24.11.05

Wanne-Eickel

Als der Zug gestern durch Wanne-Eickel fuhr und in der Morgendämmerung das, was von der Stadt und den Industriebrachen zu sehen war, trostlos da lag, musste ich daran denken, wie es meiner Großmutter ging, als sie das erste Mal die Familie ihres Verlobten besuchte.

Aus Marburg, wo sie beide studierten, kommend, mussten sie in Wanne-Eickel umsteigen, um nach Witten zu fahren, wo die Familie lebte. Sie hatte kaum einen Fuß auf den Bahnsteig gesetzt, als sie beinahe zu weinen anfing. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Sie kam aus bildungsbürgerlichem Hause an der Mecklenburger Ostsee, genauer: aus Ribnitz, direkt am Bodden, und war zum ersten Mal im Ruhrgebiet und in dieser Form von proletarischer Umgebung. Selbst Rostock, wo sie auf dem Lyceum war, konnte da ja nicht mithalten.

"Lass uns sofort einsteigen und zurückfahren", brachte sie heraus und sah ihren Verlobten, meinen Großvater an. Aber er lachte nur, wie es seine Art war. Dieser Ausflug stand so oder so unter keinem besonders guten Stern. Ihr war alles fremd und seine Familie war von ihr so wenig angetan wie ihre von ihm - seiner war sie zu herb, ihrer war er nicht standesgemäß genug, trotz des Medizinstudiums.

Vielleicht, hat sie später manchmal gesagt, hätte sie wirklich in Wanne-Eickel zurück in den Zug steigen sollen. Dann gäbe es zwar mich nicht, aber ihr wäre manches erspart geblieben. Aber das ist eine andere Geschichte.

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