9.5.05

Blogs und Journalismus

Ich habe mich bisher noch nie in der Frage positioniert, ob Blogs Journalismus seien oder nicht. Das interessiert mich auch nicht wirklich. Dieses hier nenne ich Journalismus, aber das ist eine andere Geschichte. Am Wochenende aber hatte ich die Aufgabe, bei einer Fachtagung des Netzwerk Recherche eben dazu was zu sagen - genauer: zum Einfluss von Blogs und Bloggern auf Journalismus und PR. Zusammengefasst hat das, was ich gesagt habe, und das, was wir diskutiert haben, Jan Michael Ihl - knapp aber richtig, finde ich. Meine Folien finden sich übrigens hier (abgesehen von der falschen Schreibweise meines Namens im Dateinamen. Und ja, ich weiß, dass ich damit Gefahr laufe, missverstanden zu werden. Bitte, bitte vorher diesen Eintrag zu Ende lesen).

Warum also habe ich mich so weit aus dem Fenster gelehnt? Und was ist mir daran wichtig?

Für mich hat Bloggen viel mit Open Source zu tun. Gerade mit den gesellschaftlichen Implikationen von Open Source habe ich mich oft und lange beschäftigt. Viel mehr als Wikinews, das von Erik Möller vorher vorgestellt worden war, verbinde ich mit Blogs eine Form von Open-Source-Journalismus. Vor allem aber ist eine These wie Blogging ist Journalismus zum einen im Rahmen der Freie-Rede-Diskussion wichtig - und zum anderen als Provokation gedacht. Sehr viel ernster sind mit die Thesen, dass Blogs Boulevard, Cluetrain und Gonzo (oder Punk) seien. Denn DAS denke ich in jedem Fall und wirklich.

Spannend war, wie sehr hier die Vertreter einer hehren und so fast nur noch theoretisch praktizierten Berufsauffassung in die Luft gegangen sind. Sowohl in der Diskussion um Eriks Thesen als auch in der nach meinem Statement kamen mir zunächst Gedanken wie selbstgerecht oder -gefällig oder hin und wieder bei einzelnen Äußerungen auch bigott. Im Laufe der Tagung und im weiteren Kennenlernen verflüchtigte sich dieser Eindruck weitgehend und wich einer entspannten und sehr politischen Atmosphäre. Auch dass Thomas Leif eher rüde moderiert hat und nicht nur mich recht unfreundlich anmoderierte (was in meinem Fall damit zusammen hing, dass er ots so gar nicht mag und es offenbar richtig doof findet, dass unser Unternehmen zur dpa-Gruppe gehört), machte nicht wirklich etwas aus.

Dafür habe ich eine ganze Reihe sehr spannender Menschen kennen gelernt und eine Menge noch spannender Ideen und Initiativen, die ich weiter verfolgen werde.

Kommentare:

  1. tobias willimann (CH)9.5.05

    interssant war die ganze veranstaltung auch für mich als weder journalist noch blogger.
    die streiterei ob bloggen journalismus ist oder nicht ist ja schlussendlich ein problem der definition des umstrittenen begriffes.
    die rolle der vierte gewalt kann die blogosphäre sicherlich miterfüllen. sie ist inhaltlich unabhängiger und vielfältiger als die traditionelle medienlandschaft.
    aus dieser perspektive ist wohl auch die aussage zur "fast nur noch theoretisch praktizierten Berufsauffassung" zu verstehen.
    dabei wird aber vernachlässigt, dass feierabendblogger nie die gleiche arbeit liefern können wie professionelle die den ganzen tag aus verschiedenen quellen informationen sammeln (blogger bevorzugen da ihre lebenswelt und das netz).
    "blogs statt zeitung" entspricht inetwa der forderung, alle sollen ihr gemüse selber anbauen und untereinander austauschen. dies kann zwar eine wichtige ergänzung sein, denn gemüsebauer aber nicht ersetzten. (naja, das gleichnis hinkt gewaltig)"
    das hat meiner meinung nach etwas mit spezialisierung und arbeitsteilung zu tun.

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  2. "Blogs statt Zeitungen" ist natürlich hanebüchen. Blogs und Zeitungen (allerdings in ein paar Jahren online vertrieben/konsumiert) dagegen eine Chance und real(istisch).
    Dass Blogger "ihre Lebenswelt und das Netz" bevorzugten, kann man genau so gut den Profi-Journis vorwerfen. Die meisten stecken so in ihrer kleinen Welt fest, dass sie Themen nur noch über reinkommende PEs setzen (die hoffentlich wenigstens über News Aktuell reinkommen ;-) ) und über das, was die Kollegen schreiben. Letzteres ist natürlich für die Blogosphäre auch nicht gerade untypisch, ja auch im Sinne des gesellschaftlichen Diskurses. Aber dass (nicht nur) die Tagespresse kaum noch gezielt nach Themen recherchiert, sie ausgräbt und intensiv "ihre Horcher ausstreckt" hat, dürfte nicht nur dem Netzwerk Recherche schon aufgefallen sein. Der einzelne Blogger ist da nicht zwangsläufig besser, der Blogger-Schwarm schon.

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  3. Anonym19.5.05

    Ich bin noch mal zu diesem Eintrag zurückgekehrt, nach dem heutigen.

    Als letztendlich konfliktscheue Person würde ich mich damit begnügen, wenn Blogs den Journalismus zu höheren Standards zwingen könnten. Als Mittelding zwischen dem Leser, der für sich allein vor der Kaffeetasse murmelt (oder beim Leserbriefschreiben wieder von der Zeitung abhängig ist) und dem Journalisten, der vielen verpflichtet ist. Gewissermaßen eine lebendige Fußnote.

    Besonders interessant ist mir die Empfindlichkeit der Fachleute. Laienhaft stelle ich mir Journalisten als abgebrüht vor - aber wenns denn ums eigene Fellchen geht, wird auch das Gürteltier zum Waschbär (was wollte ich mit dieser Metapher genau...?).

    Bleib am Ball mit dem Thema.

    Übrigens sehe ich im deutschen Netz sehr sehr viele reine Privat- und Lifestyleblogger, die vielleicht gar keine journalistische Funktion haben wollen. Die israelische Blogosphäre dagegen brodelt von acutality. Wir können nicht anders als die Medienlandschaft mit unseren persönlichen Eindrücken, Gesprächen, Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnissen und Emotionen zu bedenken.

    L.

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