11.3.05

Unterschicht

Harald Schmidt, das sage ich ja immer wieder, macht die beste politische Sendung im deutschen Fernsehen. Und mit dem Begriff vom Unterschichtenfernsehen hat er mal wieder eine Debatte angestoßen, die nun - trotz des armseligen Versuchs der Regierung, den Armuts- und Reichtumsbericht aufmerksamkeitsarm zu platzieren - los geht. Die Zeit widmet sich mit mehreren Artikeln diese Woche der Armut.

In der politischen Debatte - auch und gerade in meiner Partei - höre ich immer wieder, es sei ein Skandal, dass die Schere zwischen Arm und Reich auch unter rotgrün weiter aufgehe. Ich denke, das ist nicht das wirkliche Problem. Der eigentliche Skandal ist doch, dass es der Unterschicht heute schlechter geht.

Denn da habe ich von John Rawls doch viel gelernt: Unterschiede sind dann ok, wenn sie dazu führen, dass die am schlechtesten Gestellten davon profitieren. Gerechtigkeit hat eben nichts mit Gleichheit zu tun oder mit Nivellierungen, sondern damit, dass es für alle besser wird - jetzt etwas holzschnittartig

Wir haben ja ein paar Jahre in Hamburg-Horn gelebt. In der guten Ecke, fast an der Grenze zu Hamm. Schon damals, Mitte der 90er, kroch die Armut aus der latent verslamten Horner Geest über die Rennbahn in die damals nur knapp unterbürgerlichen Straßen des Stadtteils. Wenn wir heute dort hin kommen, ist es noch eine ganze Ecke weiter gegangen.

Als anderen Skandal habe ich die völlig absurde Debatte um Hartz IV empfunden. Nun hatte ich da ja nicht so eine Heilserwartung an dieses Konzept (weshalb ja auch die Mitarbeit im Wirtschaftministerium geplatzt war) - aber die Debatte um Ersparnisse und Lebensversicherungen war pervers. Schon wir als Gutverdiener mit mehreren Kindern haben keine Ersparnisse. Menschen in Armut erst Recht nicht. Oder wie Elisabeth Niejahr in der Zeit schreibt:
Die Medien jaulten meistens erst dann auf, wenn die Mittelschichten bluten sollten. Während der Hartz-Proteste des Sommers 2003 zum Beispiel entzündete sich die heißeste öffentliche Kritik an der Frage, welche Ersparnisse und Lebensversicherungen angetastet würden. Mit Armut hatte das wenig zu tun, dafür aber viel mit Abstiegsängsten. Man muss ja erst mal eine Lebensversicherung besitzen, um sie auflösen zu können. (Niejahr)

Ich bin froh, dass Harald Schmidt das Wort Unterschicht in den Diskurs geworfen hat und damit hilft, ein Tabu gerade in der sehr in sich verkrümmten linken Debatte aufzubrechen.

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