1.4.06

Todesanzeigen

Die Todesanzeigen gehören zu den ersten Seiten, die ich am Wochenende lese, wenn ich es mal wieder schaffe, in der Zeitung zu blättern. Es ist, denke ich, das gleiche wie bei meiner Vorliebe für Friedhöfe. Die Menschen und ihre nur angedeuteten Geschichten einerseits, ihre Namen andererseits.

Als wir das erste Mal schwanger waren, sind wir fast jede Woche über den Ohlsdorfer Friedhof geschlendert auf der Suche nach Namen, die uns gefallen. Wir haben trotzdem keinen von denen genommen, die da in die engere Wahl kamen.

Hinter Todesdaten und Geburtsdaten, hinter Namen und Familiengräbern lauern die Geschichten. Bei Todesanzeigen kommen die Hinterbliebenen und der Spruch hinzu, der den Tod bekannt gibt. Mein erster Blick geht immer auf das Geburtsjahr, dann auf die Menschen, die unterschrieben haben. Und als drittes suche ich gleiche Namen. Wie die Firma über ihren Chef oder Mitarbeiter spricht, wenn gar drei oder vier Anzeigen zusammen kommen.

Oder so wie heute, wo ein Mensch betrauert wird, der nur wenig älter ist als ich, mit einem Spruch, der einen Unfall oder ein anderes Unglück nahelegt - und drei Seiten weiter taucht er noch einmal auf mit einem anderen Namen zusammen, unterschrieben dieses Mal nicht von der Familie, sondern von Freunden. Diese Kleinigkeiten lassen erahnen, was passiert sein mag und lassen Verbindungen und Beziehungen aufleben.

Aus all diesen Toten spricht mehr Leben als aus den anderen Seiten der Zeitung zusammen...

Kommentare:

  1. Die eine Todesanzeige, die mir auch nach Jahren nicht aus dem Kopf und immer noch nahe geht, war die einer über 60-Jährigen, nur von ihrer Schwester unterzeichnet. Unter den Lebens- / Todesdaten stand nur: "Sie hat so gern gelebt."

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  2. wunderschön, ja. Und auch voller Offenheit für eine bestimmt faszinierende Geschichte. Das ist es, was ich meinte.

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