24.1.05

DNA und Moral

Schon aus grundsätzlichen Gründen ist mir die DNA-Hysterie suspekt, die vom zufälligen Fahdungserfolg im Fall Mosheimer (zufällig deshalb, weil die Daten noch gespeichert waren) ausgeht. Spannend darum, dass Ralf Grötker heute in Telepolis ausgerechnet das Argument, das unter liberalen Gesichtspunkten zunächst meist im Vordergrund stand (informationelle Selbstbestimmung), als das schwächste der möglichen entlarvt.

Noch spannender aber sein Aspekt der Freiheit zur Moral, der zumindest für mich überraschend ist - und umso überzeugender. Denn, so die Überlegung, eine DNA-Datei führt zu einer höheren Aufklärungs- und damit auch Strafquote. Das aber sei vor allem bei Bagatelldelikten problematisch:
Die "Bestrafungsgesellschaft", in der bereits kleinste Vergehen sofort aufgespürt und geahndet werden, würde sozusagen der Corporate Identity unserer Gesellschaft strikt zuwiderlaufen. Denn die Idee, dass wir unrechte Handlungen nicht nur dann unterlassen, wenn wir davon ausgehen können, mit Sicherheit ertappt und bestraft zu werden, ist ein Kernelement unseres moralischen Selbstverständnisses. Man könnte hier von einem Argument der "Freiheit zur Moral" sprechen.

In der Tat: Wer schon mal Kinder erzogen hat oder Verantwortung in beruflichen Prozessen übernehmen durfte, kann bestätigen: Allein die Androhung von Strafe kann es nicht sein - sie ist ineffizient, moralisch fragwürdig und motivationstötend.

Grötker fährt deshalb fort:
Aus dieser Überlegung lässt sich ein überraschender Schluss ziehen. Es sind nicht nur etwaige "Nebenwirkungen", derentwegen wir den Umgang mit DNA-Analysen beschränken sollten. Es ist, im Gegenteil, die Hauptwirkung, die herbeizuführen - wie bei einer Medizin - nur in Maßen zuträglich ist. Der Traum einer Gesellschaft, wo jedes Vergehen aufgeklärt und geahndet wird, ist ein Albtraum, weil er eine Welt beschreibt, in der ein völlig instrumentalisiertes Verständnis von Moral und Gesetzestreue vorherrscht. Von daher haben wir einen Grund, bei der Aufklärung von Delikten den Rahmen des technisch Möglichkeiten nicht immer voll auszuschöpfen. Und es sieht so aus, als würden die technischen Möglichkeiten uns bereits heute mehr erlauben, als für eine freie Gesellschaft zuträglich ist.

Es wundert mich nicht sehr, dass dieses Argument kaum stattfindet. Ethik und Moral sind ja nun seit längerem aus dem politischen und ökonomischen Diskurs verbannt. Dass das nicht nur dumm ist, sondern auch kontraproduktiv, ist eine andere Geschichte. Allerdings bin ich davon wirklich überzeugt.

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