14.6.05

Vom Konsum der Arbeit

Ich bin immer wieder etwas hin- und hergerissen, was Peter Sloterdijk angeht. Einerseits der Popstar unter den Philosophen, andererseits eine wunderbare, wenn auch etwas verschwiemelte Sprache - und dann noch latent reaktionär, jedoch mit dem Charme der sanften Ironie. Puh. In der Zeit dieser Woche aber finde ich nun ein interessantes Gespräch eben von Sloterdijk mit Tino Sehgal über Kunst, Wirtschaft, Gesellschaft und Futur II (was ja eh kaum noch einer kann). Neben den Überlegungen zu Kunst (und Futur II) haben es mir die Betrachtungen zur Arbeitsgesellschaft sehr angetan, wahrscheinlich, weil ich selbst auch lange schon in diese Richtung denke.
(Sehgal:)Mir scheint es eher so zu sein, dass Beschäftigung heute, gesamtgesellschaftlich gesehen, oft nicht mehr etwas Produktives ist, sondern etwas, das wir konsumieren. Wir konsumieren sozusagen unser eigenes Beschäftigtsein. Die aus der Beschäftigung resultierenden Wohlfahrtseffekte liegen verstärkt im sozialen und psychischen Status, den sie für den Einzelnen generiert. Und natürlich im Einkommen. ...
(Sloterdijk:) Ein amerikanischer Romancier hat jüngst eine Utopie geschrieben von einer Gesellschaft, in der die Bürger der Zukunft dafür zahlen, dass sie arbeiten gehen dürfen. Das ist in der Fluchtlinie Ihrer Reflexion durchaus angelegt. (Zeit)

Es ist eigentlich ja gute Tradition im utopischen und emanzipatorischen Denken, das Ziel der Arbeitsfreiheit zu suchen und anzustreben. Und in der Tat ist es im Grunde eine Perversion jedes emanzipatorischen Denkens, das Heil heute im Gegenteil in der Arbeit zu vermuten. Das ist im Übrigen ja auch eine recht neue Entwicklung, die zwar ideologisch bis in die Reformation mit ihrem neuen Begriff vom Beruf - was ja nicht umsonst von Berufung kommt - zurück reicht, aber erst mit Erstarken der Arbeiterbewegung sich manifestiert.

Historisch verständlich zwar, ist es doch Teil des Selbstbewusstseins, das Arbeiter entwickeln mussten, um zu kämpfen - aber intellektuell doch schwach und im Kern a la longue "dem Kapital" in die Hände spielend, das eigentlich damit herausgefordert werden sollte.

Heute ist es kaum noch denkbar und man setzt sich leicht dem Zynismusverdacht aus*, wenn einer auch nur leise über einen Perspektivwechsel nachdenkt. Vielleicht "dürfen" das heute in erster Linie wirklich Künstler tun. Trotzdem bleibt es eine wichtige Fragestellung, die auch unmittelbar politische Implikationen hat: Denn wer heute noch auf das Paradigma von Erwerbsarbeit als Inhalt der Seins-Beründung setzt (wie der gesamte politische Konservatismus von CDU über SPD bis, radikal, zur "Neuen" Linken), ist in der Ideologie des 20. Jahrhunderts gefangen.

Spannend, auch philosophisch und ethisch spannend, ist vielmehr die Frage, wie der immense Reichtum, der allen Unkenrufen zum Trotz ja noch in einer Gesellschaft vorhanden ist, die in ihrer Gesamtheit weit, weit jenseits des Mangels lebt, verteilt werden kann. Und ob Erwerbsarbeit (nicht zwangläufig Produktivarbeit) wirklich der geeignete Verteilungsschlüssel für Einkommen sein sollte.

Politische Implikationen versuche ich dann mal im Wahlblog...

* Ich bin intensiv genug durch die argumentative Schule des Materialismus gegangen, um mit bewusst zu sein, dass ich als Gutverdiener aus einer Position der Stärke heraus argumentiere. Es ist nicht auszuschließen, dass mir dies den Blick auf manches verstellt. Ich weiß. Andererseits ist es ein Privileg des relativen Reichtums, sich den Perspektivwechsel leisten zu können, ohne sofort die eigene (materielle) Existenz aufs Spiel zu setzen.

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