja auch welche. Und Sex ist auch toll.

Ausmalbilder Eragon
Weiß ich echt nicht, wo man die bekommt. Überhaupt finde ich es lustig, dass so viele Referenzen auf meine Literaturliste per Suche hier reinkommen. Damit hätte ich auch nicht gerechnet, als ich damals damit angefangen hab, aufzuschreiben, was ich gerade lese, da drüben, links, in der Seitenleiste.

Damixa Wasserhahn tropft
Ja, das Problem kenne ich. Und die Lösung auch. Kann ich nur empfehlen. Wir haben aber jetzt keine Damixa Armaturen mehr.

Richtspruch
Da kann ich helfen. Der Klassiker unter den Richtsprüchen. Wie gut, dass mein Schwiegervater Bergmann war, die haben ja oft gerichtet und der kannte den.

Social Media Berater oder wahlweise auch feuern sie ihren social-media-berater
Damit hab ich ja was angerichtet. Mit dieser Suche sind ganz oft Leute mit IP-Adressen von Agenturen und Großunternehmen hier. Und aus einem Chemieunternehmen kommt jemand mindestens einmal die Woche mit dieser Frage. Und neuerdings jemand von einer Münchner Multimediaagentur, die sich offenbar unsicher ist, ob sie den externen Social-Media-Dingens wirklich weiter haben sollte, den sie beim Kunden reingebracht hat. Naja. Hab ich eine Meinung zu (also zu der zweiten Formulierung der Frage da): Ja, machen Sie's.

es kommt nich darauf ob man gewinnt, sondern das man gewinnt
Kinners, so geht das nicht. Ja, Google ist das größte Rechtschreibhilfeprogramm der Welt, aber da kräuseln sich doch die Fußnägel. Aber im Prinzip habt ihr Recht. Denn, die inzwischen im title-Tag dieses Blogs steht (und also ganz oben, da in der - bei mir - grauen Zeile über den Bedienelementen des Browsers): "Wichtig ist nicht, ob man gewinnt, sondern dass man gewinnt" Der Spruch soll übrigens von Helge Schneider (für die jüngeren von euch, falls ihr den nicht mehr kenn, hier ist der Wikipediaeintrag zu ihm) sein, passen könnte es. Ich hab aber nie gegoogelt, ob das stimmt. Könnte ich ja mal machen.

meisterdetektiv agaton sax inhaltsangabe
Oha. Das liest jemand in der Schule? Oder warum sollte sonst jemand danach googlen? Vor allem aber: Warum landet dann so jemand ausgerechnet auf meinem Eintrag, in dem ich erkläre, warum die Grünen die andere Volkspartei neben der CDU sind. So oder so aber ist das Buch Agaton Sax der Meisterdetektiv (das ich in exakt der verlinkten Ausgabe habe, ha!) eines meiner aller, aller, aller liebsten Bücher, mit denen ich jedes meiner Kinder mehrfach gequält habe und weiter quäle, weil sie ertragen müssen, dass ich es ihnen komplett vorlese. Größtartigst.
Kurzzusammenfassung: Der Chef der kleinsten Zeitung Schwedens (er ist der einzige Redakteur und Setzer etc) erlebt skurrile Abenteuer, in denen er zeigen kann, dass er nicht nur ein Spießer, sondern auch ein Sprach- und Kampfkünstler ist und so weiter. Die Bösen haben immer so spitze Hüte mit Doppelspitze auf. Und Sax gewinnt immer. Klar.

30.10.10

Die peinliche Woche für die Berater

Es ist schon witzig. Die meisten, die Unternehmen und Marken zu Social Media beraten, sind sich einig: das Wichtigste ist zunächst das Zuhören. Aber einige scheinen das zu vergessen, wenn sie die Chance zu einem Scoop wittern. Das kann auch nach hinten losgehen und im Ernstfall sogar massiv die eigene Reputation beschädigen. Ich denke, genau das ist einigen in den vergangenen beiden Wochen passiert.

Auf der einen Seite sind da die Berater, die nicht aus der Praxis kommen, sondern vor allem mit Vorträgen und Workshops glänzen (was absolut ok ist, kein Problem damit). Denen kann und will ich nicht vorwerfen, dass sie nicht erkennen, was die Deutsche Bahn mit dem Chefticket will, was Sinn und Unsinn davon war - und dass sie dann zu dem übereilten Schluss kommen, es sei ein PR-Gau oder so was oder komme von Anjatanjas. Dass gerade deren Blogs von Journalisten gerne gelesen werden, führt dann halt auch mal zu absurden, recherchefreien Artikeln wie dem bei heute.de oder dessen lauwarmen Aufguss bei kress.de (den ich vor lauter Fremdschämen nicht mal verlinken mag).

Und dann ist da der tragische Fall des PR-Bloggers, der so fest mit dem Namen des Kollegen Klaus Eck verknüpft ist, dass der unterirdische Schnellschuss seines Gastautors Jochen Hencke sogar geeignet ist, Klaus' Reputation zu beschädigen (was doppelt ironisch ist angesichts seines Tätigkeitsfeldes Reputationsmanagement).

Ernsthaft bestürzt war ich von Anfang an darüber, dass viele, viele aus dem so genannten "Berater-Mob" (nicht mein Wort, es fiel in diesem Zusammenhang mehrfach auf der Social Media Conference in München) von einem Zwang zum Dialog faselten, davon, dass hier eine Krise sei oder so was. Dass die Lautsprecher sich nicht die Mühe machten, mal zu gucken, ob das vielleicht einkalkuliert war, vielleicht sogar unter Kontrolle, oder - oh Schreck - bewusst provoziert. Sondern dann hektische Was-die-Bahn-jetzt-machen-muss-Artikel gebloggt haben oder mit E-Mails um sich warfen.

Diese Woche nun, also die Woche, in der die Verkaufsaktion für das Chefticket begann,hat gezeigt, dass alle die Recht hatten, die schon von Anfang an den Kopf über die Schreihälse geschüttelt hatten. Denn auf einmal geht auch die Kampagne los, beispielsweise mit einigem Media-Aufwand, beispielsweise mit einem Wallpaper auf bild.de:

Werbung für das Chefticket

Im besten Fall wird den Beratern, die sich allzu schnell zu allzu voreiliger Kritik haben verleiten lassen, das Ganze peinlich sein. Im schlechtesten rennen sie unter Absehung der Fakten noch ein paar Monate über Konferenzen und haben das Chefticket als Negativbeispiel dabei (wie diese Woche beim Social Media Club Hamburg und bei der Social Media Conference München). Im realistischen und nicht minder absurden Fall werden sie das Ganze so drehen, dass sie Recht hatten und es trotzdem ein Erfolg war. Viel Spaß.

Ich denke, dass einige von den "Beratern" deshalb so verschreckt auf die Chefticket-Aktion reagiert haben, weil sie Social Media bisher fast ausschließlich durch die PR-Brille betrachtet haben. Es waren ja auch vor allem Leute aus der PR oder dem Journalismus, die so geschrieen haben. Und für viele PR-Leute ist ja merkwürdigerweise "Dialog" immer noch die Monstranz ihrer Arbeit und für einige sogar immer noch ein Ziel. Was sie nicht erkennen, ist, dass Dialog immer nur ein Instrument zu einem wichtigeren Ziel ist, so wie PR immer nur ein (oft kleines, weshalb die Budgets auch so klein sind) Instrumentenfeld innerhalb der Gesamtkommunikation und vor allem innerhalb von Marketing und/oder Vertrieb ist.

Die Reaktion der PR-Social-Media-Blase auf das Chefticket zeigt mir: Auch wenn der kritikfeste Dialog, die Heimat der PR, vor allem in den ersten Jahren ein sehr hilfreiches Instrument war, um in den Social Media zu bestehen, so ist er eben immer noch notwendig - aber längst nicht mehr hinreichend. Die guten und erfolgreichen Social-Media-Projekte kommen immer weniger aus der PR und immer mehr aus anderen Bereichen (siehe Chefticket, siehe "Telekom_hilft", siehe 1&1, siehe - jaja, pro domo, weil unsere Projekte - Hornbach und Carlsen). Und weil vor allem die Social-Media-Spezis, die aus der PR kommen, sich auch immer noch so schwer tun mit der Frage nach dem ROI (Return on Investment) schon ihrer Herkunftsdisziplin und erst Recht ihrer Social-Media-Maßnahmen, weil es ihnen so schwer fällt, zu benennen, was "bottom line" rauskommt, werden sie - das ist meine Prognose - auch dieses Feld wieder an andere verlieren. Und zwar im kommenden Jahr. Hear my words.

Zu meiner Einschätzung des Chefticket bisher habe ich mit Alex Wunschel übrigens auch den jüngsten Brouhaha aufgenommen. Und wenn ich es mal so unbescheiden sagen darf: Ich finde, es ist einer der besten, die wir bisher gemacht haben.





Download MP3 (24:27; 22.6MB)


[disclosure: Ich leite den Bereich "digitale Strategie" bei achtung! und einer unserer größten Kunden ist die Deutsche Bahn AG. Wir haben mit dieser Kampagne nichts zu tun, waren nicht involviert und nicht betroffen. Aber ich kenne den einen und die andere, die damit zu tun hatten. Das habe ich übrigens mit einigen der heftigen Kritiker dieser Kampagne gemeinsam, von denen sogar welche zum engeren Zirkel gehörten, die diese Aktion geplant hatten.]

27.10.10

Süßes abgreifen

Was mir gerade einfiel: Eigentlich könnten meine Kinder ja dieses Jahr mal jede Süßigkeitenabgreiftradition aufgreifen, die wir haben.

Dieses Wochenende geht es los mit dem heidnischen (jaja, ich weiß, ich weiß, Irland, Allerheiligen und so, trotzdem) Helloween-Kommerz-Dingens. Das werden sie sich eh nicht ausreden lassen, da haben wir gegen die Übermacht der Umgebung verloren.

Aber meine Süße könnte verlangen, dass sie dann auch gripschen gehen an St. Martin, wie es da gemacht wird (wurde?), wo sie herkommt (im Prinzip das gleiche, von Haus zu Haus, abgreifen eben).

Und ich, dass sie dann auch noch rummeln, also an Silvester noch mal das gleiche machen, wie es bei uns hier in Hamburg üblich war damals (und Silvester geht es dann darum, die Weihnachtsreste, also vor allem das, was man nicht mag, elegant an die Kinder zu verfüttern).

Zwei Monate, drei Säcke voller Süßigkeiten, würde unseren Wocheneinkauf reduzieren.

Happy Birthday Kyra - ein Jahr Hund

Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet ich, der so ein Angst vor Hunden hatte. Immer schon. Wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass die Familie meiner heutigen Frau einen Hund hatte. Und nun ist unser eigener Hund heute ein Jahr alt geworden. Und tatsächlich ist es wunderschön mit ihr.

Herzlichen Glückwunsch, Kyra.

19.10.10

Kulturzusammenstoß

Ich bin selbst eher empfindlich, was Bilder (von mir oder beispielsweise meinen Kindern) angeht, die von Schulen, Kindergärten etc. ins Web gestellt werden. Und ich habe mich mit den rechtlichen Aspekten und auch einigen kulturellen recht viel beschäftigt. Insofern kann ich Leute verstehen, die da insgesamt noch zurückhaltender sind als ich.

An einer Stelle ist es nun neulich zu einem Zusammenstoß von Kulturen gekommen, den ich aber dann doch sehr interessant finde - und bei dem ich mir nicht sicher bin, wie ich zu dem Thema insgesamt stehen soll und will. Darum stelle ich es hier einmal vor und zur Diskussion.

Denn im Prinzip bin ich sehr optimistisch, was vor allem die nachwachsende Generation bei diesem Thema angeht. Wenn ich Jugendlichen beispielsweise zuhöre, unterhalten die sich viel über diese Fragen - also ob und welche Bilder jemand von ihnen online stellt. Und online heißt ja auch nicht "für alle sichtbar", denn dafür muss es auffindbar sein und erkennbar beispielsweise, aber das ist noch mal ein anderes Thema.

Neulich habe ich von einer Veranstaltung mit Kindern, die an einem öffentlichen und öffentlich zugänglichen Platz stattfand, live mit dem mobilen Internetzugangsgerät ein Video gemacht, um es Familienmitgliedern und Freunden, die nicht dabei sein konnten, zu zeigen. Dieses Video ist auch in meinen YouTube-Kanal gelaufen. Der Ort, an dem es aufgenommen wurde, ist in der Videobeschreibung, also durch Suche auffindbar. Da das iPhone keine gute Kamera hat und der Ort keine gute Internetverbindung waren die Bilder verwackelt und unscharf, aber es waren Menschen, auch Kinder zu erkennen.

Jemand hat mich gebeten, das Video zu löschen (was ich gerne gemacht habe), und darauf hingewiesen, dass er es befremdlich und schlecht finde, wenn man nicht mal mehr bei solchen Veranstaltungen sicher sein könne, dass nichts im Internet auftauche.

Wie gesagt - einerseits kann ich es verstehen, auch wenn die rechtliche Situation unbedenklich ist. Andererseits bin ich mir immer weniger sicher, ob es richtig war, dem Wunsch nachzugeben, je länger ich nachdenke.

Zum Zeitpunkt, da ich es löschte, hatte das Video 14 Aufrufe. Niemand war namentlich erwähnt oder mehr als zufällig durchs Bild laufend zu sehen. Überspitzt frage ich mich, ob es tatsächlich (oder eben nur durch kulturelles Lernen bzw. Fremdheit) einen Unterschied macht, ob jemand seinen Freunden und seiner Familie (im Zweifelsfalle mehr als 14 Leuten) seine Bilder und Videos auf dem Computer zeigt, auf denen ich zu sehen bin, ohne es zu wissen - oder ob ich es meinen Freunden und meiner Familie online zeige, wie es in meinem Umfeld üblich ist.

Ich sehe den Punkt, dass es theoretisch einen Unterschied machen könnte, ob ein Bild oder Video online und damit prinzipiell auch für mehr Leute verfügbar ist. Aber ist das nciht der gleiche Trugschluss wie 1997, als der Bäcker um die Ecke dachte, er würde jetzt weltweit Brötchen verkaufen, weil er im Weltweitweb war? Wie soll jemand ein Video finden, das nicht einschlägig suchbar ist - außer wenn er oder sie mich kennt und gezielt meine Videos sucht (also außer wenn es genau für ihn oder sie online gestellt wurde)?

Mich hat das Gespräch verunsichert. Und ich merke, wie sehr unsere Lebenswelten und -wirklichkeiten auseinanderklaffen inzwischen.

12.10.10

Keine Gleichstellung des Islam

Im Nachgang zu Wulffs Feiertagsrede ist einiges in dieser komischen Integrationsdebatte durcheinander gekommen (auch wenn es vorher nicht viel besser war). Die Solidaritätsbekundungen und Staatsverträge für "den" Islam sprießen aus dem Boden. Zeit für ein bisschen Sortierung. Das beste, was ich zu dem Thema bisher gehört (ich konsumiere die "Zeit" ja seit ein paar Jahren als Audiomagazin) oder gelesen habe, stand in der "Zeit" vom letzten Donnerstag. Ulrich Greiner schreibt profund über die Unterschiede zwischen Juden- und Christentum einerseits und Islam andererseits im Hinblick auf personale Freiheit (die der Islam theologisch so nicht kennt) und Säkularismus - politisch vor allem wichtig wegen des Primats der Politik gegenüber der Religion und wegen der Gewaltenteilung. Und Greiner hat Recht, wenn er schreibt:
Diese Gewaltenteilung geht zurück auf das Alte Testament, in dem die Propheten als Sprecher Gottes den weltlichen jüdischen Herrschern oftmals in den Arm fallen. Sie gipfelt in dem Satz von Jesus: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Sie findet ihre Ausarbeitung bei Augustinus und seiner Lehre von den zwei Reichen. Es war der Augustinermönch Luther, der diesen Gedanken gegen eine Kirche stark machte, die ihn vergessen und die politische Gewalt usurpiert hatte.
(Integration: Unser Islam? | Politik | ZEIT ONLINE)
Das Problem geht aber noch tiefer. Und das hängt mit diesem Punkt dann doch auch zusammen. Während die Gründungsurkunden von Judentum und Christentum selbst in der orthodoxesten Auslegung (und hey, ich bin selbst theologisch nahe an der lutherischen Orthodoxie) eben gerade kein über dem säkularen Staat stehendes religiös begründetes Rechtssystem kennen, ist es beim Islam anders. Die Scharia ist für den Islam ewig und unverhandelbar, wie beispielsweise sogar der liberale Vorzeigereformer Großmufti Ceric aus Bosnien betont. Und die Scharia steht immer über jedem anderen (weltlichen) Gesetz. Darum bin ich skeptisch, was die Hoffnung oder Forderung nach einer "islamischen Aufklärung" angeht. Ein Säkularismus hat im Islam keinen theologischen Anker - anders als die Aufklärung, die historisch den modernen Säkularismus in Europa begründet und die aus der Mitte der spätmittelalterlichen jüdischen und christlichen Theologie stammte. Meine Befürchtung ist, dass der Islam an einer Aufklärung zerbräche, die er bräuchte, um "zu Deutschland" (oder zu Europa) zu gehören. Vor allem, wenn man sich ansieht, wie sehr die (europäische) Aufklärung selbst das Christentum zerlegt hat.

Wenn nun beispielsweise in Hamburg ein Staatsvertrag mit "den Moslems" geschlossen werden soll nach dem Vorbild der christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde (obwohl auch diese Verträge gerade in Hamburg erst kürzlich zustande kamen), dann wird das die Nagelprobe für beide Seiten sein: Denn ein halbwegs freiheitlicher Staat, der mit Organisationen Verträge schließt, die sich nicht vorbehaltlos und innerlich zu Gewaltenteilung und dem Primat der staatlichen Gewalt und Organe gegenüber den religiösen bekennt, gibt sich auf. Und ein Islam, der sich zu genau diesem Primat bekennt, beerdigt die Scharia - und läuft Gefahr, sich damit selbst zu verlieren.

Der Islam ist - egal wie groß die Zahl der Menschen in einem Land ist, die sich zu ihm als Religion zählen - in Europa nicht Juden- und Christentum gleichzustellen. Das heißt nicht, dass Moslems nicht "gute Europäer" sein können und überwiegend sind. Das heißt auch nicht, dass Wulff nicht auch ihr Präsident ist, wenn sie denn Deutsche sind (obwohl, ist er mein Präsident? In mehr als einem formalen Sinne?). Das heißt nur, dass ein freiheitliches Rechtssystem, in dem ich leben mag, eben aus den Wurzeln unserer antiken und jüdischen und christlichen Geschichte kommt, die eng miteinander verwoben sind, und nicht aus den Wurzeln des Islam. Denn auch, wenn ich persönlich mein Leben überwiegend an meinem Glauben orientiere, bin ich heilfroh, dass der Staat das nicht tut, sondern positive und negative Religionsfreiheit garantiert. Damit kann ein Islam nicht leben, der sich selbst ernst nimmt. Und darum kann es keine Gleichstellung des Islam in diesem Land geben.


Update 13.10.
Weil Djure fragt, was denn meine Schlussfolgerung wäre, hier noch ein, zwei Sätze dazu.

Auf individueller Ebene halte ich es für gut möglich, dass Moslems sich zum Primat des Staates bekennen können. Auf institutioneller Ebene bin ich da sehr skeptisch. Und mich ärgert sehr, wie in Hamburg der Stand der Verhandlungen zum Staatsvertrag ist: Der Staat billigt dem Islam jede Menge Dinge zu, ohne auch nur eine Gegenleistung zu verlangen. Inzwischen ist es so weit, dass ein führender Vertreter des Islam in Hamburg öffentlich jubilieren kann, Deutschland sei das islamischste Land, das er kenne, er könne hier seine Religion freier ausüben als in der Türkei. Hier ein Videodokument einer entsprechenden Verhandlungstaktik aus dem Sender Phönix.

9.10.10

Handelskammer: Menschenrechte? Interessieren uns nicht

Der Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo wird von der Handelskammer kritisiert. Anders kann ich die Äußerungen einer ihrer Geschäftsführerinnen nicht verstehen. Und darum gehört die entlassen, denke ich.

Aber von vorne.

Dass die Zwangsmitgliedschaft aller Unternehmen und Unternehmer in der Handelskammer (woanders als in Hamburg: Industrie- und Handelskammer, IHK) abgeschafft gehört, ist ja nicht neu. Dass die Handelskammer sich immer wieder einseitig und keinesfalls mit einem Mandat ihrer Zwangsmitglieder versehen zu politischen Fragen äußert, ebenso. Und das ist ebenso doof wie die Zwangsmitgliedschaft an sich (sagte ich das schon?). Aber irgendwie konnte ich damit immer halbwegs leben, selbst in der Zeit, in der ich auch ein Zwangsmitglied war. Ärgern und zur Tagesordnung übergehen.

Heute kann und will ich das aber nicht tun, also das zur Tagesordnung übergehen. Denn heute wird die für den Bereich GVIII International zuständige Geschäftsführerin der Handelskammer, Corinna Nienstedt (Kontakt und Organigramm hier online), im Hamburger Abendblatt mit einer meiner Meinung nach derart zynischen und menschenverachtenden Äußerung zitiert, dass ich sie für in dieser Stadt in dieser Kammer nicht mehr tragbar halte. Frau Nienstedt gehört meines Erachtens sofort entlassen, wenn sie (was ich nicht annehme aber auch nicht ausschließen kann) nicht sinnentstellend zitiert wurde.

Lt. Hamburger Abendblatt von heute morgen (S. 6) hat sie gesagt (und die Formulierung legt ein offizielles Handelskammer-Statement nahe):
Wir [Anm. WLR: sic!] gehen nicht davon aus, dass die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo negativ auf die Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und Deutschland auswirken wird. Eine Beeinträchtigung dieser engen wirtschaftlichen Verflechtungen ist weder im Interesse der Volksrepublik noch in unserem Interesse
Wie verquer muss man eigentlich im Kopf sein, um sich nicht zu freuen, dass das Nobelkommitee nach einigen Griffen ins Klo (siehe nur den absurden Preis an Obama letztes Jahr) einen mutigen und überfälligen Preis vergibt? Dass es in einer Zeit, in der China und dessen barbarisches Regime überall hofiert wird und - sicher nicht zu Unrecht - als wichtigste kommende Macht dieser Welt gilt, dem totalitären und menschenverachtenden Partei- und Polizeiapparat vor den Karren fährt.

In so einer Situation hat die Handelskammer in Person einer Geschäftsführerin nichts besseres zu tun, als der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, es werde sich nichts ändern?

Pfui. Ich ekele mich vor dieser Äußerung.

1.10.10

Schwarz-Grün ist am Ende

Es gibt in diesem Land zurzeit drei Parteien, die politisch interessant sind: Die CDU, die Linke und die Grünen. Die letzten Monate war das spannend zu beobachten. Die Linke als Partei der Modernisierungsverlierer hat einen in sich relativ geschlossenen Politikansatz, der sie faktisch aus der Diskussion ausschließt - und CDU und Grüne haben jeweils halbwegs konsistente Programme, die sie, gebremst von ihren populistischen und schlingernden Partnern, versuchen oder versucht haben umzusetzen. Dass ich das eine besser finde als das andere, ändert nichts an der Analyse, dass es die beiden konkurrierenden politischen Ideen sind, die zurzeit in Deutschland existieren. Die letzten Umfragen bringen das nur an die Oberfläche.

FDP und SPD, die früher einmal politische Parteien zu sein pflegten, sind in den letzten Jahren (SPD) oder Monaten (FDP) vollkommen von der ernstzunehmenden Bühne verschwunden, insbesondere die SPD schlingert tragisch und traurig vor sich hin (was wohl nicht mal explizit daran liegt, dass ihr Popularkulturlismusbeauftragter Vorsitzender ist. In Hamburg und Baden-Württemberg zeigt sich das ganze Drama in den grotesken Pirouetten rund um Familien- und Schulpolitik (Hamburg) und Stuttgart 21 (BaWü). Es kann kein Zufall sein, dass die Auseinandersetzung um Atomkraft, Hartz IV und Stuttgart eher CDU und Grüne als die eigentlichen Kontrahenten sieht, als die politischen Gegenpole, als die beiden Gruppen, die in diesen Fragen tatsächlich Vorschläge anzubieten haben, die sich nicht an Umfragewerten sondern an Programmarbeit und Überzeugungen orientieren.

In naher Zukunft halte ich es für möglich und wahrscheinlich, dass CDU udn Grüne die jeweils tragende Kraft von Regierungsbündnissen werden - und sich den zum jeweiligen Zeitpunkt halbwegs passenden Partner aus den anderen Parteien suchen, der sie am wenigsten behindert. Deshalb hat sich auch in vielen Politikbereichen so wenig geändert, als die SPD im Bund durch die FDP ersetzt wurde.

Und damit sind wir bei Schwarz-Grün. Ich war ein Anhänger dieses Bündnisses und halte es weiterhin für gut, dass wir es in Hamburg haben. Nicht nur, weil es Optionen erweitert hat, sondern vor allem, weil sich zeigt, dass eine programmatisch halbwegs kosistente Partei tatsächlich in einem Zweckbündnis einfache ist als eine populistische Schlingergemeinschaft. Die berühmte vertrauensvolle Stimmung, you know.

Aber Schwarz-Grün funktioniert nicht. Denn mit einer unsicheren, vor allem unpolitischen Partei zu regieren, ist dann trotz allem denkbarer als mit einer anderen sicheren, wertegetriebenen Partei, die tatsächlich ein politisches Ziel verfolgt. Während die so genannte Große Koalition funktionierte im Bund, weil es eben keine auf Augenhöhe war, leidet Schwarz-Grün faktisch am Große-Koalition-Syndrom - und kann nur ein Übergang sein.

Gerade die beiden politischen Antagonisten für die nächsten Jahre, eben CDU und Grüne, die bereits jetzt die politische Diskussion treiben, werden nur im Notfall koalieren können. Sicher: Hamburg ist genau dieser Notfall, da die Linke eine (wenn auch konsistente) Fundamentalopposition ist und die SPD, gerade hier in der Stadt, vollkommen regierungsunfähig, sowohl personell als auch programmatisch.

Es wird spannend werden: CDU und Grüne werden mehr und mehr um die gleichen Wähler buhlen - den Teil der Bevölkerung, der politisch interessiert ist und dem wichtig ist, dass Politik mit einer Haltung (sic!) und einer Position verbunden ist, die sich nicht alle drei Wochen ändert. Und beide werden sich für eine Regierung um Partner bemühen, die sie möglichst wenig behindern (und hier ist für die Grünen das eigentliche Dilemma, denn die SPD, die unser "natürlicher" Partner wäre, wird sich mit ihrer neuen Rolle a la FDP nicht so leicht abfinden). Ein Weg könnte sein, weiterhin auf den Regierungschef zu verzichten - und die an sich unsinnige Tradition (die ein deutscher Sonderweg ist) zu beenden, dass die größte Partei oder die inhaltiche führende diesen Posten besetzen muss.

23.9.10

Partner und Coach statt Evangelist

Nein, ich fange nicht schon wieder an. Zu den Beratungsscharlatanan und Evangelisten habe ich schon oft genug was gesagt. Machen wir es mal positiv. Denn nach meinen Rants werde ich immer wieder gefragt: "Worauf kommt es denn nun an?"

Heute morgen hatte ich dazu ein sehr interessantes kurzes Gespräch via Twitter mit Kai Hattendorf von der Messe Frankfurt - also einem Unternehmensvertreter, der tendenziell solche Beratung einkaufen würde, wenn er sich nicht selbst gut auskennte.
(disclosure: Kai und ich kennen uns schon ewig, seit unserer gleichzeitigen Gigs bei verschiedenen dpa-Unternehmen, dann war ich mal in einem super spannenden Think Tank, den er ins Leben gerufen hatte.)

Hier der gesamte Dialog, dem nichts hinzuzufügen ist. Denn so ist es. So wird gute Beratung sein. Die Mischung aus Erfahrung im Coaching und Erfahrung in der Umsetzung, gemischte Teams aus strategischen Köpfen und jungen Wilden, Begleitung, nicht Bevormundung, Insourcing eher als Outsourcing.
(Und achtet nicht auf die Zeitangaben, ich habe nicht alle Screenshots gleichzeitig gemacht und hinterher den Dialog zusammen gebastelt. Sind übrigens Echofon für Mac Screenshots.)

21.9.10

Das leuchtet mir nicht ein

Ich bin ja als Vater von vier Kindern und Höchstsatzzahler von allem, was Kingergärten in dieser Stadt betrifft, überproportional betroffen. Und trotzdem leuchtet mir die Volksinitiative für kostenfreie Kindergärten nicht ein.

Einerseits klingt es verlockend: Kostenfrei, sechst Stunden, ab zwei Jahren - alles Punkte, von denen ich profitieren würde, zweifellos. Aber: kostenfrei stimmt ja nur oberflächlich. Denn auch der (wie immer man ihn selbst empfindet, aber trotz allem angesichts der Gesamtkosten noch) moderate Elternbeitrag muss dann aus dem Haushalt finanziert werden - und das heißt aus Steuern.

Und hier liegt ein Problem: Denn das Steuersystem ist in diesem Land grundsätzlich nicht gerecht. Faktisch (angesichts der jeweiligen Leistungsfähigkeit) bedeutete eine Steuerfinanzierung der Kindergärten, dass die Mittelschicht die Kindergärten alleine finanzieren wird, während die einkommensstärksten Gruppen faktisch entlastet werden (die Eltern, die keine Steuern zahlen, weil sie zu wenig verdienen, zahlen auch jetzt kaum Kingergartenbeiträge).

Jede Umschichtung des einkommenabhängigen Elternbeitrags ins Steuersystem kommt also eine Umschichtung der Lasten von oben nach unten gleich. Das kann nicht im Sinne von Eltern sein, die ihre Sinne beieinander haben (und schon gar nicht von Linken und SPD, die entweder schon ihre Unterstützung angekündigt haben oder noch schwimmen. Kein Wunder, dass die Neokonservativen um Scheuerl auf den Zug aufspringen, passt ihm zumindest wirtschaftlich in den Kram).

Das heißt nicht, dass ich die letzten Beitragserhöhungen nicht für einen Fehler halte, der dringend korrigiert werden muss. Aber die mittlere und untere Mittelschicht zu faktischen Alleinfinanzierern der Kindergärten zu machen, halte ich für noch falscher.

Update 22.9.
Im Verlauf der Debatte über die Initiative des LEA sind noch einige weitere wichtige Argumente aufgetaucht, die mich zweifeln lassen, dass dies der richtige Weg ist, den die Initiatoren vorschlagen. Also wenn die sozialen Gründe nicht stimmen sollten (siehe Kommentare, ich bin da auch noch unsicher), dann gibt es mindestens zwei weitere:
(1) Wenn es wirklich um frühkindliche Bildung geht, die kostenfrei und wichtig sein soll, dann muss sie auch verpflichtend sein. Kindergartenpflicht = Kostenfreiheit. Zugleich bedeutet das dann aber auch, dass anders ausgebildetes Personal nötig ist.
(2) Wenn es um sechs Stunden geht - und das fordert die Initiative als Rechtsanspruch - kann es nicht ausschließlich um Bildung gehen, sondern dann geht es eben auch um Kinderbetreuung. Und es ist zwar vielleicht wünschenswert für uns Eltern, aber schlicht nicht einzusehen, warum wir für die Betreuung unserer Kinder nicht auch einen (kleinen) Beitrag leisten sollen. Und weil das "klein" in diesem Zusammenhang so oft bestritten wird: Wo bitteschön könnte ich für 500 EUR im Monat (Höchstsatz, also als Gutverdiener) eine 12-Stunden-Betreuung für mein Kind an fünf Tagen in der Woche bekommen (mal abgesehen davon, ob das wünschenswert ist)? Wie will ich mein Kind für 21 EUR vier Wochen lang voll mit allen Mahlzeiten versorgen?

Ich denke, dass die Diskussion schief ist. Ich könnte ja auch freie Heimplätze für meine Großeltern fordern, damit ich da nicht bei Pflegestufe 3 noch 2.000 EUR im Monat zubezahlen muss (meine Großeltern, so sie noch leben, sind noch nicht pflegebedürftig, das war nur ein Beispiel).

Es ist viel im Argen in Kindergärten und im Gutscheinsystem. Die Initiative greift aber die falschen Punkte an.

16.9.10

No logo!

Ich dachte, logo! sei eine gute Nachrichtensendung. Meine beiden jüngeren Kinder sehen die Kindernachrichten im Kika um kurz vor acht abends gerne. Vor allem Tertius, dem das auch wichtig ist. Da ich meistens Quarta parallel dazu ins Bett bringe, sehe ich es fast nie (hab jetzt aber mal den Podcast abonniert). Nun wollte Quarta auch mal wieder und ich hab mich daneben gesetzt. Und mich richtig geärgert über die logo!-Sendung gestern abend.

Drei Themen - eines aktuell, eines willkürlich und eines alt, dazu Wetter und was Buntes. Und über alle Teile konnte ich nur den Kopf schütteln.

Haushaltsdebatte
An sich klasse, dass logo versucht, Kindern zu erklären, was im Bundestag passiert. Aber der gesamte Unterton der Moderatorin und des Beitrags aus dem Parlament war von Verachtung geprägt - was am Ende im Tierklamauk noch mal aufgegriffen wurde. Wir lernen: Politiker sind Idioten, die sich streiten um des Streitens willen. Ich mag Politikverachtung nicht, selbst wenn ich persönlich viele aktive Politiker anstrengend finde.
Der Hammer war aber das Erklärstück, was denn der Haushalt sei und warum darum gestritten wird. Neben einem sachlichen Fehler (Regierung statt Parlament beschließe den Haushalt und streite sich - was ich wirklich schlimm finde, weil schon viele Erwachsene nicht wissen, was der Unterschied zwischen Parlament und Regierung ist, das aber in einer und für eine Demokratie echt wichtig wäre) hat mich das wirklichkeitsfremde und patriachale Familienbild wirklich geärgert: Leon (soviel zur Zielgruppe von logo) hat einen Vater, der arbeiten geht, und eine Mutter, die einkauft. Na toll. Quer zu allen Schichten und Klassen ist das ja nun wirklich nicht mehr Realität - und kommt mir nicht mit Vereinfachung. Was lernen meine Kinder? Mama geht nicht arbeiten und Papa nicht einkaufen. Beides stimmt nicht.

Tigersterben
Ok, ein Kinderthema. Etwas banal aufbereitet, etwas erratische Bilder (wieso Jäger in sovjetischen Uniformen?), etwas ziellos am Ende. Aber in Ordnung so weit, finde ich.

Vulkanasche und Flugzeuge
"Ey, das kenn ich schon, das war früher mal bei pur plus", sagte Tertius - und sogar Quarta konnte sich daran erinnern. Ja, gestern war (sagt logo) eine Konferenz auf Island, wo es um das Thema ging, aber so völlig aus dem Off? Mit einem Beitrag, den meine Kinder schon kannten? Finde ich für eine Nachrichtensendung echt schwach. Auch wenn der Beitrag selbst ja gut ist.

Bis gestern dachte ich, logo ist echt gut. Höre das auch von Freunden, deren Kinder es sehen und denen es gefällt. Vielleicht hatte ich Pech, darum werde ich mir die nächsten Tage den Podcast ansehen. Aber diese Sendung hat mich wirklich geärgert, sagte ich das schon?

9.9.10

Und dann war ich offline

Ich wollte noch was schreiben, dazu, wie es war, mal wieder wirklich offline zu sein für zwei Wochen. Als ich im August Urlaub hatte. Und dann war ich wieder online und hab es verdrängt. Aber da Stephan Uhrenbacher gestern seine Erfahrungen und Schlüsse aufgeschrieben hat, ziehe ich nun doch noch mal nach.

Auf meiner Homepage (ja, so was hab ich wieder) nenne ich mich "realtimeweb immigrant". Obwohl ich (unter beruflichen Gesichtspunkten) dieses Echtzeitweb für überbewertet halte, nutze ich es persönlich mit großer Freude und intensiv. Deshalb war ich gespannt, wie mir das Experiment gelingen und gefallen würde. Die letzten Jahre habe ich auch im Familienurlaub immer irgendwie gearbeitet und war online - einerseits erreichbar für Mails und um dann doch noch mal in Projekte einzugreifen, andererseits via twitter, flickr, facebook.

Schritt 1: die richtige Vorbereitung
Schon über eine Woche vor dem Urlaub habe ich auf Twitter darauf hingewiesen, dass ich zwei Wochen offline sein werde. So ganz habe ich mir nicht vertraut, aber so war ich im Zugzwang. In der Agentur habe ich mit den Kolleginnen, mit denen ich an aktuellen Projekten saß, genauer besprochen, wie ich für den Notfall erreichbar sein werde (nicht per Mail, nur per SMS und dann einem Rückruf meinerseits). Zum ersten Mal habe ich bei meiner privaten Mailadresse eine Nichterreichbarkeitsnachricht hinterlassen. Im Blog und auf Facebook habe ich mich ordnungsgemäß verabschiedet. Vorbereitung ist wichtig, auch um Erwartungsmanagement zu betreiben. Wer mich länger kennt, wird zwar wissen, dass E-Mail ohnehin der langsamste Weg ist, mit mir Kontakt zu haben, aber immerhin.

Schritt 2: Das Abschalten
Am Morgen, an dem es losging in den Urlaub, habe ich Mail auf dem iPhone abgeschaltet und die Social-Media-Apps in einen Ordner gepackt und ganz nach hinten verschoben, auf den vierten Bildschirm. So waren sie irgendwie da, aber eben doch nicht in der Nähe. Alle Push-Notifications habe ich ausgeschaltet (und die meisten seitdem auch nicht wieder eingeschaltet übrigens, außer bei Sport1, Fußballs wegen). Datenroaming habe ich vorsichtshalber gleich mal deaktiviert, so dass auch nicht aus Versehen irgendwas durchgestellt wird, ebenso die Wifi-Funktion - nicht, dass ich durch ein in Dänemark ja durchaus nicht unübliches öffentliches Wifi in Versuchung geführt werde.

Schritt 3: Der Entzug
Ich war mir nicht sicher, wie ich reagieren werde. Denn bisher habe ich es zwar oft so gemacht, dass ich den "großen Rechner" das ganze Wochenende aus hatte, aber so ganz ohne Datenverbindung? Höchstens mal am Reitwochenende in Hochfeldhufe, weil das Telekomnetz da keinen Empfang hat, ha. Und ja, klar, ich hab auch immer mal einen Tag lang nicht getwittert oder so. Aber vor zwei Wochen hatte ich irgendwie Angst. Aber ich hatte es versprochen - meiner Süßen und meinen Kindern (denn die durften auch keine DVDs mitnehmen und keinen DS, außer für die Fahrt).

Am Überraschendsten war für mich, dass ich zwar an den ersten zwei Tagen immer mal dachte, dass ich mich ja hier einchecken könnte (hey, ich wäre Mayor von allen Orten auf Læsø), dass ich dies oder das twittern könnte - dass genau dies aber nachließ. Und weil ich die meiner Süßen eigentlich abgetrotzten Ohrstöpsel (für die Hörbücher auf dem Weg zum Bäcker oder mit dem Hund morgens früh) zu Hause vergessen hatte, lag das nun zum Telefon degradierte iPhone als Wecker und Taschenlampe neben meinem Bett - und wurde nur ein, zwei Mal am Tag für den SMS-Check eingeschaltet. Insofern ging der Entzug leicht.

Schritt 4: Das Nippen
Und dann war ich doch einmal online. Einer Freundin hatte ich versprochen, einen Text für sie zu verfassen, das hatte ich nicht rechtzeitig abgeschickt. In Vesterø also ein offenes Wifi gefunden, die Mail abgeschickt - und dabei diesen einen Tweet statt Karten geschickt und mich einmal bei Latitude finden lassen, damit im Blog sichtbar ist, wo ich bin. Geschafft, nicht auf die Twitter-Replys zu gucken, die in der Zwischenzeit aufgelaufen waren. Beim notgedrungenen Ausflug aufs Festland dann noch einmal online gewesen, die Fähre hat ein offenes Wifi, aber Twitter und Facebook und sogar Foursquare keines Blickes gewürdigt. Fein, geht doch.

Schritt 5: Das Zurückkommen
Zurück in Hamburg habe ich alles wieder eingeschaltet, die Social-Media-Apps weiterhin in einem Ordner gelassen, aber auf dem ersten Homebildschirm immerhin. Wieder losgelegt. Aber: Ähnlich wie Stephan es in seinem Post beschreibt, habe auch ich ein paar Dinge geändert.

Ich checke mich weniger ein. Immer noch viel, aber nur noch, wenn ich dran denke und Lust dazu habe. Ich lasse das iPhone bewusst in der Tasche, wenn ich in Gesprächen bin oder im Restaurant sitze (wodurch ich mich da auch weniger einchecke, was fast schade ist, aber damit kann ich leben). Und ich habe gemerkt, wofür ich all dieses Echtzeitdingens mag und wofür nicht. So wie das Blog ganz am Anfang (früher, als man fett noch mit "o" schrieb, 2003 und so) so etwas wie die virtuelle Raucherpause war und Twitter eine Überbrückung von Wartezeiten.

Dann hat es sich breit gemacht und immer mehr den Alltag durchzogen. Aus meinem Alltag ist es nur noch schwer wegzudenken, weil ich einen großen Teil des "white noise" und der Nachrichten und Infos, die mich privat und beruflich interessieren, daraus ziehe. Es muss und wird auch nicht aus dem Alltag rausgehen. Aber zum einen aus Teilen der Familienzeit. Und zum anderen habe ich seit dem Experiment mehr darauf geachtet, dass dieser permanente Strom aus Gesprächsfetzen nicht mehr so disruptiv ist. So wie ich auch schon lange ausgeschaltet habe, dass ich informiert werde, wenn neue E-Mails da sind.

Fasten hilft, Genuss, Essen, Trinken und so weiter bewusster wahrzunehmen. Fasten hat mir auch geholfen, genauer festzustellen, warum ich was mache, wenn ich on bin.

31.8.10

Feuern Sie Ihren Social Media Berater / Fire Your Social Media Consultant

Heute halte ich einen neuen Vortrag, der allerdings thematisch nicht so neu ist. Wer in der letzten Zeit den einen oder anderen Text von mir gesehen hat, weiß, dass ich dazu neige, mit der eigenen Zunft kritisch umzugehen. Oder mich abzusetzen. Wie man es nennen will. Jedenfalls spreche ich beim Social Media Summit 2010 über das Thema "Feuern Sie Ihren Social Media Berater". Meine zehn Thesen dazu (denen ich als nullte noch voranstelle, dass jeder gefeuert werden sollte, der Top-10-Check-Dingens-Listen schreibt) sind diese:
(Unten auch die Folien dazu. Und falls ich mich an mein grobes Manuskript halten sollte, stelle ich das nachher auch noch hier rein. Update: Manuskript unten)
  1. Feuern Sie ihn, wenn er die gleiche Geschichte als seine erzählt, die Sie schon kennen.

    Fire him, if he tells all the old stories as if they were his own.
  2. Feuern Sie ihn, wenn er Sie nicht als erstes nach Ihrer Kommunikationsstrategie fragt.

    Fire him, if your communications strategy is not the first thing he wants to know.
  3. Feuern Sie ihn, wenn er meint, Sie müssten Ihr Business neu denken.

    Fire him, if he says you have to rethink your entire business.
  4. Feuern Sie ihn, wenn er sagt, Sie müssen auf jeden Fall auf Facebook sein.

    Fire him, if he says you must be on Facebook.
  5. Feuern Sie ihn, wenn er erst 2005 oder noch später angefangen hat zu bloggen.

    Fire him, if he started his blog in 2005 or later.
  6. Feuern Sie ihn, wenn er von Digital Natives redet.

    Fire him, if he talks about Digital Natives.
  7. Feuern Sie ihn, wenn er Ihnen mit Kryptonite oder Jack Wolfskin Angst machen will.

    Fire him, if he tries to frighten you with Kryptonite or Jack Wolfskin.
  8. Feuern Sie ihn, wenn er Jugend für ein Qualitätsmerkmal hält.

    Fire him, if he thinks youth is a quality.
  9. Feuern Sie ihn, wenn er bei Ihnen im Kapuzenpulli auftaucht.

    Fire him, if he shows up in a hoodie.
  10. Feuern Sie jeden, der sich Social Media Berater nennt.

    Fire every guy who calls himself a Social Media consultant.





Der kanadische Kollege Alex Blom hat übrigens gerade einen ähnlichen Post geschrieben, den ich empfehle...

Update 21.2.2011
Das Video, das auf der Konferenz angefertigt wurde, kann ich nun auch einbinden, einfach mal der Vollständigkeit wegen, auch wenn es schon lange her ist. ok?

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