9.12.09

Echtzeit und Longtail

Gestern früh fragte Sachar Kriwoj: "Ist das Real-Time-Web eigentlich das Ende des Long Tail?" Und es entspann sich eine erst spannende, dann zunehmend unergiebige Diskussion zwischen Sachar, Björn Eichstädt und mir auf Twitter über diese Frage. Und dann war da noch der mehr oder weniger verwandte Blogbeitrag von Klaus Eck zum Thema Echtzeitweb und PR, der mich geärgert hat, bis Tapio Liller (guter Mann!) darauf richtig und erschöpfend geantwortet hat. So weit zum Kontext.

Der größere Kontext ist, dass Google am Tag vorher einige neue Instrumente vorgestellt hat - zunächst nur für die US-Version -, die das "Echtzeitweb" (dazu gleich mehr) für den "gemeinen User" erschließbar machen, indem es besser in die normale Google-Suche integriert wird.

Ändert sich nun alles, wie die Apologeten des Hype unterstellen (siehe Klaus' Beitrag)? Oder bedeutet es, dass aus Nischen auf einmal der Mainstream wird (wie ich Sachars Frage interpretiere)?

Meine Meinung: Nein. Und Nein.

Sicher - das Echtzeitweb, das in der Vulgärdiskussion meistens irgendwie mit Twitter enggeführt wird, wird durch die Integration in die großen Suchmaschinen im Prinzip für jeden sichtbar, also auch für die, die es selbst nicht nutzen. Aber was ändert das in der Praxis? Was ändert das für Menschen, die in Organisationen für die Kommunikation zuständig sind, was ändert das für die Organisation? Ich denke: Zunächst nichts. Denn zum einen sind wichtige Multiplikatoren (wie Journalisten, ja wirklich, oder reichweitenstarke Blogger oder Rednerinnen) ohnehin bereits jetzt aktiv im Echtzeitweb - und das Ignorieren dieses Phänomens ist schon mindestens ein Jahr lang fahrlässig. Und zum anderen bedeutet die Integration des Echtzeitweb in den - nennen wir es mal so - Web-Mainstream noch lange nicht, dass die volatilen Gespräche und Inhalte tatsächlich stärker wahrgenommen werden.

Und das hängt damit zusammen, dass ich jedem widerspreche, der die Mainstreamisierung des Echtzeitweb (und ja, faktisch ist die Integration in die großen Suchmaschinen genau das, das stimme ich zu) mit einem Ende des Longtail verbindet.
ganz kurz und etwas zu holzschnittartig, um Björn zufrieden zu stellen: Longtail meint, dass Kleinvieh auch Mist macht. Dass es jede Menge Nischen gibt, die in sich hochrelevant sind und zusammen genommen riesig. Dass Reichweite (siehe das Zeitalter der Hits und Blockbuster) abgelöst wird durch kontextuelle Relevant.
So wie Suche, und hier insbesondere Google seit seiner Gründung 1998, der Katalysator des Websseiten-Web war und weiterhin ist (Katalysator = Beschleuniger), so ist die Integration des Echtzeitweb und des Social Web in die Suche wiederum der Katalysator des Longtail.

An sich ist Suche bereits Longtail pur - denn obwohl das Suchen selbst Mainstream ist (fast 90% aller Onlineaktivitäten beginnen mit Suche), ist der Suchvorgang meistens Longtail, meistens sehr speziell und Nische. Und in den Nischen werden die Nischen des Echtzeitweb nun verfügbar. Ja, auch die großen Themen, aber die waren auch anders auffindbar. Das eigentlich spannende an dem, was gerade passiert, ist aber - davon bin ich überzeugt -, dass die Nischen sichtbar werden für die, die sie suchen, sich für sie interessieren. Und damit werden sie relevanter innerhalb ihrer Nischen, vielleicht auch leicht größer, aber eben noch lange nicht Mainstream.

Das Edchtzeitweb und das Social Web gehören an dieser Stelle zusammen - wenn eben Ergebnisse meiner Suchanfragen ergänzt werden durch minutenaktuelle Diskussionen oder Statements zu diesem Thema und durch Meinungen meines Nahraums, meiner Kontakte im Social Web.

Beides ändert nichts - aber es bildet die Realität in den Nischen, im Longtail ab.

Und darum, ja, da stimme ich Igor Schwarzmann zu, wenn er gestern gesagt hat: "Googles Schritt ist ein game changer, weil es alles beschleunigt." Was erstmal wie ein Widerspruch klingt, wenn ich direkt vorher sage, es ändere sich nichts.

Aber echte Game Changer sind eben oft solche, die an sich nichts ändern. Aber das ist noch mal ein anderes Thema, spätestens im Mai.

Kommentare:

  1. Der Beitrag war ja wirklich schön, auch dass Du mich zufrieden stellen magst freut mich. Und Du hast es ja auch fast geschafft. So lange, bis dann die Behauptung kam, dass Suche "Long Tail" ist. . . . NEIN. Auch die Suche bildet sowohl Mainstream - als auch Long Tail ab. Die meisten suchen Mainstream. Und deshalb sieht dann eine Abbildung von Suchbegriffen einfach mal SO aus (habe ich gegoogelt ;-)): http://farm3.static.flickr.com/2566/3918987487_75ab5a2cd2.jpg

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  2. Danke für die Blumen, Björn :) und Widerspruch im Detail zu deinem Nein: Ja, Suche bildet beides ab, aber es stimmt nicht, dass "die meisten" Mainstream suchen. Sondern nur, dass es Themen gibt, die "am meisten" gesucht werden. Das ist ein großer Unterschied! Die meisten suchen Nischen - Millionen von Nischen. Und dann suchen noch viele im Mainstream. Aber ich bin mir sicher, ohne jetzt konkrete Zahlen zur Hand zu haben, dass die Summe der Nischensuchen die Summe der Mainstreamsuchen so krass hinter sich lässt, dass es geradezu idealtypisch für die Longtailkurve ist, die ja auch die verlinkte Grafik abbildet....

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  3. Danke für das Aufreifen der Frage - gestern und heute.

    Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, wohin die Reise geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Long Tail sterben wird. Dafür ist die Theorie viel zu fundiert. Auf der anderen Seite sehe ich eine echte Kollision zwischen Echtzeit und Long Tail. Suche ermöglicht oder besser erleichtert dem Long Tail sein Fortleben. Nur: Wozu suchen, wenn der Live-Feed einem Fundstücke liefert? Natürlich bildet er nicht meine absolute Sphäre ab, und darum muss man weiterhin suchen. Darum wird der Long Tail auch weiterhin bestehen. Ebenso wie das Echtzeitweb. Nebeneinander und in gewisser Weise auch miteinander.

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  4. Wenn es idealtypisch die Kurve abbildet, dann ist die Mehrzahl Mainstream.

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  5. @Björn: äh - nein, denn die Kurve erreicht nie die null, damit KANN der "short head" niemals größer sein als der Longtail - und damit ist die Aussage falsch, er bilde die Mehrheit, denn für die Mehrheit muss der Short Head größer sein als der Longtail. Das aber ist mathematisch unmöglich (leg dich nicht zum Thema Mathe mit mir an, oder ich hole meinen ältesten Sohn hier rein, ey. hihi)

    @Sachar: Ja, darum suchen du und ich auch nicht mehr so viel. Aber rund 90% tuns. :)

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  6. Natürlich erreicht die Kurve null. Die Zahl der Begriffe, die gesucht werden ist endlich, nicht unendlich. Selbst in allen Sprachen der Welt und mit allen Begriffen ist das Ganze nicht unendlich. Das ist wie Songs bei iTunes. Wann erreicht das Ding null? Bei dem Begriff, der nicht mehr gesucht wird z.B. der, den es noch nicht gibt - Begriffe, die erst noch geschaffen werden etc. Worte sind endlich.

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  7. Sascha Stoltenow10.12.09

    Aaaargh, so ein bisschen ärgelich macht mich das schon, was so mancher hier und anderswo schreibt. Klaus Eck spricht, wie mache andere auch, von neuen Kulturtechniken. Mir würde es wirklich langen, wenn wir mit Lesen, Schreiben und Rechnen anfangen. Das langt dann auch um die Internettechniken zu bedienen.

    Sachar spricht davon, dass der long tail theoretisch fundiert sei. Welche Theorie, bitte, und zwar wissenschaftstheoretisch. Unbestritten, long tail ist extrem plausibel, und das reicht mir auch.

    Und dann wieder mein Lieblingsthema: Die angebliche grundsätzliche Änderung von allem, inkl. der Unternehmenskommunikation. Leider, liebe Leute, habe ich von keinem der Social Media/PR Experten bislang gehört, was denn eigentlich die ursprünglichen Kernaufgaben sind, die sich nun angeblich ändern sollen. Macht Euch doch mal bitte, ähnlich wie Tapio und Wolfgang, die Mühe das zu bearbeiten. Vermutlich werdet Ihr am Ende des Tags da rauskommen, wo die "gute" PR schon immer war. Es kommt auf die Inhalte an, allerdings - und das ist der Wandel - im Rahmen einer Neubegründung von Hierarchie und Organisation.

    Das ist zwar bolle langweilig und entspricht so gar nicht der Erwartungshaltung einiger im Publikum (mein Eindruck vom ersten 2.0 Forum in Hamburg), wirkt aber. Natürlich nicht, wenn das eigene Geschäftsmodell darin besteht, einen Wandel nach dem anderen auszurufen und die Kunden zu verunsichern.

    Welchen Sinn haben hektisch Antworten ohne Verbindlichkeit? Unternehmen brauchen Zeit, um verbindliche Antworten geben zu können. Sie sind Verbindlichkeitsherstellungsmaschinen. Sie verdienen natürlich kein Mitleid, wenn sie irren. Der größte Irrtum aber wäre, wenn sie auf den Zug der Unverbindlichkeitskommunikation aufsprängen.

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  8. Sascha Stoltenow10.12.09

    Aaaargh, so ein bisschen ärgelich macht mich das schon, was so mancher hier und anderswo schreibt. Klaus Eck spricht, wie mache andere auch, von neuen Kulturtechniken. Mir würde es wirklich langen, wenn wir mit Lesen, Schreiben und Rechnen anfangen. Das langt dann auch um die Internettechniken zu bedienen.

    Sachar spricht davon, dass der long tail theoretisch fundiert sei. Welche Theorie, bitte, und zwar wissenschaftstheoretisch. Unbestritten, long tail ist extrem plausibel, und das reicht mir auch.

    Und dann wieder mein Lieblingsthema: Die angebliche grundsätzliche Änderung von allem, inkl. der Unternehmenskommunikation. Leider, liebe Leute, habe ich von keinem der Social Media/PR Experten bislang gehört, was denn eigentlich die ursprünglichen Kernaufgaben sind, die sich nun angeblich ändern sollen. Macht Euch doch mal bitte, ähnlich wie Tapio und Wolfgang, die Mühe das zu bearbeiten. Vermutlich werdet Ihr am Ende des Tags da rauskommen, wo die "gute" PR schon immer war. Es kommt auf die Inhalte an, allerdings - und das ist der Wandel - im Rahmen einer Neubegründung von Hierarchie und Organisation.

    Das ist zwar bolle langweilig und entspricht so gar nicht der Erwartungshaltung einiger im Publikum (mein Eindruck vom ersten 2.0 Forum in Hamburg), wirkt aber. Natürlich nicht, wenn das eigene Geschäftsmodell darin besteht, einen Wandel nach dem anderen auszurufen und die Kunden zu verunsichern.

    Welchen Sinn haben hektisch Antworten ohne Verbindlichkeit? Unternehmen brauchen Zeit, um verbindliche Antworten geben zu können. Sie sind Verbindlichkeitsherstellungsmaschinen. Sie verdienen natürlich kein Mitleid, wenn sie irren. Der größte Irrtum aber wäre, wenn sie auf den Zug der Unverbindlichkeitskommunikation aufsprängen.

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  9. Sascha Stoltenow10.12.09

    keine ahnung, warum das zweimal erscheint, so wichtig is es auch nich.

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