7.7.04

Unrecht/ Recht

Er wurde erst ein Modephilosoph, als ich aus dem akademischen Zirkus schon raus war: Giorgio Agamben. Den Namen hatte ich schon häufiger gehört, meist in etwas wirren Zusammenhängen. Aber erst der Literatur-Aufmacher der letzten Zeit macht mich unter dem Titel Das nackte Leben direkt auf ihn aufmerksam.

Originell und einleuchtend scheint sein Ansatz zu sein, dass im demokratischen Rechtsstaat der Moderne das Unrecht bereits eingeschlossen ist - und Guantanamo und Abu Ghraib eben keine außerrechtlichen Entgleisungen seien, sondern mit Mitteln des Rechts herbei geführt. Der Autor Thomas Assheuer schreibt:
Agambens Büchern, zuletzt seiner amerikakritischen Studie Ausnahmezustand, ist etwas höchst Seltenes widerfahren: Kurz nach ihrer Niederschrift sind sie auf gespenstische, ja unausdenkbare Weise von der Wirklichkeit bestätigt worden. Intensiv hatte man darüber gestritten, ob die von Agamben zitierte altrömische Figur des Homo sacer, des aller Rechte beraubten Menschen, heute noch irgendeine Bedeutung besitzt; die Bilder aus dem Lager Guantánamo Bay und die Folterungen im Gefängnis Abu Ghraib haben solche Fragen verstummen lassen.
Wenn Agamben dann auch noch wirklich Carl Schmitts sprachlichen und begrifflichen Duktus aufnimmt und gegen ihn wendet, muss ich mal was von ihm lesen. Assheuer kritisiert ihn allerdings für seinen Heideggerschen Pessimismus, den er mit dem - wie ich finde irreführenden - Ettiket Romantik belegt. Nach dem, was er beschreibt, klingt es mir eher so, als ob Agamben den verstörenden Gedanken aufnimmt und weiterführt, dass es keine wesensmäßige saubere Trennung von Gut und Böse gibt. Obwohl mit dem Lebensbegriff sicher etwas anachronistisch und vielleicht zu nahe an der konservativen Revolution (eben Schmitt) formuliert, ist das aber ja doch die ganz, ganz große Frage, die jede tiefer schürfende Theologie gestellt und selten beantwortet hat - also nach dem Mittelalter vor allem Luther, Gogarten oder Tillich (und mit Abstrichen, na klar, auch Heidegger und Levinas oder andere Phänomenologen).

Spannend.

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