16.5.06

Wieder einer weniger

So eine Frau, die von Mitte fünfzig bis Ende siebzig alles sein kann. Gibt es ja. Meine eine Großmutter war auch so eine, die irgendwann wirklich so alt wurde, wie sie seit fünfzehn Jahren aussah - und dann immer so blieb für die nächsten zwanzig Jahre. Es ist der Blick auf die Füße, der dann das Alter etwas genauer eingrenzen hilft. In diesem Fall waren die mit vielen Krampfadern durchzogen und steckten in weißen orthopädischen Schlappen. Also eher im oberen Bereich meiner ersten Schätzung.

Sie stand schon am Tresen des Kreuzberger Grills, als ich dazu kam. Und sagte irgendwann zur Wirtin (heißt das Wirtin bei nem Grill?), völlig aus dem Off, diesen Satz: Wieder einer weniger. Schweigen. Die Wirtin sah hoch. Häh? Na, hier in Kreuzberg, meinte die Frau. Hat sich eine umgebracht, war achtzig.

Genau in dem Moment musste ich niesen, was sie sofort nutzte, um das Gespräch auf mich auszdehnen. Siehste, der junge Mann muss auch schon niesen. Ich drehte mich wieder um. Nein, sie habe es nicht aus der BZ, das spreche sich rum hier, so sei das doch. Schon der dritte Versuch übrigens, Tabletten. Auch kein Wunder, die Kinder (mal ehrlich: Kinder? Bei einer die achtzig ist?) seien eklig, hätten ihr das Leben zu Hölle gemacht, immer wieder gesagt, sie solle besser abkratzen. Der Sohn sei bei Werner gewesen, weil er muss ja jetzt irgendwie alles rausschaffen. Soll er doch die BSR anrufen, du.

Dann bekam sie ihren Kaffee und sinnierte vor sich hin.

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