23.10.09

Wir hatten die Pest*

Wie so oft sind die sozialen Implikationen gefährlicher und ansteckender Krankheiten ja fast interessanter als die Krankheit selbst und ihr Verlauf. So wie bei uns neulich mit der Pest*. Der Verlauf war, wie in den letzten Monaten wohl üblich in Deutschland, mehr als mild, der Betroffene war nach zwei Tagen wieder fit, das größte Leiden löste die gut zehntägige Einzelhaft aus, die mit der Seuche einhergeht.

Wirklich interessant aber war der Umgang des Umfeldes mit der Erkrankung.

Das begann schon damit, dass die Diagnose etwas - äh - holperig war. "Keine Sorge, nur Neue Influenza A", hieß es erst, wir haben dann aber selbst gemerkt, dass dieses ja recht eigentlich die Pest* ist. Nunja. Sehr zügig immerhin hat sich dann das Gesundheitsamt gemeldet und uns genaue Verhaltensanweisungen gegeben. Problem: Diese Anweisungen sind nur halbkompatibel mit den Bedürfnissen des Umfeldes.

Also ging das Opfer in Quarantäne. Aber eben nur das Opfer. Nicht der Rest der Familie.

Die eigentlich spannende Frage ist dann: Sollen wir es anderen sagen oder nicht? Wir entschieden uns für offene Information (hey, das propagiere ich im Beruf auch) - und können nun jede verstehen, die sich anders entscheiden.

Wir haben alles drei erlebt: Besorgte Anrufe, die sich nach dem Opfer erkundigten und ihm Mut machten, besorgte Anrufe, die sich nach dem Opfer und vor allem den anderen erkundigten und sich selbst Mut machten - und eben die Paniker, die nicht anriefen, sondern sich das Maul zerreißen.

Die Frage, ob nicht der Rest der Familie auch besser in Quarantäne sollte, kann ich verstehen - die Kritik daran, dass wir es nicht tun, nicht, schon gar nicht, wenn sie nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wird. Wie stellen sich die Leute das vor, wenn das Gesundheitsamt dazu eine klare Position hat und also die Kinder in die Schule müssen und die Erwachsenen zur Arbeit?

Erschreckend geringe Medienkompetenz unter Akademikern führt dann teilweise dazu, dass panikverursachende Uraltmeldungen via "das Internet" die Stimmung prägen. Nicht überall, aber immer mal wieder.

Ja, es gab Leute, die klasse und verantwortungsvoll und panikvermeidend agiert und kommuniziert haben, denen haben wir das auch gesagt und uns bedankt - und es gab solche, die massiv in unsere Privatsphäre eingegriffen haben, die aus Leitungspositionen heraus Panik verstärkt und Gerüchte im Stadtteil verbreitet haben.

(Gipfel war, um das mal konkret zu fassen, dass eines der Kinder mit leicht geröteten Augen nach Hause geschickt und dann offenbar in einer anderen von unserer Familie besuchten Schule angerufen wurde, es sei der zweite Fall von Pest* in der Familie aufgereten. Zumindest ist es so bei denen angekommen, was wir Tage später durch Zufall erfahren haben.)

Zweieinhalb Lehren:
  • Dem Stress mit Quarantäne und Pest* folgt der Sozialstress auf dem Fuß, wahrscheinlich sollten Betroffene weit offensiver und klarer und proaktiver und fordernder die aktuellen Regeln, die im Krankheitsfall gelten, weiter erzählen, als wir es getan haben. Das war blauäugig.
  • Das Vertrauen, dass gebildete Menschen erst denken und dann reden oder handeln, ist nicht unerschütterbar.
  • Die Pest* ist echt nicht schlimm, zumindest zurzeit und zumindest bei uns hier.


  • Es war kein Spaß, auch wenn ich inzwischen darüber lachen kann. Auf die noch nicht formale Beschwerde bei einer beamteten Leitung angesichts ihres Verhaltens und Eingriffs in unsere Privatsphäre haben wir noch keine Antwort. Kann man in den Ferien wohl auch nicht erwarten. Aber die sind ja nächste Woche vorbei...

    * Weil es ja immer wieder Menschen gibt, die alles wörtlich nehmen: Nein, niemand bei uns hatte die Pest. Wohl aber hatten wir einen Fall von so genannter Schweinegrippe in der Familie. Die geschilderten Verhaltensweisen im Umfeld haben wir aber so erlebt.

    Kommentare:

    1. Mich wundert die Reaktion des Gesundheitsamts. Hier in England, wo es ja massenweise Fälle gab und gibt, bleiben die Familien (Eltern und Geschwister) eine Woche zu Hause, um zu sehen, ob sie ebenfalls schon infiziert sind. Finde ich jetzt auch keine Zumutung, angesichts der Auswirkungen, die Schweinegrippe eben auch haben kann. Die Eltern machen dann "Work from Home", wenn es geht. Ist den Firmen allemal lieber als dass die ganze Firma angesteckt wird.

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    2. Noch eine Ergänzung: Dass die Schweinegrippe nicht schlimm ist, galt vielleicht in Eurem Fall. Eine Bekannte von mir lag ohne Vorerkrankung fünf Wochen völlig flach mit lebensgefährlich hohem Fieber. Und es gibt hier in England viele Todesfälle. So ganz auf die leichte Schulter kann man das nicht nehmen. Auch wenn es Dein Kind nur leicht erwischt hat, kann der gleiche Virus beim nächsten Angesteckten ganz andere Auswirkungen haben.

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    3. Nein, finde ich auch keine Zumutung, aber ist in Deutschland anders und das tendenziell aus gutem Grund - eben weil zurzeit der Verlauf (etwa seit drei Monaten) so mild ist, wenn es eine Ansteckung ist, die hier auftritt. Wobei ich auch bei den nicht gerade wenigen Kollegen in London, in deren Familien es vorkam, überwiegend die milde Form erlebt habe.

      Das interessante des aktuell üblichen Verlauf hier ist auch, dass die allermeisten gar nicht wissen werden, dass sie die Schweinegrippe haben - denn wer geht schon wegen zwei Tagen 38,2 Fieber und ein bisschen Husten zum Arzt? Wir waren auch nur da, weil es die Woche vorher eine schlimme bakterielle Infektion beim gleichen Kind gab und wir Angst vor Rückfall samt Herzproblemen hatten...

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