22.10.08

Zwiegespalten

Ja, ich ärgere mich auch sehr und immer wieder, wenn es Gerichtsurteile gibt, die beispielsweise Kindergärten unter dem Stichwort "Lärm" behindern. Aber weil nicht nur der aktuelle Hamburger Fall (siehe beispielsweise SpOn), sondern auch viele andere Streitigkeiten nicht soooo einfach sind, bin ich nicht mehr so schnell bei der Hand mit meiner Empörung.

Im Fall Othmarschen hier in Hamburg sieht es für mich so aus, als ob der kommerzielle und in seiner Personalpolitik und Medienarbeit umstrittene Träger bewusst das Risiko des Scheiterns eingegangen ist, indem er sich sehr großzügig über das geltende Baurecht hinweg gesetzt hat und die Behörden dann unter Zugzwang setzte. (Das mag jetzt auch verkürzt sein, aber es ist eben auch nicht so eindeutig, wie in der Boulevardpresse suggeriert.)

Und auch der eine oder andere Fall darüber hinaus hat ernst zu nehmende Hintergründe - beispielsweise das Verkehrsproblem, das unverantwortliche Kindergarteneltern auslösen.

Wir wohnen ja selbst in einer Straße, die direkt an einer Schule liegt. Und was es da an Verkehr kurz vor acht gibt, ist absurd und gefährlich. Nur in den seltensten Fällen halten sich die kurz vor knapp kommenden Mütter und Väter, die ihre Kinder am liebsten bis in das Klassenzimmer mit dem Auto fahren würden, an die Verkehrsregeln - weder an die Parkflächen noch an Spielstraße (maximal im ersten Gang rollen) oder an 30er Zone. Nachdem eines meiner kleineren Kinder zweimal fast vom gleichen Vater überfahren wurde, als es aus unserer Ausfahrt trat, habe ich mir den gegriffen - und er hat nicht mal den Hauch von Verständnis gezeigt.

Das Problem ist meiner Meinung nach, dass es nicht nur einen absurden Bildungstourismus gibt, der zu langen Wegen führt, sondern auch zu viele Eltern, die so unorganisiert sind, dass sie den Morgen einfach nicht gebacken kriegen. Und dann auf den allerletzten Drücker bis auf den Schul- und Kindergartenhof brettern wollen.

Ich habe null Verständnis für Menschen, die Kinder und ihr Spielen als unerträglichen Lärm empfinden. Ich habe genauso wenig Verständnis für Eltern und Einrichtungen, die sich nicht an Mittagsruhezeiten halten. Und ich habe fast noch weniger Verständnis für Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto bis vor die Tür fahren und dabei alle Verkehrsregeln missachten.

Dass es bekloppte Eltern gibt, darf nicht dazu führen, dass es in Wohngebieten keine Kindergärten geben darf, im Gegenteil. Aber so schwarz-weiß, wie die inszenierte Empörung von SterniPark ist, ist es auch wieder nicht.

Kommentare:

  1. Die Strecke vorbei an Kindergarten und Schule ist der mit Abstand gefährlichste Teil meines morgendlichen Radwegs zur Arbeit. Es ist unglaublich, wie rücksichtlos zu den Stoßzeiten dort gefahren und geparkt wird. Es grenzt an ein Wunder, dass dort nicht mehr passiert. Und angesichts der doch zumeist lokalen Einzugsgebiete der Grundschulen und Kindergärten, steigender Spritpreise und zunehmenden Klimawandels wundert es mich auch immer wieder, dass überhaupt so viele Kinder mit dem Auto gebracht werden. Vorbilder verhalten sich m.E. anders.

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  2. Dieser Private-Kinder-Nahverkehr ist eine große Seuche. Hier im Dorf hat das Ausmaße angenommen, da kann ich nur noch den Kopf schütteln. Da werden Kinder für weniger als 500m (!!!) unangeschnallt zum KiGa gefahren, egal wie herrlich die Sonne scheint.

    Ich bin echt mal gespannt, wie wir das in 3 Jahren geregelt bekommen!

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  3. Einerseits verstehe ich die Bedenken von Anwohnern inpunkto Verkehr und Lärm, weil ich direkt neben einer Grundschule wohne. Letztendlich darf man aber nicht vergessen, dass die Kinder genauso zu einer funktionierenden Gesellschaft gehören wie die Rentner - und gegen ein Altenheim hätte dort mit Sicherheit niemand etwas gehabt...

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  4. Und ganz klar: Ich habe null Verständnis für die Anwohner. Und war mir auch nicht sicher, ob ich meine Ambivalenz wirklich hier reinschreiben sollte, weil das Problem ja eher ist, dass die Toleranz für Kinder abnimmt.
    Aber ich bin vielleicht einfach auch altmodisch, weil mir Sachen wie eine MIttagspause oder ein lärmfreier Sonntag (Stichwort Rasenmähen) wichtig sind. Und ich denke, dass Kinder definitiv so früh wie möglich zu Fuß und alleine zu Kindergärten und Schulen gehen sollten. Oder eben mit dem Fahrrad. Ich genieße es sehr, unsere Lütte jeden Morgen, den ich nicht auf Reisen bin, mit dem Fahrradanhänger in ihrem Waldkindergarten abzuliefern, bevor ich dann weiter ins Büro radele. (und ich habe wenig Verständnis für die Mutter dort, die ihre Tochter jeden Morgen mit einem SUV in den Öko-Wald-Kindergarten karrt. Und das, obwohl ich auch den Q7 wunderschön finde.)

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  5. Heute ist die Kampagne der Elterninitiative der Kita Reventlowstraße gestartet. Unter www.kinder-wegsperren.de findet man alle Informationen rund um diesen Fall. Die Initiative setzt sich dafür ein, dass Betreuungseinrichtungen zukünftig nicht mehr wegen unterstellter Lärmbelästigung aus Wohngebieten herausgeklagt werden können. Von der Kampagnenseite aus kann man eine Mail an Ole von Beust schreiben und zu einer entsprechenden Petition an den Bundestag gelangen, die online unterzeichnet werden kann.
    Vielleicht ist dies ja sogar einen weiteren Beitrag wert?

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